Ort: La Maroquinerie, Paris
Vorband: Le volume courbe vs Grimm Grimm
Thurston Moore. Der Mann, der das Ende von Sonic Youth zu verantworten hat. Das zumindest ist meine Meinung, nachdem ich die ersten Seiten von Kim Gordon’s Bioraphie  Girl in a Band gelesen hatte. Es sind tieftraurige erste Abschnitte, die die Ex-Frau des Sängers dort aufführt.

Thurston Moore. Der Mann, der so wunderbar melodiöse Gitarrensongs spielen kann wie vielleicht kein zweiter. Seit Jahrzehnten macht er das. Erst exklusiv für, in und mit Sonic South, später auf mehreren Soloalben und aktuell mit der Thurston Moore Group.

Thurston Moore. Der Mann, der an diesem Samstagabend ein kleines Konzert in der Pariser La Maroquinerie spielen sollte und mich damit zu einem Kurztrip nach Paris einlud.

Die Einladung nahm ich selbstverständlich an. Schönreden musste ich mir die Zugfahrt und den Stadtbesuch nicht; im Gegenteil, ich könnte 1000 Gründe und Argumente anführen, um diesen Pariser Konzerttrip zu rechtfertigen. Das es famos werden sollte, stand dabei sowas von außer Frage! In Frage stand bis zu Samstagmittag allerdings, in welcher Kombination er auf der Bühne stehen wird (Solo oder mit Band) und wie laut das Konzert werden wird. (Laut meint verstärkt akustisch oder mit Gitarren und Schlagzeug). Dass sich das Konzert nach einer letzten Intensivrecherche als solo und akustisch herausstellen sollte, erfreute mich noch ein bisschen mehr. In dieser Konstellation hatte ich Thurston Moore live noch nicht erlebt. Wie schön würde es werden, all die tollen Songs von The best day oder Demolished Thoughts live zu hören, einzig mit Akustikgitarre, einzig mit Thurston Moores Gesang.

Le volume courbe vs Grimm Grimm nennt sich das Duo, das eine gute Stunde lang die sich immer stärker füllende La Maroquinerie beschallte. Der mir bis dahin unbekannte Konzertsaal im Osten der Stadt machte einen guten ersten Eindruck. Es gibt von der Bühne abgehend drei Ebenen, auf denen sich die Zuschauer verteilen können. Da die Bühne nicht allzu hoch ist, ist so sichergestellt, dass man auch in den hinteren Reihen gute Sicht auf das Geschehen bekommt. Einzig die leicht muffig nach Turnhallenumkleidekabine riechende Luft war am Anfang etwas störend. Eine Umluftanlage scheint es nicht zu geben. Und falls doch, war sie nicht aktiviert. Da der Saal gefühlt mindestens halb unterirdisch liegt, ist anderweitiges Lüften nicht möglich. Im Hochsommer stelle ich es mir hier ekelig heiß vor.
Le volume courbe vs Grimm Grimm sind die beiden Musiker Charlotte Marionneau (La volume courbe) und Koichi Yamanoha (Grimm Grimm). Akustikgitarre und ein Keyboard waren die Instrumente, die sie mitbrachten. Während der ersten Songs gab es Muse, sich umzusehen. Mein Blick schweifte umher und viel irgendwann auf die Setlist. 12, nein 14 Songs waren dort verzeichnet. Eine ordentliche Hausnummer für ein Vorprogramm und für meinen Geschmack damit drei Songs zu lang. Denn sonderlich viel konnte ich mit dem Dargebotenen bisher nicht anfangen. Ich habe keine Ahnung, welche Musik die beiden in ihren Bands sonst so spielen, ihr Auftritt hier schien mir jedoch ein besonderes und nicht allzu oft stattfindendes Arrangement zu sein. Drei Songs verdaddelten sie nach wenigen Tönen komplett und auch sonst erschienen mir die beiden leicht unsicher. Leider ging das Set ein bisschen an mir vorbei, das frühe Aufstehen, der Nachmittagsspaziergang und der Ausblick auf Thurston Moore ließen mich in diesen Minuten unkonzentriert zurück. Ihr Akustikpop war zwar schön anzuhören, aber mir für die Zeitspanne von ziemlich genau einer Stunde ein bisschen eintönig.

Ausverkauft war der Abend seit Anfang der Woche, also noch gar nicht so lange. Als ich im Januar zum ersten Mal von diesem Auftritt hörte, war es sehr schwer, Informationen zu ergattern. Eigentlich gab es damals nur den Link zum Ticketkauf und eine kleine Randnotiz auf der La Maroquinerie Webseite. Erst später dann tauchte das Konzert auf der Facebookseite von Thurston Moore auf, zusammen mit weiteren Konzerten im Frühjahr, die die Thurston Moore Group im diesen Jahres spielen wird. Das brachte die Frage auf, ob dieser, eigentlich zeitlich viel zu früh um zur Tour dazu zu gehörende Auftritt mit der Group stattfinden wird oder nicht.

‘Ohhhh, yeahhhhh. Mr Moore!‘ Ein Raunen ging durch den Saal, als Thurston Moore nach vier, fünf Songs erstmals zur elektrischen Gitarre griff und diese in seinen Verstärker stöpselte. Es folgten 10 Minuten Feedback und andere obskur verzerrte Melodien, die mich an sein Konzert im King Georg erinnern ließen. Soll ich es Noise nennen oder einfach nur melodischen Krach? Wie auch immer, es zeigte sich in diesen Minuten die andere Seite des Moore’schen Repertoires: instrumental, feedbackig, laut. Wird das nur ein kurzer Ausflug heraus aus den ruhigen, im Sitzen vorgetragenen anderen Songs, oder läuten diese Minuten die zweite Phase des Konzertes ein. Mir kam das Konzert von Chris Borkaw vor einigen Wochen in der Düsseldorfer Kassette in den Sinn, der sein Set durch den Wechsel von der Akustikgitarre hin zur elektrischen Gitarre zweiteilte. Ist das hier und heute auch der Fall? Der Bühnenmitarbeiter schien dies zu denken. Eifrig baute er das Mikrofon um, löste die Feststellschrauben und arretierte den zweiten Arm des Ständers in Stehhöhe neu ein. Doch am Ende des Songs stellte Thurston Moore die Elektrische zurück an ihren Platz, griff zur Akustikgitarre und setzte sich wieder auf seinen Klappstuhl, um mit launiger Stimme anschließend festzustellen: ‘What happened, the microphone is growing.‘ Dabei hob er seinen Kopf in Richtung Mikrophone und nuschelte etwas wie ‘Let’s do it just like Lemmy.‘
Aha, es bleibt also bei einem kurzen Ausflug in die E-Gitarrenwelt. Mir war das ganz recht, denn diese Feedback-Sachen habe ich schon gehört. Dann doch lieber die ruhige Nummer und ein paar Songs aus seinen Soloalben. „Turn on“, “Speak to the wild“, und das tolle “Forevermore” zum Beispiel.  Wow, gerade „Forevermore” riss mich vom Hocker. Das war so großartig vorgetragen, sensationell!

„Forevermore“ ist für mich ein typischer Thurston Moore Song. Wer sich fragt, was ein typischer Moore Song ist, dem möchte ich es folgendermaßen erklären. Ein typischer Moore Song geht so: Es beginnt mit ein bisschen Gitarrengezupfe, das irgendwie immer nach „Sunday“ klingt. Dann kommt der Teil, in dem die Melodie hinzukommt. Auch der klingt so unverwechselbar Moore typisch, dass daraus jeder, aber wirklich jeder von ihm geschriebene Sonic Youth Song oder eine seiner Solosachen rausbrechen könnte. Erst langsam entwickelt sich dann der eigentliche Song, der schließlich mal mehr, mal weniger ausufernd in seinen Instrumentalteil fällt, bis die Songmelodie zum Ende hin wieder zurückgeholt wird.
Es ist famos, was der Mann alles aus einer Akustikgitarre pressen kann. Bei einem Song – ich glaube „Grace Lake“ – loopte er zwei, drei Sequenzen, die danach immer und immer wieder übereinandergeschichtet wurden und zusammen mit der realen Gitarrenspur dem Akustik-Gig mir bis dato völlig unbekannte Qualitäten verlieh. Ich meine, wer schafft es, alleiniges Geschrammel auf einer Akustikgitarre über Minuten wie ein My bloody Valentine Song klingen zu lassen.

Nicht wenige Songs kamen so auf eine Nettospielzeit von  um die 10 Minuten. Langatmig wurden sie aber zu keiner Sekunde. Neben altbekannten Stücken spielte er auch zwei, drei neue Sachen. Im Frühjahr erscheint das nächste (erste) Album der Thurston Moore Group Rock’n‘Roll Consciousness.

In der Zugabe schob er „Mx Liberty“ nach. Dann war das Konzert zu Ende. Es hat großen Spaß gemacht und ich überlege dringend, ihn auf der kommenden Tour irgendwo zu sehen.

Welch‘ grandioser Musiker Thurston Moore doch ist!

Kontextkonzerte:
Thurston Moore – Köln, 16.11.2014 / Gebäude 9
Thurston Moore – Köln, 31.03.2014 / King Georg
Chelsea Light Moving – Frankfurt, 03.07.2013 / Zoom
Sonic Youth – Düsseldorf, 24.04.2009 / 3001
Sonic Youth – Köln, 26.06.2007 / E-Werk

Multimedia:

frank

Hallo, ich heiße Frank und blogge unter pretty-paracetamol seit 2006. Ich schreibe hier über meine Konzertbeobachtungen und über Musik, die mich umtreibt. Vieles davon kommt aus dem sogenannten Indiebereich, manchmal aber auch darüber hinaus.

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