| Ein Blog über Musik und Konzertbesuche |

The Notwist sind von allen Bands vielleicht die mit der höchsten „Lieblingsmomente in Liedern“ Dichte. Ich hab sie zwar nie gezählt, aber spontan fallen mir eine handvolle Notwist Songs ein, in denen Lieblingsmomente vorkommen.
Die Minuten 1:30 bis 1:50 im Nook’schen „No love“, die Sekunden zwischen Minute 1:30 und 1:50 von „I’m a whale“, oder die Sekunden um Minute 1:30 in „One with the freaks“, der Anfang von „Good lies“ oder die 60 Sekunden „Gloomy Planets“ zwischen Minute 2:00 und Minute 3:00. Ach, ich mag diese Sequenzen sehr. Oft ist es sogar so, dass ich nur diese Songparts höre und den Rest einfach wegskippe. Bei The Notwist kommt zu diesen Lieblingsmomenten auch noch ein Lieblingsliveaugenblick. Der ist genau dann, wenn sich Max Punktezahl in Schrittstellung vor sein Keyboard stellt, mit dem rechten Fuß taktvoll wippt und just im Augenblick des Übergangs zum Indiegeschrammel dramatisch wild den Oberkörper nach vorn und hinten wuchtet. Der Song dazu ist „Gravity“. Es ist ein herrlicher Augenblick, der für mich alles zusammenfasst, was The Notwist für mich ausmachen. Ach, noch viel mehr. Wenn mich einer fragen würde, welche Musik ich mag und warum (was eigentlich schon eine blöde Frage ist) würde ich ihm genau diesen einen Augenblick eines Notwist Konzert zeigen.
Vor einigen Tagen haben The Notwist Oliver in Paris sehr überzeugt, was mich wenig überraschte. Mich überzeugten The Notwist bisher immer.
„Keiner singt so wie Markus“ schreibt Oliver, und ist hingerissen von Markus Achers „unglaublich traurigen, aber gleichzeitig auch so weichen, warmen, tröstlichen Stimme. “
Dem kann ich nur zustimmen, Markus Achers Gesang verleiht dem Notwist Sound das i-Tüpfelchen und lässt auch in elektronischeren Notwist-Zeiten den amerikanischen Gitarrenindie durchscheinen. Vor gut 20 Jahren hatten The Notwist den mit Löffeln gefressen. Keine andere europäische Band klang nach so. The Notwist – damals als Band um die Hälfte kleiner: Markus und Micha Acher sowie Mecki Messerschmidt waren Anfang / Mitte der 90er Gitarre Bass, Schlagzeug – spielten eine perfekte Mischung aus Dinosaur Jr., Minor Threat, Soundgarden, Hüsker Dü und den Lemonheads. Das war großartig und wurde leider völlig verkannt. Seinerzeit waren sie Welten entfernt von ihrem heutigen Sound. Einzig Markus Achers Gesang war damals schon so wie heute: voll von dieser schwermütigen Sanftheit und inneren Beharrlichkeit. Seit Ende der 90er, eigentlich mit dem Hinzukommen von Mann Martin Gretschmann veränderte sich ihr Sound. Mehr und mehr elektronische Feinheiten kamen ins Spiel, ihre Songs wurden komplizierter und schöner, weniger wild und keine Metalgitarren mehr. Allerdings bleibt ein Link zu ihren Ursprüngen. Er hat mit Musik nichts zu tun, fällt mir aber immer auf, wenn ich The Notwist live sehe: Markus Acher erinnert mich jedes Mal aufs Neue an Lou Barlow. Auch am Sonntag. Und das war fast die einzige Konstante an diesem Abend. Denn sonst war alles anders.
Es begann schon auf der regnerischen Hinfahrt. „Da ist ein großer Pommesladen, wollen wir nicht da hin? Für das Restaurant an der Ecke könnte es schon etwas spät sein.“ Es war kurz nach sieben Uhr, als wir die vielen Kreisverkehre der Hauptstrasse durchquerten. Gesagt, getan. Einen Kreisverkehr später drehten wir und fuhren auf den Parkplatz des Fritjes-Diner. Das wir vor dem Konzert in Nijmegen noch etwas essen gehen war fest eingeplant. Allerdings hatten wir das Eckrestaurant direkt neben dem Doornroosje im Kopf, als wir an das „was essen gehen“ dachten. Nun wurde es dieser Diner 4 km vor dem Doornroosje. Egal, Frikandel, Bami und Pommes spezial sind nicht die schlechtere Wahl, und da mit uns noch fünf Karnevalisten in die Hütte einzogen, fühlten wir uns gleich wie daheim. Auch wenn wir dieser Art von Heimat emotionslos gegenüberstehen.
Im Doornroosje war es angenehm gefüllt. Wir schätzten, dass der Laden nicht ganz ausverkauft sei und das wohl 40% der Zuhörer über die A57 nach Nijmegen kamen. Tja, diese Weilheimer Band schien in den Niederlanden wenig Beachtung zu finden. Bei uns allerdings nicht, sehr gerne nahmen wir den ungemütlichen Weg ins gemütliche Doornroosje auf uns. Nijmegen liegt aber auch zu verkehrsgünstig, um hier nicht ab und an bei guten Konzerten vorbeizuschauen. Und ein Notwist Konzert ist per Definition ein gutes Konzert. Das letzte Mal sah ich sie an der Ostsee, davor im Sommer in Dortmund. Beide Male mussten / durften sie zu ungünstigen Zeiten auf die Bühne. Um 17 Uhr, lange bevor ein Festival so richtig losgeht, spielten sie am Weissenhäuser Strand, in Dortmund nicht viel später. Aber das störte kaum jemanden, das Zelt an der Ostsee war voller als tags drauf um Mitternacht bei Elbow. trotzdem war. Im Doornroosje war der Konzertbeginn auf 21.30 Uhr angesetzt. So versprach es zumindest der Aushang am Eingang. Dass es dann 10 Minuten später wurde, geschenkt. Es war bereitet, der Abend konnte beginnen.
The Notwist eröffneten überraschend. “One dark love poem“ vom Nook Album donnerte unter hellem Weißlicht von der Bühne. Oh, heute weniger Elektro und mehr Rock?
Tatsächlich hatten The Notwist an diesem Abend einen musikalischen Schwerpunkt. Der hiess zwar nicht „Rock“ und auch nicht „weniger Gefrickel“, er hieß „Neon Golden“. Sieben Songs vom 2002er Album spielten sie, dazu eine Handvoll vom letzten, „The devil, you + me“, und fertig war die Setlist. Aber war ihr Sound nicht doch “ rockiger“? Klang das Schlagzeug nicht scheppernder als sonst? Und war nicht generelle mehr zug in den Stücken?
Natürlich konnte ich mich während des Konzerts nicht von meinem Eingangsverdacht befreien, „war da nicht ein kleines New-Order Sample zu Beginn von „Pilot“?“. Immer mal wieder schien es mir, als ob an diesem Abend musikalisch etwas anders lief.
Das Doornroosje ist ein kleiner Laden, die Bühne ist in idealer ein Meter Höhe. Wir waren also sehr nahe dran und vielleicht war das schon der Grund, warum die Musik lauter und das Schlagzeug scheppernder klangen. Ja, daran wird es liegen. Ich sollte mir Dinge nicht immer einreden. Auch wenn sie augenscheinlich gut zusammenpassen kann doch alles zufällig so sein: das weiße Licht, die rockigere Grundausrichtung, das laut scheppernde Schlagzeug. Man könnte hier die alten Notwist rein interpretieren, muss man aber nicht.
Andere Dinge sind doch viel wichtiger: Warum habe ich die Shrink CD nicht, und wo zum Henker ist „13“?

PS: Achers Gesang klang gar nicht so entrückt melancholisch, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Also doch mehr Lou Barlow im Doornroosje.

PPS: „Gravity“ war wieder wunderschön!

Fotos: flickr

frank

"I can't go away with you on a rock climbing weekend - What if somethings on tv and its never shown again - Its just as well I'm not invited I'm afraid of heights - I lied about being the outdoor type."