Ort: Live Music Hall, Köln
Vorband: Ghostpoet

TV on the Rdio - Köln, 05.07.2011

Es gibt Songs, die erkenne selbst ich nach zwei, drei Takten sofort. Es sind die mit den markanten Anfängen, den ureigensten Gitarren- oder Bassabfolgen. „Waiting room“ von Fugazi ist so ein Song.
Da hat sich der Bassbeginn irgendwie in meinem Hirn festgesetzt und bleibt dort für alle Zeit. Und so huschte ein freudiges Lächeln über mein Gesicht, als der Bassist von TV on the Radio zum Abschluss des Konzertes diese zwei, drei Töne anspielte. Sie werden doch nicht? Ohh doch, TV on the Radio werden „Waiting room“ covern. Großartig! Diese zweieinhalb Minuten allein waren den Konzertbesuch wert. Ein gebührendes Ende eines tollen Konzertes. Und ein stimmiges.
TV on the Radio und Fugazi, das macht Sinn. Auch wenn mich die New Yorker während ihres Auftrittes eher an Living Colour erinnerten. Was aber aus musikalischer Sicht weniger Sinn macht.
Déjà vu.
Schon wieder ist eine Band im Einslive Studio, die wir später am Abend live sehen: TV on the Radio. Aber nicht die komplette Band besuchte Ingo Schmoll, sondern Gitarrist und Sänger Kyp Malone fand sich vor dem Mikrofon ein.
Gesprächseröffnungsthema war natürlich der Tod des Bassisten der Band im April diesen Jahres, neun Tage nach der Veröffentlichung des letzten Albums „Nine types of light“.Wie die Band es verkraftet hätte und wie überraschend es sei, dass sie diesen Sommer auf Tour seien.
Nun, entgegnete Kyp Malone relativ nüchtern, verkraftet habe man das natürlich noch nicht. Aber man könne ja nicht gleich die Arbeit einstellen. Er kenne nur wenige Jobs, in denen man aufhören könne zu arbeiten, wenn ein Kollege oder Freund verstirbt. Und die Band sei nun mal ihr Job.

Ob das aktuelle Album denn thematische auf den Verlust des Freundes Bezug nehme, ging das Interview weiter.

Nein, die Arbeiten waren schon so gut wie abgeschlossen, als die Band erfuhr, dass Gerard Smith an Lungenkrebs litt.

Kyp Malones Meinung zu dem Umstand, dass Songs von TV on the Radio in Fernsehserien verwendet werden, hörte ich nicht mehr, die Autofahrt zur Live Music Hall war beendet. Die Frage galt dem Song „DLZ“ vom Dear Science Album, er wurde in der Serie Breaking Bad verwurschtelt.
Na gut, nicht so spannend und kein Grund, vor dem Radio kleben zu bleiben. Also auf in die ordentlich gefüllte Live Music Hall.
Die Vorband Ghostpoet hatte ich hinter mir gelassen, zeitlich war es nicht drin, vor neun Uhr in Köln zu sein. Als wir die Tickets besorgten, war es eher ein ich-komm-mit Konzert, als ein ich-will-da-hin Konzert. Bis letzten Sonntag lief TV on the Radio für mich nebenher, ich kannte ein, zwei Songs, das vorletzte Album Dear science hatte ich aber noch nicht vollständig gehört. TV on the Radio schienen mir immer zu anstrengend.
Am Sonntag dann kopierte ich mir ihr aktuelles Werk auf den IPod und wählte „Nine types of light“ als Joggingsoundtrack. Beim laufen wurde mir dann schlagartig klar, was für eine hervorragende Band TV on the Radio sind. Von dem Augenblick an freute ich mich sehr auf ihr Konzert.
Wie umschreibt man die Musik von TV on the Radio? Rock, Elektronik, Soul? Von allem etwas, plus Gospel, Jazz und Funk? Ich finde es schwierig, die musikalische Vielfältigkeit der Brooklyner Band an Begriffen festzumachen. Der Boden aller Rockverschachtelungen und Tanzbeats scheint mir aber Soul zu sein. Es sind Perfektionisten am Werk, jeder Ton sitzt, jede Sequenz passt. Reißt eine Gitarrensaite, wird das Instrument on the fly im Song gewechselt.
Nach Köln kamen sie zu sechst. Das Stammpersonal um Sänger Tunde Adebimpe, Kyp Malone, David Andrew Sitek und Schlagzeuger Jaleel Buntoneinem wurde um einen Bassisten und einen Posaune und Rassel spielenden Backgroundmusiker ergänzt.
TV on the Radio lassen nichts vermissen. Sie spielen die neue Single „Will do“ rasch zu Beginn als drittes und wir kommen schnell ins mitwippen. Erstmalig reißerisch wird es nach einer halben Stunde. „Will do“ und „Blues from down here“ bilden ein gutes und tanzbares Doppel. Tunde Adebimpe movt sich von einer Ecke der Bühne in die andere, Kyp Malone springt ab und an in die Höhe, David Andrew Sitek strömt der Schweiß von der Nasenspitze. Auch coole Menschen schwitzen. Das bleibt aber beim Sound und den Temperaturen in der Live Music Hall nicht aus. „Staring at the sun“ und „Wolf like we“ machen Lust auf mehr Bewegung.
Bei aller Spiellaune überreizen TV on the Radio aber nicht. Nach einer Stunde ist ihr reguläres Programm um. Zum Ende blinkt die rote Warnlampe am Effektpult des Sängers. Band und Publikum sind geschafft. Schwitzige Ellenbogen und klebende T-Shirts sprechen eine deutliche Sprache. Viel mehr wäre nicht zu verkraften. Oder doch? Eine Dreierzugabe geht noch, und als dann TV on the Radio ein zweites Mal zurückkehren, sind viele schon draußen an der frischen Luft. „Waiting room“, kurz und knackig und nah am Original. Das haben wir uns verdient!

Es war ein tolles Konzert, an dem es nichts auszusetzen gab. Ein perfekter Abend.

Am Montag im Stadtanzeiger war ein Artikel über straight edge. Wo ist noch mal meine Repeater CD?

Setlist:
01: Young liars
02: Wrong way
03: Caffeinated consciousness
04: Blues from down here
05: Will do
06: New cannonball blues
07: Halfway home
08: Dreams
09: Keep your heart
10: Red dress
11: Staring at the sun
12: Repitition
13: Wolf like we
Zugabe I:
14: Ambulance
15: Dancing choose
15: Satellite
Zugabe II:
Waiting room

Multimedia:
Fotos: frank@flickr

Kontextkonzerte:

frank

Hallo, ich heiße Frank und blogge unter pretty-paracetamol seit 2006. Ich schreibe hier über meine Konzertbeobachtungen und über Musik, die mich umtreibt. Vieles davon kommt aus dem sogenannten Indiebereich, manchmal aber auch darüber hinaus.

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