Ort: Rotondes, Luxemburg
Vorband: Mutiny on the Bounty

Faraquet - Luxemburg, 26.07.2026

No need to travel far for a fantastic summer festival: Rotondes’ Congés Annulés is the ultimate summer destination! The festival promises a full month of concerts, DJ sets, refreshing drinks in a sunny courtyard, and a host of other cool events.

So wirbt die Webseite des Kulturzentrums Rotondes – ein Innenhof und zwei ehemalige Lokschuppen – für die alljährlich stattfindenden Musikwochen in und um die Rotonden am Hauptbahnhof von Luxemburg. Congés Annulés – Urlaub gestrichen – nennen die Veranstalter ihre Festivalreihe, die in den Sommerferien eine Möglichkeit darstellt, Konzerte abseits von Festivals zu besuchen. Und das nahezu einen Monat lang. Um die 40 kleine und mittelgroße Bands präsentieren die Macher in diesem Jahr, von Deadletter bis The bats, von Chris Imler bis Just mustard. Im Prinzip ist für jeden etwas dabei, und wie in jedem Jahr finde auch ich in dieser Congés Annulés Ausgabe mehr als ein interessantes Konzert, das ich mir gerne ansehen würde. Nur, mehr als einmal unter der Woche nach Luxemburg zu fahren, ist ganz schön irre. Am nächsten Tag wartet ja die Arbeit. Großer Mist das, und so mache ich es, wie ich es die Jahre zuvor auch gemacht habe. Ich suche mir ein bis zwei interessante Sachen raus, und lasse vier bis fünf interessante Sachen links liegen. Eine der interessanten Sachen 2026 ist Faraquet. (Eine andere vielleicht Deafheaven und/oder Horsegirl).

Faraquet. Wer die Band nicht kennen sollte, muss sie unbedingt kennenlernen. Also zumindest dann, wenn man ein bisschen was für Mathrock übrig hat und Fugazi mindestens okay findet. Faraquet sind interessant. Die Band existierte von 1997 bis 2001 und veröffentlichte 2000 mit The view from this tower genau ein Album. Das allerdings auf dem richtigen Label für eine Band aus Washington D.C., nämlich bei Dischord Records. The view from this tower ist kein Album, das ein Genre neu erfunden hat. Aber es ist ein Album, das vielleicht ganz gut den Übergang von Post-Hardcore hin zu Mathrock nahezu perfekt darstellt. Die Visions schrieb seinerzeit:

Von Fugazi zu Shellac und zurück. Faraquet liefern eine meisterliche Schulstunde über alles, was den US-Underground seit den Achtzigern geprägt hat. Ein Eisblock, wer da nicht nostalgisch wird. Als erstes ist mir der Gesang aufgefallen. An wen erinnert der noch? Richtig, an Ed from Ohio, den Sänger von fIREHOSE, Nachfolgeband der legendären Minutemen. Nach drei Singles sind Faraquet mit ihrem ersten Longplayer bei Dischord gelandet, um hier noch einmal die verschiedensten Spielarten von Alternative zu vereinen. Das klingt streckenweise, als hätten wir noch immer 1988 und wäre SST das beste Label der Welt.

Wenn Modest Mouse (auch so eine Mathrock Band) auf The lonesome crowded West oder The Moon & Antarctica eher poppig klingen und die besseren Melodien haben, sind Faraquet auf The view from this tower eine Spur rauer und ihre Sounds abgehackter und disharmonischer. Sie klingen mehr nach Post-Hardcore und weniger nach Alternative Rock. Soweit der Vorlauf.
Wenn ich es richtig im Kopf habe, sollten Faraquet bereits irgendwann Anfang des Jahres in Europa vorbeischauen. Ich meine, mich an Konzertankündigungen für das Frühjahr zu erinnern. Aber irgendwie ging sich das scheinbar nicht aus und als ich ihre Auftritte schon wieder vergessen hatte, poppte ihr Name im Zusammenhang mit dem Congés Annulés Sommerfestival auf. Als ich das las, kaufte ich direkt ein Ticket. Ich hatte die starke Vermutung, dass es sehr schnell sehr eng mit Tickets werden könnte. Wann sieht man schon mal Faraquet? Ich sag mal so: sehr selten. Seit 2008 gab es keine Chance, seitdem haben sie nicht mehr live gespielt. Erst im letzten Jahr starteten sie wieder mit ein paar Liveshows in den USA. Und in diesem Sommer sieht man sie in Europa nur in Berlin, Paris und Luxemburg und bei einer Handvoll Konzerten in Großbritannien. Entsprechend hoch war die Nachfrage und früh war zu lesen, dass es eng wird mit Tickets für dieses Konzert. Die Rotonde ist dann auch entsprechend voll.
Um halb neun starten die sehr beliebten Mutiny on the Bounty, die luxemburgische Institution in Sachen Indie-Post-Rock-irgendwas. Seit 2004 existiert die Band um den Konzertpromoter/ -organisator Nicolas Przeor (Out of the crowd Festival, Rotondes,…). Ich denke, ich sah sie schon mal live. Man kann ihnen sehr gut zuhören, ihr instrumentaler Indie-Rock schwingt genau im richtigen Intervall zwischen nicht zu krachig und nicht zu indie-elektrisch. Ihre letzte Veröffentlichung datiert aus dem Jahr 2015, wenn ich es aber richtig verstanden habe, spielten sie in ihrem gut halbstündigen Set auch ein paar neue Sachen.

Nach einer Umbaupause, die ihren Namen auch verdient, weil komplett alles abgebaut und andere Sachen aufgebaut wurden, stehen Faraquet auf der Bühne. Die Bandbesetzung mit Devin Ocampo, Chad Molter und Jeff Boswell ist identisch mit der Ursprungsbesetzung aus den 1990er Jahren. Sie spielen alle Songs vom Album und drei weitere Sachen, die nicht auf dem Album sind, aber zur gleichen Zeit geschrieben wurden. Neuere Songs haben sie nicht und ich frage mich, was genau ist der Anlass und Antrieb, jetzt wieder Konzerte zu spielen und auf Tour zu gehen? Ich meine, das 25jährige Jubiläum von The view from this tower ist ja toll, aber es gibt darüber hinaus nichts zu promoten: kein Reissue, keine ausgegrabenen Extrasongs, um eine Extended Version der Platte auf den Markt zu werfen. Daher finde ich es extrem spannend, dass die Band nach Jahren wieder auf Tour geht.
Aber das Interesse ist da. Die Rotonde ist voll und die Vor-Konzertstimmung erwartungsvoll.
Faraquet starten mit den beiden non-Album Tracks „Yo-Yo“ und „Study in Movement“. Beides sperrige und zackige Songs, die zeigen, was man an diesem Abend musikalisch erwarten darf: Songs mit scheinbar undefinierbaren Strukturen, Rhythmuswechsel als Lieblingsstilmittel, ein treibendes, aber nicht so lautes Schlagzeugspiel und zackig, abgehacktes Gitarrenspiel. Schön!
Das Album The view from this tower, um das es an diesem Abend schwerpunktmäßig gehen soll, spielen sie anschließend komplett und die Albumsongs in Reihenfolge. Die Platte ist knappe 40 Minuten lang, ihr Liveset in etwa auch. „Cut self not“, „The view from this tower“, and „Carefully planned“ sind die großen Songs, die allen noch am besten im Ohr sind und direkt erkannt werden. Vertrackte Melodien, brutale Rhythmuswechsel, plinkernde Gitarren und eine Gesang, der immer zwar ruhig und ausgeglichen klingt, aber gefühlt jederzeit explodieren kann. Hier erinnern mich Faraquet am stärksten an Fugazi. Bei „Sea song“ wechseln Devin Ocampo und Chad Molter die Rollen. Der Gitarrist und Sänger wechselt ans Schlagzeug und Chad Molter spielt Gitarre und übernimmt den Gesang. Und ich hatte mich schon gefragt, warum ein zweites Mikrofon aufgebaut ist. Zum Quartett werden Faraquet bei „Songs for friends to me“; Devin Ocampos Ehefrau Regina kommt auf die Bühne gehuscht und spielt Melodica. Ich höre sie leider kaum.
Nach guten 50 Minuten ist das Album durch. Fuer eine Zugabe kommen Faraquet nochmal zurück. „Um die Ecke“ ist ihr letzter Song fuer diesem Abend.
Wie lese ich später bei reddit: ‘Devin Ocampo is criminally underrated.’ Gut zusammengefasst.

(Für Freunde von Fugazi, TTNG -was machen die eigentlich?- und Dischord Records im allgemeinen.)

Setlist:
01: Yo-Yo
02: Study in Movement
03: Cut self not
04: Carefully planned
05: The fourth introduction
06: Song for friends to me
07: Conceptual separation of self
08: Study in complacency
09: Sea song
10: The view from this tower
11: The missing piece
Zugabe:
12: Um die Ecke

Kontextkonzerte:

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