{"id":8743,"date":"2017-10-16T20:55:31","date_gmt":"2017-10-16T18:55:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/?p=8743"},"modified":"2017-10-16T20:58:59","modified_gmt":"2017-10-16T18:58:59","slug":"grizzly-bear-bruessel-14-10-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/grizzly-bear-bruessel-14-10-2017\/","title":{"rendered":"Grizzly Bear &#8211; Br\u00fcssel, 14.10.2017"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ort:<\/strong> Ancienne Belgique, Br\u00fcssel<br \/>\n<strong>Vorband:<\/strong> Liima<br \/>\n<img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-8745\" src=\"https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/6.jpg\" alt=\"\" width=\"2048\" height=\"1152\" srcset=\"https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/6.jpg 2048w, https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/6-520x292.jpg 520w, https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/6-1010x568.jpg 1010w\" sizes=\"(max-width: 2048px) 100vw, 2048px\" \/>Nach meinem letzten <strong>Grizzly Bear<\/strong> Konzert waren die Radkappen weg.<br \/>\nDie K\u00f6lner Essigfabrik liegt sch\u00f6n schaurig am Rand eines Industrieareals in der N\u00e4he des Rheins. Nachdem ich die \u00d6PNV Anfahrtszeiten studierte, entschied ich mich, mit dem Auto zu fahren. Rund um das ehemalige Aurora Werk sollte sich doch eine Parkm\u00f6glichkeit finden lassen. Und richtig, es gab dort, abseits der Hauptverkehrsstra\u00dfe und im Dunkeln gelegen, einen Parkstreifen, der auch schon eifrig beparkt wurde. Ich stellte mein Auto dazu. Und dachte mir nichts dabei. Die Abschleppgefahr schien hier nicht gegeben, das ist immer meine gr\u00f6\u00dfte Sorge. Doch drei Stunden sp\u00e4ter schaute ich ungl\u00e4ubig. Nein, das Auto stand noch an seinem Platz, nur erkannte ich das nicht sofort. Als ich per Fern\u00f6ffnung die T\u00fcren entriegelte und das Innenlicht aufleuchtete, wunderte ich mich, dass der untere Teil des Fahrzeugs dunkel war. \u2018Warum ist es an den Reifen so dunkel\u2018, fragte ich mich. &#8218;Warum reflektiert das Mondlicht nicht wie gewohnt an den silbernen Radkappen?&#8216; Nun, wo keine Radkappen sind, kann auch kein Licht reflektieren. Manchmal ist es einfach. hat ein Schurke doch tats\u00e4chlich die Dinger abmontiert. Sprachlos fuhr ich nach Hause. Gott sei Dank, es waren nur die Radkappen, die fehlten. Ein beruhigender Gedanke, der erst in den n\u00e4chsten Tagen, nachdem ich die Preise eines Radkappen Sets recherchiert hatte, einen faden Beigeschmack bekam. Eigentlich braucht man solche Dinger ja nicht. Aber andererseits, ein bisschen Schutz vor Dreck und so kann bestimmt nicht schaden. Schlie\u00dflich hat fast jedes Auto Radkappen oder Radzierblenden. Also kaufte ich statt weiterer Konzertkarten ein neues Viererset Radkappen. \u00c4rgerlich! Als ein paar Tage sp\u00e4ter bei eBay ein Anbieter aus K\u00f6ln-Poll einen Radkappensatz f\u00fcr genau meine Reifen- und Felgengr\u00f6\u00dfe anbot, musste ich dennoch kurz schmunzeln. Ach, das waren sicher nicht meine vier Radkappen.<\/p>\n<p>Wie komme ich auf die Geschichte? Nun, in Br\u00fcssel ist das mit dem parken so eine Sache. Dunkle Ecken, winklige Parkh\u00e4user. Ich k\u00f6nnte da ein paar Geschichten erz\u00e4hlen, lasse es aber, weil an diesem Samstag eine komplett andere Entscheidung getroffen wurde. Ein Park and Ride Parkplatz vor der Stadt sollte f\u00fcr eine entspannte Anreise sorgen. Der im Ticketkauf integrierte Eventpass, der die Nutzung der \u00f6ffentlichen Verkehrsmittel am Konzerttag kostenfrei vorsieht, brachte mich auf diese Idee. Die Metrostation in der N\u00e4he des Universit\u00e4tsklinikums zwei Autobahnabfahrten vor der Br\u00fcsseler Verkehrsh\u00f6lle brachte mich in 20 Minuten zum Ancienne Belgique. Schneller geht\u2019s mit dem Auto auch nicht. Und bequemer sowieso nicht. Bleibt nur die Frage: Warum nur haben wir das nicht schon \u00f6fter gemacht?<\/p>\n<p>Easy listening Jazzsounds s\u00e4useln durch das AB. Das Konzert von <strong>Grizzly Bear<\/strong> ist ausverkauft, der Tag in Br\u00fcssel war sonnig und lang. Von der hinteren Sitztrib\u00fcne im ersten Oberrang schaue ich in den Saal. Die vorderen Reihen f\u00fcllen sich nach dem belgischen Konzertkonzept: Gerne erst kurz vor Konzertbeginn in den Saal.<br \/>\nAufgrund der zu erwartenden Unaufgeregtheit der Musik (nicht zu verwechseln mit Langweile), der leichten M\u00fcdigkeit und der ermatteten F\u00fc\u00dfe entscheide ich mich f\u00fcr einen Sitzplatz. Wie doof w\u00e4re es doch, wenn ich das <strong>Grizzly Bear <\/strong>Konzert nur wegen kaputter F\u00fc\u00dfe und kaputtem Geist nicht richtig genie\u00dfen k\u00f6nnte. Das geht nicht, die Konzentration soll der Musik geh\u00f6ren und nicht meinen k\u00f6rperlichen Wehwehchen nach einem langen Ausflugstag. Und dass <strong>Grizzly Bear<\/strong> Konzerte nur funktionieren, wenn man sich entspannt auf sie einlassen kann, das brauche ich sicher nicht zu erw\u00e4hnen. <strong>Ed Droste<\/strong> und Kollegen rei\u00dfen einen nicht mit Discobeats aus der M\u00fcdigkeit, sie feiern keine lauten Feedbackgitarren, die meine Tr\u00e4gheit wegwischen k\u00f6nnten. <strong>Grizzly Bear<\/strong> sind Meister der ruhigen und ausgeglichenen Melodien, der kleinen Momente, der Zwischent\u00f6ne, die man nur entspannt wahrnehmen kann. Und darum ging es mir, ich wollte das Konzert genie\u00dfen, und darum sa\u00df ich auf Platz 15 in Reihe eins, \u00fcbrigens einem sehr durchgesessenem Sessel.<\/p>\n<p><strong>Liima<\/strong> oder die neue Band aus ehemaligen <strong>Efterklang<\/strong> Mitgliedern und <strong>Tatu R\u00f6nkk\u00f6<\/strong> er\u00f6ffneten fr\u00fch den Abend. Die d\u00e4nisch-finnische Band <strong>Liima<\/strong> kl\u00f6ppelt die Samples noch von Hand. So schreibt Zeit Online \u00fcber die Band, und hat damit nicht Unrecht.<br \/>\n<strong>Efterklang<\/strong> kenne ich nur den Namen nach, und von <strong>Liima<\/strong> hatte ich noch nie geh\u00f6rt. Ideale Voraussetzungen, um sich einen Eindruck von <strong>Liima<\/strong> zu verschaffen. <em>1982<\/em> nennen sie ihr im November zu ver\u00f6ffentlichendes Album, und der Indieelektropop der vier Musiker beinhaltet einiges an 1980er Jahre Musikmaterial. Synthiet\u00f6ne von anno dazumal aus zwei Keyboardstationen, ein zeitweise stark an <strong>Phil Collins <\/strong>\u201eIn the air tonight\u201c erinnerndes Schlagzeugspiel und eine geh\u00f6rige Portion Autotune in der Gesangsabmischung lassen <strong>Liima<\/strong> durchaus interessant klingen. Der Song \u201e1982\u201c bliebt mir \u00fcberraschenderweise im Ohr h\u00e4ngen. Das passiert mir mit Vorbands nicht allzu oft. <strong>Liima<\/strong> zaubern kein Beatfestival, es ist lichte Indietanzmusik f\u00fcr den Kopf, w\u00e4hrend der K\u00f6rper gem\u00fctlich auf dem Sofa beziehungsweise im Sitz sitzen kleben bleiben darf.<\/p>\n<p><strong>Grizzly Bear<\/strong> k\u00f6nnen das verdammt gut. Und wer jetzt fragt \u2018was\u2018, der kennt sich mit <strong>Grizzly Bear<\/strong> nicht gut aus. Ich meine dieses: unaufgeregte, ruhige Gesangsstimmen, akkurates Keyboardspiel und melodienstarke Gitarren. Zusammen mit einer wohlbedacht ausgew\u00e4hlten Saalbeleuchtung erzeugen sie eine Stimmung, die kaum eine andere Band so hinbekommt. Vor vielen Jahren hatten sie viele Gl\u00fchl\u00e4mpchen auf der B\u00fchne installiert, die Stimmung war schaurig schummrig. Auf dieser Tour verwandeln sie die B\u00fchne in eine H\u00f6hle. Und das auf einfachste Art und Weise: Zwei schr\u00e4g und versetzt h\u00e4ngende Raffvorh\u00e4ngen wirken im angestrahlten Licht wie Felsw\u00e4nde. Die so entstehende Tiefenwirkung und Reliefstruktur erweckt in mir den Eindruck, als w\u00fcrden <strong>Grizzly Bear<\/strong> in einer H\u00f6hle spielen. Das diffuse Licht, egal ob r\u00f6tlich oder grauwei\u00df schimmernd, verst\u00e4rkte diesen Eindruck. Ich f\u00fchle mich gut aufgehoben, gar geborgen.<\/p>\n<p>Das Konzert im Ancienne Belgique ist ausverkauft. Keine \u00dcberraschung, w\u00fcrde ich sagen, zumal nur vier Konzertorte in Mitteleuropa zur Auswahl stehen. W\u00fcrde ich sagen, wenn auch die anderen Konzerte ausverkauft gewesen w\u00e4ren. Aber in Berlin, so lese ich, wurde das Konzert gedowngradet und in Utrecht einen Tag zuvor war der Saal wohl nicht ganz voll. <strong>Grizzly Bear<\/strong> scheinen also nach f\u00fcnf Jahren Ruhe immer noch beliebt, aber eben auch ein bisschen in Vergessenheit geraten zu sein. Und da das neue Album <em>Painted ruins<\/em> zwar sch\u00f6n, aber nicht durchg\u00e4ngig spektakul\u00e4r gut ist, ist die Konzertlage eben so, wie sie ist. An meiner Tagesplanung \u00e4nderte das nichts: Kommt der Berg nicht zum Propheten muss der Prophet eben zum Berg.<\/p>\n<p><em>Painted ruins<\/em> \u00fcbrigens ist die sch\u00f6ne Vorsetzung der vertrauten <strong>Grizzly Bear<\/strong> Songs der beiden letzten Riesenalben <em>Shields<\/em> und <em>Veckatimest<\/em>. In den f\u00fcnf Jahren Pause haben sie nichts ge\u00e4ndert; den bew\u00e4hrten Songstrukturen und Melodien vertrauen sie nach wie vor. Ich habe mir das Album zuvor zweimal im Stream angeh\u00f6rt, so nebenbei und wenig konzentriert. Es reichte aber, um im Unterbewusstsein \u201eMorning sound\u201c als Hit im Ged\u00e4chtnis abzuspeichern.<br \/>\nAls<strong> Ed Droste <\/strong>und <strong>Daniel Rossen<\/strong> im AB die ersten Takte von \u201eMorning sound\u201c kl\u00e4nge im AB aus den Boxen str\u00f6men lie\u00dfen, huschte ein gl\u00fcckliches L\u00e4cheln \u00fcber mein Gesicht. Zu diesem Zeitpunkt war der Gro\u00dfteil des Konzertes schon vorbei. Erst jetzt, zum Ende des Abends bemerke ich die feine Dramaturgie des Konzertes. War der Anfang eher ruhig und den neueren Songs vorbehalten (Ausnahme das als Warm-up f\u00fcr den Saal gespielte altvertraute \u201eYet again\u201c als vierter Song), steigerte die Band zum Ende hin Tempo und Lautst\u00e4rke. \u201eTwo weeks\u201c, kurz nach \u201eMorning sound\u201c so wie \u201eThree rings\u201c und \u201eWhile you wait for the others\u201c hatten deutlich mehr Fahrt als der Konzertbeginn. Hier erinnerten mich die <strong>Grizzly Bear<\/strong> Songs an das musikalische M\u00e4rchen Peter und der Wolf. Genau wie in dem musikalischen M\u00e4rchen erz\u00e4hlten die Amis in den ineinander \u00fcbergehenden \u201eLosing all senses\u201c und \u201eCut out\u201c Geschichten, bauten ihre Musik St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck zusammen, wechselten das Tempo nach Belieben und schufen so den Grundstein f\u00fcr die an diesem Abend immer da seiende gelassene Konzertatmosph\u00e4re. Dabei wirkten <strong>Grizzly Bear<\/strong> aufger\u00e4umt und entspannt. Ich fand es gut, dass sich meine Bef\u00fcrchtung aus dem letzten <strong>Grizzly Bear<\/strong> Konzert nicht verwirklichte: Seinerzeit in der Essigfabrik war das Konzert langweilig und z\u00e4h wie ein trockenes Kaugummi. Oder richtiger: ich schaffte es damals nicht, mich auf die Atmosph\u00e4re und die kopflastige Musik einzulassen. Oder noch richtiger: Ich habe aus dem letzten Konzert gelernt und vollkommen richtig gehandelt, mir einen Sitzplatz auszuw\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Und was macht die Band? Die spielt undramatisch und unaufgeregt ihre Songs. Das Schlagzeug steht rechts, der Keyboardaufbau im Hintergrund. Bei <strong>Grizzly Bear<\/strong> ist fast jeder S\u00e4nger. Schlagzeuger <strong>Christopher Bear<\/strong>, Bassist <strong>Chris Taylor<\/strong> und <strong>Daniel Rossen<\/strong>, sie alle beteiligen sich am vielstimmigen Gesang. Mal <strong>hilft Christopher Bear<\/strong> im Refrain mit aus, mal <strong>Chris Taylor<\/strong>. Hauptprotagonisten sind jedoch <strong>Ed Droste<\/strong> und <strong>Daniel Rossen<\/strong>. Der Gitarrist und Keyboarder ist klein und zierlich, <strong>Ed Droste <\/strong>ist das nicht. Wenn er tanzt, dann baumeln seine Arme an seinem K\u00f6rper herunter. Aus der Distanz sieht das mitunter lustig tapsig aus.<br \/>\nDem Konzert fehlte es an nichts. Sie haben alles gespielt. Und zum Schluss wird sogar das Saxophon ausgepackt. \u201eSun in your eyes\u201c versetzen sie mit drei, vier Saxophont\u00f6nen. Ganz so wie es die Glampopbands der 1980er Jahre machten. Es war ein perfekter Abend und ein sch\u00f6ner Tag in Br\u00fcssel. Brussels!!!<\/p>\n<p>Auch acht Jahre sp\u00e4ter erinnert mich \u201eTwo weeks\u201c an die Autowerbung, f\u00fcr die <strong>Grizzly Bear<\/strong> ihren Song hergaben. In den USA war \u201eTwo weeks\u201c \u00a0ihr erster gro\u00dfer Hit. Ach, dieses Stakkato-Klavierspiel am Anfang ist schon sch\u00f6n.<\/p>\n<p><strong>Kontextkonzerte:<br \/>\n<\/strong><a href=\"https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/grizzly-bear-koln-02-11-2012\/\" target=\"_blank\">Grizzly Bear \u2013 K\u00f6ln, 02.11.2012 \/ Essigfabrik<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach meinem letzten Grizzly Bear Konzert waren die Radkappen weg. 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