{"id":7450,"date":"2016-02-23T18:17:53","date_gmt":"2016-02-23T17:17:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/?p=7450"},"modified":"2016-02-23T18:20:52","modified_gmt":"2016-02-23T17:20:52","slug":"grimes-koeln-21-02-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/grimes-koeln-21-02-2016\/","title":{"rendered":"Grimes &#8211; K\u00f6ln, 21.02.2016"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ort:<\/strong> Live Music Hall, K\u00f6ln<br \/>\n<strong>Vorband:<\/strong> HANA<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-7452\" src=\"https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/1-2.jpg\" alt=\"Grimes\" width=\"1000\" height=\"562\" srcset=\"https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/1-2.jpg 1000w, https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/1-2-520x292.jpg 520w\" sizes=\"(max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/p>\n<p>Die beiden ersten Alben der Musikerin <strong>Claire Boucher<\/strong> lungern irgendwo auf meiner Festplatte. Als ich am Nachmittag <em>Visions<\/em> und <em>Halfaxa<\/em> h\u00f6re, erkenne ich keinen Song wieder. Im Gegenteil. Gerade die schwer eing\u00e4nglichen Songs des Deb\u00fctalbums verwirren mich. <strong>Grimes<\/strong> hatte ich anders in Erinnerung, vielleicht etwas poppiger, nicht so experimentell verfrickelt.<br \/>\nIch h\u00e4tte die noch sehr junge Kanadierin fast einmal live gesehen, auf irgendeinem Primavera vor ein paar Jahren, als die Pitchfork B\u00fchne noch rechtwinklig zum Meer stand und noch nicht zu der Gr\u00f6\u00dfenordnung der letzten Jahre herangewachsen war. Gereicht hat es damals nur deswegen nicht, weil zeitgleich die <strong>Afghan Whigs<\/strong> spielten. Egal, <strong>Claire Boucher<\/strong> hat ein neues Album am Start und ist in den letzten Monaten so etwas wie der neue Feuilletonliebling geworden. Oder endg\u00fcltig geworden, wenn sie es bis dato noch nicht war. <em>Art Angels<\/em> scheint das absolute Konsensalbum zu sein.<br \/>\n\u00dcberraschenderweise war ihr Konzert in K\u00f6ln dennoch nicht ausverlauft. Ich hatte nachmittags noch genauer dar\u00fcber nachgedacht, wie fr\u00fch bzw. wie sp\u00e4t ich losfahren m\u00fcsste, um p\u00fcnktlich in der Live Music Hall zu sein. Der Sonntagsblues, ein langer Abend zuvor, all das treibt mich nicht zwingend nach drau\u00dfen. Ich entschied daher, nicht vor acht Uhr vor Ort zu sein. Das gelang und als ich die Halle betrat, spielte, oder soll ich besser sagen, performte <strong>HANA<\/strong> ihren ersten Song.<br \/>\n<strong>HANA<\/strong> ist Teil der \u201eGrimesband\u201c, sie spielt sp\u00e4ter am Abend noch zeitweise Gitarre, Airdrums oder Keyboard. <strong>HANA<\/strong> ist aber auch S\u00e4ngerin und Musikerin, die in ein paar Wochen ihre Deb\u00fct-EP ver\u00f6ffentlichen wird. \u201eClay\u201c hei\u00dft ihr erster kleiner Hit, musikalisch koordiniert zwischen <strong>Kelela<\/strong>, <strong>Lana del Rey<\/strong> und <strong>Telepathe<\/strong>. Auf der B\u00fchne steht jetzt schon nur eine Keyboard-Kn\u00f6pfchendreh-Soundmaschine. Vielmehr wird es den restlichen Abend nicht, auch <strong>Grimes<\/strong> braucht nur so ein Ding, bzw. zwei davon.<br \/>\n<strong>HANA<\/strong> covert die <strong>Eurythmics<\/strong>, was sch\u00f6n ist. Ihre Stimme ist \u00e4hnlich der von <strong>Any Lennox<\/strong>. So erh\u00e4lt das stark verlangsamte und verelektronisierte \u201eHere comes the rain again\u201c seinen Wiedererkennungswert, auch wenn es einige Sek\u00fcndchen dauert, bis ich es tats\u00e4chlich heraush\u00f6re. Na, der Refrain macht\u2019s. Wie so oft.<\/p>\n<blockquote><p>So baby talk to me. Like lovers do. Walk with me. Like lovers do. Talk to me. Like lovers do.<\/p><\/blockquote>\n<p>Wer in den 1980er Jahren aufgewachsen ist und Radio h\u00f6ren durfte, kann diese Textzeilen nicht vergessen. Auch wenn es mit der Liedtitelzuordnung etwas hapert. Spontan kam er mir nicht in den Sinn. Aber daf\u00fcr gibt es ja das Internet. \u201eHere comes the rain again\u201c. Wonach ich in der Umbaupause noch verzweifelt suchte, sp\u00e4ter am Abend fiel mir der Songtitel wieder ein.<br \/>\nDie Umbaupause war nebenbei bemerkt besonders. Zum einen, weil ich noch nie so viele Leute gesehen habe, die verzweifelt Shazam bem\u00fcht haben, um herauszufinden, was da gerade gespielt wird. (Ich war \u00fcbrigens auch einer von den Verzweifelten). Zum anderen der Grund des Shazamens. Denn nein, es war keine exquisite Tracklist mit alten, irgendwie bekannten St\u00fccken, deren Titel man aber nie kannte oder immer vergisst. Es lief Klassik. Ununterbrochen, nonstop. Und Shazam versagte. Nicht nur bei mir. Jetzt w\u00e4re eine Klassik App nicht schlecht, oder jemand, der mir sagte, was ich da h\u00f6re. Ich h\u00f6re hochstimmigen Frauengesang, viel Spinett, leichte Melodien. Wer k\u00f6nnte das komponiert haben? \u00dcber alles legt sich mein Mantel der Unkenntnis. Ich bin zu ungebildet, um das genauer zuzuordnen oder gar zu kennen. <strong>Wagner<\/strong> schlie\u00dfe ich aus, <strong>Chopin<\/strong> auch. Warum, kann ich nicht sagen, ist nur so ein Gef\u00fchl.<\/p>\n<p>Und dann kam <strong>Grimes<\/strong>. Und nach einer Stunde ging sie wieder. Alles, was dazwischen lag, war hervorragend, so \u00fcberraschend gut und so auf den Punkt, dass ich vollkommen begeistert bin. Erster Eindruck: ganz sch\u00f6n d\u00fcnn dieses M\u00e4dchen. Zweiter Eindruck: Wow, <strong>Milli Vanilli<\/strong> als Backgroundt\u00e4nzer.<br \/>\nUnd dann setzt der Beat ein und dann beginnt ein gro\u00dfes Tohuwabohu, ein Gerenne und Gekreische, ein H\u00fcpfen und ein Springen. H\u00fcpfen kann <strong>Claire Boucher<\/strong> sehr gut, unerm\u00fcdlich macht sie das, wenn sie nicht gerade an den Kn\u00f6pfchen an der Soundmaschine dreht. Zwischendurch muss sie ihre Tanzeinlagen immer wieder unterbrechen, um den Sound ins n\u00e4chste Pitchlevel zu beamen. Denn ja, <strong>Grimes<\/strong> macht alles selbst. Sie ist ihr eigener DJ, sie ist die ein-Frau-Show. Nicht nur auf der B\u00fchne, schlie\u00dflich schreibt und produziert die Kanadierin ihre Songs selbst.<\/p>\n<blockquote><p>Das Konzert ist ADHS als B\u00fchnenshow, ein irrer Spa\u00df.<\/p><\/blockquote>\n<p>Der, der diese Zeilen geschrieben hat, wei\u00df Bescheid. 60 Minuten kommt hier niemand zum Luft holen. Z\u00fcgig schwappt der Bewegungsdrang der S\u00e4ngerin auf das Publikum hin\u00fcber. Jetzt bin ich froh, dass die Live Music Hall nicht ausverkauft ist. Es findet sich Platz zum austoben. Nicht nur vor, sondern auch auf der B\u00fchne. Dort steht n\u00e4mlich nur ein Podest, auf dem zwei Soundmaschinen installiert sind. Mehr nicht. Die vier der Grimesband haben also gen\u00fcgend Platz, ihre rhythmischen Sportgymnastikb\u00e4nder durch die Luft zu wirbeln, mit den Leuchtdegen rumzufuchteln, Purzelb\u00e4ume und anderen Tanzkram zu veranstalten. <strong>Claire Boucher<\/strong> ist immer mittendrin. Nur selten steht sie ruhig am B\u00fchnenrand.<br \/>\nW\u00e4re ich Modeblogger k\u00f6nnte ich mich noch \u00fcber die Camouflageleggings, die rosa Schwei\u00dfb\u00e4nder, die Haarschleife und das \u00fcbergro\u00dfe T-Shirt berichten. (Dass <strong>HANA<\/strong> ihr wallendes Oberteil abgelegt hat und nun aussieht wie Lara Croft passt hundertprozentig in diese 1980\/90er Jahre Modenschau). Aber ich bin kein Blogger. Stattdessen kommen mir folgende Dinge in den Sinn: <strong>Nena<\/strong>, J-Pop, <strong>Ellie Goulding<\/strong>. Denn ja, in den ein, zwei ruhigen Trackpassagen des Abends erinnert mich <strong>Grimes<\/strong> Gesang an <strong>Ellie Golding<\/strong>.<br \/>\nEinmal h\u00e4ngt sie sich die Gitarre um: \u201eFlesh without Blood\u201c wird aber dadurch keine Rocknummer. Der 1990er-Technokitsch gilt nach wie vor. Das \u00e4ndert sich auch nicht, als sie kurz vor Schluss &#8222;Ave Maria\u201c a capella singt. Der Bogen zur Umbaupausenmusik ist damit gespannt. Zufall oder nicht.<br \/>\nIm Konzert dominieren Songs des aktuellen Albums: \u201eRealiti\u201c, \u201eLife in the vivid dream\u201c, \u201eVenus fly\u201c, \u201eLaughing and not being normal\u201c (gleichwohl auch das heimliche Konzertmotto), \u201eScream\u201c, alles setzt sie in den \u00dcbermodus.<\/p>\n<blockquote><p>Die B\u00e4sse lassen die Halle erzittern, die Beats stampfen energisch und selbstbewusst auf, und Grimes singt, tanzt und lacht als w\u00e4re sie Britney Spears auf Speed, Minnie Mouse auf Helium, die kleine Schwester von Pippi Langstrumpf, Twiggy und Cyndi Lauper im Krawallmodus.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Stuttgarter Nachrichten haben recht!<br \/>\nUnd w\u00e4hrend ich so dastehe und mich frage, wie lange die Frau das durchh\u00e4lt, ist das Konzert vorbei. \u201eKill vs. Maim\u201c darf jedoch nicht fehlen. Es sei ihre Lieblingsnummer, sagt <strong>Grimes<\/strong>. Aber sie hasse Zugaben und das ganze hin- und her. Daher gebe sie keine und spiele \u201eKill vs. Maim\u201c jetzt direkt. Auch diesen Vortag beendet sie mit \u2018blablabla\u2018, so wie alle Ansagen zuvor. Ihre Stimme ist dabei jedesmal kieksig, hochgepitched, \u00fcberschlagen. In Verbindung mit ihrer Atemlosigkeit klingt sie wie ein kleines Kind, das einem nach einem Spurtrennen irgendetwas erz\u00e4hlen m\u00f6chte, was keinen Aufschub vertr\u00e4gt. Genauso wie scheinbar der n\u00e4chste Track keinen Zeitaufschub duldet. Schon springt sie wieder von ihrem Podest nach vorne, klatscht H\u00e4nde ab, spurtet nach hinten zur Soundmaschine, um den n\u00e4chsten Beat reinzudrehen, und wieder nach vorn.<br \/>\nWow, war das gro\u00dfartig!<\/p>\n<p><strong>Kontextkonzert:<\/strong><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/primavera-sound-festival-barcelona-31-05-2012\/\" target=\"_blank\">Primavera Sound Festival &#8211; Barcelona, 31.05.2012<\/a><\/p>\n<p><strong>Multimedia:<\/strong><\/p>\n<p class=\"responsive-video-wrap clr\"><iframe width=\"1200\" height=\"675\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/iUyyf2avX2Q?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; encrypted-media\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die beiden ersten Alben der Musikerin Claire Boucher lungern irgendwo auf meiner Festplatte. Als ich am Nachmittag Visions und Halfaxa h\u00f6re, erkenne ich keinen Song wieder. Im Gegenteil. 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