{"id":8920,"date":"2017-11-24T17:44:35","date_gmt":"2017-11-24T16:44:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/?p=8920"},"modified":"2017-11-24T17:44:35","modified_gmt":"2017-11-24T16:44:35","slug":"benjamin-clementine-koeln-20-11-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/benjamin-clementine-koeln-20-11-2017\/","title":{"rendered":"Benjamin Clementine &#8211; K\u00f6ln, 20.11.2017"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ort:<\/strong> Philharmonie, K\u00f6ln<br \/>\n<strong>Vorband:<\/strong> &#8211;<br \/>\n<img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-8922\" src=\"https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/2-4.jpg\" alt=\"Benjamin Clementine\" width=\"2048\" height=\"1152\" srcset=\"https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/2-4.jpg 2048w, https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/2-4-520x292.jpg 520w, https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/2-4-1010x568.jpg 1010w\" sizes=\"(max-width: 2048px) 100vw, 2048px\" \/><\/p>\n<blockquote><p><strong>Benjamin Clementine<\/strong> stammt von ghanaischen Eltern ab. Als Jugendlicher hatte er genug von seinem Leben in London und ging nach Paris, wo er teilweise mittellos auf der Stra\u00dfe lebte und als Stra\u00dfenmusiker auftrat. Sein Publikum war fasziniert von seinem Spiel. Auftritte in Bars und Hotels folgten, bis er schlie\u00dflich den ersten Plattenvertrag unterzeichnete. (Quelle: Philharmonie K\u00f6ln)<\/p><\/blockquote>\n<p>Soweit so gut und bekannt.<br \/>\nKonzerte gibt <strong>Benjamin Clementine<\/strong> gef\u00fchlt nur im Winter. Bereits die letzten beiden Auftritte des Engl\u00e4nders in K\u00f6ln fanden &#8211; ich schau das nicht nach &#8211; in der k\u00e4lteren Jahreszeit statt. Bei seinem ersten Auftritt spielte er noch im Stadtgarten, die Weihnachtsmarktbuden vor der T\u00fcr sorgten f\u00fcr die selige Grundstimmung, die mich damals vorfreudig in den vollen Stadtgarten sp\u00fclte. Das zweite Konzert fand dann bereits in einer ausverkauften Philharmonie statt. \u00a0Ich glaube, auch das war gut.<br \/>\nWie vor einem Jahr f\u00fchrt mich mein Weg an diesem tr\u00fcb-tristen Novembertag in die K\u00f6lner Philharmonie. Vom K\u00f6lner Hauptbahnhof kommend f\u00fchrt der Weg um windige Ecken und \u00fcber ein paar Treppen. Es ist leicht, sich zu verlaufen, mir gelang das schon \u00f6fter. In einer \u00a0der schwach ausgeleuchteten Ecke neben dem Philharmonie-Haupteingang steht rauchend in einen langen Mantel geh\u00fcllt <strong>Benjamin Clementine <\/strong>und betrachtet das Treiben auf dem Gehweg. Im Vorbeigehen erkenne ich ihn an seinem Haarturban, aber auch der lange Mantel, irgendwie ein Markenzeichen von <strong>Clementine<\/strong>, h\u00e4tte mich aufblinken lassen. Er wirkt unnahbar und der Szenerie entr\u00fcckt. Vor der Philharmonie beobachte ich ein bisschen das Konzertpublikum. Die Frage, wer so alles eine Benjamin Clementine Konzert besucht, lie\u00df mich ein paar Minuten verweilen. Ich bemerkte Standard Philharmonie Besucher, ein paar Hipster und zottelige Geb\u00e4ude 9 Konzertg\u00e4nger. Die Palette ist gro\u00df, es ist schon eine wahnsinnig diffuse Zielgruppe, die <strong>Benjamin Clementine<\/strong> anzieht.<\/p>\n<p>Vor mir stehen und sitzen acht wei\u00dfe Schaufensterpuppen. \u2018Mist, ich sehe nix\u2018, so merke ich rasch, \u2018die Dummies versperren mir die Sicht auf den Fl\u00fcgel.\u2018 Die B\u00fchnendeko ist um das Instrument positioniert. Die Komposition wirkt arty, aber eben auch sichtbehindernd. An die Auswahl des Platzes kann ich mich nicht mehr erinnern, so lange ist die Bestellung des Tickets schon her. Ein wenig verwundert bin ich schon, dass es so weit vorne ist. Wie sich jetzt scheinbar herausstellt, ist sehr weit vorne nicht immer gut.<br \/>\n<strong>Benjamin Clementine<\/strong> kommt barfu\u00df auf die B\u00fchne. Seine erste Amtshandlung besteht darin, die Puppen ein wenig zur Seite zu stellen. Damit verschwinden sie auch aus meinem direkten Blickfeld. Daf\u00fcr besten Dank, das ist sehr nett. Dachte ich so\u2026 Von nun an hatte ich direkten Blickkontakt mit <strong>Benjamin Clementine<\/strong>. Jedes Mal, wenn er von seinen Tasten hochschaute, traf mich automatisch sein Blick. Und den hielt er oft sehr lange. <strong>Benjamin Clementine<\/strong> ist gut im Leute fixieren, das wei\u00df ich nun. W\u00e4hrend des Konzertes gab es mehrere Augenblicke, in denen er mich sekundenlang anschaute. Ehrlich gesagt, es war mir ein bisschen unangenehm und nicht immer f\u00fchlte ich mich unter seinen Blicken wohl.<\/p>\n<p>Nachdem er die Puppen beiseite gestellt hatte, begann er das Konzert allein. Also erstmal dauerte es ein paar Sekunden, bis er den Mikrofonst\u00e4nder vom Klavier weg in die Mitte der B\u00fchne stellte, die H\u00f6he passend einstellte und das Mikrofon in den richtigen Winkel neigte. Keine Ahnung, ob das geplanter Slapstick war oder ob es der Nervosit\u00e4tminderung dienen sollte. Es wirkte jedenfalls wie Slapstick. Nachdem das erledigt war, ging es los. Nicht nur verzichtete er beim ersten Song auf seine Mitmusiker an Schlagzeug und Bass (<strong>Alexis Bossard<\/strong> und <strong>Axel Ekermann<\/strong>), sondern auch auf jegliche instrumentale Begleitung. Nur mit einem Apfel in er Hand, den er im Takt des Songs hochwarf, sang er \u201eFarewell Sonata\u201c. Das war schon toll, weil seine Stimme toll ist.<br \/>\nAnschlie\u00dfend betritt die Band die B\u00fchne, der Mikrofonst\u00e4nder wird wieder neben dem Fl\u00fcgel platziert und es geht mit \u201eGod save the jungle\u201c weiter, an dessen Ende er ein paar Zeilen von \u201eGod save the queen\u201c einbaut. Ob das auf Platte auch so ist, wei\u00df ich nicht. Ich kenne das aktuelle Album <em>I tell a fly<\/em> nicht. Falls es nicht so ist, k\u00f6nnte dieser Exkurs ein erstes Entertainmentanzeichen angeshen werden. Doch zu den Entertainmentbl\u00f6cken sp\u00e4ter mehr.<br \/>\nErst einmal gab es eine Ansage an die Fotografin im Publikum. Nach dem Ende von \u201eGod save the jungle\u201c streckt er seine Hand aus und zeigt mit ausgestrecktem Finger auf eine junge Fotografin. \u2018It\u2019s absolutely annoying to have a camera. Click, Click.\u2018 Von ganz oben k\u00f6nne sie gerne fotografieren, dagegen h\u00e4tte er nichts. Aber bitte nicht in seiner N\u00e4he. Es folgten noch ein zwei S\u00e4tze Dialog, dann packte das junge M\u00e4dchen ihr Teleobjektiv ein.<br \/>\nEs folgt \u201eI won\u2019t complain\u201c. Gewohnt wunderbar. Der Schlagzeuger trommelt nur mit seinen Fingern auf Trommel und Becken, <strong>Benjamin Clementine<\/strong> spielt akkurat wie eh und je und seine Tonlagen sitzen. Gut, denke ich, dann kann es jetzt ja so richtig losgehen. Ging es dann auch, aber nicht mit Musik. Es folgte ein l\u00e4ngerer Monolog und eine Erkl\u00e4rung dar\u00fcber, warum wei\u00dfe Dummies auf der B\u00fchne stehen und keine schwarzen. Es h\u00e4tte was mit der Absorption des Lichtes zu tun. Na gut, das Wissen dar\u00fcber schadet nicht. Aber nach dem n\u00e4chsten Song folgte die n\u00e4chste l\u00e4ngere Unterbrechung. Die kam mir dann schon bl\u00f6d r\u00fcber. Im halbdunklen Saallicht erblickte <strong>Benjamin Clementine<\/strong> ein paar leere Sitze in den vorderen Reihen. Das f\u00e4nde er doof und so forderte er die Leute aus den hinteren Reihen auf, nach vorne zu kommen. Nat\u00fcrlich ging das nur sehr z\u00f6gerlich, als Publikum hat man Respekt vor dem Saal und den Ansagen eines K\u00fcnstlers. Meint er das jetzt ernst? Ist das okay, einfach aufzustehen und andere Pl\u00e4tze einzunehmen? Da springt man nicht sofort auf. Herr <strong>Clementine<\/strong> schwadronierte aber so lange herum, bis schlie\u00dflich die ersten Mut fassten und bis alle Sitze vorne belegt waren.<\/p>\n<p>Irgendwie war mir das da schon alles ein bisschen zu d\u00e4mlich, die Unterbrechung und das hin- und her waren nervig. Schlimmer noch, ich hatte den Eindruck, dass die Musik unter der Geschw\u00e4tzigkeit litt. Denn es ging so weiter. Die meiste Zeit ging f\u00fcr Erz\u00e4hlungen drauf, die Musik trat in den Hintergrund. Ob wir alle gesundheitliche Probleme h\u00e4tten, weil so viele husten w\u00fcrden? Der daraus resultierende Monolog \u00fcber Wetter, Luftfeuchte und was-weiss-ich noch war genauso unsinnig \u00a0wie die rhetorische Frage, welche deutschen St\u00fcrmer es neben M\u00fcller denn noch so gebe. <strong>Podolski<\/strong> (is he still playing?), <strong>G\u00f6tze<\/strong> (he\u2019s rubbisch now), <strong>Sane<\/strong> (who?). Schlussendlich sei <strong>Philip Lahm<\/strong> sei doch der beste deutsche Fu\u00dfballer schlechthin. Oh ja <strong>Philip Lahm<\/strong>, der hat es ihm angetan. Er erz\u00e4hlte noch etwas weiter, ich habe aber nicht richtig zugeh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Dummerweise schaffte <strong>Benjamin Clementine<\/strong> es nicht mehr, zwei Songs ohne l\u00e4ngere Erz\u00e4hlpause aneinanderzureihen. Der musikalische Teil kam so f\u00fcr mein Gef\u00fchl viel zu kurz Das ruhige, dramatische und konzentrierte in den Songs ging in dieser Atmosph\u00e4re v\u00f6llig verloren. Der Abend entwickelte sich aus meiner Sicht in die falsche Richtung und das Konzert wurde von Minute zu Minute schw\u00e4cher und war \u00fcberhaupt kein Vergleich zu meinen bisherigen <strong>Benjamin Clementine<\/strong> Konzerten. Mal ganz abgesehen davon, dass es auf Dauer echt nervig ist, immer irgendwas erz\u00e4hlt zu bekommen und dabei sehr oft sehr fragend angeschaut zu werden. Wenn ich Geschichten h\u00f6re m\u00f6chte, gehe ich nicht in ein Konzert.<br \/>\n\u2018Shut up and play One\u2018, rief <strong>Noel Gallagher<\/strong> mal auf einem <strong>U2<\/strong> Konzert, als ihm <strong>Bono<\/strong> zu viel erz\u00e4hlte. Nie musste ich \u00f6fter an diesen Ausspruch denken als jetzt.<br \/>\nGegen Ende des Konzertes besinnt sich <strong>Benjamin Clementine<\/strong> dann wieder auf das Wesentliche. F\u00fcr die letzten vier Songs wurde der Konzertabend zu einem Konzert. \u201eNemesis\u201c, \u201eCornerstone\u201c, \u201eCondolence\u201c. Das sind immer noch wahnsinnig gute Songs und ohne Schnickschnack im Drumherum einfach herzzerrei\u00dfend.<\/p>\n<p>In der Zugabe spielt er \u201eLondon\u201c, wie ich finde, den sch\u00f6nster aller <strong>Benjamin Clementine<\/strong> Songs. Und es w\u00e4re ein w\u00fcrdiger Abschluss, wenn er den Song nicht mittendrin zu einem Mitsingcontest umgestalten w\u00fcrde. Da das nat\u00fcrlich nicht auf Anhieb klappte, betete er uns solange den Text vor, bis ihn wirklich der letzte drauf hatte und dann auch jeder, selbst wenn er nicht mitsingen wollte, mitsang.<\/p>\n<blockquote><p>\u2026although it&#8217;s not clear as the morning due, when my preferred ways are not happening I won&#8217;t under estimate whom I am capable of becoming\u2026<\/p><\/blockquote>\n<p>Bravo, so kann man ein gutes Konzertfinale vollst\u00e4ndig zunichtemachen. Er wisse nicht, ob wir diesen Abend so erwarten h\u00e4tten. Manchmal k\u00e4men Dinge eben anders, als gedacht. Das m\u00fcsse ja nicht hei\u00dfen, dass es schlechter sei.<br \/>\nNun, ich f\u00fcr meinen Teil hatte das nicht erwartet, fand es aber schlechter. Fr\u00fcher waren <strong>Benjamin Clementine<\/strong> Konzerte spannender. Da stand die Musik im Vordergrund und ihre Wirkung war ph\u00e4nomenal und tiefgr\u00fcndig. Die Klavierkompositionen, seine Stimme, die Atmosph\u00e4re, die er damit schuf, das war einzigartig. Sowohl beim Stadtgartenkonzert als auch nach dem ersten Philharmonie Konzert ging ich mit einer G\u00e4nsehaut nach Hause. An diesem Abend tat ich das nicht. Ich hatte nur am Anfang kurzzeitig das Gef\u00fchl, dass die Musik im Vordergrund steht. So ging viel Charme und G\u00e4nsehaut verloren. Das fand ich schade. Unterhaltsam war es trotzdem, aber anders als erwartet. Doch anders h\u00e4tte es mir besser gefallen.<\/p>\n<p><strong>Kontextkonzerte:<br \/>\n<\/strong><a href=\"https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/benjamin-clementine-koeln-10-12-2015\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Benjamin Clementine \u2013 K\u00f6ln, 10.12.2015 \/ Philharmonie<\/a><strong><br \/>\n<\/strong><a href=\"https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/benjamin-clementine-koeln-29-11-2014\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Benjamin Clementine \u2013 K\u00f6ln, 29.11.2014 \/ Stadtgarten<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Konzerte gibt Benjamin Clementine gef\u00fchlt nur im Winter. Bereits die letzten beiden Auftritte des Engl\u00e4nders in K\u00f6ln fanden &#8211; ich schau das nicht nach &#8211; in der k\u00e4lteren Jahreszeit statt. 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