Historisches.
Bis vorgestern hatte ich vom St Louis Blues noch nichts gehört. „Der St Louis Blues ist einer der wichtigsten Songs des letzten Jahrtausends“ lehrte mich ein Radiofeature auf der nachmittäglichen Rückfahrt über knapp 200 km A1.
Es klingt altbacken, aber Radiohören abseits der besten Songs der 80er-, 90er- und 00er Jahre ist sehr informativ und unterhaltsam. Ich mache das gerne und entdecke zufällig immer mal wieder nette Infotainmentprogramme und Sendungen.
Gestern war es ein Feature über den St Louis Blues, in das ich auf der Höhe von Wuppertal gestolpert bin. DKultur hieß der Sender, der mir – zumindest im Auto – immer wichtiger zu werden scheint, nachdem ich hier vor Wochen nachts ein einstündiges Feature über die Fleet Foxes gehört habe.
Der St Louis Blues war einer der ersten Popsongs der Geschichte. 1914 komponiert, entwickelte er im Laufe der Zeit eine unerklärliche Eigendynamik. Mitte der 20er Jahre war er in den USA ein Riesenhit, unzählige Coverversíonen wurden vom St Louis Blues in dieser Zeit und in der Nachkriegszeit aufgenommen, unter anderem von Louis Armstrong, Glenn Millers Orchester, Benny Goodman oder von Marion Harris.
Nicht, dass mir all diese Namen etwas sagen würden, beileibe nicht, und auf Blues steh ich auch nicht, aber die geschichtliche Aufarbeitung des Songs war sehr hörenswert. Und die unterschiedlichen Versionen zeigten so ganz nebenbei die musikalische Entwicklung dieser Jahrzehnte. Anfangs wie ein typischer Blues klingend, schwer und getragen, bilde ich mir ein, in den 50er Jahre- Versionen etwas Rock’n roll und Jazz herauszuhören. Na, Interpretationssache.
Die erste Songzeile I hate to see that evenin’ sun go down ist mit das markanteste, was der Blues über die Jahre zu bieten hatte und sagt alles über die Herkunft dieser Musik. Sie bezieht sich auf die traurige Tatsache, dass in den USA Anfang der 19hunderter Jahre Ortschaften und Gegenden gab, die es nur Weißen erlaubten, nach Einbruch der Dunkelheit die Strassen zu betreten. Jeder Indianer oder Afroamerikaner, der sich abends dennoch raus traute, musste mit drastischen Strafen rechnen oder war gar „Freiwild“.
Auch in Nazi-Deutschland war der Song schnell etabliert und populär. Nach dem Kriegseintritt Englands wurde die Sprache des St Louis Blues kurzerhand von englisch in amerikanisch umbenannt (Songs in der Sprache des „Feindes“ gingen nicht) und nach dem Kriegseintritt Amerikas wurde rasch eine deutsche Textversion geschrieben.
Diese Version wurde am Montag im Radio gespielt. Sie ist so etwas wie das Original ohne das Original zu sein. Bessie Smiths Version aus dem Jahr 1929.