| Ein Blog über Musik und Konzertbesuche |

Die Kölner Philharmonie ist voll. Noch nicht zwischen 20 und 21 Uhr, die Warm-up’er Voltaire möchte heute nicht jeder sehen und hören, aber pünktlich zu The Notwist und dem Andromeda Mega Express Orchester ist so gut wie kein Platz mehr frei. Es ist eines dieser Hype Konzerte im Rahmen der diesjährigen c-o Pop, eines dieser „da-muss-man-hin“ Dinger, die man sich als interessierter Musikfreund nicht entgehen lassen sollte. Die einzig geltende Ausrede, um nicht ganz belämmert bei seinen Indiefreunden dazustehen, ist die, dass man in Haldern sei und so nicht in der Philharmonie sein könne.
Mit dieser Bemerkung ist man dann wieder oben auf und erntet nicht nur einen verständnisvollen, sondern auch einen kurzen neidischen Blick des Gegenübers. Das Haldern Festival war schließlich seit langem ausverkauft. Wer sich nicht rechtzeitig für einen Besuch des netten Niederrheinortes entschieden hatte, musste zuhause bleiben, oder eine Alternative suchen. Für den Umgebungskölner bot sich dieses Jahr eine mehr als gute Alternative. Man könnte sogar fragen, ob nicht gar das Haldern Festival die Alternative zum The Notwist /AMEO Konzert in der Philharmonie sei. Aber gut.

„The Notwist“ sind eine deutsche Indieinstitution, das ist unbestritten. Und sie im E-Musik Ambiente der Philharmonie zu sehen eine Besonderheit, die es nicht alle Tage gibt.
Ein Konzert zusammen mit dem AMEO ist dagegen nicht besonders, die Musikerkollegen begleiten „The Notwist“ immer mal wieder. So sind auch noch einige gemeinsame Konzerte im Herbst (u. a. 09.12. Berlin, 10.12. Dortmund) diesen Jahres in Planung.
Der Andromeda Mega Express ist ein 20köpfiges Orchester, dass unter der Leitung des Berliner Komponisten Daniel Glatzel Musiker aus Deutschland, Frankreich, Schweiz, Kanada, Norwegen, Japan, Thailand, Tschechien und Südkorea zusammenführt. Mit „The Notwist“ teilt man sich den Schlagzeuger Andi Haberl, und so kam es, dass das AMEO die letzte Albumproduktion The devil, you+me der Weilheimer musikalisch unterstützt hat.
Ich war sehr gespannt, wie sich das Notwist Gefrickel im Orchestergewand anhören wird. Der erste Bühneneindruck war: ganz schön aufgeräumt und kaum Kabel. Im letzten Jahr im E-Werk sah das noch anders aus. Gefühlte 30 km Kabelsalat schlängelten sich um die Konsolen, Keyboards und Mikrofonständer. In der Philharmonie war davon nichts zu sehen.
Das Orchester arrangierte im Hintergrund. Halbkreisförmig hatte es sich um Markus Acher positioniert. Quasi Dirigent Daniel Glatzel, der ab und an mit dem linken Zeigefinger kurze Kommandos gab, saß dem Notwist Sänger im Nacken. Martin Gretschmann, Max Punktezahl und Micha Acher vollendeten den Halbkreis auf der rechten Seite.
Die Instrumente des Orchesters standen klar im Vordergrund. Das Rezept hieß, möglichst viel der elektronischen Sounds mit klassischen Instrumenten wiederzugeben. So begleiteten „The Notwist“ eher das Orchester, als dass das Orchester die Band unterstützten. Es entstand ein völlig neuer Blickwinkel auf den Notwist Sound. Er wurde luftiger, leichter als erwartet. Die technische Verschrobenheit und Angestrengtheit war nicht zu spüren, gleichsam wurde der Druck aus den Stücken genommen wurde. Das störte bei „The Pilot“ oder „Pick up the phone“ nicht so sehr, Songs wie „Gloomy Planet“ allerdings konnten ihre Anziehungskraft jedoch nicht wie gewohnt entfalten. Das fand ich ein bisschen schade, denn gerade diese langsam aufbauenden und urplötzlich ausufernden Momente mag ich am allerliebsten. So ergab sich für mich ein gemischtes Konzertgefühl. Auf der einen Seite war es ein überragender Abend mit einer hochspannenden musikalischen Besetzung, die mich immer wieder beeindruckte, auf der anderen Seite auch ein wenig enttäuschend, weil der Notwist-Saft doch nicht so rüberkam wie ich es mir erhofft oder gar gewünscht hatte.
Nach 12 Songs und einer sehr kurzweiligen Stunde verschwinden band und Orchester von der Bühne, um unter tosendem Applaus für nochmals vier Songs zurückzukehren. Wenn das Orchester, wie im zweiten Zugabesong, zum Solopart ansetzt, setzen sich die vier Notwister am Bühnenrand auf den Boden und lauschen interessiert. Das machten sie insgesamt drei Mal an diesem Abend.
Als allerletzte Zugabe, einige hatten den Philharmoniesaal bereits verlassen, eine Überraschung. „Wir spielen noch ein Cover. Von Nico. Mal sehen ob es klappt“, kündigt Markus Acher das sehr passende „Wrap your troubles in dreams“ an. Es klappte natürlich nicht auf Anhieb, und unter grossem Lachen musste die Band und das AMEO noch mal ansetzen. „Ah, wir fangen nochmal an. Aber Nico ist ja schon tot, sie bekommt das nicht mehr mit“.
Richtig, Kölns wohl bekannteste nicht-Musikerin Christa Päffgen aka Nico verstarb 1988.

Setlist:
01: Solo swim
02: Where in this world
03: Boneless
04: This room
05: Off the rail
06: Andromeda Mega Express Orchestra – solo
07: Pick up the phone
08: Come in
09: Andromeda Mega Express Orchestra – solo
10: Neon Golden
11: Pilot
12: Gloomy planet
Zugabe I:
13: One step inside doesn’t mean you understand
14: Andromeda Mega Express Orchestra – solo
15: Trashing days
16: Hands on us
Zugabe II:
16: Wrap your troubles in dreams (Nico Cover)

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Multimedia:
Archiv: The Notwist – Köln, 14.04.2009
Archiv: The Notwist – Melt!, 19.07.2008
Archiv: Jersey – Aachen, 25.01.2009
Fotos: stsch

frank

"I can't go away with you on a rock climbing weekend - What if somethings on tv and its never shown again - Its just as well I'm not invited I'm afraid of heights - I lied about being the outdoor type."