{"id":7211,"date":"2015-10-25T13:46:17","date_gmt":"2015-10-25T12:46:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/?p=7211"},"modified":"2015-10-25T13:52:13","modified_gmt":"2015-10-25T12:52:13","slug":"die-nerven-bonn-22-10-2015","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/die-nerven-bonn-22-10-2015\/","title":{"rendered":"Die Nerven &#8211; Bonn, 22.10.2015"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ort:<\/strong> Harmonie, Bonn<br \/>\n<strong>Vorband:<\/strong> The sun and the wolf<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-7213\" src=\"https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/13.jpg\" alt=\"Die Nerven\" width=\"1000\" height=\"562\" srcset=\"https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/13.jpg 1000w, https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/13-520x292.jpg 520w\" sizes=\"(max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/p>\n<p>&#8222;Scheiss auf deutsche Texte&#8220;, ein Song von <strong>den Sternen<\/strong> aus dem Jahr 1996. Seinerzeit und in den Jahren zuvor war es in Popkreisen eher die Ausnahme, auf deutsch zu singen. Erst als der Underground Overground wurde und der HipHop immer wichtiger, wurden die Charts von deutschsingenden Bands erklommen. Eine Diskussion \u00fcber eine Quotenregelung im \u00f6ffentlich-rechtlichen Radio \u2013 wie man sie Anfang der 1990er Jahren diskutierte und forderte \u2013 wurde hinf\u00e4llig. <strong>Fettes Brot<\/strong>, <strong>Die fantastischen Vier<\/strong>, <strong>Blumfeld<\/strong>, <strong>Tocotronic<\/strong>, <strong>Tomte<\/strong> waren der Anfang, sp\u00e4ter folgte eine ganze Reihe weiterer Bands. Heutzutage ist das mit der Sprache kein Thema mehr. Ich fand es eh eine komische Diskussion. Die Sprache ist doch ziemlich egal, Hauptsache die Musik stimmt.<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Du hast ja eben hoffentlich bemerkt, wovon die Rede war&#8220;, fragte der Mann in der Bar<br \/>\nw\u00e4hrend er f\u00fcr einen Freund simultan \u00fcbersetzte. Ich sagte dazu &#8222;Alles klar&#8220;.<br \/>\nUnd ich schei\u00df auf deutsche Texte.<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Die Nerven<\/strong> und <strong>Messer<\/strong> waren meine muttersprachlichen Bandentdeckungen der letzten beiden Jahre. Postpunk, Gitarren. Das ist immer gut. Die beiden Alben <em>Fun<\/em> und <em>Die Unsichtbaren<\/em> h\u00f6rte ich verdammt oft, es waren mir treue Begleiter bei meinen sonnt\u00e4glichen Waldl\u00e4ufen. Diese Hibbeligkeit, dieses nach-vorne gehen passte und passt einfach zur sportlichen Aktivit\u00e4t. \u201eAlbtraum\u201c, \u201eH\u00f6rst du mir zu\u201c, \u201eNeonlicht\u201c und \u201eAngeschossen\u201c sind irgendwie Zeitgeist. <strong>Die Nerven<\/strong> und <strong>Messer<\/strong> sind in ihrer Herangehensweise unterschiedlich, ihre Songs arg anders, aber Gemeinsamkeiten sind vorhanden. Dass beide Alben auf dem gleichen Label ver\u00f6ffentlicht wurden, ist sicher kein Zufall. Bei <strong>Messer<\/strong> bin ich gerade nicht auf dem aktuellen Stand der Dinge, <strong>die Nerven<\/strong> haben mittlerweile ein Nachfolgealbum ver\u00f6ffentlicht. <em>Out<\/em>. Und ich bin begeistert!<\/p>\n<p>Vor vier Tagen h\u00f6rte ich <em>Out<\/em> im Stream. Mal kurz reinskippen, w\u00e4hrend ich am Rechner noch Emails checke und umhersurfe. Doch alle Nebent\u00e4tigkeiten konnte ich direkt einstellen. Gleich der erste Song \u201eDie Unschuld in Person\u201c fesselte mich, er zwang mich gar, richtig zuzuh\u00f6ren. \u201eDie Unschuld in Person\u201c ist ein Knaller. Die n\u00e4chsten 40 Minuten sa\u00df ich vor dem Rechner, obwohl ich besseres zu tun hatte. Ungeduldig wartete ich auf den n\u00e4chsten Song, ich war auf jeden einzelnen gespannt. Wie wird er klingen, was wird er bringen. Ich konnte es kaum abwarten, bis ein Lied endete und das n\u00e4chste begann. Ich musste wissen, wie das Album weitergeht. Vorspulen war nicht, denn jeder einzelne Song ist einfach zu gut ist, um ihn abzuw\u00fcrgen. Was war hier los? Was ist dieses <em>Out<\/em> f\u00fcr ein Album! Mittlerweile bin ich mir sicher, es ist eines der Alben des Jahres.<br \/>\nIch muss lange nachdenken, bis mir einf\u00e4llt, wann mir das zum letzten Mal mit einer Platte passiert ist: Ausharren und ungeduldig auf den n\u00e4chsten Song warten.<br \/>\nTja, zwei gute Alben en bloc, da warte ich ungeduldig auf einen Liveeindruck. Letztes Jahr im Dezember fiel er dem WeekendFest zum Opfer, im Sommer hatte ich dann von jetzt auf gleich keine Lust mehr auf den eingeplanten Phonopop Besuch. Als nun die ersten Tourdaten auch das Geb\u00e4ude 9 ins Spiel brachten, war klar: hingehen. Als ich dann vor vier Tagen noch von dem Bonn Termin im Rahmen des Rockpalast Crossroads Festivals erfuhr, war unter dem frischen H\u00f6reindruck des neuen Albums auch klar: Hingehen.<br \/>\nWas mir beim Album h\u00f6ren sofort in den Sinn kam, war <strong>Blumfelds<\/strong> <em>Ich-Maschine<\/em>. Nicht nur die Retro Gitarre in \u201eDie Unschuld in Person\u201c klingt nach Blumfelds fr\u00fchen Sachen. Immer wieder h\u00f6re und habe ich diese Assoziation, sie setzt sich bei fast allen Songs des Albums durch. Live ist das irgendwie anders. Da habe ich sie zu keinem Zeitpunkt gesp\u00fcrt und h\u00e4tte ich vorher nicht <em>Out<\/em> geh\u00f6rt, ich w\u00e4re nie auf die Idee gekommen, diesen Vergleich heranzuziehen.<\/p>\n<p>Mit \u201eDie Unschuld in Person\u201c und \u201eAlbtraum\u201c, er\u00f6ffnen <strong>Julian Knoth<\/strong>, <strong>Max Rieger<\/strong> und <strong>Kevin Kuhn<\/strong> das Konzert und es scheint so, als w\u00e4re alles klar. Kurz und knackig, heftig und \u201apunkrockig\u2018 (mir f\u00e4llt nix besseres als Umschreibung ein) sind die ersten Minuten.<br \/>\nDoch wenige Augenblicke sp\u00e4ter ist nichts klar. Song drei oder vier ist \u00fcberraschend lang; monoton spielen <strong>die Nerven<\/strong> unendlich lang den Gitarrenpart, stehen dabei wie angewurzelt und blicken leer \u00fcber das Publikum hinweg in die Ferne. Act like <strong>Joy Division<\/strong>, m\u00f6chte ich sagen. Auch wenn wir die britische Band live nie erlebt haben, irgendwie habe ich das Gef\u00fchl, ein <strong>Joy Division<\/strong> Konzert w\u00e4re so wie diese Minuten des <strong>Nerven<\/strong> Konzerts. Musikalisch als auch visuell.<br \/>\nUnd ach ja, das Publikum. Es ist das falsche. <strong>Die Nerven<\/strong> ersetzen an diesem Abend, dem zweiten des Crossroads Rockpalast Festivals, eine andere Band, die ihr Konzert leider absagen musste. Und sie sind am falschen Ort. Der Rockpalast und gerade das Crossroads stehen f\u00fcr bodenst\u00e4ndigen Rock, Bluesrock, Gitarrensoli und Musiker, die Schieberm\u00fctzen tragen. Das Publikum ist entsprechend gepolt, durchschnittlich mittelalt und musikalisch eher den <strong>Stones<\/strong>, <strong>Deep purple<\/strong>, <strong>Black Rebel Motorcycle Club<\/strong> (BRMC) und \u00e4hnlichen Konsorten n\u00e4herstehend als etwa Postpunk. Vor einigen Jahren sah ich hier <strong>\u2026and you will know us by the trail of dead<\/strong>, die hatten es auch schwer und damals wie heute sprang der Funke zwischen Band und Publikum nie \u00fcber.<br \/>\nKlar, man hatte in die Band \u201avorher mal kurz reingeh\u00f6rt\u2018, so wie in alle anderen Sachen auch, die man in den n\u00e4chsten Tagen hier sieht. Das Crossroads ist eine dieser Veranstaltungen, zu denen man geht, weil der Laden sch\u00f6n ist, das ein Rockpalast Ding ist und weil man sich als musikinteressierter Mensch doch gerne mal an vier Abenden f\u00fcr je drei Stunden zwei neue, unbekannte Bands anguckt. Es ist eine Musikveranstaltung mit Menschen, die sich w\u00e4hrend der Umbaupause eher \u00fcber <strong>Rage against the machine<\/strong> Alben unterhalten als \u00fcber <strong>Fugazi<\/strong>. Eine Fanveranstaltung ist das nicht, was hier stattfindet. Sicher, zwei H\u00e4nde voll sind genau wegen den Nerven hier, aber sie rei\u00dfen es nicht raus. Die Atmosph\u00e4re erinnert mich an diese SWF3 New Pop Veranstaltungen, in die ich auf 3sat immer mal wieder kurz aus Versehen reinzappe: fein in Szene gesetzt, perfekter Sound, aber auf diese Art und Weise steril wie ein OP Saal. Die Stimmung in der Harmonie ist komisch, und <strong>die Nerven<\/strong> tun gut daran, den einen oder anderen Song ineinander \u00fcbergehen zu lassen.<\/p>\n<p>Nach dem famosen Auftakt wird das Konzert ruhiger. Spielen sie die Songs l\u00e4nger als auf Platte? Es kommt mir so vor, Immer wieder h\u00f6re ich lange Gitarrenparts. Das nimmt zwar viel von der Dynamik und von der Hibelligkeit der Plattenaufnahme, hat aber seinen Charme. \u201eH\u00f6rst Du mir zu?\u201c wird unendlich sch\u00f6n gedehnt. W\u00e4re das Konzert nach diesen ersten drei, vier Songs vorbei, es h\u00e4tte und es w\u00e4re alles \u00fcber die Nerven gesagt. Aber es ist noch nicht vorbei.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDie Nerven sind das Beste, das ich gesehen habe, seit die Pixies auf ihrer ersten Tour im Vorprogramm von My Bloody Valentine spielten\u201c.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das sagt <strong>John Bramwell<\/strong>, der S\u00e4nger von <strong>I am Kloot<\/strong>. Das la\u00df\u2018 ich mal so stehen. <strong>Die Nerven<\/strong> sagen nachher, dass sie vor dem Konzert sehr nerv\u00f6s gewesen seien. Das merke ich ihnen nicht an, das Set wirkt einge\u00fcbt und die Band eingespielt. \u201eBarfu\u00df durch die Scherben\u201c mit seinem sich anschleichenden Tanzfl\u00e4chenbeat h\u00e4lt das Tempo moderat bei. Das Konzert entwickelt sich wirklich nicht zu dieser heftigen Auseinandersetzung, die ich erwartet habe. Beispielhaft entdecke ich hierf\u00fcr das nicht geschriene sondern gefl\u00fcsterte &#8218;wie ohrenbet\u00e4ubend muss ich noch werden&#8216; in \u201eNie wieder scheitern\u201c. Die Songs bleiben auf dem Boden, die L\u00e4rmausbr\u00fcche beschr\u00e4nken sich auf wenige Augenblicke.<br \/>\nSie spielen das <strong>Joy Division<\/strong> Cover \u201eNo love lost\u201c monoton und unaufgeregt. Schlagzeuger <strong>Kevin Kuhn<\/strong> singt einige Textpasssagen so schief und schr\u00e4g, wie ich in einer Karaokebude <strong>Oasis<\/strong>\u2018 &#8222;Wonderwall&#8220;. Beides klingt nicht gut, st\u00f6rt aber im jeweiligen Umfeld nicht. Ich h\u00e4tte mir lieber ein anders Cover gew\u00fcnscht: \u201eEin Stern, der deinen Namen tr\u00e4gt\u201c von <strong>DJ \u00d6tzi<\/strong>. Ich wette, dass h\u00e4tte niemand in der Harmonie erkannt.<br \/>\n<strong>Die Nerven<\/strong> \u00fcberzeugen mich. Das Konzert ist rund, es macht Spa\u00df. \u201eDer letzte Tanzende\u201c nach dem <strong>Joy Division<\/strong> Ding setzt den vorletzten H\u00f6hepunkt, \u201eNie wieder scheitern\u201c den letzten.<br \/>\n<strong>Die Nerven<\/strong> sind hier und jetzt nicht gescheitert. Es bleibt Gef\u00fchl, dass die Band an einem wichtigen Punkt ihrer Karriere angekommen ist. Wenn es gut l\u00e4uft, und die L\u00e4den der anstehenden Tour voll sind, werden das bestimmt die letzten kleinen Konzerte der Nerven gewesen sein. Zu w\u00fcnschen w\u00e4re es ihnen.<\/p>\n<p>Die Band ist toll, und live eine Wucht. <strong>John Bramwell<\/strong> hat Recht!<\/p>\n<p>Wenn w\u00e4hrend des Konzertes der Band <strong>The sun and the wolf<\/strong> der Barkeeper immer und immer wieder die Bierdeckel rechtwinklig auf dem Tresen ausrichtet und in 4&#215;7 Matrizen verlegt, dann scheint ihm das Drumherum und die Musik nicht sonderlich nahezugehen. Und ich sag mal so, er war damit nicht allein.<br \/>\n<strong>The sun and the wolf<\/strong> mit Altherrenrock zu deklarieren ist vielleicht unfair, aber irgendwie ist das nun mal. Nicht mein paar Schuhe. F\u00fcr viele im Publikum aber waren <strong>The sun and the wolf<\/strong> die bessere Band an diesem Abend.<\/p>\n<p>Ich schaue mir <strong>die Nerven<\/strong> im Dezember noch einmal live an. Im Geb\u00e4ude 9, vielleicht (noch) ihre nat\u00fcrlicherere Umgebung.<\/p>\n<p><strong>Setlist:<\/strong><br \/>\n01. Die Unschuld in Person<br \/>\n02. Albtraum<br \/>\n03. H\u00f6rst Du mir zu?<br \/>\n04. Barfu\u00df durch die Scherben<br \/>\n05. Irgendwann geht&#8217;s zur\u00fcck<br \/>\n06. Blaue Flecken<br \/>\n07. Jugend ohne Geld<br \/>\n08. Dreck<br \/>\n09. Gerade deswegen<br \/>\n10. No Love Lost<br \/>\n11. Der letzte Tanzende<br \/>\n12. Morgen breche ich aus<br \/>\n13. Angst<br \/>\n14. Nie wieder scheitern<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201cScheiss auf deutsche Texte\u201d, ein Song von den Sternen aus dem Jahr 1996. Seinerzeit und in den Jahren zuvor war es in Popkreisen eher die Ausnahme, auf deutsch zu singen. Erst als der Underground Overground wurde und der HipHop immer wichtiger, wurden die Charts von deutschsingenden Bands erklommen. 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