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Ort: King Georg
Vorband:

Thurston Moore Um halb neun stehe ich im King Georg zwischen Theke und Wand. Wer zu spät kommt, den bestraft dieser Klub mit einem ‘nichts von der Bühne sehen‘ Konzerterlebnis. Aber was schreibe ich, eine Bühne gibt es in diesem ehemaligen Schummeretablissement überhaupt nicht. Die Musiker stehen in der Mitte vor zwei runden Sitzecken, das Publikum steht drum herum. Was in der Theorie wunderbar klingt, also direkter Körperkontakt zum Musiker, ist in der Praxis ziemlich doof: weil man in letzter Konsequenz mehr hört als sieht, weil man irgendwie überall im Weg steht (Durchgang zum Klo, Durchgang nach hinten, Durchgang für die Thekenfrau).
Gerne würde ich das King Georg nicht so oft aufsuchen müssen, aber es ist auch so, dass dort nahezu wöchentlich hochkarätigste Bands und Musiker spielen. Also muss man da hin! Und so kam ich eben dieses Mal nicht umher, und nahm zähneknirschend die Unwägbarkeiten in Kauf. Ein bisschen abschwächen kann man sie nur, wenn man pünktlich zum Einlass vor Ort ist, um sich einen der ersten Reihenplätze zu sichern oder aber um nicht im Gangbereich weiter hinten zu landen.
Ich schaffte es an diesem Abend nicht ganz so pünktlich, und da ich auch noch einige Minuten in der Schlange vor der Tür vertrödelte, war es eben schon halb neun und der Laden schon dreiviertel voll, als ich, um die beiden Eingangsecken biegend, den Thekenbereich des King Georg betrat. Gut, damit war ein Teil des Abends quasi schon gelaufen. Da ich jedoch von diesem Konzert eher ein Ohren- als einen Augengenuss erwartete, war das geschenkt. Und Thurston Moore und Steve Shelley hatte ich nun schon ein paar Mal gesehen. Wie die aussehen und welche Instrumente die spielen, wusste ich.
Als die beiden Konzertabende von Thurston Moore, Steve Shelley und James Sedwards bekannt gegeben wurden, war meine Freude groß. Sonic Youth Mitglieder und/oder Bandableger dieser besten Indieband aller Zeiten schaue ich mir unheimlich gerne an. Zum einen, weil mir die Musik sehr gefällt und zum anderen, weil es sich bei allen um hervorragende Musiker und schlaue Künstler handelt, die man einfach sehen muss. Ähnlich einer Andreas Gursky oder Gerhard Richter Ausstellung. Gewisse Dinge muss man einfach sehen, da hat sicher jeder so sein Steckenpferd. Gott sei Dank gab es für mich in den letzten Jahren sehr viele Gelegenheiten, Sonic Youth Nachfolgeorganisationen sehen zu dürfen. Und es war jedes Mal ein tolles Erlebnis und es war immer alles wert. Daher kein Zögern bei mir, Tickets für die Abende im King Georg zu kaufen.
Dass ich dann am zweiten Abend durch Umstände verhindert war / wurde, dafür konnte ich nichts. Immerhin schaffte ich Teil 1, was besser als nichts war. Und was soll ich sagen, es war erwartet großartig!
Vor gut einem Jahr sah ich Thurston Moore mit seinen Chelsea Light Moving in Frankfurt. Zusammen mit Samara Lubelski, John Moloney und Keith Wood schrieb er ein sehr punkangehauchtes Gitarrenalbum. Davor machte er solo ein wunderbares ruhiges Gitarrenalbum. Er kann also unterschiedliches. Hochinteressant finde ich seine Zusammenarbeit mit dem Multi-Instrumentalisten, Produzenten und Avantgardisten John Zorn (Naked City ist ein empfehlenswertes Album!) Ihre Album @, das zeitlich zwischen Demolished Thoughts (Soloalbum) und Chelsea Light Moving liegt, ist angenehmste Free Jazz Improvisation.

Was mag denn nun diesem Abend bzw. in dieser Musikerkombination von ihm erwartet werden und zu hören sein? Eine sehr spannende Frage, die ich mir beim Ticketkauf stellte (und dann sehr rasch selbst beantwortete). Auf YouTube suchte ich etwas nach Thurston Moore und James Sedwards und fand einige Clips, auf denen die beiden zusammen in Plattenläden Gitarrenkonzerte gaben.
So richtig spielten sie da keines von dem erwähnten, spontan kam mir die Body/Head Show im Sommer (übrigens auch von den King Georg‘rn organisiert) in den Sinn. Die war sehr avantgardistisch und durch lange Gitarrenparts gekennzeichnet. Wie dort Kim Gordon und Bill Nace, so waren es in dem YouTube Video Thurston Moore und James Sedwards, nur weniger experimentell dafür aber melodiöser. Folglich erwartete ich eher Instrumentalmusik und lange, ausufernde Gitarrensoli. Das passte. Beides.

„I have to go downstairs.“ kommentierte Thurston Moore mit Blick auf seine Gitarre die Szenerie und verschwand in den Katakomben des King Georgs. Das Konzert war keine 3 Minuten alt, da war das Instrument hin die Saiten gerissen. Ein nicht so oft gesehener Konzertbeginn. Aber keine Aufregung, alle nahmen diesen Tatbestand extrem gelassen hin, und als Moore nach 5 Minuten mit neuen Saiten wieder die Treppe hinaufstieg, spielte Steve Shelley immer noch und in gleichbleibender Genauigkeit diesen einen sich wiederholende Schlagzeugbeat. Wie ist das eigentlich, gehört Steve Shelley nun zu den besten Schlagzeugern des Planeten? Ich möchte ihn schon der gehobenen Kategorie Schlagzeuger zuordnen, aber alle Jazzfans werden wahrscheinlich sagen: nein, da gibt es viel, viel bessere.
Die Songs, die die drei spielen, kenne ich nicht. Aber das ist egal, denn es gibt da diese Art von Gitarrenspiel, die nur Thurston Moore kann und die allen seinen Songs einen extrem hohen Wiedererkennungswert mitgeben. Kennst du einen Moore Song, weißt du, wie die anderen klingen oder aber zumindest, welche Tonfolgen dich in den nächsten Minuten einlullen werden. Das disharmonische Stimmen seiner Gitarre sei daran schuld, lese ich. Okay, das Ergebnis ist immer dasselbe, egal ob bei Sonic Youth, solo oder in diesem Bandgefüge. Binnen weniger Sekunden bin ich hineingezogen in diesen unverwechselbaren Gitarrenklang, komplett im Bann der immer wieder in Zwischensequenzen aufpoppenden Melodienpünktchen und überhaupt vollkommen weg von allem. Da stört es mich auch nicht, dass ich meist nur Hinterköpfe sehe, die Musik ist zu keiner Sekunde so langweilig, dass ich visuelle Ablenkung benötige, um durch das Konzert zu kommen. Überdies genießt man ein solches Konzert sowieso am besten mit geschlossenen Augen.

Nach fünf oder sechs Songs und einer knappen Stunde ist das reguläre Set vorbei. „Germs burn“ bleibt der einzige Song, der namentlich angekündigt wird und mir somit allein als Daheimnachhöroption im Gedächtnis bleibt. Der Rest ist mir unbekannt oder aber wurde so zermahlen wiedergegeben, dass ich hierin nichts Bekanntes herausgehört habe. Oder aber es war alles neu und bisher unveröffentlicht. Egal wie, stimmungsmässig schlug dieser Umstand nicht negativ zu Buche. Zu erwarten war eh ein Zuhörkonzert und da sind bekannte Songs nicht überlebenswichtig.
Zum Schluss des Abends wurde ich noch einmal an Body/Head erinnert. Dieses Mal visuell: Wo weiland Kim Gordon die mit Efeu berankten Wände der Dachterrasse mit ihrem Gitarrenhals entlang schrubbte, nutzte Thurston Moore den über ihn hängenden Glaskronenleuchter. Kann man machen.
Der Abend hat großen Spaß gemacht.

Und noch ein Detail: Thurston Moore sieht endlich aus wie Mitte 50. Ich hätte es nicht für möglich gehalten.

Kontextkonzerte:
Body/Head – Köln, 18.06.2013 / Museum Ludwig 
Chelsea Light Moving – Frankfurt, 03.07.2013 / Zoom
Lee Ranaldo & The Dust – Köln, 13.11.2013 / Gebäude 9
Lee Ranaldo – Hasselt, 15.06.2013 / Kunstencentrum Belgie
Lee Ranaldo – Köln, 04.07.2012 / Gebäude 9
Sonic Youth – Düsseldorf, 24.04.2009 / 3001
Sonic Youth – Köln, 26.06.2007 / E-Werk

Fotos:

 

Video:

frank

"I can't go away with you on a rock climbing weekend - What if somethings on tv and its never shown again - Its just as well I'm not invited I'm afraid of heights - I lied about being the outdoor type."