{"id":7525,"date":"2016-04-23T13:13:54","date_gmt":"2016-04-23T11:13:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/?p=7525"},"modified":"2016-05-03T19:37:02","modified_gmt":"2016-05-03T17:37:02","slug":"jochen-distelmeyer-koeln-20-04-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/jochen-distelmeyer-koeln-20-04-2016\/","title":{"rendered":"Jochen Distelmeyer &#8211; K\u00f6ln, 20.04.2016"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ort:<\/strong> Geb\u00e4ude 9, K\u00f6ln<br \/>\n<strong>Vorband:<\/strong> &#8211;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-7526\" src=\"https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/IMG_7743.jpg\" alt=\"Jochen Distelmeyer\" width=\"2048\" height=\"1151\" srcset=\"https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/IMG_7743.jpg 2048w, https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/IMG_7743-520x292.jpg 520w, https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/IMG_7743-1011x568.jpg 1011w\" sizes=\"(max-width: 2048px) 100vw, 2048px\" \/><\/p>\n<p>Jeder hat bestimmt Songs, Platten, Bands, die er mit einer Zeit seines Lebens in Verbindung bringen kann und die einen in einem bestimmten Lebensabschnitt gepr\u00e4gt haben. Auf welche Art und Weise auch immer. <strong>Jochen Distelmeyer<\/strong> beziehungsweise seine Band <strong>Blumfeld<\/strong> ist f\u00fcr mich Musik, die ich sehr stark mit den beginnenden 1990er Jahren assoziiere.<br \/>\nDie <em>Ich-Maschine<\/em> und \u201eVerst\u00e4rker\u201c &#8211; aber eigentlich alles von <em>L\u2019etat et moi<\/em> &#8211; beeinflussten meine musikalische Sozialisierung so sehr wie kein anderes deutsches Album. Vor allem wegen der Texte. Diese waren so anders, so neu, so direkt, wie ich es bis dato noch nicht geh\u00f6rt hatte. Aber auch die Melodien waren top. Treibend, zwingend, fordernd. So m\u00f6chte ich sie mal nennen. Oh diese Bassgitarren! Hier schaffte es jemand, den englischen Indie mit deutschen Texten zu verbinden. So kam es mir zumindest vor. Ich h\u00f6rte <strong>Cure<\/strong> Melodien und Worte, die so wuchtig waren, dass sie mich umhauten. Woher nahm <strong>Jochen Distelmeyer<\/strong> diese Texte? Wie kam er auf all die Verklausulierungen, Zweideutigkeiten und Zitate, die ich nicht verstand. Ich verstand nat\u00fcrlich die einzelnen Worte, aber das, was dahintersteht, war f\u00fcr mich schwer zu greifen. In meinen Augen und Ohren musste <strong>Jochen Distelmeyer<\/strong> ein sehr gro\u00dfer Lyriker sein, enorm belesen und enorm schlau.<br \/>\nDass seine Songtexte voll von literarischen Anspielungen und Alltagszitaten waren, zeigte mir Jahre sp\u00e4ter die Webseite <a href=\"http:\/\/skyeyeliner.endorphin.ch\/zitatmasch.html\" target=\"_blank\">Skyeeyliner<\/a>.<br \/>\nAls ich diese Seite entdeckte, f\u00fchlte ich mich zwar nicht zur\u00fcckversetzt in meinen Deutsch-Leistungskurs, aber ein wenig erinnert mich diese Zitatensammlung bzw. das Markieren der einzelnen Textzeilen mit den entsprechenden Referenzen schon an meine mit Bleistift get\u00e4tigten Notizen in Reclamheften. Egal.<\/p>\n<p>Es ist interessant, sich die Referenzen mal anzugucken. Dass ich die wenigsten selbst erkenne, verwundert mich nicht. Daf\u00fcr bin ich nicht schlau genug. Und zu wenig neugierig, um mich genauer mit den Texten auseinanderzusetzen. Denn grunds\u00e4tzlich interessieren mich Songtexte nicht so sonderlich. Ich bem\u00fche mich oft nicht, sie zu verstehen oder gar zu interpretieren. Da f\u00e4llt mir noch ein Spruch meines Deutschlehrers ein, der zu sagen pflegte:<\/p>\n<blockquote><p>Dass, was der K\u00fcnstler sagen wollte, hat er bereits mit seinen Worten in seinem Text gesagt. Also fragt nicht: Was will mir der K\u00fcnstler damit sagen.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>\u201eDer Apfelmann\u201c von seinem <strong>Distelmeyers<\/strong> erstem Soloalbum <em>Heavy<\/em>, lange nach einem letzten <strong>Blumfeld<\/strong> Lebenszeichen, hinterfragte ich nicht. Ich konnte den neuen schlager-esken Wandlungen nicht so viel abgewinnen. Gab ich mir fr\u00fcher noch ein bisschen M\u00fche, seine Texte zu verstehen, versuchte ich es jetzt erst gar nicht mehr. Ich war raus aus der <strong>Distelmeyer<\/strong>-Welt. Mir reichte es, ihn ab und an bei Konzerten im Publikum zu sehen oder das Reunionkonzert seiner Band <strong>Blumfeld<\/strong> zu besuchen.<br \/>\nWie las ich doch im ME:<\/p>\n<blockquote><p>Musik kann der Soundtrack deines Lebens sein, der Klang deiner Erfahrungen. Wenn du jung bist, beeinflussen sich dein Innenleben und die Musik sehr stark gegenseitig, sie stehen in direkter Verbindung miteinander. Sp\u00e4ter im Leben findest du deine Identit\u00e4t. Aber die alte Musik klingt noch immer nach. Sie ist Zeugnis davon, wie du dich fr\u00fcher gef\u00fchlt hast &#8211; und das ist nat\u00fcrlich eine emotionale Macht.<\/p><\/blockquote>\n<p>Diese Macht der fr\u00fcheren Jahre ist in mir st\u00e4rker, der <strong>Distelmeyer<\/strong> der letzten Jahre sagte mir nichts. Aber heute und an diesem Abend ist das anders. <strong>Jochen Distelmeyer<\/strong> hat ein Coveralbum ver\u00f6ffentlicht, das nun live pr\u00e4sentiert werden will. Vom Konzert am Tag zuvor las ich, dass seine Setlist bis auf die Zugabe nur aus Coverversionen bestehen wird. Das fand ich gut, aber auch mutig. Gut deswegen, weil mir dann vielleicht \u201eDer Apfelmann\u201c und \u00e4hnliches erspart bleibt; mutig, weil die Auswahl seiner gecoverten Songs, ich sag mal, interessant gew\u00e4hlt ist. Und so freute ich mich auf den Konzertabend, war mir aber gleichzeitig nicht sicher, ob das Konzept aufgehen w\u00fcrde. Aber es scheint, also ob der Mann machen kann, was er will. Die Leute (und ich) kommen trotzdem um ihn zu sehen. Auch wenn sie nicht seine Lieder zu h\u00f6ren bekommen sollten, sondern Songs von <strong>Britney Spears<\/strong>, <strong>Lana del Rey<\/strong>, <strong>Supertramp<\/strong>, den <strong>Bee Gees<\/strong> etc.. <strong>Jochen Distelmeyer<\/strong> scheint immer zu gehen, und irgendwie stimmt das auch.<\/p>\n<p>Das Geb\u00e4ude 9 war nahezu voll, als ich um kurz nach halb neun den Saal betrat. Eine Vorband gab es nicht, daf\u00fcr h\u00f6rte ich das Beste der Indiemusik aus den 1990er und 2000er Jahren. Das tat nicht weh und gestaltete die Wartezeit angenehmer.<br \/>\n<strong>Jochen Distelmeyer<\/strong> kam zusammen mit seinem Keyboarder zu Polizeisirenengeheul und Gro\u00dfstadtstra\u00dfenl\u00e4rm auf die B\u00fchne. Die n\u00e4chsten 75 Minuten sollte er also nur fremde Songs spielen. Ich war gespannt.<br \/>\nEs begann mit zwei St\u00fccken, die nicht auf seinem Album sind: <strong>Supertramps<\/strong> \u201eTake the long way home\u201c und \u201eTragedy\u201c von den <strong>Bee Gees<\/strong>. Letzteres ging so, ersteres war top! \u201eTake the long way home\u201c ist einer der besseren <strong>Supertramp<\/strong> Songs, ich mag ihn sehr und ich freute mich, ihn in der Konstellation Akustikgitarre und Keyboard zu h\u00f6ren. Es funktionierte pr\u00e4chtig, genauso wie das anschlie\u00dfende \u201eToxic\u201c. Der Song war der erste musikalische H\u00f6hepunkt, \u201eI read a lot\u201c der n\u00e4chste.<br \/>\nSoweit \u2018alles tutti\u2018, wie <strong>Jochen Distelmeyer<\/strong> sagen w\u00fcrde. (Er benutzt in seinen Ansagen viele Worte der 1980er Jugendsprache.)<br \/>\nDass Cover aber auch gr\u00fcndlich danebengehen k\u00f6nnen, zeigten mir <strong>Warpaint<\/strong> vor zwei Jahren. Auf einem Konzert spielten sie eine der schlechtesten Coverversionen, die ich je geh\u00f6rt habe. Ich habe Gott sei Dank vergessen oder verdr\u00e4ngt, um welchen Song es sich handelte. Der \u201ePyramid Song\u201c von <strong>Jochen Distelmeyer<\/strong> &#8211; in Anschluss an \u201eToxic\u201c &#8211; ist leider nicht weit von der <strong>Warpaint<\/strong> Leistung entfernt. Ja, Coverversionen k\u00f6nnen auch daneben geraten. Zusammen mit Avicii\u2018s \u201eI could be the one\u201c war es aber der einzige Ausrei\u00dfer nach unten. Klappte der \u201ePyramid Song\u201c nicht, weil einfach Distelmeyers Stimme und die Akustikgitarre nicht zum Song passten, so klappte \u201eI could be the one nicht\u201c, weil der Song einfach zu schlecht ist, um nur mit der Gitarre zu funktionieren. Ein langer Instrumentalteil tat da sein \u00fcbriges. Das war schwere Kost.<br \/>\nNicht ganz so gro\u00dfartig fand ich auch das Ende des Sets. Ob man \u201eBitter sweet symphony\u201c unbedingt covern muss, ich wei\u00df es nicht. Mir ist der Song zu abgenudelt und verbraucht. Ich kenne aber die Motivation dahinter nicht. Sicher gibt es einen guten Grund, genau diesen Song ausgew\u00e4hlt zu haben. Ein bisschen willk\u00fcrlich kam mir die Schlussgerade des Konzertes mit eben <strong>The Verve<\/strong> und <strong>Al Green\u2019s<\/strong> \u201eLet\u2019s stay together\u201c aber schon vor.<\/p>\n<p>Davor jedoch war es gro\u00dfartiger. Meine Lieblinge waren \u201eToxic\u201c (da sang das Publikum gerne den Refrain mit), \u201eKiller\u201c (ach wie liebe ich diesen Song, ach wie lange habe ich ihn nicht mehr geh\u00f6rt), \u201eVideo games\u201c und das mir v\u00f6llig unbekannte St\u00fcck \u201eI read a lot\u201c von <strong>Nick Lowe<\/strong>. Hier passte alles: <strong>Distelmeyers<\/strong> Stimme, die sp\u00e4rliche Instrumentierung. Genau das, was ich bei \u201ePyramid song\u201c vermisst habe.<\/p>\n<p><strong>Jochen Distelmeyer<\/strong> moderierte die Songs kurz an oder ab. Wohlformuliert und in vielen Nebens\u00e4tzen. Ganz so, als ob er aus einer alten Spex-Zeitschrift vorliest. Ein guter Service. Das Gr\u00fcbeln dar\u00fcber, von wem ich was h\u00f6re, blieb mir so erspart. Denn ja, kennen w\u00fcrde ich vielleicht die meisten Songs im Original, aber Titel und Bandzuordnung w\u00e4ren bei meinem l\u00f6chrigen Ged\u00e4chtnis schwierig. So blieben mir meine gedanklichen Fragen wie \u2018von wem ist das noch mal\u2018 und \u2018wie hei\u00dft das nochmal\u2018 Gott sei Dank erspart.<\/p>\n<p>Erst mit der Zugabe gab es eigenes Songmaterial: \u201eTausend Tr\u00e4nen tief\u201c, \u201eIch &#8211; wie es wirklich war\u201c, \u201eWir sind frei\u201c und \u201eKommst du mit in den Alltag\u201c. Ich fand diese Trennung okay.<br \/>\nNach dieser ersten Zugabe gab es eine zweite. Jetzt durchmischt: \u201eApril\u201c (aus der <strong>Blumfeld<\/strong> \u00c4ra) und zwei weitere Coverversionen. \u201eFree as a bird\u201c, von <strong>John Lennon<\/strong> geschrieben und von <strong>Paul McCartney<\/strong> verfeinert, bildete den Schlusspunkt eines guten und sch\u00f6nen Konzertes.<br \/>\nAls das Licht angeht erschallt <strong>Pulps<\/strong> \u201eHelp the aged\u201c. Ein Schelm, wer b\u00f6ses dabei denkt.<\/p>\n<p><strong>Kontextkonzert:<br \/>\n<\/strong><a href=\"https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/jochen-distelmeyer-koln-25-10-2010\/\">Jochen Distelmeyer \u2013 K\u00f6ln, 25.10.2010 \/ Geb\u00e4ude 9<\/a><strong><br \/>\n<\/strong><a href=\"https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/blumfeld-koeln-27-08-2014\/\" target=\"_blank\">Blumfeld \u2013 K\u00f6ln, 27.08.2014 \/ Live Music Hall<\/a><strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jeder hat bestimmt Songs, Platten, Bands, die er mit einer Zeit seines Lebens in Verbindung bringen kann und die einen in einem bestimmten Lebensabschnitt gepr\u00e4gt haben. Auf welche Art und Weise auch immer. 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