| Ein Blog über Musik und Konzertbesuche |

Ort: Club Bahnhof Ehrenfeld, Köln
Vorband:

Wolfe Alice

Es begann irritierend. „Das neue Wolf Alice Album klingt aber ganz anders als ihre letzten Alben“. Bands und ihre Namen. Hier lag offensichtlich eine Verwechslung vor. My love is cool ist nämlich das Debütalbum der britischen Band. Schnell wurde klar, dass ich Wolf Alice mit Chelsea Wolfe durcheinander gebracht habe. Alben beider Bands kaufte ich etwa zur gleichen Zeit im Sommer des letzten Jahres, das besagte My love is cool und ein älteres Album der amerikanischen Indie-Doomer Chelsea Wolfe. Und dass Metalindie nicht nach Indiepop klingen darf und klingt, liegt auf der Hand. Nichtsdestotrotz sind beide Bands phänomenal, und ich bin sehr froh, beide Bands für mich entdeckt zu haben.
Wolf Alice höre ich seit dieser Zeit nahezu ununterbrochen. „Turn to dust“, „You’re a germ“, „Freazy“, „Your loves whore“, „Lisbon“, Swallowtail“ sind Ohrwürmer besonderer Güte, das gesamte Album ist vielleicht bis auf die Ausnahmen „The wonderwhy“ ein einziger Riesenhit. Es mauserte sich zu einem meiner Lieblingsalben des letzten Jahres. Als Wolf Alice Konzerte für Deutschland im November angekündigt hatten, war ich sofort dabei. Das darf ich mir nicht entgehen lassen. Musste ich jedoch um ein Haar. Denn leider stellte ich später fest, dass sich ihr Kölner Novembertermin mit irgendwas anderem von mir überschnitt und ich nicht hin kann. Frankfurt schien noch eine Option zu sein, die sich aber auch zerschlug. Als dann die Konzertabsage nach meinem Ticketkauf kam, war ich diese Sorge los. Ich glaube, ich habe mich noch nie über eine Konzertverlegung so sehr gefreut wie über diese. Alsbald danach neue Termine angekündigt wurden, passte alles perfekt ins Bild.
In England sind Wolf Alice mittlerweile riesengroß. Ihre Herbsttour mussten sie wegen der Mercury Preis Nominierung und dem damit einhergehenden Promokram vertagen; ein sehr akzeptabler Grund, wie ich finde. Trotzdem wurde ihr Kölnkonzert nicht nur in den Februar verlegt, es wurde auch ge-downgraded. Aus dem vermeidlich größeren Luxor in den kleineren Club Bahnhof Ehrenfeld. Und das selbst dieser Laden nicht voll, sondern nur gut besucht war, verstehe wer will. Ich nicht.

Konzerte am Wochenende sind besondere Konzerte. Entweder sind sie verbunden mit kleineren Ausflugsfahrten in benachbarte Länder oder Weltstädte, oder sie beginnen – wie in heimischen Gefilden – früher als gedacht. Die in die Städte ziehende Vorstadtjugend und ihre Lust nach der Wochenenddisco muss von Klubbetreibern erfüllt werden, da passen Konzerte, die bis elf Uhr oder so den Saal besetzen, nicht ins finanzielle Konzept. Folglich plant der Klubbetreiber so, dass spätestens um zehn Uhr der Laden wieder leer ist. Anfangszeiten von halb acht sind die Folge, ebenso der schnelle Kehraus nach dem Konzert. Der Club Bahnhof Ehrenfeld macht da keine Ausnahme. Und im Grunde ist dagegen nichts gegen einzuwenden, wenn man entsprechend die Anfangszeiten des Konzertes auf der Homepage aktuell halten würde. Dafür gibt’s doch diese digitalen Papierseiten, dieses Netzwerkgedöns, das Ticketaufdrucke locker überstimmen kann. Denn als wir gegen acht Uhr den Klub betraten, spielte die Vorband bereits ihr letzten Song.
Aber manchmal ist es besser, zu spät zu sein. Denn das, was wir hörten, sagte uns nur bedingt zu. Später erfuhren wir dann, dass es sich scheinbar noch um den besten Song der Band gehandelt hatte. Also nichts verpasst und genug gemosert.

Wolf Alice starteten um kurz nach halb neun. Und wie! Hit Nummer eins „Your loves whore“ legte die Messlatte sehr hoch. Wow! Doch wo war der Pop in dem Song geblieben? Die Gitarren in den ersten Minuten des Stücks waren so laut und so wuchtig, dass es mich umhaute und überraschte. Das hier war nicht das seichte gemütliche Popsöngchen des Albums, das hier war eher wie Muse zu „Stockholm syndrome“ Zeiten oder wie Placebo zu Beginn ihrer Karriere. Vergleiche, die natürlich hinken und gerade auch musikalisch Kappes sind. Aber die Art und Weise, wie Wolf Alice live auf mich wirken, hatte unausweichlich diese Gedanken in meinen Kopf gepflanzt. Denn es war so konträr zu dem, was ich vorher gedacht und erwartet hatte.
Wie hatte ich mir Wolf Alice vorgestellt? Nun, wenn ich die ersten EPs höre – falsch, ich habe sie nie gehört, ich sah nachmittags ein paar Videos der Songs – dann stellte ich mir die Band wie eine typische Dreampop oder gar Shoegaze Band vor. Ruhig, verhalten, vielleicht leicht verhuscht. Sie würden da so rumstehen, dachte ich, sorgsam konzentriert ihre Gitarren spielen und auch die lauten Ausbrüche innerhalb der einzelnen Songs wohlordentlich präsentieren. Ja, ich dachte Wolf Alice kämen eher aus dieser Richtung.
Dass es live dann aber die Hardrock Nummer (in Anführungsstrichen) wurde, hat mich schachmatt gesetzt. Hier ging gleich alles von der ersten Minute an Steil durch die Decke. Sicher ist die seichte Stimme Ellie Rowsells nicht Matt Bellamy und Bassist Theo Ellis nicht Stefan Olsdal. Aber trotzdem. Das hier war so famos, so grandios rockig, dass ich nach „Your loves whore“ schon objektiv urteilte: Wahnsinnskonzert.

And when we grow older we still be friends.

Eine Jugendhymne, dieses „Your loves whore“. Noch einmal: wow!
Bereits nach wenigen Minuten hatten mich Wolf Alice mit ihrer enormen Bühnenpräsenz gepackt. „Das ist eine gute Liveband“, den vorher gehörten Satz ließen die vier direkt nach wenigen Sekunden Taten folgen. Dass man innerhalb kürzester Zeit einen kompletten Laden gewinnen kann, lernte ich spätestes mit Song Nummer zwei. Mit „Freazy“ folgte Lieblingslied Nummer zwei vom Album. Es war der Hammer. Wolf Alice hatten alle! Ging das jetzt so weiter? Ich begann, sprachlos zu werden. Und, um die Frage zu beantworten: es ging so weiter. „Bros“ und „Lisbon“ hielten, was die ersten beiden Songs versprachen. Es blieb laut, es blieb gitarrig, es blieb Hardrock. Das eigentlich sehr poppige „Lisbon“ zerlegte alles, gnadenlos. Dass Wolf Alice aber auch in ruhig können, zeigten sie mit „Silk“. Das erste Stück an diesem Abend, dass nicht überreagierte. Es war sehr nah an der Plattenversion. Doch das Konzert blieb großartig.
Scheinbar können sie mit allem ihr Publikum faszinieren. Und es ist live diese besondere Mischung aus Hardrockgitarren, vor allem der Gitarristen vor mir mit seinen Posen und seinen fordernden Blicken in die Gesichter der ersten Reihe machte mir phasenweise Angst, und den eher dreampopartigen ruhigen Sachen, die das Zuhören zu aufregend macht. Ich stellte mir vor, wie sie auf sommerlichen Festivals damit die unterschiedlichen Hörergruppen locker erreichen: die Fans von Muse (Stadionrockhymnen), die Fans von den Foals (Gitarren), die Indiepopfraktion.
Ich wette, diese Band ist noch nicht am Ende. Wenn sie im Sommer die richtigen Festivals zu den richtigen Zeiten spielen dürfen, dann werden Wolf Alice das letzte Mal im Club Bahnhof Ehrenfeld aufgetreten sein. Dann heißt viel mehr Live Music Hall oder noch größer.
Im kleinen Klub singt der Schlagzeuger „Swallowtail“. Eine neue Erkenntnis, ein weiterer Riesenhit. Was fehlt den noch? „You are a germ“ natürlich und „Giant peach“. Auch natürlich. Es ist müßig zu erwähnen, dass beide Nummern außergewöhnlich toll waren. Neben den vier Eröffnungssongs vielleicht die allerbesten Nummern des Abends. Danach war eigentlich alles gesagt. Nach einer guten Stunde gingen wir beseelt und meinungskonform, gerade ein besseres Konzert gesehen zu haben, in den Vorraum. „Ihr braucht mehr Glitter“ sprach uns die Merchfrau an, als wir vor ihrem Verkaufstand rumlungerten. Den brauchen wir wirklich, doch die 5 Euro für das Augen make-up wollten wir dann doch nicht investieren. Anderen Merch – Ausnahme ein paar T-Shirts – gab es leider nicht. Das einzig blöde an diesem Abend.
Wolf Alice sind sehr zurecht für den Grammy in der Rubrik ‘Best Rock performances‘ nominiert. Wow, was für ein Konzert!

frank

"I can't go away with you on a rock climbing weekend - What if somethings on tv and its never shown again - Its just as well I'm not invited I'm afraid of heights - I lied about being the outdoor type."