Savoy Grand – Köln, 08.03.2010

A trained dog is a stupid dog.
Das Subway in Köln. Hier war ich noch nicht zu Besuch. Der Klub ist direkt an einer der Hauptverkehrsstraßen der Stadt in einem Keller untergebracht. Niedrige Decken, leicht verwinkelte Bauweise. Die Bühne ist eine Treppenstufe hoch in der Ecke des Raums. Es riecht nach Institution, ob das Subway eine ist, ich weiß es nicht.
Also, raus aus dem Zug in Köln-West, ein paar Meter den Bahndamm entlang, links herum, und schon bin ich da. Kurz vor neun, die Türen sind noch geschlossen. Warten bei Minusgraden. Mit mir stehen noch rund 10 Leute auf dem Gehsteig und machen dasselbe. Montagsmelancholie.
Irgendwann öffnet sich die Tür. Ich schlänge mich die Treppe hinunter, hier unten ist es nicht viel wärmer. Angemüdet setze ich mich auf einen Hocker. Der Vortag steckt mehr als tief in meinen Knochen. Ich habe Durst, kaufe etwas zu trinken. Der große Uhrzeiger schleicht Richtung zehn. Er hat keine Eile, Savoy Grand offensichtlich auch nicht. Die vier sitzen in der Ecke und erzählen. Hoffentlich läuft es heute in zeitlich angenehmen Bahnen, denke ich. Es wäre nicht schlimm, wenn es keine Vorband gäbe.
Es ist angenehm unhektisch im Saal. Alle lungern vor sich hin, warten. DJ iPod spielt Fahrstuhlmusik.
Savoy Grand gehören zu den unterschätzten Bands dieser Welt. Nach über fünf Jahren ist die Band aus Nottingham wieder auf Europatour. Vier Alben haben sie mittlerweile veröffentlicht, jedes ist eine Schönheit für sich und unbedingt empfehlenswert.
Ihr aktuelles Baby „Accident book“ ist gerade mal ein halbes Jahr alt. Neil Wells, der noch auf fünf der insgesamt 9 Liedern mitwirkt, ist nun nicht mehr mit von der Partie. Er ist so was wie der Tausendsassa der Stadt, spielte er doch schon in den anderen beiden Nottinghamer Bands Seachange (wunderbar!) und Escapologists (sehr wunderbar) eine gewichtige Rolle.
Könige der Langsamkeit seien Savoy Grand, las ich anderorts. Ruhige, bedächtige, sehr minimalistische Musik, zu weit weg vom Mainstream, nicht nah genug am Indiehorizont, um mehr als ein paar Hände voll Menschen zu begeistern.
So sind denn vielleicht knapp hundert Leute vor Ort. Savoy Grand beginnen ruhig, so wie erwartet. Wohl dosiert klingen die Gitarren von Graham Langley und Neil Johnson. Schlagzeug und Keyboard sind nicht fern davon. Graham Langleys Stimme hat eine ungemein beruhigende Wirkung. Sie klingt klar und hell, wohl akzentuiert und unaufgeregt.
Zwischen den Songs stimmt Graham sekundenlang seine Gitarre neu. „Ah, so ein Mist.“ Sagt er auf Deutsch leise vor sich hin. „Das ist besser.“, und lacht leicht verlegen. „Quit unprofessional, unacceptable.” Die Boxen brummen dazu sanft vor sich hin. Soundtrack der Stille. Die Band hat es nicht eilig, Slow-core wörtlich genommen.
Von Hektik ist hier keine Spur. Hinten links knistert ein Bonbonpapier. Es ist auffallend ruhig im Klub, selbst von der Bar hört man kein nerviges Geklimper. Keiner wagt es, ein Wort zu reden. Alle sind wegen der Band hier, Trittbrettfahrer scheinbar keine. „Well, you all came out on a monday evening.“, mehr geflüstert als gesprochen sind die Worte.
Nach fünf oder sechs Songs ist eine gute halbe Stunde vergangen. Ein erster messbarer Lärmausbruch, für Sekunden wird es spürbar laut. Doch so schnell wie er da war, verschwindet der Moment auch wieder. Ruhe. In der nächsten Songpause zieht sich Schlagzeuger Darren Simpson seinen Pullunder über, reicht seinen Hocker rüber zu Kieran O‘Riordan, der für “Foircandles“ ein zitherähnliches Instrument auf seine Oberschenkel platziert. Nach dem Stück wandert der Hocker wieder an seinen angestammten Platz zurück. Die Entspanntheit der Aktion ist phänomenal.
Es folgen noch ein, zwei Songs, dann haben Savoy Grand nach einer guten Stunde ihr Set beendet. In aller Ruhe.
Zur Zugabe wird es noch mal kurz laut. Neil Johnson hebt sanft einen Drumstick vom Boden und zaubert leise, flirrende Klänge aus seinen Gitarrensaiten. Deutlich hört man alle Feinheiten des Savoy Grand Sounds. Auch die Klarinette, die der Keyboarder zeitweise einsetzt.
Dann kehrt endgültig Ruhe ein.
Vor einigen Tagen sah ich im Fernsehen eine Dokumentation über einen kleinen Ort in Wales: „Vom langsamen Leben in Wales – sleep furiously“. Ich fühlte mich gestern Abend sehr an diese Dokumentation erinnert. Savoy Grand hätten den Soundtrack schreiben können.
Multimedia:
Fotos: Kölner Stadtanzeiger
Kontextkonzerte:
Seachange – Köln, 19.09.2006
Get well soon – Heerlen, 07.03.2010

Seit dem Kölner Konzert höre ich „Vexation“ anders. Diese, vorher von mir als eher ruhig empfundene Platte, hat seit meinem letzten Liveerlebnis eine Wandlung vollzogen. Sie kommt mir jetzt viel schmissiger vor, die einzelnen Songs klingen mir dynamischer, näher und eingängiger. Komisch, was ein Abend alles bewirken kann.
Get well soon die Zweite. Wie ist das, eine Band in so kurzer Zeit ein weiteres Mal zu sehen? Toll, antworte ich. Selbst wenn das erste Erlebnis ein nicht zu Übertreffendes war, so wurden unsere Erwartungen nicht enttäuscht. Natürlich nicht.
Auf dem Rückweg zum Auto, die Nacht zog mittlerweile bitterkalt durch die Gassen der 75000 Einwohnerstadt, sagte ich so was wie: „Wenn man mich nachts um drei Uhr wecken und mir Get well soon live vorspielen würde, ich fänd’s auch dann toll.“ Soweit ist es schon, solch überragende Liveerlebnisse hat mir die Band bei ihren letzten Konzerten beschert, dass ich nichts anderes als Begeisterung spüre. Diesmal war es nicht anders.
Heerlen ist nicht Köln, das Nieuwe Nor nicht das Gloria. Vergleiche wären unfair und daher weigere ich mich so was zu schreiben wie: Vor einer Woche ward ihr aber redseliger, oder: Wieso ist das jetzt so-und-so und nicht anders.
Die Grenznähe war erkennbar. Viele haben für diesen Abend rübergemacht. Warum es nicht mehr waren, bleibt mir ein Rätsel. Also wenn ich vor einer Woche im Gloria gewesen wäre, dann hätte ich die 45 Minuten A4 und die 11 Euro Eintritt entzückend entgegen genommen und mich auf den Weg gemacht. Oder war der Tatort vorab so gut besprochen worden…*
So versammelten sich keine 200 Leute im wirklich sehr feinen Nieuwe Nor. Der Klub, überschaubar in seiner Größe und postindustriell in seinem Design, liegt mitten in der Heerlener Innenstadt. Ein Chinese gegenüber, ebenso eine Pizzeria, Dönerladen und einen Steinwurf entfernt Kneipen, die schon in dieser Jahreszeit Außengastronomie auffahren. Auf den ersten Eindruck scheint Heerlen eine gemütliche kleine Stadt zu sein, in der man nicht hungern muss.
Wie wir vermutet hatten, ist das Set identisch mit den bereits gesehenen Konzerten. Nun ja, der Hintergrundfilm ist produziert und lässt diesbezüglich wenig bis gar keinen Spielraum. Überraschungen wäre also nur in den drei Zugabesongs möglich gewesen, aber auch hier fielen sie aus. Da alles bekannt war, konnte ich mir stärker die Umsetzung anschauen. Frei nach dem Motto: „Das Was bedenke, doch mehr bedenke das Wie.“
Einige Filmsequenzen kamen mir unbekannt vor, die hatte ich wohl vor einer Woche nicht wahrgenommen. Auch fiel mir auf, dass die Groppers und Kollegen des Öfteren zur Leinwand blickten, wohl um die Synchronität nicht zu verlieren.
Gefielen mir letztes Mal die „Unterwassersongs“ (“Listen!…“ und “Burial at sea“) am besten, so waren es jetzt “TickTack goes…“ und “We are Ghosts“ mit dem wunderbaren Leinwandchor. Überhaupt die Videos. Hatte ich beim letzten Mal gar nicht hoch genug bewertet. Ob die umklappenden Berge, die radelnden Affengesichter, die Frau, die mit dem traurigen Blick aus dem Autofenster schaut, die Stadtlandschaften und das sich verabschiedende Pärchen an der Haltestelle, die Wohnung und der Fernseher mit laufendem Programm.
Die Erzählstimme im Film, als auch im Opener und im letzten Stück auf „Vexation“, stammt von Liz Roches. Das war noch offen. Das wollte ich noch schreiben.
Alles andere wurde bereits gesagt, ausser: In Heerlen stand ein Song mehr auf der Setlist als in Köln. Mhmmm…
* Es gab gar keinen Tatort. Polizeiruf 110 war angesagt, lese ich gerade.
Setlist:
01: Nausea (Intro)
02: Senecas Silence
03: People magazine front cover
04: We are free
05: 5 steps / 7 swords
06: A voice in the Louvre
07: Listen! Those Lost At The Sea Sing A Song On Christmas Day
08: Werner Herzog gets shot
09: That love
10: Aureate!
11: If this hat’s missing if have gone hunting
12: We are ghosts
13: A burial at sea
14: Ticktack goes my automatic head
15: Angry young man
16: We are the Roman Empire
Zugabe:
17: Christmas in adventure parks
18: Help to prevent Forest fires
19: I sold my hands for food so please feed me
Multimedia:
Fotos: frank@flickr
Fotos: frank@flickr (Musee Mecanique)
Kontextkonzerte:
Get well soon – Köln, 26.02.2010
Get well soon – Nijmegen, 25.04.2009
Get well soon – Köln, 07.12.2008
Melt! 2007

















