{"id":3078,"date":"2011-03-10T10:10:22","date_gmt":"2011-03-10T08:10:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/?p=3078"},"modified":"2022-08-06T16:13:45","modified_gmt":"2022-08-06T14:13:45","slug":"buffalo-tom-koln-08-03-2011","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/buffalo-tom-koln-08-03-2011\/","title":{"rendered":"Buffalo Tom &#8211; K\u00f6ln, 08.03.2011"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-left\"><strong>Ort:<\/strong> Luxor, K\u00f6ln<br><strong>Vorband:<\/strong> Friedemann Weise<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"1200\" height=\"675\" src=\"https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/03\/24_Buffalo-Tomt_08032011.jpg\" alt=\"Buffalo Tom - K\u00f6ln, 08.03.2011\" class=\"wp-image-17385\" srcset=\"https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/03\/24_Buffalo-Tomt_08032011.jpg 1200w, https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/03\/24_Buffalo-Tomt_08032011-800x450.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Dieser Abend stand lange auf der Kippe, obwohl er urspr\u00fcnglich seit Wochen feststand. Was paradox klingt, ist jedoch erkl\u00e4rbar.<br>Ein Konzert an einem Tag nach einem langen und erholsamen Wochenende bedarf eines besonders gro\u00dfen Trittes, um sich abends aufraffen zu k\u00f6nnen und wegzugehen. Erst recht, wenn das n\u00e4chste Lernmodul tags zuvor ins Haus geflattert ist und man sich innerlich bereits allabendlich am Schreibtisch sitzen sieht, um sich Entit\u00e4ten und anderem Datenmodellunsinn hinzugeben. Aber es reichte ein Satz, der mich aus der Schwerf\u00e4lligkeit jagte. &#8218;Wenn man vern\u00fcnftig wird, dann wird man alt.&#8216; Gesprochen wurde er im <em>perfekten Diner<\/em> auf VOX, das ich fr\u00fcher h\u00e4ufiger gesehen habe als jetzt.<br>Nicht, dass ich nicht alt werden m\u00f6chte, bzw. es schon bin. Irgendwie m\u00f6chte das doch jeder, alt werden. \u00c4lter werden hat unbestrittene Vorteile, und auch Vernunft ist nicht das schlechteste Eigenschaft.<br>Im Themengebiet Konzerte ist Unvernunft jedoch sehr vern\u00fcnftig, und als ich diesen Satz h\u00f6rte, hatte ich pl\u00f6tzlich gro\u00dfe Lust, unvern\u00fcnftig zu sein. Welch tolle Abende h\u00e4tte ich nicht erlebt, wenn ich die Vernunft hinzugezogen h\u00e4tte. Und da auch dieser Abend alles hatte, was nach einem guten Abend klingt, schloss sich mein Argumentationskreis ganz schnell.<\/p>\n\n\n\n<p>Also rein ins Get\u00fcmmel, das keines war. Oder um es mit den Worten des Vorprogramms zu schreiben: &#8218;Ich spiele gerne vor Leuten, die weit hinten stehen. Da steh ich sonst auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, voll war es wahrlich nicht im Luxor. Aber sehr unterhaltsam. Selten hatte ich beim Vorprogramm soviel Spass wie an diesem Abend. Der Musiker*, eine Mischung aus <strong>Elliott Smith<\/strong> und <strong>Hennes Bender<\/strong>, wei\u00df um seinen Job und macht ihn fantastisch. Der k\u00f6lsche Singersongwriter \u00fcberzeugt mich auf Anhieb durch launische Zwischengespr\u00e4che und gut beobachtete Alltagslyrik. &#8218;Wer braucht schon deutsche Singersongwriter. Fr\u00fcher spielte er in einer Grungeband und sang auf Englisch, heute singt er auf Deutsch&#8216; hei\u00dft es in einer Textzeile (\u201eKeine Songwriter\u201c). Fein beobachtet, und das nicht das einzige Mal. Seine Songs, allesamt in klassischer Songwritermanier, erinnern mich des \u00f6fteren an ein \u201eWir sind hier nicht in Seattle Dirk\u201c. Das war gut und kurzweilig. Dieser junge Mann hat Entertainerqualit\u00e4ten. Definitiv.<br>&#8218;Wie lange ist noch? Wie sp\u00e4t ist es?&#8216;<br>&#8218;Halb zehn.&#8216;<br>&#8218;Oh gut, dann sind wir ja gleich durch. Noch drei Minuten.&#8216;<br>Die Zwischenfrage nach dem &#8218;Wer sind denn wir?&#8216; blieb unbeantwortet.<br>&#8218;Ich habe noch zwei Songs, einer zwei, der andere vier Minuten. Welchen soll ich spielen? Ach, ich spiel einfach beide, ich habe ja Zeit. Buffalo Tom spielen erst nach mir.&#8216;<\/p>\n\n\n\n<p>Richtig, <strong>Buffalo Tom<\/strong> spielen nach ihm, und sie spielen sehr gut.<br>Seit \u00fcber 20 Jahren sind <strong>Bill Janovitz<\/strong>, <strong>Tom Maginnis<\/strong> und <strong>Chris Colburne<\/strong> mittlerweile im Gesch\u00e4ft. Die drei \u00e4lteren Herren sind so etwas wie die Mitbegr\u00fcnder des amerikanischen College Rocks, und wie es sich f\u00fcr College Rocker geh\u00f6rt, leben sie in der College und Universit\u00e4tsstadt schlechthin: in Boston, Mas.<br>Diese Stadt ist auch heute noch der Schmelztiegel f\u00fcr amerikanischen College-, Indie- Alternativerock. Schaut man sich aktuell die Clubkonzerte in Boston an, k\u00f6nnte man meinen, die Zeit sei stehengeblieben: <strong>Come<\/strong> spielten hier im Herbst letzen Jahres, <strong>Built to Spill<\/strong>, <strong>Buffalo Tom <\/strong>und <strong>Dinosaur Jr<\/strong> sind regelm\u00e4\u00dfige G\u00e4ste auf den Konzertb\u00fchnen der Stadt.<br>Das heute ist eines dieser Konzerte, zu denen man einfach hingeht. Fr\u00fcher habe ich <strong>Buffalo Tom<\/strong> sehr oft geh\u00f6rt, <em>Sleepy-eyed<\/em>, ihr 1995er Album, geh\u00f6rte zu meinen bevorzugten Platten. In den letzten Jahren jedoch k\u00fchlte mein Fantum f\u00fcr die Bostonian etwas ab. Das lag zum einen an mir, ich orientierte mich weg vom klassischen Collegerock, zum anderen aber auch an der Band, die gute 9 Jahre kein neues Album mehr ver\u00f6ffentlicht hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr letztes Album, das nun auch schon drei Jahre zur\u00fcckliegende <em>Three easy pieces<\/em>, kenne ich nicht. Trotzdem war ich bei ihrem letzten Konzert im K\u00f6lner Prime Club an gleicher Stelle.<br>Auch ihr aktuell achtes Album <em>Skins<\/em> habe ich noch nicht geh\u00f6rt. Genau wie <em>Three easy pieces<\/em> ging bzw. geht es im Wust der Neuver\u00f6ffentlichungen irgendwie unter. Aber ich habe kurz nachgelesen, was ich bisher unter Umst\u00e4nden verpasst habe. Der Rolling Stone zum Beispiel nennt den bodenst\u00e4ndigen Rock von <strong>Buffalo Tom<\/strong> nach wie vor Jungsmusik. genauso, wie ich ihn aus den 1990er Jahren in Erinnerung habe und was durchaus zutreffend ist.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Das ist Jungsmusik, herrliche, himmelst\u00fcrmende und z\u00e4rtliche Jungsmusik. Musik, bei der es ums Boxen und K\u00e4mpfen geht. Bei der man schon etwas Bizeps im T-Shirt-\u00c4rmel braucht, um die Gitarre exakt so schlagen zu k\u00f6nnen, wie es sein muss, damit der Zauber beginnt. Musik, die es nur geben kann, weil in jedem noch so verdreckten, tobenden Kerl eben doch ein blutendes, verwundetes Herz schl\u00e4gt. Welche Todesspr\u00fcnge wir zu Buffalo Toms &#8222;Birdbrain&#8220; gemeinsam wagten, wie wir zu &#8222;Taillights Fade&#8220; der bl\u00f6den Welt die Stirn boten, wie oft wir \u201eSummer\u201c auf Kassettenm\u00e4dchen-Tapes \u00fcberspielten!<br>Dass es das dickk\u00f6pfige Trio aus Boston \u00fcberhaupt noch gibt, in Originalbesetzung und um einige romantische Sportverletzungen reicher, ist schon Wunder genug (denn die Kassettenm\u00e4dchen gibt es nicht mehr). Dass ihnen auf dem neuen Album so viele wilde, naive, kratzhalsige, rammbockige Charmebolzen wie &#8222;Down&#8220;, &#8222;Guilty Girls&#8220; oder &#8222;Lost Weekend&#8220; gelingen, macht alles noch besser. Trotzdem sp\u00fcrt man: &#8222;Skins&#8220; kann einen heute nicht zum Fan machen, wenn man nicht schon einer ist. Aus den Mittelst\u00fcrmern ist irgendwie ein Stammtisch geworden, allein durchs Dahinrauschen der Zeit, in der sich alles ge\u00e4ndert hat, nur nicht die Musik dieser wangenroten, auch schon ganz sch\u00f6n alten Jungs.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p><strong>Buffalo Tom<\/strong> machen also Jungsmusik. Ich kenne tats\u00e4chlich kein M\u00e4dchen, das <strong>Buffalo Tom<\/strong> mag. Und wenn dies nicht schlimm genug w\u00e4re, kenne ich an diesem Abend auch niemanden, der zu einem <strong>Buffalo Tom<\/strong> Konzert gehen wollte. Alle meine Anfragen verpufften ins Nichts.<br>Die Zeit ist nicht mehr reif f\u00fcr College Rock der alten Schule. Das sp\u00fcrt man. Das Luxor ist d\u00fcnn besucht, das Fanalter dem der Band angepasst. Eine Band wie <strong>Buffalo Tom<\/strong> gewinnt heutzutage keine neuen, jungen Fans mehr hinzu. Da darf man sich nichts vormachen. Dazu sind <strong>Buffalo Tom<\/strong> Songs einfach zu unzeitgem\u00e4ss. Es bleibt die alte Stammh\u00f6rerschaft. Und die ist da und freut sich sichtlich auf die Band und hofft auf ein paar alte Song-Klassiker. Genauso wie ich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSummer\u201c ist der erste und nicht der letzte im Programm. Sie spielen ihn fr\u00fch und wie selbstverst\u00e4ndlich. Das klingt nicht nach pflichtbewusstem Runterspielen, das klingt vielmehr nach immer-noch-Spass an den alten Sachen haben. Genauso f\u00fchlen sich auch meine anderen <strong>Buffalo Tom<\/strong> Hits an: \u201eTangerine\u201c, \u201eKitchen door\u201c, \u201eRachael\u201c. Ach, es gibt zu viele!<br>Oh ja, es w\u00e4re falsch zu schreiben, dass wir nicht genau wegen diesen Songs gekommen w\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die neuen St\u00fccke passen nahtlos ins College Rock Schema. <strong>Buffalo Tom<\/strong> haben sich nicht ver\u00e4ndert und immer noch gute Ideen. Ihre Gitarren sind nach wie vor erdig, ihr Sound weiterhin wundersch\u00f6n altbacken und klassisch. Gitarre, Schlagzeug, Bass, dazu der mehrstimmige Gesang von <strong>Bill Janovitz<\/strong> und <strong>Chris Colburne<\/strong>. Das Bew\u00e4hrte bleibt also, und auch die immer wiederkehrende Frage, welche Lieder mir nun besser gefallen: die, die <strong>Bill Janovitz<\/strong> singt oder die, die <strong>Chris Colburne<\/strong> singt. <strong>Chris Colburne<\/strong> steht dabei mehr f\u00fcr die &#8218;poppigen&#8216; Songs, <strong>Bill Janovitz<\/strong> f\u00fcr die deftigeren St\u00fccke; grunds\u00e4tzlich gilt aber: beide haben tolle Songs im Angebot. Also unentschieden. Auch nach diesem Abend habe ich keinen S\u00e4ngerfavoriten.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8218;Wie geht es euch? Was habt ihr so gemacht die Jahre \u00fcber?&#8216; fragt <strong>Bill Janovitz<\/strong> irgendwann ins Publikum. Aus dieser Allerbandsfloskel wird ein knallhartes Fakteninterview. \u201eFangen wir mal hier vorne an: Er zeigte mit der Hand auf einen Zuschauer direkt neben den Boxen. &#8218;Was machst du so? Gehst du arbeiten? Unterrichtest du? Arbeitest du f\u00fcr den Staat?&#8216;<br>Eine skurrile und famili\u00e4re Momentaufnahme zugleich. Die Band fragt offensiv ihr Publikum. In diesem Augenblick \u00e4rgere ich mich nicht, dass ich nicht da stehe, wo ich h\u00e4ufig stehen. Abgesehen davon wundere ich mich \u00fcber die spontanen Berufsnennungen: Lehrer, Beamter. Ist das der typische <strong>Buffalo Tom<\/strong> Kosmos? Vielleicht. Der Musikfreund an der Box beantwortete die Fragen und weiter ging\u2019s im Programm, das nach guten 70 Minuten mit &#8222;Sunflower suit&#8220; und dem Sing-a-long Smasher \u201eTangerine\u201c endete.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte keinen schlechten Abend.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Setlist:<\/strong><br>01: Staples<br>02: Taillights fade<br>03: The kids just sleep<br>04: Treehouse<br>05: Larry<br>06. I&#8217;m allowed<br>07: Summer<br>08: Down<br>09: Rachael<br>10: Guilty girls<br>11: Mineral<br>12: Your stripes<br>13: Arise, watch<br>14: She&#8217;s not your thing<br>15: You&#8217;ll never catch him<br>16: Sunflower suit<br>17: Tangerine<br>Zugabe:<br>18: Don&#8217;t forget me<br>19: Kirchen floor<br>20. Bus<br>21: Late at night<br>22: Crutch<\/p>\n\n\n\n<p>Anmerkung: *Nun haben die Worte einen Namen: <strong>Friedemann Weise<\/strong> ist der K\u00f6lner Singersongwriter. Heute morgen bekam ich den verbindlichen Hinweis. Vielen Dank!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kontextkonzerte:<\/strong><br><a title=\"Archiv\" href=\"https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/buffalo-tom-koln-29112007\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Buffalo Tom &#8211; K\u00f6ln, 29.11.2007<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Abend stand lange auf der Kippe, obwohl er urspr\u00fcnglich seit Wochen feststand. Was paradox klingt, ist jedoch erkl\u00e4rbar.<br \/>\nEin Konzert an einem Tag nach einem langen und erholsamen Wochenende bedarf eines besonders gro\u00dfen Trittes, um sich abends aufraffen zu k\u00f6nnen und wegzugehen. Erst recht, wenn das n\u00e4chste Lernmodul tags zuvor ins Haus geflattert ist und man sich innerlich bereits allabendlich am Schreibtisch sitzen sieht, um sich Entit\u00e4ten und anderem Datenmodellunsinn hinzugeben. Aber es reichte ein Satz, der mich aus der Schwerf\u00e4lligkeit jagte. &#8218;Wenn man vern\u00fcnftig wird, dann wird man alt.&#8216; Gesprochen wurde er im perfekten Diner auf VOX, das ich fr\u00fcher h\u00e4ufiger gesehen habe als jetzt.<br \/>\nNicht, dass ich nicht alt werden m\u00f6chte, bzw. es schon bin. 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