Waters – Köln, 28.02.2012

Ort: Live Music Hall, Köln
Hauptband: Nada Surf

Es gibt Warnschilder und Hinweisschilder. Ein Warnschild ist ein mit einem Piktogramm versehenes Schild, das vor einer möglichen Gefahr warnen soll. Warnschilder im Verkehrsbereich gehören zur Kategorie der Verkehrszeichen.
Allgemein ist ein Schild (Neutrum, Plural Schilder) ein Zeichen in Form einer Tafel, Platte, Plakette oder anderen Trägers, wie beispielsweise eines Zettels, Kärtchens oder einer Folie, das mit einer Aufschrift oder einem Piktogramm versehen ist. Eine Schildergattung ist dabei von besonderer Bedeutung: das Hinweisschild. Hinweisschilder werden platziert, um den Betrachter an ihrem Ort Informationen zu geben, so beispielsweise Verkehrsschilder mit Verkehrszeichen, welche den Straßenverkehr regeln. Dieses Schild am Strand von Kamakura warnt vor Zigaretten und Mücken. Oder so ähnlich.
Ich kenne Hinweisschilder auch aus dem Fussballstadion: Pyroechnik- und Böllerverbotszeichen weisen darauf hin, dass diese nicht mit ins Stadion zu führen sind, oder von Mehrzweckarenen. Vor diesen geschlossenen Hallen wird neben dem Mitführen von Pyrotechnik auch ein Verbot über das Mitführen von Wunderkerzen, Essen und Fotoapparaten ausgesprochen.
Was durchaus berechtigt ist und Sinn macht. Wenn viele ihre Portion Pommes mit in die Konzerthalle nehmen würden, würde es dermaßen nach Fett und Mayo riechen, dass alle die, die ohne Essen vor der Bühne warten, unweigerlich Hunger und eine Riesenwut auf die Pommesesser bekämen. Tumulte könnten entstehen und nein, das wäre nicht schön. Also muss ein Schild her, das das Mitführen von Essen jeglicher Art untersagt. Was für Pommes gilt, muss auch für Müsliriegel gelten. (Alles schon erlebt). Das zweite Hinweisschild, welches mir seit gestern Abend sehr in Erinnerung bleiben wird, ist das mit dem durchgestrichenen Fotoapparat.
Er: „ Kann ich mal in deine Tasche gucken?“
Ich: „Ja klar, Moment.“ (Das ist gang und gebe und unkritisch. Pommes nehme ich nie mit auf Konzerte, und Plastikwasserflaschen auch nicht, die darf man nur in anderen Ländern ohne Wutausbrüche am Einlass mitnehmen.)
Er: „Ist das eine Kamera?“
Ich: „Ja, ne kleine.“
Er: „Die kannst du nicht mitnehmen.“
Ich: „Das ist aber nur ‘ne Kompaktkamera ohne Wechselobjektiv.“
Er: „Nein, auch mit der darf ich dich nicht reinlassen. Kameras sind nicht erlaubt.“ (Und die Hand geht bedeutungsschwanger in Richtung Hinweisschild)
Ich: „Aber mit der gab’s doch noch nie Probleme, es ist doch nur ‘ne Kompaktkamera wie sie alle mithaben.“
Er: „Bring sie zurück zum Auto oder sperr‘ sie in ein Schließfach, aber so kommst du nicht rein.“
Nicht das es mich ärgern würde, keine Fotos machen zu dürfen, aber das Auto stand jedwede und es war bereits kurz vor acht. Ich wollte nur nicht zurück laufen. Allerdings: Gott sei Dank war ich mit dem Auto in Köln und nicht mit der Bahn.
Weitere Diskussionen waren natürlich zwecklos. Er saß am längeren Hebel, und spielte diese Trumpfkarte genüsslich aus. Die Frage, ob ich mein Mobiltelefon mit Kamera mitnehmen darf, verkniff ich mir. Und natürlich hat der Einlassmann der Live Music Hall recht, es hängt dort ein Schild, und natürlich macht er auch nur seine Arbeit. Aber, in welchem Jahr sind wir denn?
Ich glaube bei einem Garbage Konzert im Palladium wurde ich zum letzten Mal aufgefordert, meine Digitalkamera zurückzubringen. Das war vor vielen Jahren, und damals stritt man auch noch darum, ob Fotohandys nun erlaubt seien oder nicht.
Das war unzeitgemäß und albern. Und ärgerlich. Ich musste also nochmals zurück. Meine Kamera hört auf den Namen Casio SX 200 und ist ein kleines Knipsding, macht verrauschte unspektakuläre Aufnahmen, die absolut für keine kommerzielle Nutzung geeignet sind. Wenn stört es also, wenn mit solch einem Ding eine Handvoll Fotos für den Eigenbedarf gemacht werden? Die Band? Quatsch. Die freut sich doch über jedes Livevideo, welches ihre Qualitäten hervorzeigt. Kostenloses Merchandise. Die Pressefotografen mit ihren dicken Apparillos? Unsinn, die lachen doch über die Bildqualität.

Ach, ich war schon bedient bevor das Konzert überhaupt anfing.
Nichtsdestotrotz kam ich noch so gerade pünktlich zu Waters, und da die Live Music Hall auch noch sehr leer war, fand ich auch einen guten Platz. Es schien so, dass das Blatt sich noch zum Angenehmen wendet.
Waters mag ich seit dem Sommer letzten Jahres. Ihr angegrungtes „For the one“ ist eines meiner Lieblingslieder 2011, die ersten Textzeilen „Oh my god I thought I was a free man out on the road“ mit das Beste an Gesangseröffnungen der letzten Jahre. Durch Zufall sahen wir Waters im Nachprogramm von Bettie Serveert im Paradiso. Es war toll und bestärkte mich in meinem Waters- Fantum. Auch gestern Abend beeindruckten sie mich direkt mit den ersten Minuten. Ihr Konzert bestand nur aus Songs ihres Debütalbums „Out in the light“, das Mitte letzten Jahres erschien. Die Band um Van Pierszalowski spielte daher ausschließlich Songs, die ich kannte (und sehr mochte). Das ist mir bei Konzertbesuchen lange nicht mehr passiert. Waters spielten lauter als beim letzten Mal, und energischer. Und Waters spielten knappe 45 Minuten. Das kam mir sehr entgegen, ich war ja hauptsächlich wegen der Vorband hier. Die große Bühne scheint ihnen nichts auszumachen. Die Band wirkte gut, eingespielt und tatendurstig. Ohne viel Firlefanz aber mit viel Gitarrenlärm und brüllendem Gesang gingen sie zu Werke.
Aber hatten Waters einen neuen Bassisten? An David Hasselhoff an der Gitarre hatte ich noch gute Erinnerungen, der Mann links auf der Bühne kam mir dagegen unbekannt vor. Hatten sie einen neuen Bassisten? Nun, weiter konnte ich diesen Gedanken nicht spinnen, denn nach einer Viertelstunde bekam ich so gut wie nichts mehr von ihrem Konzert mit. Einzig die letzten beiden Songs „Mickey Mantle“ (mit Nada Surf OHNE Schlagzeuger als „Forever“ Chor auf der Bühne) und „For the one“ blieben mir ohne nervende Ablenkungen.
Was war passiert?
Nun, es war die zweite Ärgerlichkeit an diesem Abend, die mich mein Nada Surf Fantum sehr in Frage stellen lässt.
Was genau war denn passiert?
Der Nada Surf Schlagzeuger war passiert. Ira Elliot hatte zu diesem letzten Konzertabend der nada surf Europatour ganz viele Leute eingeladen. Erst dachte ich, es seien Label- oder Companyleute, später vermutete ich, es sei entfernte deutsche Verwandtschaft oder in der Eifel stationierte Familienangehörige. Es waren zumindest an die 10 Personen, die nun ausführlich begrüßt werden mussten. Also, drücken hier, lachen da, reden dort. Man kennt das ja von Feiern, wenn auf einmal alle gleichzeitig klingeln und im Flur mehr los ist als im Wohnzimmer. Nur waren sie nicht im Flur, sondern standen sieben Meter von der Bühne entfernt. Das wäre auch alles okay gewesen, wenn es sich nicht direkt vor meiner Nase abgespielt hätte. Also, Waters zuhören war jetzt nicht mehr möglich. Stattdessen musste ich mit ansehen, wie Erinnerungsfotos gemacht wurden (mit kleinen Digitalkameras. Salz in die Einlasswunde, aber mir war eh klar, dass ich das einzige Filzopfer war.) und Mitbringsel den Besitzer wechselten.
Ab diesem Augenblick hatten Nada Surf keine Chance mehr auf ein gutes Konzert. Karate Kid – mit seinem Stirntuch und en schwarzen Harren erinnerte er mich unweigerlich an Ralph Macchio – hatte es versaut.
Aber ganz abgesehen von diesen beiden Aufregern fragte mich knappe 2 Stunden später, ob es auch sonst ein gutes Konzert gewesen wäre. Alles in allem fand ich ihren Auftritt drucklos und larifari. „Always love“, „The way you were your head“, selbst die College Pop Blaupause „Popular“ im Zugabenteil blieb an diesem Abend blass. Ich fand das Konzert schlechter als ihren Rolling Stone Auftritt im November an der Ostsee. Neue Sonsg spielten sie dmals nur vereinzelt, und so war sehr gespannt auf sie, las ich doch recht guten Kritiken zum neuen Album „The stars are indifferent to astronomy“. Aber sie enttäuschten mich. So wie ich las, sollen Nada Surf hiermit eher an den 2000er Alben „Let go“ und „The weight is a gift“ anknüpfen, also, im Gegensatz zum letzten eigenen Album, deutlich das Tempo erhöht haben.
Ich sah das an diesem Abend nicht. So blieb die Calexico Trompete in „80 Windows“ das einzig anmerkenswerte. Sie wurde von Martin Wenk (eben auch Calexico) gespielt, der neben Doug Gillard (Guided by Voices) die Band seit einigen Jahren live begleitet.
Mein Nada Surf Fantum war Mitte der 90er größer als heute, keine Frage. In den letzten 10 Jahren hat mich die Band wenig interessiert, und ich denke, das wird sich in den nächsten 10 Jahren nicht ändern. Gerne höre ich ihre ersten beiden Alben, gerade das zweite ist ein Meilenstein, aber viel mehr wird es nicht werden.

Immerhin habe ich es nun endlich geschafft, Nada Surf live zu sehen. Ihre Konzerte vor 15- 16 Jahren verpasste ich jedes Mal durch Krankheiten, was mich seinerzeit sehr ärgerte. Gestern wäre ich gerne zu kaputt und schlapp gewesen, ich hätte mir einen ärgerlichen Abend erspart.

Setlist:
01: Clear eye clouded mind
02: Waiting for something
03: Happy Kid
04: Whose authority
05: What is your secret?
06: Teenage dreams
07: Weightless
08: Killian’s red
09: Jules and Jim
10: Concrete bed
11: 80 windows
12: When I was young
13: The way you wear your head
14: The future
15: Hi-Speed soul
16: Looking through
17: See these bones
Zugabe:
18: Inside of love
19: Always love
20: Popular
21: Blankest year

Multimedia:
flickr – Waters
flickr – Nada Surf

Kontextkonzerte:
Waters – Amsterdam, 10.09.2011

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4 Responses

  1. e. sagt:

    schöner, erlebnisreicher bericht. das fazit, das du ziehst, hätte ich auch so vor dem konzert abgegeben. die besonderen umstände deines abends heben dies nur hervor. warum hast du die nada surf fritzen nicht angequatscht und um ruhe gebeten?

  2. Christoph sagt:

    Immerhin hat Dich der Mann am Einlass geduzt!

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