{"id":10811,"date":"2019-03-08T18:13:55","date_gmt":"2019-03-08T17:13:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/?p=10811"},"modified":"2023-01-03T18:34:25","modified_gmt":"2023-01-03T17:34:25","slug":"bohren-der-club-of-gore-bochum-04-03-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/bohren-der-club-of-gore-bochum-04-03-2019\/","title":{"rendered":"Bohren &#038; der Club of Gore &#8211; Bochum, 04.03.2019"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ort:<\/strong> Christuskirche, Bochum<br \/>\n<strong>Vorband:\u00a0<\/strong>&#8211;<\/p>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-10814\" src=\"https:\/\/www.pretty-paracetamol.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/IMG_1644_01.jpg\" alt=\"Christuskirche Bochum\" width=\"2048\" height=\"1152\" \/>Die Christuskirche war eines der Gro\u00dfprojekte des Fachbereichs Photogrammetrie der Fachhochschule Bochum. Die vermessungstechnische Aufnahme der Kirche f\u00fcr verschiedenste Auswertungen und Projekte besch\u00e4ftigte einige Abschlussjahrg\u00e4nge. Ein Diplomandenduo, das mit mir zeitgleich seine Diplomarbeit schrieb, hatte es ich zur Aufgabe gemacht, die Au\u00dfenfassade des Kirchenturms photogrammetrisch hochgenau zu erfassen, um daraus ein m\u00f6glichst realistisches 3-D Modell herzuleiten. Eine Sisyphusarbeit, all die Vorspr\u00fcnge und Verstrebungen h\u00e4ndisch aus den aus unz\u00e4hligen Bildaufnahmen zusammengerechneten stereoskopischen Bildpaaren zu digitalisieren. Heute w\u00e4re so ein Projekt \u00f6konomisch und rasch mit einer UAV Befliegung und anschliessender Punktwolkengenerierung abgearbeitet. Vor 20 Jahren war es eine Herkulesaufgabe, die dem Fachbereich ein gemeinschaftliches Arbeiten abverlangte. So fand auch ich mit eines Sonntags vor der Kirche wieder, um beim Messaufbau der terrestrischen Photogrammetrieaufnahme zu unterst\u00fctzen.<br \/>\nDas war mein bisher erster und einziger Kontakt mit der Christuskirche, die etwas am Rand der Innenstadt direkt neben dem Platz des europ\u00e4ischen Versprechens liegt. Ein sch\u00f6ner Name, wie ich finde.<\/p>\n<p>Schon fr\u00fch stehen M\u00e4nnergr\u00fcppchen am noch verschlossenen Eingang. Ich geselle mich nicht dazu sondern drehe noch eine Runde durch die Fu\u00dfg\u00e4ngerzone. Ich war lange nicht mehr hier, da m\u00f6chte ich die Zeit jetzt nutzen.<br \/>\nUm 18 Uhr hat sich eine gr\u00f6\u00dfere Menge vor der Kirche versammelt. Schnell sind nach T\u00fcren\u00f6ffnung die vorderen Reihen des Kirchensaals belegt. Der Konzertbeginn ist f\u00fcr 19 Uhr angegeben. Es ist also noch etwas Zeit. Die B\u00fchne schimmert in einem r\u00f6tlichen Licht, aus den Boxen l\u00e4uft Gott sei Dank keine Karnevalsmusik. In Bochum ist es ein ganz normaler Montag.<\/p>\n<p>19.30 Uhr. Es ist so verdammt dunkel.<br \/>\n<strong>Bohren &amp; der Club of Gore<\/strong> werden in wenigen Sekunden die B\u00fchne betreten. Das Licht ist schon erloschen, einzig die Lichtkegel dreier Taschenlampen leuchten den Musikern den Weg.<br \/>\n<em>Bohren for Beginners<\/em> heisst eine Doppel-CD, die mich im letzten Jahr mit <strong>Bohren &amp; der Club of Gore<\/strong> vertraut gemacht hat. Vor einigen Jahren noch hielt ich ihre Musik f\u00fcr zu anstrengend, f\u00fcr zu langsam, um zuh\u00f6ren zu k\u00f6nnen. Da passiert ja nix, war ein reflexhafter Gedanke. Jetzt, wo ich \u00e4lter bin, sehe ich das vollkommen anders. Da passiert sehr viel! Ich mag jetzt dieses punktierte, ruhige und bed\u00e4chtige im Sound von <strong>Bohren<\/strong>. Und ich mag das Saxophon!<br \/>\n<strong>Bohren &amp; der Club of Gore<\/strong>. Ihre Musik wirkt so ern\u00fcchternd wie eine Bingo After Show Party irgendwo in einer trostlos abgewrackten alten Halle mitten im Nirgendwo. Unvorstellbar, das <strong>Bohren &amp; der Club of Gore<\/strong> mal eine Metalband waren. Daran erinnert nun so gar nichts mehr.<\/p>\n<p>Auch aus dem Grund &#8218;Kontrastprogramm zum karnevalistischen Treiben in meiner Region&#8216; habe ich mich sehr \u00fcber diese Konzertansetzung gefreut. Nun sitze ich auf der Empore und die Dunkelheit brennt in meinen Augen. Der hellste Punkt im Saal ist das Notausgangsschild an der linken Wand. Die B\u00fchne ist nahezu unbeleuchtet, nur die Instrumente sind sp\u00e4rlich angestrahlt. Die Kirche ist voll. Obwohl nicht alle Besucher genau wissen, was sie erwartet (ich lauschte am Nachmittag in einer Pommesbude einem Gespr\u00e4ch von Konzertg\u00e4ngern, aus dem ich diesen R\u00fcckschluss ziehe), herrscht eine and\u00e4chtige Ruhe. Es ist das perfekte Ambiente f\u00fcr <strong>Bohren &amp; der Club of Gore<\/strong> Musik.<br \/>\nIn der Christuskirche liegt kein Konfetti. Karneval ist in Bochum weit weg, und in der Christuskirche gef\u00fchlt noch weiter. Oder auch nicht: <strong>Bohren &amp; der Club of Gore<\/strong> betreten mit Indianerkopfschmuck die B\u00fchne. \u2018Die drei Schoschonen\u2018 wie <strong>Christoph Cl\u00f6ser<\/strong> sp\u00e4ter sagen wird, sind allerdings die einzigen Personen mit (angedeuteter)Verkleidung im Saal. Surrealit\u00e4t l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen.<br \/>\nNach dem R\u00fcckzug ihres Schlagzeugers <strong>Thorsten Benning<\/strong> sind <strong>Bohren &amp; der Club of Gore <\/strong>als Trio unterwegs. Auf das Schlagzeugspiel muss die Band aber nicht verzichten. Trommeln und Becken werden von den drei Musikern per Fu\u00dfpedal bedient. Neben dem Stuhl von Bassist <strong>Robin Rodenberg<\/strong> steht eine Trommel und neben den Pulten von <strong>Morton Gass<\/strong> und <strong>Christoph Cl\u00f6ser<\/strong> steht ein Becken.<\/p>\n<p>\u201eKarin\u201c, \u201eUnrasiert\u201c, \u201eMidnight black earth\u201c. <strong>Bohren &amp; der Club of Gore<\/strong> spielen sich durch ihr Programm. <strong>Christoph Cl\u00f6ser<\/strong> wechselt zwischen Saxophon und Vibration. Mir gefallen die Saxophon Songs besser. Oh ja, ich liebe dieses traurig sch\u00f6ne Saxophon. Es bohrt sich in die Dunkelheit.<br \/>\nNach einer Konzertstunde f\u00e4llt mir das Sitzen auf der Kirchenbank schwer. Zu dem Zeitpunkt qu\u00e4le ich mich schon zwei Stunden auf dem B\u00fc\u00dferb\u00e4nkchen, das macht sich jetzt bemerkbar. Meine Konzentration schwindet ein wenig, aber nur ein wenig. Denn da sind ja noch die launischen Ansagen von <strong>Christoph Cl\u00f6ser<\/strong>. Sein Wortwitz ist wirklich gut, dumm nur, dass ich die meisten Ansagen bereits wieder vergessen habe. Eine konnte ich mir merken:<\/p>\n<blockquote><p>\u2018Das ist ein Song f\u00fcr die Leute, die am liebsten mit den schwarzen Buntstiften malen.\u2018<\/p><\/blockquote>\n<p>Ha ha, der wirkt erst sp\u00e4t.<\/p>\n<p>Die Dunkelheit ist anstrengend. Eigentlich sollte ich die Augen schlie\u00dfen und meinen Gedanken nachh\u00e4ngen. Aber ich kann nicht denken. Obwohl die Musik ruhig und geradezu meditativ daherkommt, kann ich mich nicht ablenken. Ist es das Saxophon, das meine Konzentration auf die Musik aufrecht erh\u00e4lt? Ich finde auf die Frage keine Antwort. <strong>Bohren &amp; der Club of Gore<\/strong> kamen im Dunkeln und sie verschwinden im Dunkeln. Noch nicht einmal zum Schlussapplaus geht das Licht an.<\/p>\n<p>Horror-Jazz lese ich. Der f\u00fcr mich irritierende Versuch, einen Genrebegriff f\u00fcr die Musik von <strong>Bohren &amp; der Club of Gore<\/strong> zu finden. Horror-Jazz ist eine bl\u00f6de Beschreibung und noch dazu eine falsche: F\u00fcrchten muss man sich bei <strong>Bohren &amp; der Club of Gore<\/strong> nicht. Ich habe selten ein so entspanntes Konzert erlebt. &#8218;Other bands play, Bohren bore!&#8216; Falsch! Das ist definitiv falsch!<\/p>\n<p><strong>Kontextkonzerte:<br \/>\n<\/strong>&#8211;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Christuskirche war eines der Gro\u00dfprojekte des Fachbereichs Photogrammetrie der Fachhochschule Bochum. Die vermessungstechnische Aufnahme der Kirche besch\u00e4ftigte einige Abschlussjahrg\u00e4nge. Ein Diplomandenduo, das mit mir zeitgleich seine Diplomarbeit schrieb, hatte es ich zur Aufgabe gemacht, die Au\u00dfenfassade des Kirchenturms photogrammetrisch hochgenau zu erfassen, um daraus ein m\u00f6glichst realistisches 3-D Modell herzuleiten. Eine Sisyphusarbeit, all die Vorspr\u00fcnge und Verstrebungen h\u00e4ndisch aufzunehmen. 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