{"id":8770,"date":"2017-11-01T12:21:27","date_gmt":"2017-11-01T11:21:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/?p=8770"},"modified":"2017-11-01T12:21:27","modified_gmt":"2017-11-01T11:21:27","slug":"ex-eye-koeln-30-10-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/ex-eye-koeln-30-10-2017\/","title":{"rendered":"Ex Eye &#8211; K\u00f6ln, 30.10.2017"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ort:<\/strong> Stadtgarten, K\u00f6ln<br \/>\n<strong>Vorband:<\/strong> &#8211;<br \/>\n<img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-8771\" src=\"https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/1.jpg\" alt=\"\" width=\"2048\" height=\"1151\" srcset=\"https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/1.jpg 2048w, https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/1-520x292.jpg 520w, https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/1-1011x568.jpg 1011w\" sizes=\"(max-width: 2048px) 100vw, 2048px\" \/><strong>Colin Stetson<\/strong>. Ich habe ein Faible f\u00fcr diesen Mann, seit ich ihn vor ein paar Jahren auf dem Primavera Sound im Auditori gesehen habe. <strong>Colin Stetson<\/strong> spielt Basssaxophon, ein Instrument, das mir bis dahin relativ selten \u00fcber den Weg lief. Aber was der Mann, der unter anderem auf den <strong>Arcade Fire<\/strong> von <em>Neon Bible<\/em> bis <em>Reflektor<\/em> mitgewirkt hat und auch auf <strong>Bon Ivers<\/strong> und <strong>Animal Collectives<\/strong> letztem Album zu h\u00f6ren ist, im Auditori mit diesem Instrument anstellte, lie\u00df mich mit offenem Mund zur\u00fcck. Wie schafft man es nur, nur durch Lungenkraft so irre und wilde und langanhaltende T\u00f6ne mit einem Saxophon zu produzieren, ohne einen Lungenkollaps zu erleiden? Ich sollte mal einen Experten fragen, wie viel Lungenvolumen notwendig ist. Wenn ich mir diesen kleinen aber baumstarken Kerl so anschaue, vermute ich, eine ganze Menge. Ob das auch <strong>Jan Ulrich<\/strong> zu seinen besten Tagen geschafft h\u00e4tte. (Mit ein bisschen \u00dcbung, versteht sich.) Immerhin kommen Tour de France Heroen ja auf 6 bis 8 Liter Lungenvolumen.<\/p>\n<p>Eigentlich hatte ich vor, an diesem Tag <strong>Ride<\/strong> in der Br\u00fcsseler Botanique zu sehen. Aber als sp\u00e4ter die Konzertank\u00fcndigung von <strong>Ex Eye<\/strong> bekanntgegeben wurde, fiel es mir nicht schwer, mein <strong>Ride<\/strong> Ticket zu verkaufen und den Br\u00fcssel Ausflug ad acta zu legen. Denn kann diese Band besser sein als 1992 im K\u00f6lner Wartesaal, wo sie mir ein geh\u00f6riges Pfeifen in die Ohren spielten, das noch ein paar Tage anhielt? Oder k\u00f6nnen sie mir nochmal mit \u201eLeave them all behind\u201c ein paar Tr\u00e4nchen in die Augen treiben, wie sie es auf dem Primavera vor zwei Jahren machten? Ich denke im ersten Punt definitiv nein, beim zweiten bin ich mir nicht sicher. Aber Fakt ist, der <strong>Ride<\/strong>\u2019sche Shoegaze reizt mich 2017 weniger als moderner, experimenteller Krach.<\/p>\n<p><strong>Ex Eye<\/strong> ist das Bandprojekt von <strong>Colin Stetson<\/strong> und <strong>Greg Fox<\/strong> und musikalisch einzuordnen als eine \u2018experimenal Metal Band\u2018, wie es der Blog consequence of sound ausdr\u00fcckt. Ohne dass ich vorher diesen Eintrag gelesen hatte, war das auch meine erste Assoziation, nachdem ich das Deb\u00fctalbum <em>Ex Eye<\/em> im Stream geh\u00f6rt habe. Vier Songs oder 35 Minuten lang ist die Platte, im Stream gibt es mit \u201eTten crowns; the corrupter\u201c noch einen 12 Min\u00fcter obendrauf. Digital only bonus track, wie es neudeutsch so sch\u00f6n hei\u00dft. Und just die vier Songs des Albums spielen <strong>Ex Eye<\/strong> im kleinen Saal des Stadtgartens. Ich wusste nicht, dass es diesen Raum \u00fcberhaupt existiert. Neben dem Hauptsaal ist dieser Raum ungef\u00e4hr halb so gro\u00df; die B\u00fchne ist ebenerdig, so dass man gar nicht von einer B\u00fchne sprechen kann. Die Sitzreihen sind trib\u00fcnenhaft angeordnet und nahezu voll besetzt. Ich sch\u00e4tze, dass 100 Leute anwesend sind.<\/p>\n<p>Irgendwo aus dem nirgendwo der schweren Vorh\u00e4nge taucht die Band pl\u00f6tzlich und unpr\u00e4tenti\u00f6s auf. Es ist eine schr\u00e4ge Truppe, die sich hier versammelt hat. Der Moog Spieler <strong>Shahzad Ismaily<\/strong>, der abseits der Scheinwerfer in einer dunklen Ecke sitzt und mit seinen spindeld\u00fcrren und langen Fingern die Keyboardtasten und Kn\u00f6pfchen dr\u00fcckt und dreht, der Schlagzeuger <strong>Greg Fox<\/strong>, der mit manchmal sehr irrem Blick den L\u00e4rmorgien seiner Mitmusiker Struktur verleiht und im wahrsten Sinn des Wortes den Takt angibt, Gitarrist <strong>Toby Summer<\/strong>, bei dem, gemessen an seiner K\u00f6rperstatur, die Gitarre wie ein Kinderspielzeug wirkt.<br \/>\n<strong>Ex Eye<\/strong> beginnen mit dem ersten Song von ihrem Albums <em>Ex Eye<\/em>. \u201eXenolith: The Anvil\u201c ist mit guten f\u00fcnf Minuten der k\u00fcrzeste Song, und dient vielleicht auch ein bisschen dem Einspielen und warm werden. Es ist laut, aber nicht zu laut und die Band braucht noch nicht einmal diese f\u00fcnf Minuten, um mich zu packen.<\/p>\n<p><strong>Colin Stetson<\/strong> wechselt nach jedem Song sein Instrument. Er spielt also Basssaxophon bzw. Altsaxophon genau zwei Mal. Zwischen den Tracks macht er Dehn\u00fcbungen an H\u00e4nden und Armen, was in mir wieder die Frage hochkommen l\u00e4sst, wie anstrengend das Spielen dieser Instrumente wohl sein mag. Ich m\u00f6chte sie nicht nachmachen, ein Handwurzelbruch w\u00e4re mir sicher. Der Saxophonist spielt hier nicht blo\u00df das Begleitinstrument, <strong>Colin Stetson<\/strong> steht neben Gitarre und Schlagzeug voll in der B\u00fctt, bestimmt die Tracks mit seinem Instrument ma\u00dfgeblich: wie wild pustet und pustet er in sein Instrument. Manchmal schreit <strong>Stetson<\/strong> auch parallel dazu in sein Saxophon, was dann wie ein R\u00f6hren klingt. Ich frage mich nur kurz, wie das geht: pusten und schreien gleichzeitig. In der Hauptsache bin ich tief beeindruckt.<br \/>\nNach \u201eXenolith: The Anvil\u201c folgen \u201eOpposition\/Perihelion: The Coil\u201c sowie \u201eAnaitis Hymnal: The Arkose Disc\u201c und mit ihnen \u00fcber eine halbe Stunde Wall of sound. Die einzelnen Instrumente verwischen zu einem einzigen L\u00e4rmklumpen, aus dem ich oftmals nur das Schlagzeug bewusst heraush\u00f6re. Das Keyboard h\u00f6re ich bis auf ein kleines Interludium im zweiten Track \u00fcberhaupt nicht. Und doch sind es die leiseren Momente, die mir im Ged\u00e4chtnis bleiben. Dieses 1980er Jahre <em>Blade Runner<\/em> Soundtrack Ger\u00e4usch, wenn <strong>Greg Fox<\/strong> mit seinem Drumstick am Rand des Beckens kratzt und schabt. Wie metallig k\u00fchl das klingt! Oder das beidh\u00e4ndige Zupfen von <strong>Toby Summer<\/strong> an den Gitarrensaiten.<\/p>\n<p>Im letzten Song \u201eFrom the constant; The grid\u201c bleibt Platz f\u00fcr ein paar Soli. Endlich h\u00f6re ich die Keyboards einmal, richtet sich mein Augenmerk auf den Schattenmann <strong>Shahzad Ismaily<\/strong>. Das Schlagzeugsolo braucht indes kein Mensch. Auch nicht bei <strong>Ex Eye<\/strong>. Bei den Instrumentensoli kommt kurz der Jazzansatz in der Musik von <strong>Ex Eye<\/strong> durch. <strong>Ex Eye <\/strong>sind avantgardistisch, sie klingen nach Post-Metal und Black Metal und scheinbar manchmal auch nach Jazz. Aber kann ich das \u00fcberhaupt noch Jazz nennen? Ist es nicht gleichzeitig alles und nichts zusammen?<\/p>\n<p>Nach einer Stunde ist Schluss mit Krach, der mich, wenn man das Saxophon gegen zwei Gitarren eintauschen w\u00fcrde, phasenweise an <strong>Mogwai<\/strong> erinnert. Irgendwie reicht es dann auch, ich merkte schon, wie in den letzten Minuten die Konzentration bei mir ein bisschen nachlie\u00df. Es ist nicht unanstrengend, dieser Musik zuzuh\u00f6ren. Drau\u00dfen fragen wir uns, wann man das Album wohl h\u00f6ren w\u00fcrde. Sicher nicht beim Autofahren, sicher nicht sonntags auf dem Sofa. <strong>Ex Eye<\/strong> machen keine Alltagsmusik.<\/p>\n<p>Wow, was f\u00fcr ein Konzert!<\/p>\n<p><strong>Kontextkonzerte:<br \/>\n<\/strong><a href=\"https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/primavera-sound-festival-barcelona-29-05-2014\/\" target=\"_blank\">Colin Stetson &#8211; Primavera Sound Festival Barcelona, 29.05.2014<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Colin Stetson. Ich habe ein Faible f\u00fcr diesen Mann, seit ich ihn vor ein paar Jahren auf dem Primavera Sound im Auditori gesehen habe. Colin Stetson spielt Bass Saxophon, ein Instrument, das mir bis dahin relativ selten \u00fcber den Weg lief. Aber was der Mann, der unter anderem auf den Arcade Fire von Neon Bible bis Reflektor mitgewirkt hat und auch auf Bon Ivers und Animal Collectives letztem Album zu h\u00f6ren ist, im Auditori mit diesem Instrument anstellte, lie\u00df mich mit offenem Mund zur\u00fcck. 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