{"id":9323,"date":"2018-03-09T21:43:42","date_gmt":"2018-03-09T20:43:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/?p=9323"},"modified":"2018-03-09T21:44:22","modified_gmt":"2018-03-09T20:44:22","slug":"yann-tiersen-hamburg-07-03-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/yann-tiersen-hamburg-07-03-2018\/","title":{"rendered":"Yann Tiersen &#8211; Hamburg, 07.03.2018"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ort:<\/strong> Elbphilharmonie, Hamburg<br \/>\n<strong>Vorband:<\/strong> &#8211;<\/p>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-9324\" src=\"https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/1-1.jpg\" alt=\"Yann Tiersen\" width=\"2048\" height=\"1152\" srcset=\"https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/1-1.jpg 2048w, https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/1-1-520x292.jpg 520w, https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/1-1-1010x568.jpg 1010w, https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/1-1-350x197.jpg 350w\" sizes=\"(max-width: 2048px) 100vw, 2048px\" \/>Ile d\u2019Ouessant. Eine Insel vor der bretonischen K\u00fcste. Die Ile d\u2019Ouessant ist das westlichste Gebiet Frankreichs, lese ich im Internet. Ich sitze im Zug und bin auf der R\u00fcckfahrt vom gestrigen <strong>Yann Tiersen<\/strong> Konzert in der Hamburger Elbphilharmonie. Die Ile d\u2019Ouessant ist sowas wie Land\u2019s End im Meer. Warum mich diese Insel so interessiert, hat mit dem gestrigen Abend zu tun. Nat\u00fcrlich. Auf der Ile d\u2019Ouessant lebt <strong>Yann Tiersen<\/strong> und \u00fcber just diese Insel handelt sein aktuelles, aber nicht mehr ganz so neues, Album <em>Eusa<\/em>.<br \/>\n<em>Eusa<\/em> ist ein Natursoundtrack, den der Franzose mit dem Klavier eingespielt hat. Unterlegt hat er seine Klimpert\u00f6ne dabei nur mit allerlei Naturger\u00e4uschen, auf weitere Instrumente verzichtete <strong>Yann Tiersen<\/strong>. 18 Tracks beinhaltet <em>Eusa<\/em>, kurze Interludi wechseln sich mit Songs ab. Ich kannte das Album bisher nicht, ich habe all das auf meiner R\u00fcckfahrt recherchiert und nachgelesen. Das vorabendliche Konzert hatte mich neugierig gemacht, mehr \u00fcber die Songs zu erfahren, die ich dort gute 90 Minuten lang h\u00f6rte.<\/p>\n<p>Ey, schlecht vorbereitet, k\u00f6nnte man sagen, sonst h\u00e4ttest du doch gewusst, dass <strong>Yann Tiersen<\/strong> in der Elbphilharmonie ein Solokonzert geben wird und dort nur diesen Soundtrack auf die B\u00fchne bringt. Ja, ich war ein wenig schlechter vorbereitet. H\u00e4tte ich von <em>Eusa<\/em> gewusst, h\u00e4tte ich mir das Album sicher mal vorher angeh\u00f6rt. Aber hey, bei so einem tollen Musiker ist das doch ein bisschen egal. Seine Qualit\u00e4t steht au\u00dfer Frage und so ist es kein Fehler, sich mal \u00fcberraschen zu lassen. Bei <strong>Yann Tiersen<\/strong> kann ich doch beruhigt die Katze im Sack kaufen, bzw. ein Konzert &#8211; noch dazu in der Elbphilharmonie &#8211; unvorbereitet besuchen. Denn egal ob solo am Klavier, oder mit Band und S\u00e4ngerinnen vom Band, ein <strong>Yann Tiersen<\/strong> Konzert ist immer ein Erlebnis. Erst recht in der Elbphilharmonie. Entt\u00e4uschung ist da quasi per Definition ausgeschlossen.<br \/>\nSo erlebe ich die 18 Tracks von <em>Eusa<\/em> live in der Elbphilharmonie zum ersten Mal. Kein schlechter Ort, um Musik kennenzulernen. 53:23 Minuten lang dauerte der Vortrag des Albums. Das Tonbandger\u00e4t, welches der einzige musikalische Begleiter des Klavier spielenden <strong>Yann Tiersen<\/strong> war, stoppte genau nach 53:23 Minuten.<\/p>\n<p>Die Elbphilharmonie ist nat\u00fcrlich ausverkauft (ist sie ja immer) und sie ist ein wunderbarer Ort, an dem sicherlich jeder Musiker mindestens einmal gerne musizieren m\u00f6chte. Warum also nicht auch der franz\u00f6sische Multiinstrumentalist, Komponist und Produzent <strong>Yann Tiersen<\/strong>, der leider bei uns ein Schattendasein genie\u00dft und der mit seiner letzten Konzerttournee weit weniger gro\u00dfe S\u00e4le bespielte als die Elbphilharmonie.<br \/>\nHierzulande verkn\u00fcpft man mit dem Namen <strong>Yann Tiersen<\/strong> meist seine Arbeiten zu den Filmen <em>Die fabelhafte Welt der Am\u00e9lie<\/em> und <em>Good Bye Lenin!<\/em>. Beide Soundtracks sind schon gute 17 Jahre alt. Ob alle Filmfans dar\u00fcber hinaus auch seine tollen Alben <em>Dust lane<\/em> oder <em>Infinity<\/em> geh\u00f6rt haben, wei\u00df ich nicht. Ich habe die Filme nicht gesehen, aber ich kenne die beiden Alben. Sie sind von gro\u00dfer, dunkler melancholischer Sch\u00f6nheit und haben nur wenig mit den Soundtracks gemein. Hier klingen seine Songs nach einem dunklen Postrock Soundtrack; auf <em>Infinity<\/em> taucht urpl\u00f6tzlich eine Frauenstimme auf (\u201eAr Maen Bihan\u201c) und singt auf Isl\u00e4ndisch sph\u00e4rische Zeilen. Die Songs erinnern mich an Science Fiction Filme wie <em>Alien<\/em> oder <em>The ring<\/em>. Das Geigenspiel wirkt bedrohlich, nicht umschmeichelnd, die Synthesizersounds treibend. \u201ePalestine\u201c von <em>Dust lane<\/em> ist so ein wunderbarer Song, der nach all dem klingt.<\/p>\n<p>Auf der B\u00fchne stehen ein Klavier, ein Tonbandger\u00e4t, ein zweites Mikrofon und am vorderen B\u00fchnenrand zwei wei\u00dfe Schubladenk\u00e4sten. Das B\u00fchnenbild ist reduziert, die vier Gl\u00fchlampen als B\u00fchnenbeleuchtung tun ihr \u00dcbriges, um diese Bild zu untermauern.<\/p>\n<p>Um 20 Uhr tapst <strong>Yann Tiersen<\/strong> in grauer Wohnzimmerstrickjacke auf die B\u00fchne. Ein bisschen verschlurft sieht er aus, so ganz anders wie das Philharmonie gestylte Publikum in den ersten und hinteren Reihen. Seine erste Amtshandlung gilt dem Tonbandger\u00e4t. Er schaltet es ein und leichtes Wind- und Meeresrauschen rauscht diffus durch die Lautsprecheranlage der Elbphilharmonie. Langsam legt er nach einigen Sekunden die H\u00e4nde auf die Klaviatur und beginnt erst ganz leise, dann immer intensiver die Tasten zu dr\u00fccken. Schnell werden die Naturt\u00f6ne vom Band und das Klavierspiel zu einer Einheit. Die Spielsequenzen sind auf die Sekunde genau perfekt getimet. Kein Klavierton st\u00f6rt zwischenzeitliches Vogelgezwitscher, sanft ummantelt das Windrauschen die molligen Klaviert\u00f6ne. F\u00fcr 53:23 Minuten bildet sich ein Gesamtkunstwerk, das sich verdammt gut anh\u00f6rt.<br \/>\nOhne Pause und Unterbrechung spielt <strong>Yann Tiersen<\/strong>, nur einmal, als nicht ganz klar war, ob ein Song zu Ende ist oder ob es nur eine sehr leise und sehr ruhige Sequenz in einem Song\u00fcbergang ist, wird zart applaudiert.<\/p>\n<p>Dieser Soundtrack l\u00e4sst Platz zum Gedanken schweifen lassen. An welchem Ort mag ich mich befinden, welches Meeresrauschen h\u00f6re ich? Nun, ich sehe gedanklich nicht das Mittelmeer. Ich sehe vielmehr schroffe Str\u00e4nde und eine zerkl\u00fcftete Landschaft. D\u00fcnengras, viel Wind, dunkle Wolken, unwirsches Wetter, das sind die Bilder, die mir durch den Kopf gehen. Die Musik ist genauso grau und melancholisch.<\/p>\n<p>Dass die Musik von <em>Eusa<\/em> als Soundtrack zur Ile d\u2019Ouessant genau meine Bilder trifft, wu\u00dfte ich zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht. Dass ich aber beim H\u00f6ren genau diese Assoziationen habe, die <strong>Yann Tiersen<\/strong> beim Komponieren vorfand, werte ich als Qualit\u00e4tszeugnis f\u00fcr die Musik.<br \/>\nNach 53:23 Minuten schaltet sich das Tonbandger\u00e4t ab, das Konzert ist aber noch nicht vorbei. <strong>Yann Tiersen<\/strong> erhebt sich nicht f\u00fcr eine Abschiedsverbeugung, sondern er geht an das Mikrofon, \u00f6ffnet den davorliegenden Geigenkasten, holt die Geige heraus und spielt weiter. Das Tonbandger\u00e4t bleibt stumm und so folgere ich, dass dieser und die nachfolgenden St\u00fccke nicht von <em>Eusa<\/em> stammen. Nach der Geige geht die Reise weiter zu den beiden wei\u00dfen Schubladenk\u00e4sten, die f\u00fcr mich unsichtbar, zwei Spielpianos verbergen. Beidh\u00e4ndig greift er in die Tasten, spielt mit geschlossenen Augen einen Plastiksound, der so anders klingt als die St\u00fccke davor.<\/p>\n<p>Zweimal rochiert <strong>Yann Tiersen<\/strong> so zwischen den drei Instrumenten, greift zwischendurch auch einmal zur Melodica, bevor er zur Zugabe zur\u00fcckapplaudiert wird. Noch ein Klavierst\u00fcck, noch einmal die Geige, dann geht das Saallicht an. Qualit\u00e4t statt Quantit\u00e4t, sowohl bei der Spieldauer als auch bei der Instrumentalisierung. <strong>Yann Tiersen<\/strong> ist ein ganz Gro\u00dfer!<\/p>\n<p><strong>Kontextkonzerte:<\/strong><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/yann-tiersen-berlin-04-10-2014\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Yann Tiersen \u2013 Berlin, 04.10.2014 \/ Huxley&#8217;s Neue Welt<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ile d\u2019Ouessant. Eine Insel vor der bretonischen K\u00fcste. 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