Ort: Ancienne Belgique, Brüssel
Vorband: Girl in the year above

‘This song is about how I stopped drinking for a week.’ Ich glaube Jennifer Ball kein Wort. Jennifer Ball ist die Sängerin der The Kooks Vorband Girl in the year above und sie kündigt ihren nächsten Titel „Ode to the glory days“ mit dieser typisch wenig überzeugenden Stimmlage in ihren Worten an, dass ich gar nicht anders kann, als ihr nicht zu glauben. Girl in the year above sind blutjung und haben, wie sie mehrmals versichern, noch kein Album oder gar eine EP am Markt. Aber Jennifer Ball hat eine tolle Stimme und sie strotzen vor Selbstbewusstsein. Zumindest ist das mein Eindruck. Zurückhaltung ist nicht so ihrs, und entsprechend sind die fünf, sechs Songs, die die fünf Mädels und Jungs auf die Bühne Brettern, poppiger Indiepunkrock. Das klingt enorm zeitgemäß und die Stimme von Jennifer Ball ist ein wahrer Signature Sound.
Nach knapp 25 Minuten ist ihr Auftritt vorbei und die Bühne wird leergeräumt. Im AB sind die Zeiten streng getaktet, der Curfew von 22.30 Uhr – damit jeder noch seinen Zug nach Hause bekommt – wird höchstens um ein, zwei Minuten überschritten. Ich habe hier noch kein Konzert erlebt, das länger als 22.35 Uhr ging.
Es ist Montagabend und das The Kooks Konzert ist seit langem ausverkauft. Als klar war, dass ich die Woche in Brüssel verbringen werde, versuchte ich ein Ticket für das Konzert zu ergattern. Auf Ticketswap, der Ticketbörse meines Vertrauens, gab es über 1000 Interessierte für dieses Konzert. Das bedeutet, dass neben mir mehr als 1000 Leute in ihrer App einen Alarm gestellt haben, der ihnen eine Pushnachricht generiert, sobald jemand ein Ticket anbietet. Damit das Ganze irgendwie fair abläuft, verlost Ticketswap die angebotenen Ticket an die Nutzer, die an der Verlosung teilnehmen möchten. Dazu werden sie via Pushnachricht eingeladen. Ich versuchte es mehrmals und bin natürlich mehrfach kläglich gescheitert. Allerdings scheinen die Ticketswap Mitarbeitenden keine Maschinen zu sein, sondern Menschen, die nachts schlafen. Denn als ich am Freitagnacht gegen 2 Uhr kurz checkte, wie die Lage so ist, erblickte ich glatt ein Ticket zum Verkauf. Was? Wie? Keine Verlosung? Etwas ungläubig schaute ich auf mein Handydisplay. Sollte ich das nun kaufen? Etwas überfordert vom sich plötzlich bietenden Angebot überlegte ich dreimal. Am nächsten Tag wartete ein Batzen Arbeit und ich musste sehr früh raus. Andererseits, mein Hotel lag nur 20 Gehminuten vom Ancienne Belgique entfernt und bei einem Konzertende von halb elf wird es da nicht übermäßig spät. Also soll ich es jetzt kaufen oder nicht? Eine zweite Chance werde ich wohl nicht bekommen. Ich überlegte nochmal kurz und schlug dann zu. Rasch bekam ich mein personalisiertes Ticket vom AB zugeschickt. Ich habe keine Ahnung, wie die das machen und woher sie so schnell wissen, dass ich nun der neue Besitzer des via Ticketswap gekauften Tickets bin. Egal, ich merke mir: die Kooperation zwischen dem Ticketshop und dem AB Shop funktioniert eins a. Belgien kann sowas einfach viel besser als wir.
Die Bühne ist leergefegt, das Schlagzeug steht auf einem Podest im Hintergrund.
Von der Erstbesetzung mit Max Rafferty am Bass und Paul Garred am Schlagzeug sind nur noch die Gründungsmitglieder Luke Pritchard und Gitarrist Hugh Harris übrig. 2026 werden sie auf Tour durch den Bassisten Jonathan Harvey und Alexis Nunez am Schlagzeug begleitet. Der sitzt da aber schon etwas länger und regelmäßiger.
A pro pos, The Kooks in a nutshell:
2006 erschien ihr Debütalbum „Inside In / Inside Out“, was ein Überraschungserfolg werden sollte, der ihnen fünffachen Platinstatus und den MTV-Award als besten britischen Act einbrachte. Zwei Jahre später folgte „Konk“ , mit dem The Kooks an die Spitze der britischen Charts stürmten und sich endgültig als feste Größe am Indie-Himmel etablierten. Für ihr drittes Album „Junk Of The Heart“ (2011) zog sich die Band auf eine Farm zurück, um dem Trubel des Erfolgs zu entfliehen, bevor sie mit „Listen“ (2014) ein Experiment voller Soul-, Gospel- und Folk-Einflüsse wagten. 2018 kehrte die Band mit „Let’s Go Sunshine“ wieder zurück zu ihren Indie-Wurzeln. Schließlich zog es Luke Pritchard nach Berlin, wo er während der Pandemie die Songs für das 2022 erschienene „10 Tracks To Echo In The Dark“ schrieb. Ein reiferes Album, das klassische Kooks-Elemente mit Themen wie verflossener Liebe, durchzechten Party-Nächten und seiner neuen Rolle als Vater verbindet. Im Frühjahr 2025 folgte mit „Never/Know“ das siebte Studioalbum.
main-echo.de
A ha okay. Ich bin da seit 2010 raus. Inside in/ Inside out liebte ich seinerzeit sehr. Das war auch einfach, die Platte hat gefühlt nur Hits. Von Konk kenne ich immerhin noch “Shine on” und „Do you wanna”.
Zu „Sweet Caroline“ kommen The Kooks auf die Bühne. Das ist schon mal ganz großes Kino und das AB ist ab diesem Moment direkt on fire. The Kooks nehmen das natürlich direkt mit, indem sie gleich zu Beginn mit „Sofa Song“ und spielen. „Always where I need to be“ zwei Songs und mittelgroße Hits aus ihren ersten Alben Inside in/ Inside out und Konk spielen. die guckst den clever sie spielen gleich zu Beginn ein zwei ihrer doch bekannteren und mittelgroßen Hits. Ein cleverer Schachzug, der Wirkung zeigt. Die Stimmung bleibt erstmal auf Mitklatsch- und Partyniveau. Die ersten 10, 15 Minuten vergehen wie im Flug. Luke Pritchard ist immer noch genauso drahtig wie vor 20 Jahren, nur wenn man genau hinguckt, erkennt man, dass er halt 20 Jahre älter geworden ist. Hugh Harris mit seinen hellblonden Haaren erinnert mich von Sekunde zu Sekunde mehr an den Sänger der Prinzen. Ein komischer Vergleich, ich weiß, aber hat sich dieses Bild einmal in meinem Kopf festgesetzt bekomme ich es auch so schnell nicht mehr heraus. Es wird mich für den Rest des Abends begleiten. Quasi ein visueller Ohrwurm. Die anderen beiden Musiker bleiben dezent im Hintergrund. The Kooks 2026 sind mehr denn je Luke Pritchard und Hugh Harris, selbst wenn Schlagzeuger Alexis Nunez nun schon seit über 10 Jahren hinter dem Trommel sitzt.
Das Konzert ist als Werkschau ausgelegt. Auch wenn es der Tourtitel nicht direkt impliziert, es ist ein musikalisches Potpourri aus 20 Jahre The Kooks. Vom aktuellen Album Never/know (wieder so ein Trennungsstrich Titel) spielen sie nur einen Song, „Sunny baby“. Der größte Teil der Setlist besteht aus Stücken von Inside in/ Inside out und Kong.Die Hitsingles sind natürlich die Smasher und Stimmungsmacher schlechthin. Da die Hits gut im Set verteilt sind fällt es nur wenig auf, dass das Konzert auch ein paar Stimmungsdellen aufweist. Im Mittelteil, der mit drei Songs vom 2014er Album Listen gefüllt ist, wird es kurzzeitig ruhiger („Bad habit“, „Westside“, „Sweet emotion“). Ich höre die Songs zum ersten Mal und bin überrascht, „Westside“ klingt mit seinen Synthiewaves nach lupenreinen Yachtrock. Den hätte ich nicht unbedingt den Kooks zugeordnet. Es ist jetzt zwar etwas ruhiger im Saal, die Stimmung kippt aber nie ganz ab. Es ist vielmehr wie ein kurzes Durchatmen, ein Verschnaufen voller Vorfreude auf die großen Hits. Die kommen schnell: „Shine on“, „Seaside“ und „Do you wanna“. Die Bühnenprofis wissen, was das Volk verlangt.
Nach 70 Minuten sind The Kooks durch. Noch „Ooh La“ und „Naïve“ in der Zugabe und dann ist das Konzert gar fünf Minuten vor der Curfew Zeit beendet.
Ooh la, das war ein stimmungsvoller Abend. Oder wie Klaus Fiehe es in einer seiner letzten Sendungen formulierte: ‘Unterschätzt mir Montagabendkonzerte nicht.’ Ein tolles Konzert, das man als nicht Kooks Hardliner 2026 nicht unbedingt sehen muss. Falls man es doch macht, hat man aber definitiv großen Spaß. It’s all about the hits.
Setlist:
01: Sofa Song
02: Always where I need to be
03: Eddie’s Gun
04: Stormy weather
05: She moves in her own way
06: Bad habit
07: Westside
08: Sweet emotion
09: Sunny Baby –
10: Junk of the heart (Happy)
11: See me now
12: Seaside
13: Sway
14: Shine on
15: Down
16: See the world
17: Do you wanna
18: You don’t love me
Zugabe:
19: Ooh La
20: Naïve
Kontextkonzerte:
The Kooks – Rock a Field Luxemburg, 21.06.2008