{"id":7677,"date":"2016-08-31T21:23:27","date_gmt":"2016-08-31T19:23:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/?p=7677"},"modified":"2016-08-31T21:23:27","modified_gmt":"2016-08-31T19:23:27","slug":"grandaddy-amsterdam-25-08-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/grandaddy-amsterdam-25-08-2016\/","title":{"rendered":"Grandaddy &#8211; Amsterdam, 25.08.2016"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ort:<\/strong> Paradiso, Amsterdam<br \/>\n<strong>Vorband:<\/strong> &#8211;<\/p>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-7678\" src=\"https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/1-1.jpg\" alt=\"Grandaddy\" width=\"2048\" height=\"1151\" srcset=\"https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/1-1.jpg 2048w, https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/1-1-520x292.jpg 520w, https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/1-1-1011x568.jpg 1011w\" sizes=\"(max-width: 2048px) 100vw, 2048px\" \/>Ende der 1990er Jahre waren <strong>Grandaddy<\/strong> eine meiner gro\u00dfen Lieblinge. <em>Under the western freeway<\/em> und <strong>The sophtware slump<\/strong> h\u00f6rte ich rauf und runter. Verschroben, melancholisch, auf ihre Art dynamisch. Niemand sang so wie <strong>Jason Lytle<\/strong>, niemand spielte so wie <strong>Grandaddy<\/strong>.<br \/>\nIch erschrak daher sehr zurecht, als ich in Vorbereitung auf das Konzert feststellen musste, nur 2 Alben der Band zu besitzen. Wie, nur 2 Alben von einer offensichtlichen Lieblingsband im CD-Regal? Gef\u00fchlt hatte ich mindestens 10, selbst wenn die Band nur 4 Alben und ein paar EPs ver\u00f6ffentlicht hat.<br \/>\nSachen gibt&#8217;s! Ich glaub es nicht!<\/p>\n<p>\u2018Are you ready?\u2018 Und wir so: \u2018Yeah!\u2018 Die Sequenz vor \u201cHe\u2019s simple, he\u2019s dumb, he\u2019s the pilot\u201d kennen alle. Zum Ende des Konzerts war es der lang ersehnte und endlich live geh\u00f6rte Welthit der Band, der das gut besuchte Paradiso endg\u00fcltig in gro\u00dfen Jubel verfallen lie\u00df.<br \/>\nDie Zeit ist reif f\u00fcr <strong>Grandaddy<\/strong>. F\u00fcr eine Reunion, f\u00fcr neue Songs und f\u00fcr Konzerte.<br \/>\nAls B\u00e4rte noch nicht Symbol f\u00fcr m\u00e4nnliches urbanes Leben waren und noch nicht im Gesicht eines jeden zweiten Mannes klebten, waren <strong>Grandaddy<\/strong> die gr\u00f6\u00dfte Indieband aller Zeiten. Und modisch ihrer Zeit extrem weit voraus. Alle Bandmitglieder trugen <strong>ZZ Top<\/strong> Ged\u00e4chtnisbartwuchs, und das zu einer Zeit, wo es nichts Uncooleres gab, als Bart zu tragen. Es waren die letzten Jahre des letzten Jahrtausends, als sie mit zwei Alben die Indiewelt geh\u00f6rig durcheinanderwirbelten. <em>Under the western freeway<\/em> und <em>The sophtware slump<\/em> boten gef\u00fchlte 100 Welthits im erweiterten Bereich des amerikanischen Indierock. Es war die Phase, in der zwei Sachen passierten: <strong>Pavement<\/strong> zeigten, wie es sein kann, wenn man Gitarrenmusik ihren freien Lauf l\u00e4sst und sich selbst als Band dabei nicht so bierernst nimmt. Und <strong>Yo la Tengo<\/strong> legten ihre fr\u00fche Brachialphase ab und frischten ihre Gitarren mit ruhigen Keyboards und seichtem Gesang auf. Beide Bands erschufen so eine neue Art des Indiepop, in der sich Bands wie <strong>Grandaddy<\/strong> voll und ganz zuhause f\u00fchlen konnten: vertrackte, ruhige Keyboards mit Gitarren und einem dezenten Gesang. Jason Lytle brachte hierf\u00fcr die Stimme mit, die anheimelnd sanft und unaufdringlich den stabilen Gegenpol zu den vielen Tempo- und Rhythmuswechseln der Songs bildet. <strong>Grandaddy<\/strong> klangen einzigartig.<\/p>\n<p>Hip oder gar ber\u00fchmt wurden die Amis damit nicht, ihre beste Chartplatzierung (US 84) schafften sie mit <em>Sumday<\/em>, ihrem dritten Album. Aber sie waren Vorreiter und Wegbereiter, schafften etwas Neues und bisher Unerh\u00f6rtes. Auch an Hipsterb\u00e4rte dachte damals noch niemand. Grandaddy waren Landeier und ihre B\u00e4rte und die Truckerkappen passten zum Understatement ihrer Musik.<\/p>\n<p><strong>Jason Lytle<\/strong> steht direkt vor meiner Nase. Da die B\u00fchne im Paradiso einen guten Meter f\u00fcnfzig hoch ist, blicke ich aber eher auf seine Schuhe als in sein Gesicht. Also ich w\u00fcrde auf seine Schuhe blicken, wenn nicht ein Tischchen, fein dekoriert mit einem \u00fcberdimensionalen Tischtuch aus der IKEA-Fundgrube. Auf dem Tisch, so mutma\u00dfe ich, weil ich es nicht sehe, stehen ein Synthesizer und anderes Elektroequipment. Ich sehe nur drei Drehregler \u00fcber die Tischkante hervorlugen. Der steile Blickwinkel gibt nicht mehr Einblick her. Rechts von mir ist das Schlagzeug aufgebaut, der Schlagzeuger tr\u00e4gt als Einziger immer noch <strong>ZZ Top<\/strong>, davor tummelt sich der Bassist und auf der anderen Seite der B\u00fchne stehen ein Gitarrist und ein weiterer Tastenmann. Die Band <strong>Grandaddy<\/strong> ist damit komplett.<\/p>\n<p>Den Tag \u00fcber war es hei\u00df in Amsterdam. Die Anreise am Morgen und ein bisschen Sightseeing \u00fcber Mittag lie\u00dfen mich ordentlich schwitzen. Sommerwetter. Wie schon tags zuvor f\u00fcrchtete ich einen \u00fcberhitzten Konzertsaal am Abend; nach einem Tag in der Sonne eine sehr ungem\u00fctliche Vorstellung. Nach kurzem Hotelaufenthalt ging es zu Fu\u00df zum Paradiso. Die Stadt war voll, der Weg \u00fcber Grachten und entlang viel zu enger Stra\u00dfen das, was man Gro\u00dfstadt nennt: hektisch, wirr, un\u00fcbersichtlich. Am Paradiso warteten nur wenige. Sollte mich das \u00fcberraschen? Eher nein, denn <strong>Grandaddy<\/strong> hat doch heutzutage niemand auf dem Schirm. Nach Jahren ohne neue Songs schwimmt sie noch mehr unter dem Radar, als sie es noch ihren ersten Alben tat. Die zwei, drei Musikbekloppten, die \u00e4hnlich fr\u00fch, als eine gute dreiviertel Stunde vor Einlass, vor der T\u00fcr des Paradiso warteten, kannten sich. Und der T\u00fcrsteher kannte sie. Aha, dachte ich kopfnickend, in jeder Stadt gibt es also diese Konzertg\u00e4ngerszene, die sich und die T\u00fcrverantwortlichen kennt, weil sie sich bei jedem Konzert irgendwie sehen und w\u00e4hrend des Wartens gerne Zeit f\u00fcr ein Pl\u00e4uschchen haben. \u00dcberrascht war ich jedoch \u00fcber die Vielzahl der Konzerttouristen, die sich vor der T\u00fcr des Paradiso einfanden. Nicht nur ich hatte an diesem Tag die Grenze passiert und r\u00fcbergemacht.<\/p>\n<p>Aus dem Geb\u00e4ude, eine ehemalige Kirche, str\u00f6mte kalte Luft an meine Beine. Puhh, ich war ein wenig erleichtert, der Innenraum war klimatisiert. Das gab meiner ehedem schon gro\u00dfen Vorfreude auf diesen Abend nochmal einen Kick. Sicher, ich h\u00e4tte auch einen Saunaaufguss auf mich genommen, aber so ist es doch angenehmer.<br \/>\nIm Innenraum war es eine Stunde sp\u00e4ter gut gef\u00fcllt. Die R\u00e4nge des Paradiso blieben leer, so richtig voll war es also nicht. Lag es am Wetter? Lag es an der Band? Beides kann niemals eine Ausrede sein! Mir war es egal. Vielleicht 1000 Leute wollten die Band sehen, die sich nun wieder zusammengefunden hat.<\/p>\n<p>\u201eHewlett\u2019s daughter\u201c ist der erste Song des Abends, und ich bin sofort verliebt. <strong>Grandaddy<\/strong> haben ihre eigene Verschrobenheit. Tempo und Taktzahl wechseln von jetzt auf gleich. Oft mehrmals in einem Song bremst der Synthesizer alle und jeden aus. Trotzdem machen diese Br\u00fcche die St\u00fccke nicht kaputt, sie verlangsamen nur die Schlagzahl, sorgen f\u00fcr eine neue Struktur, geben den Songs eine neue Perspektive. Zusammengehalten wird alles von <strong>Jason Lytles<\/strong> einzigartiger Stimme. Ich kenne kaum einen weiteren S\u00e4nger, der so gelangweilt, monoton und eint\u00f6nig singen kann wie der <strong>Grandaddy<\/strong> Frontmann. Vielleicht kommen ihm <strong>Neil Young<\/strong> und der <strong>Weakerthans<\/strong> S\u00e4nger nahe. Seine sonore Stimme ist die Basis der Songs, das best\u00e4ndige Bindeelement zwischen den einzelnen Songepisoden. Aufdringlich klingt sie dabei nie. Vielmehr wie ein weiteres Musikinstrument.<br \/>\nIm Hintergrund flimmern \u00fcber eine Videoleinwand die alten Videos. An das Skatervideo ohne Skateboards zu \u201eSummer here kids\u201c erinnere ich mich, w\u00e4hrend ich die Bilder sehe, alle anderen sind mir unbekannt oder ich kann mich nicht mehr an sie erinnern.<\/p>\n<p>Den Platz hinter seinem Tischchen verl\u00e4sst <strong>Jason Lytle<\/strong> nur dann, wenn er Raum zum Gitarrespielen ben\u00f6tigt. Dann schlurft er in Richtung des Bassisten, der links von ihm steht. Dort verharrt er ein paar Sekunden, bevor er sich wieder auf den Weg zu seinem Tisch entgegentapert. Dann steht die <strong>Grandaddy<\/strong> Kerngruppe aus <strong>Kevin Garcia<\/strong> am Bass, Schlagzeuger <strong>Aaron Burtch<\/strong> und <strong>Jason Lytle<\/strong> eng beisammen. Zusammen gr\u00fcndeten sie 1992 die Band. Einmal, gegen Ende eines Songs, setzt er zu einem Luftsprung an. Dezent. Es ist sein einziger k\u00f6rperliche Gef\u00fchlsausbruch w\u00e4hrend eines Songs. Zwischen den St\u00fccken bleibt er reserviert. Geredet wird nicht viel. Ein paar Abstimmungsgespr\u00e4che, einmal ein kommentiertes warten auf den Schlagzeuger, das ist es. Selbst als ein M\u00e4dchen ihr Mobiltelefon direkt vor seine Nase h\u00e4lt, bleibt er stumm. \u2018It\u2019s her birthday\u2018. Schlagzeuger <strong>Aaron Burtch<\/strong> muss ihn auf die Bildschirmbotschaft des Telefons aufmerksam machen. Dort blinkt in Laufschrift \u2018You are my birthday present\u2018. Na ja, vielleicht ist es auch besser, das unkommentiert zu lassen.<br \/>\nDie Fanbase der ersten Reihen ist so, wie man das sich bei einem Konzert einer \u2018alten\u2018 Band vorstellt. Sie ist alt, stammt wie die Band aus den 1990er Jahren.<\/p>\n<p>Was war in der Zwischenzeit passiert?<br \/>\nAlso nicht bei uns, die Frage geht an die Band. Nun, irgendwie das \u00dcbliche. Nach einer erfolgreichen Indiekarriere ohne das dicke Geld kommt irgendwann der Split. Der S\u00e4nger macht ein Soloalbum, die anderen Bandmitglieder nix oder gr\u00fcnden Seitenprojekte. Nach ein paar Jahren besinnen sich aber alle wieder auf die gute alte Bandzeit, spielen ein paar Gigs zusammen, haben Spa\u00df, freuen sich an dem ihr-seid-noch-nicht-vergessen und nehmen vielleicht ein paar Songs auf.<\/p>\n<p><strong>Grandaddy<\/strong> nehmen nicht nur vielleicht ein paar Songs auf, sie haben es tats\u00e4chlich getan. Im Konzert spielen sie die neuen Sachen \u201eChek injin\u201c und \u201eWay we won\u2018t\u201c. Relativ viele um mich herum haben sie auf dem Schirm. Ich auch ein bisschen. Sie klingen ganz gut, soweit das live repr\u00e4sentativ festgehlaten werden kann. Nichtsdestotrotz sind es die alten Hits, die am lautesten gegr\u00f6lt werden. \u201eThe crystal lake\u201c (nebenbei bemerkt der perfekte Popsong), \u201eSummer here kids\u201c (nebenbei bemerkt der perfekte Indierocksong), \u201eA.M. 180\u201c und \u201eHe\u2019s simple, he\u2019s dumb. He\u2019s the pilot\u201c. Zusammen mit den alten Videos im R\u00fccken bringen sie ein gutes 1998er Gef\u00fchl in den Saal. Die Gitarren klingen wie eh und je, die Keyboards quietschen und fiepen wie annodazumal. Herz, wat willste mehr!<\/p>\n<p>Der Konzertabend hat Potential. Die vielen Songs von den ersten drei Alben lassen alle Herzen h\u00f6her schlagen, die Grundstimmung ist top. Die Band freut\u2019s. Dieser Auftritt ist der einzige kontinentale Clubgig der Band, die zuvor und danach nur einige Festivals bespielt.<br \/>\n\u2018I\u2019m not having a good time\u2018 heisst eine Textzeile in \u201eSummer here kids\u201c. F\u00fcr diesen Abend lasse ich diese Aussage nicht gelten.<br \/>\nZum Ende packen sie die riesengro\u00dfen Knaller aus: \u201eAM 180\u201c und \u201eHe\u2019s simple, \u2026.\u201c. Die Indiekonzertpartysause neigt sich dem Ende entgegen. Zwei Zugaben, bevor \u201eSummer here kids\u201c der grandiose indierockige Abschluss ohne wenn\u2019s und aber ist.<br \/>\n<strong>Grandaddy<\/strong> lie\u00dfen keine W\u00fcnsche offen. Hoffentlich sehen wir uns bald wieder. Es war grandios sch\u00f6n mit euch! Vielen Dank!<\/p>\n<p><strong>Setlist:<\/strong><br \/>\n01: Hewletts daughter<br \/>\n02: El Caminos in the West<br \/>\n03: Laughing stock<br \/>\n04: The crystal lake<br \/>\n05: My small love &amp; Levitz<br \/>\n06: Lost on yer marry way<br \/>\n07: Chek injin<br \/>\n08: Chartsengrafs<br \/>\n09: Stray dog and the chocolate shake<br \/>\n10: Disconnecty<br \/>\n11: Now it\u2019s on<br \/>\n12: Way we won\u2019t<br \/>\n13: So you\u2019ll aim towards the sky<br \/>\n14: A.M. 180<br \/>\n15: He\u2019s simple, he\u2019s dumb. He\u2019s the pilot.<br \/>\nZugabe:<br \/>\n16: Fare thee not well mutineers<br \/>\n17: Summer here Kids<\/p>\n<p><strong>Kontextkonzert:<\/strong><br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p><strong>Multimedia:<\/strong><\/p>\n<p class=\"responsive-video-wrap clr\"><iframe width=\"1200\" height=\"675\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/3Wpv68zsUOI?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; encrypted-media\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ende der 1990er Jahre waren Grandaddy eine meiner gro\u00dfen Lieblinge. Under the western freeway und The sophtware slump h\u00f6rte ich rauf und runter. Verschroben, melancholisch, auf ihre Art dynamisch. Niemand sang so wie Jason Lytle, niemand spielte so wie Grandaddy.<br \/>\nIch erschrak daher sehr zurecht, als ich in Vorbereitung auf das Konzert feststellen musste, nur 2 Alben der Band zu besitzen. 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