Ort: 013, Tilburg
Vorband: The Orwells
Es ist ja häufig so: einige Menschen sieht man jahrelang nicht und dann überraschenderweise kurz hintereinander zweimal. War die vierköpfige Familie ein paar Meter neben mir nicht auch vor einem Jahr in der Amsterdamer Heineken Music Hall, um sich Weezer anzuschauen? Nach kurzer Überlegung war klar, ja, das waren doch die, deren jüngster Sohn noch vor der Vorband keine Lust mehr hatte, vorne am Gitter zu stehen und so lange quengelte, bis sich seine Mutter erbarmte, und mit ihm auf die hinteren Sitzplätze abzog. In Tilburg sollte er durchhalten, und so auch der Mama die Gelegenheit geben, Weezer aus nächster Nähe zu bejubeln. Vater und Sohn Nr. 2 hatten das Vergnügen bereits vor einem Jahr, und auch jetzt singen sie gemeinsam mit, applaudieren heftig und freuen sich über jeden Hit.

Weezer sind wieder da, und der Satz klingt so überraschend, wie er ist. Gefühlt mehr als 15 Jahre kein Konzert in Europa (die Setlist Concert Map Datenbank weist die letzten Europaauftritte Anfang 2000er Jahre aus), und dann gleich zweimal innerhalb von 15 Monaten auf der Matte stehen. Das ist nicht nur überraschend, das ist absolut unerwartet! Aber gut! Und toll! Freute ich mich über Weezer im letzten Jahre wie Bolle, freute ich mich über das diesjährige Konzert noch mehr. Abseits aller Wiedersehensfreude, Supereuphorie und Hibbeligkeit könnte ich mein drittes Weezer Konzert bewusster anschauen, so meine Gedanken vor der Fahrt nach Tilburg.

‘Ik ben Rivers, dat is Brian‘ so begrüßt uns Rivers Cuomo. Scott Shriner und Schlagzeuger Patrick Wilson sind auch da, werden aber begrüssungstechnisch unterschlagen. Das große W im Bühnenhintergrund leuchtet noch nicht, als Weezer „Surf Wax America“ anstimmen. Da beginnt das Konzert ja gleich mit voller Wucht und überrumpelt uns, die wir vorher die Setlisten der letzten Konzerte durchgegangen waren. Die Standarderöffnung „Mexican Fender“ der letzten beiden Weezer Konzerte in Köln und Berlin hatte heute Pause. Wow, der erste Hit vom blauen Album als Opener. Kann man so machen!
1994 war Weezers Debüt der große Wurf, den die Rockwelt nach Grunge vielleicht ein bisschen gebraucht hat. Weezer wurden auf Anhieb eine MTV Band, jeder kannte „Buddy Holly“ und jeder, der seinerzeit Rivers Cuomo mit seiner – damals noch nicht hippen – Hornbrille sah, stellte gedanklich die Verbindung zu Buddy Holly her.

„ooo eee ooo I look just like Buddy Holly ohh ohh …“

Besser hätte es Rivers Cuomo nicht sagen können.

Die Jahre nach dem blauen Album brachten gefühlt weniger Erfolg für die Amis. Der Nachfolger Pinkerton bekam nie die Würdigung, die er verdient hätte, das grüne Album und Maladroit lieferten weiterhin Riesensingles („Island in the sun“, „Hash pipe“), aber darüber hinaus fanden Weezer irgendwie nicht statt. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass die Band nur sehr selten den Flug bzw. die Schifffahrt über den Teich wagte. Genauso wie Dennis Bergkamp leidet der Weezer Sänger unter Flugangst, ein Umstand, der Tourplanungen in Europa nicht unbedingt einfacher macht. Und warum auch in Länder reisen, in denen man bei weitem nicht so erfolgreich ist wie in der Heimat? In den USA platzieren sich Weezer Alben immer in den Top 10. Selbst wenn sie keine nennenswerten Hits haben, wie in der Phase zwischen dem roten Album oder „Beverly Hills“ und dem weißen Album mit „Thank God for girls“. Außerhalb der USA sind die 2000er Jahre absolute Durchhängerjahre mit jedoch einem künstlerischen Ausreißer nach oben: mit Hurley liefern sie das beste Plattencover des Jahrzehnts. Die Songs der Platte ficht das jedoch nicht an, die bleiben unterirdisch.

2016 mit dem weißen Album wurden Weezer wieder rockiger. Das kleine Experiment Chartspop legten sie in die Schublade und schreiben dafür mit „Thank God for Girls“ und „King of the world“ rockige und typische Weezer Nummern. Beide Songs waren bereits im letzten Jahr Bestandteil der Setlist und fügten sich gut in die Reihe der alten Hits ein. Im 013 in Tilburg fühlten sie sich an wie Songs aus der besseren Weezer Zeit.

Nächsten Freitag erscheint das neue Album, ich bin gespannt, ob mich Pacific Daydream mehr an Pinkerton und das grüne Album erinnern lässt oder nicht. Die in Tilburg gespielten „Weekend woman“, „Happy hour“ und „Feels like summer“ gaben mir noch nicht so recht einen Eindruck darüber, was mich auf der Platte erwarten mag. Doch, oh ha, es standen damit drei nigelnagelneue Songs im Programm! Und, ein weiteres oh ha, sehr viele im Saal waren bereits textsicher. Respekt! Fanboys!

Das Konzert brachte neben den drei neuen Songs natürlich altbewährtes: fünf Songs des Debüts, zwei Hits vom grünen Album und zwei Songs vom großartigen Pinkerton. Diese beiden Songs, „The good life“ und „El Scorcho“ verzauberten das 013 früh in einen Weezer-Konzertrausch. Die Band hatte mit „Surf Wax America“ als ersten Song des Abends zwar die Messlatte sehr hoch gelegt, „The good life“ nahm diese Höhe aber locker und erzielte eine neue Mitgröhl-Bestmarke:

 „I don’t wanna be an old man anymore …lalala“

Wenn der Vater das singt, okay, aber sein fünfjähriger Knirps?! Egal, es ist schön anzusehen, wenn generationenübergreifend die Fäuste in die Luft gestreckt werden. Und ein bisschen lustig. Lustig passt gut zu Weezer, River Cuomo erscheint immer noch wie alle drei Wissenschaftler aus der Big Bang Theory in einer Person. Ach übrigens, in Tilburg dürfen die kleinen Fans auf den Sperrgittern vor der Bühne sitzen und auch mal ein Plektron aus dem Fotograben holen. Soviel zum Thema familienfreundliche Veranstaltungshallen und ihr Personal. In Köln kann ich mir das leider nicht vorstellen.Zwei schöne Songblöcke bauten Weezer in ihr Set ein. „Feels like Summer”, „I took a pill in Ibiza”, „Island in the Sun” lautet die Zusammenstellung des einen Blocks. Und klar, Songs mit solchen Titelnamen müssen einfach hintereinander weg gespielt werden. Es war das große Finale, veredelt durch die – wie ich finde – sehr gelungene Coverversion „I took a pill in Ibiza“. Auch wem der Titel nichts sagt, der kennt das Stück. Es ist diese Art Song, den man irgendwo schon einmal gehört hat: an der Tankstelle, im Supermarkt, beim Nachbarn. „I took a pill in Ibiza“ ist die zweite Coverversion des Abends, die Rivers Cuomo singt. Bei der ersten scheitert er ein bisschen an den hohen Tönen, was aber egal ist, denn Outcasts „Hey ya!“ hat einen eingebauten gute Laune Index von 100. Da singt eh jeder mit und keiner achtet auf den Gesang, weder auf den eigenen, noch auf den des anderen. Nach „Hey ya!“ halten „Buddy Holly“, „Hash Pipe“ und „Beverly Hills“ den Partylevel hoch.
Was gab das damals für Diskussionen, als Weezer die Hardrock Hymne „Hash pipe“ veröffentlichten. Igitt, was machen die denn da? Sind die jetzt schon so verzweifelt? Ist das Ironie? Diese schlimme Metalgitarre, diese Hardrock Melodien, all das kann doch nur ironisch gemeint sein. Das hatte man einer Indieband nicht zugetraut, selbst wenn man wusste, dass Rivers Cuomo eine Metalaffinität hat. Auch ich fand „Hash pipe“ damals diskussionswürdig, mittlerweile ist es eines meiner Weezer Lieblingslieder.

Die beiden Song Triple bildeten den Abschluss eines fulminanten Konzertes. Waren Weezer im letzten Jahr in Amsterdam schon gut, in Tilburg waren sie besser. Ich bin begeistert und sehr angetan von den 90 Minuten. Zur Zugabe spielen sie „Say it ain’t so“ und alles wird noch ein bisschen fulminanter: die Gitarren, das Mitgröhlen, die Ausgelassenheit, der Jubel. Weezer sind zurück, und das ist gut. Und hörte ich das richtig, als Rivers Cuomo zum Abschied sowas sagte wie ‘Bis zum nächsten Jahr‘? Wollen sie etwa im nächsten Sommer Festivals bespielen? Das wäre ein Ding.

Über die Vorgruppe The Orwells nur dies: Der Sänger in seinen roten Damenstiefeln und mit seinen überaffektierten Gesten war kaum aushaltbar. Irgendwie habe ich ein Problem, wenn sich die Vorband wichtiger nimmt als sie als Vorband sein sollte. Und The Orwells nahmen sich sehr wichtig. Die Konzentration auf die Songs fiel mir unter diesen Aspekten sehr schwer. Musikalisch liegen The Orwells zwischen The Hives, Green day und anderen sogenannte Garage-Rock-Revival Bands. Na gut.

Kontextkonzerte:
Weezer – Amsterdam, 08.04.2016 / Heineken Music Hall

Multimedia:

frank

Hallo, ich heiße Frank und blogge unter pretty-paracetamol seit 2006. Ich schreibe hier über meine Konzertbeobachtungen und über Musik, die mich umtreibt. Vieles davon kommt aus dem sogenannten Indiebereich, manchmal aber auch darüber hinaus.

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