| Ein Blog über Musik und Konzertbesuche |

Ort: Palladium, Köln
Vorband:

Pete Doherty

Andreas Bourani. Der hatte mir an diesem vermaledeiten Tag noch gefällt. Andreas Bourani bespielt die Lanxess Arena in Köln. Soweit, so ‘na ja‘. Das würde mich normalerweise sehr wenig interessieren, wenn ich nicht just an diesem Abend durch den Kölnarena-Tunnel und durch Deutz in Richtung The Libertines gewollt hätte. Wollte ich aber, und so stand ich, da das Konzert sehr viele Menschen, die gegen halb acht immer noch in ihren Wagen saßen, sehen wollten, im Stau. An ein pünktliches auflaufen im Palladium war nicht mehr zu denken, aber irgendwie war mir das an diesem Tag auch gleichgültig. Der gesamte Tag war doch sehr bescheiden, und warum sollte der Abend anders sein. Er hatte keinen Grund.
Menschen. Mit denen scheint das so eine Sache. Man umgibt sich mit ihnen, lacht mit ihnen, freut sich und leidet mit ihnen und manchmal versteht man sie einfach nicht. Dieser Tag war so ein Tag, an dem ich die Menschen nicht verstanden habe. Ich stand vor einer Mauer, die ich weder überwinden, noch durch sie hindurch schauen konnte. Röntgenaugen oder Sprungbeine, beides habe ich nicht. Beides wäre sehr hilfreich gewesen. Ich hätte mir gewünscht, sie zu haben. Dass dann noch Arbeitskram sein Übriges zu diesem Tag beitrug, ist geschenkt.

Ich hatte kein gutes Gefühl, als ich mich abends auf den Weg machte. Und keine große Begeisterung. Denkbar schlechte Zutaten für einen Konzertabend einer Band, die ich nur am Rand zu meinen Favoriten zähle. The Libertines, diese alten 2000er Ikonen des Britpop und Punk, wollte ich schon immer mal sehen. Damals, zur Hochphase ihrer kurzen, zwei Alben dauernden Existenz von Up the Bracket bis zu The Libertines war die Band um die beiden Alphamännchen Pete Doherty und Carl Barât so etwas wie das Maß aller Dinge. Es gab die Strokes, und es gab die Libertines. Beide Bands standen auf ihre Art für eine neue Form der Rockmusik. Wobei diese neue Form nicht neu war: Punk, nicht ganz so punkig, gemischt mit Rockgitarren und einer gleichgültig klingenden Gesangsstimme. Dafür stand Julian Casablancas bei den Strokes, Doherty und Barât bei den Libertines.
Im Gesamtpaket passte das sowohl in New York als auch in London. Die Retter des Rocks waren – glaubte ich der damaligen Musikpresse – mal wieder gefunden. Scheiterten die Strokes im Folgenden an der vielleicht zu großen Erwartungshaltung, scheiterten die Libertines an sich selbst. Menschen. Drogen und so. Jeder kennt die Geschichte.
Pete Doherty gründete daraufhin die Babyshambles und spielte Solokonzerte, Carl Barât die Dirty pretty things. Doch die Auflösung oder Stilllegung der Libertines hatte nicht nur schlechtes. „Fuck forever“ von den Babyshambles ist eine Generationenhymne, das Album Down in Albion komplett großartig. Von den Dirty pretty things kenne ich nichts.

Das alles ist knapp 10 bis 15 Jahre her. Nun also wieder die Libertines. Ein neues Album gibt es. Natürlich hat es nichts weltbewegend Neues, keine Erfindung von irgendwas. Wie sollte man das von einer Band auch erwarten, die musikalisch und gedanklich in längst vergangenen Zeiten verankert ist. Aber es klingt ganz nett, wie ich finde.
Das Konzert ist es auch. Ganz nett. Natürlich lag die Schwermut des Tages über dem Abend – wie sollte ich sie auch so schnell abschütteln – und auch meine Ankunft zum Ende der Vorband machte meinen Gemütszustand nicht wohlwollender. Aber vielleicht lenkt mich das Konzert ein bisschen ab, so mein Plan, der natürlich kläglich scheiterte. Musik lenkt nie ab, sie unterstützt.
Das Palladium war bei weitem nicht voll. Mühelos gelangte ich in den vorderen Bereich, an den Ort, wo ich meistens stehe, wenn ich hier bin. Zu Konzertbeginn wurde es nicht enger um mich herum. Ich blickte umher und sah neben mir etwas, was ich auf Konzerten noch nicht gesehen habe. Ein Podest, gebastelt aus vier Konservendosen. 10, vielleicht 15 cm hoch. Darauf stand ein Mädchen, das durch die Unterkonstruktion nun auf meiner Augenhöhe war. Früher seien da mal Erbsen drin gewesen, hörte ich sie sagen. Großartig! Sie musste ihre mitgebrachte Konstruktion sehr oft erläutern. Das komplette Konzert über blieb sie leicht und unbedrängt auf ihrem Podest stehen. Das spricht für sich. Zumindest lege ich das so aus, weil es gut in meinen Konzerteindruck passt. Denn das unversehrt bleibende Konservenpodest erzählt mir zwei Dinge: das Palladium schien wirklich nicht voll zu sein und die Grundstimmung war eher reserviert.
Die Libertines eröffneten mit „Barbarians“ und „The Delaney“, denke ich. Aber ich bin nicht gut in Songtiteln. Die ersten Stücke plätscherten. „Heart of the matter“ war der erste Song, der etwas mehr Begeisterung aufkommen ließ. Sowohl bei mir, als auch bei anderen. Trotzdem wurde ich bereits zu diesem frühen Konzertzeitpunkt den Eindruck nicht los, dass es den Libertines an diesem Abend nicht gelingen würde, den Funken rüberspringen zu lassen. Zumindest nicht zu mir. Zu distanziert euphorisch kam mir das Palladium vor. Zu distanziert erschienen mir die Libertines. ‚Band hier – Publikum da‘ , mit dieser strikten Trennung nahm ich die restlichen 90 Minuten wahr.
Carl Barat
Bäng, Schublade auf, Konzerteindruck rein. Irgendwie kann ich das nicht verneinen. Irgendwie kann ich auch nicht verneinen, dass die Doherty’schen Konzerteskapaden nicht aus meinem Kopf gingen. Ich hatte ihn zuvor erst einmal live gesehen, beim Berlinfestival mit zwei Tänzerinnen auf der Bühne. In meiner Erinnerung ein grundsolider Auftritt. Ich kenne aber auch die anderen Konzerterlebnisse mit diesem Mann: Sekundenkonzerte, lallende Vorträge, Konzerte nachts um drei Uhr beginnend irgendwo in einem Pariser Klub. All das schwebte mit, wenn ich ihn mir mit seiner umgeschnallten Gitarre in Kreisen gehend auf der Bühne betrachte. Carl Barât dagegen wirkt präsenter. Er nimmt den Mittelplatz auf der Bühne ein, flankiert von Pete Doherty auf der einem, und dem sehr unscheinbar wirkenden Bassisten auf der anderen Seite. Es klingt gemein, aber der Bassist scheint nur da zu sein, weil die Stücke einen Bass brauchen, verloren und mitunter hilflos agiert er vor seinem Mikrofon. Mehrmals kommt er mit dem Textzeilenhopping seines Kollegen Doherty nicht mit, wenn er vergebens oder mit falschen Worten seinen Mitsingpart anstimmt. Carl Barât hat dagegen seinen Kollegen besser im Griff. Als Libertines Laie würde ich sie sagen, beide harmonieren ganz gut. Und trotzdem ist es in jeder Sekunde spürbar, dass hier zwei Alphamännchen auf der Bühne stehen, die am liebsten alles alleine machen wollen.
Und noch etwas kam mir in den Sinn: welchen Bezug habe ich eigentlich zu dieser Band? Waren die Babyshambles nicht immer die besseren Libertines? „Killamangiro“, „ Albion“, „Fuck Forever“ und auch „Delivery“ sind famose Songs. Die Libertines stehen mit „What Katie did“, „Can’t stand me now“, „Time for heros“, “Don’t look back in the sun” dagegen, oder besser gesagt, in einer Linie. Über die Qualitäten dieser Nummern brauche ich nicht zu streiten, sie ist da. Aber trotzdem erscheint mir heute das Babyshambles Werk angenehmer.
All diese Songs spielten die Libertines, Wünsche ließ die Setlist eigentlich nicht offen, doch an diesem Abend schaffte es nur „Can’t stand me now“, mich restlos zu überzeugen.
Die aktuellen Stücke – sie spielen ein paar, verpuffen irgendwie. Das rumplige haben die Libertines aus ihren neuen Songs verbannt, das merkte ich schon beim Platte hören. Und auch live bringen sie es nicht zurück.

Selbst die eigentlich gut ausgestattete Zugabe mit „Music when the lights go out“ und „Don’t look back in the sun“ – dem sie ein schön krachendes Gitarren-Outro anfügten – riss es nicht heraus. Für mich blieb das Konzert auch gegen halb elf immer noch diffus. Nach der Zugabe basteln die unzähligen Roadies noch ein wenig an dem Bühnenequipment, stimmen erneut die Gitarren. Gibt es eine weitere Zugabe? Für eine kurze Zeit scheint es so, aber dann ertönt Boxenmusik. Die Libertines haben sich gegen weitere Musik entschieden.

Die Libertines spielten die beste Wegwerfmusik der Welt.

lese ich in einem Zeitartikel. Das stimmt. Genauso die Zeitform des Verbes in diesem Satz.

Kontextkonzerte:
Berlinfestival 2009 – Tempelhof, 07.08.2009

frank

"I can't go away with you on a rock climbing weekend - What if somethings on tv and its never shown again - Its just as well I'm not invited I'm afraid of heights - I lied about being the outdoor type."