{"id":3704,"date":"2012-02-04T20:38:05","date_gmt":"2012-02-04T19:38:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/?p=3704"},"modified":"2012-02-04T20:38:43","modified_gmt":"2012-02-04T19:38:43","slug":"die-sterne-bochum-03-02-2012","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/die-sterne-bochum-03-02-2012\/","title":{"rendered":"Die Sterne &#8211; Bochum, 03.02.2012"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ort:<\/strong> Kulturbahnhof Langendreer, Bochum<br \/>\n<strong>Vorband:<\/strong> &#8211;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"aligcenter\" src=\"http:\/\/farm8.staticflickr.com\/7010\/6816529859_fbfac1caf8_o.jpg\" alt=\"Die Sterne\" width=\"670\" height=\"377\" \/><\/p>\n<p>Dieser fehlende Schneidezahn lie\u00df mir lange Zeit keine Ruhe. Hatte meine L\u00fcner Kieferorthop\u00e4dien damals nicht immer gesagt, dass man mit schiefen (oder gar keinen Z\u00e4hnen) nie im Fernsehen auftreten und bekannt wird \u2013 von ber\u00fchmt erst gar nicht zu reden. Und so wurden mir alle Zahnspangenvariationen aufgezwungen: lose Spange, Spange mit Kopfgurt, feste Klammer. Scheinbar wollten meine Eltern, dass ich mal im Fernsehen auftrete, ich wollte das nie. Aber als Kind hat man die ung\u00fcnstigere Ausgangsposition. Und wozu das ganze Malheur? Geholfen hat die Qu\u00e4lerei nur bedingt, aber meine Leichtgl\u00e4ubigkeit Zahn\u00e4rzten gegen\u00fcber ist seit dieser Zeit fast auf den Nullpunkt gesunken.<br \/>\nUnd \u00fcberhaupt: Mit schlechten Z\u00e4hnen wird man nicht ber\u00fchmt! Wem als Antwort Frank Spilker nicht reicht (was ich durchaus verstehen k\u00f6nnte, denn die Sterne waren lange nicht im Fernsehen) dem rufe ich \u201eSteve Buscemi\u201c entgegen. Und damit ist das Thema durch und die \u00dcbersch\u00e4tztheit kieferorthop\u00e4disch korrekter Z\u00e4hne bewiesen. Aber sp\u00e4testens mit der gro\u00dfen Verbreitung von Stevia als Zuckerersatz bekommen Zahn\u00e4rzte sowieso ein Kundenproblem. Also genug der Sticheleien.<br \/>\n\u201eEr hat immer Hunger, er muss immer essen\u201c, meine Lieblingszeile von den Sternen und zugleich mein erster Sternekontakt. \u201eUniversal Tellerw\u00e4scher\u201c auf irgendeinem Kassettensampler. Lange ist das her, vielleicht 20 Jahre. In diesem Jahr werden die Sterne 20, so lese ich.<\/p>\n<blockquote><p>Begonnen hat die Geschichte im ostwestf\u00e4lischen Provinznest Bad Salzuflen. Ende der Achziger ver\u00f6ffentlicht dort das Label &#8222;Fast Weltweit&#8220; diverse Singles und Cassetten-Sampler. Aus diesem Umfeld stammen auch Jochen Distelmeyer (Blumfeld), Bernd Begemann und eben Frank Spilker. Der nennt seine zu der Zeit in wechselnder Besetzung auftretende Band Die Sterne.<br \/>\n1991 zieht Spilker nach Hamburg, lernt dort die anderen Bandmitglieder kennen und seitdem gibt es die Sterne, wie wir sie kennen. Nach ein paar Gigs als Serge-Gainsbourg-Coverband erscheinen erste Singles und Sampler-Beitr\u00e4ge bei L&#8217;Age D&#8217;Or. (laut)<\/p><\/blockquote>\n<p><!--more-->Zur Feier hat die Band ein Album, besser eine EP mit alten St\u00fccken neu aufgenommen. Ein Best-of aus den ersten Tagen plus zwei Coverversionen. \u201eSterne f\u00fcr Anf\u00e4nger\u201c.<br \/>\nIn den 90ern waren die Sterne Teil der sogenannten Hamburger Schule, ein unsinniger Sammelbegriff f\u00fcr Bands, die deutschsprachige Popmusik abseits des Schlagers machten. Logisch, dass die Sterne dazugeh\u00f6rten, genauso wie Tocotronic und Blumfeld lebten und agierten sie in Hamburg und wurden die Aush\u00e4ngeschilder des deutschen Seattles.<\/p>\n<blockquote><p>Bald z\u00e4hlte man auch andere deutschsprachige Bands aus anderen Teilen des Landes zur Hamburger Schule. Es entstand zum Beispiel die \u201eHamburg-Ostwestfalen-Verbindung\u201c: In Bad Salzuflen (Lippe) hatte sich eine eigene Szene deutschsprachiger Musik gebildet, aus der das Label Fast Weltweit entstanden ist. Zu den Gr\u00fcndern geh\u00f6rten Frank Werner, Frank Spilker (Die Sterne), Michael Girke, Bernadette La Hengst (Die Braut haut ins Auge) und Jochen Distelmeyer (damals Bienenj\u00e4ger, sp\u00e4ter Blumfeld). Die Hamburgverbindung entstand durch Bernd Begemann, der, auch aus Bad Salzuflen stammend, als erster nach Hamburg zog um dort die Band Die Antwort zu gr\u00fcnden. Dadurch traten immer wieder Fast-Weltweit-Bands in Hamburg auf, bis viele der Musiker schlie\u00dflich selbst nach Hamburg zogen. Weitere Hamburger-Schule-Bands der ersten Generation stammen ebenfalls nicht aus Hamburg, wie Tilman Rossmys Die Regierung aus Essen, die Post-Funpunk Band Das neue Brot aus Emden, Mutter oder die M\u00fcnsteraner Band Nagorny Karabach. (wikipedia)<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich entdeckte die Sterne erst mit ihrem zweiten Album. Nat\u00fcrlich kannte ich \u201eUniversal Tellerw\u00e4scher\u201c (wer kannte es nicht?), aber um ehrlich zu sein war mir die Musik der Sterne immer zu \u201etanzbar\u201c und \u201efunky\u201c. Das lag mir damals nicht, es war mir zu weit weg vom Grunge und all dem SST Kram, den ich damals bevorzugt h\u00f6rte. F\u00fcr mich klangen die Sterne im Vergleich zu Blumfeld oder Tocotronic weniger rebellisch und wild (sie waren es nat\u00fcrlich nicht, ihre Sozialkritik war mindestens genauso hoch, sie schlug sich nur nicht im dramatischen Bass und lauten Gitarren nieder) und gerieten so ins Hintertreffen.<\/p>\n<blockquote><p>Die Sterne sind wohl die &#8222;funkigste&#8220; Band Deutschlands. Wie kam es zu diesem Sound?<br \/>\nNein, das stimmt nicht. Da w\u00fcrde man so richtigen Funk-Bands Unrecht tun, wie zum Beispiel den international bekannten und uns und Jan Delay in jeder Hinsicht \u00fcberlegenen Whitefield Brothers. Wir sind eher eine vor sich hin rumpelnde Postpunk-Band, aber das hat ja auch seinen Charme. Das dachten wir jedenfalls vor zwanzig Jahren schon und so ist es dazu gekommen. Es gab einfach ein gro\u00dfes Interesse an uns bis dahin weitgehend unbekannter Funk-Musik.<br \/>\n(Interview)<\/p><\/blockquote>\n<p>Mit \u201ePosen\u201c und \u201eVon allen Gedanken sch\u00e4tz ich doch am meisten die Interessanten\u201c (bester Albentitel des Jahres 1997) kam ich sp\u00e4ter zu den Sternen. \u201eWas hat dich bloss so ruiniert\u201c und \u201eIch scheiss auf deutsche Texte\u201c passten mir 1996 besser in den Kram als in den Jahren zuvor. Ich begann, die Sterne gut zu finden, auch weil ich dem Krach etwas abschwor und den ruhigeren Indiepop sch\u00e4tzen lernte. Und die Sterne geh\u00f6rten dazu. Im neuen Jahrtausend wurde es dann ruhig zwischen uns, die Sterne Disco-sierung der letzten Jahren lief komplett an mir vorbei. Erst vor drei Jahren kam mir die Band wieder ins Ged\u00e4chtnis zur\u00fcck. Ich sah die Dokumentation \u201eSterne\u201c im Fernsehen. \u201eAch, die gibt\u2019s ja auch noch!\u201c. In einem Sommer dann war ich sehr angetan von ihrem Auftritt auf dem Juicy Beats und war, auch und gerade von den neuen Songs. Seitdem bin ich wieder aufmerksamer, verfolge die Sterne etwas konzentrierter.<\/p>\n<p>Disco gab es auch gestern Abend im Bahnhof Langendreer. Und das nicht nur nach dem Konzert. Immer wenn Frank Spilker seine Gitarre ablegte, waren die Sterne bereit f\u00fcr ihre aktuellen Songs. Und er legte sie fr\u00fch zur Seite und nahm sie erst sp\u00e4t wieder auf. Die obligatorischen \u201eBig in Berlin\u201c (war nie mein Lieblingslied), \u201eUniversal Tellerw\u00e4scher\u201c (ist f\u00fcr immer mein Lieblingslied) und \u201eTrrmmrr\u201c kamen fr\u00fch, \u201eInseln\u201c und \u201eWas hat dich blo\u00df zu ruiniert\u201c gegen Ende des Konzertes. Dazwischen lag ein wundervoller und langer 24\/7 Teil. Wer es bisher nicht wusste dem zeigte sich nun die gesamte Wandlung des Sternesounds. Weniger Tanzrhythmen der 90er, mehr Keyboards und Disco Beats aus den 90ern. Oh ja, die Sterne haben sich gewandelt. \u201eConvienience Shop\u201c, \u201eLife in Quiz\u201c, \u201eNach fest kommt lose\u201c, \u201cDepressionen aus der H\u00f6lle\u201d, \u201eDeine Pl\u00e4ne\u201c bildeten den stimmungsvollen Discoschwerpunkt. Frank Spilker tanzt wie ein Schlacks eben tanzen kann, sympathisch unbeholfen. Ach es war toll. Die Sterne schaffen es so unglaublich gut, Disco zwar nach Disco klingen zu lassen aber dabei nie die Oberfl\u00e4chlichkeit eines Discosounds zu erreichen. Diese prangern sie h\u00f6chstens in ihren Texten an, musikalisch sind die mit Italo-Keyboard angereicherten Songs (\u201eLife in Quiz\u201c) schlau.<br \/>\n\u201eWir spielen noch einen Song, den Schlussakkord\u201c, k\u00fcndigte Frank Spilker die letzten Sekunden des Konzerts an, nachdem sie mit \u201eNeblige Lichter\u201c das gro\u00dfe Ende bereits zelebrierten. Der Schlussakord dauert 10 Sekunden, dann waren gut 70 Minuten Konzert vergangen., als \u201eFickt das System\u201c als Zugabe das vermeintliche Ende des Abends bedeuteten. (\u201eDas Lied entstand vor 1992, damit ist das, was man \u00fcberall liest, die Sterne w\u00fcrden dieses Jahr 20, als L\u00fcge enttarnt.\u201c Spilker \u2013 kann man besser ein \u00dcber den Dingen stehen ausdr\u00fccken?).<br \/>\nDie Sterne m\u00fcssen sich nichts mehr beweisen. Sie wollen nur unterhalten, einen netten Abend verbringen und Spass bei ihrer Arbeit haben. Und den hatten sie in Bochum. Und sie hatten noch eine offene Option: \u201eOb wir noch ein St\u00fcck spielen h\u00e4ngt von euch ab. Wenn mindestens f\u00fcnf von euch auf die B\u00fchne kommen und rauchen spielen wir noch einen Song. Ach ja, und tanzen m\u00fcsst ihr nat\u00fcrlich auch.\u201c Schnell wurde so aus einem angenehmen Nichtraucherkonzert eine verqualmte Hinterhofkaschemmenkneipe. Dunstwolken nebelten uns zu, nicht nur von der B\u00fchne. \u201eFeuer frei\u201c war nun das Motto, \u201eStadt der Reichen\u201c ihr Soundtrack. Das mit dem Rauchen war keine gute Idee, denn auf einmal war es wieder wie fr\u00fcher.<\/p>\n<p>Eine Vorband gab es an diesem Abend nicht. Stattdessen konnte man sich im angegliederten bahnhofs-Kino die Dokumentation \u201eSterne\u201c ansehen. Da ich sie bereits im Fernsehen gesehen hatte und eher entt\u00e4uscht war, lie\u00df ich diese gelegenheit sausen.<\/p>\n<p><strong>Multimedia:<\/strong><br \/>\n<a title=\"flickr\" href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/pretty-paracetamol\/sets\/72157629168657037\/\" target=\"_blank\">flickr<\/a><\/p>\n<p><strong>Kontextkonzerte:<\/strong><br \/>\n<a title=\"Die Sterne \u2013 Juicy Beats Festival, 31.07.2010\" href=\"https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/?p=2518\" target=\"_blank\">Die Sterne &#8211; Dortmund, 31.07.2010<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ort: Kulturbahnhof Langendreer, Bochum Vorband: &#8211; Dieser fehlende Schneidezahn lie\u00df mir lange Zeit keine Ruhe. Hatte meine L\u00fcner Kieferorthop\u00e4dien damals nicht immer gesagt, dass man mit schiefen (oder gar keinen Z\u00e4hnen) nie im Fernsehen auftreten und bekannt wird \u2013 von ber\u00fchmt erst gar nicht zu reden. 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