| Ein Blog über Musik und Konzertbesuche |

Ort: E-Werk, Köln
Vorband:

The KillsEs gibt tatsächlich immer noch Bands in meinem Interessenskosmos, die ich noch nicht live gesehen habe. Das englisch-amerikanische Duo Alison Mosshart und Jamie Hince a.k.a. The Kills zählen dazu.

Die Band existiert seit Anfang der 2000er Jahre. Fünf Alben später schaffe ich es endlich, sie live zu sehen. The Kills haben nach längerer Pause just ihr fünftes Album Ash & Ice veröffentlicht, ich muss mir die Platte noch zulegen. Wie so oft bin ich später dran. No wow, so etwas wie ihr Durchbruchalbum, mochte und mag ich sehr, auch das Debüt Keep on your mean side hörte und höre ich dann und wann.
Beide Albenveröffentlichungen liegen schon einige Jährchen zurück. Ich fürchte, das war die Hochzeit der Band The Kills. In meiner subjektiven Sicht auf die Dinge fühle ich mich bestätigt, als ich am Nachmittag im Internet aktuelle Plattenrezensionen und Konzertberichte der bisher ausverkauften Shows in Berlin und Hamburg überfliege. Hinsichtlich der aktuellen Platte stand da sowas wie ‘eine Kopie ihrer selbst‘, ‘kein Fortschritt erkennbar‘, ‘schön aber wenig originell‘. Mhh, das gab mir zu denken. Die Konzertberichte klangen euphorischer. ‘Emotionale, laute, enthusiastische Indierockshow‘ und ‘große Publikumszufriedenheit‘ sind die Schlagbegriffe und Hauptaussagen der Nachrichtenportale. Auch darüber machte ich mir meine Gedanken, allerdings dahingehend, nun gerade und wirklich und definitiv das Kölner Kills Konzert zu besuchen.
Also, nicht so viel lesen, sich lieber selbst ein Bild von The Kills machen. Nur noch schnell ein, zwei Videos angucken („Love is a deserter“) und dann los.

Es dauert lange, bis ich im E-Werk ankomme. Verkehrsstaus, woher ich auch fahre. Kurzzeitig beschlichen mich Zweifel, ob ich pünktlich zur Hauptband im E-Werk sein werde. Die Uhr tickerte bedrohlich Richtung 21:00, als ich den Backsteinbau betrat. Drinnen war es Gott sei Dank luftig voll, es war ein leichtes, bis nach vorne zur Bühne zu gehen. Das verspätete Ankommen erwies sich nicht als Nachteil und wurde nicht mit schlechter Sicht quittiert. An diesem Abend, so sollte sich herausstellen, wäre das auch fatal gewesen. Seit wann ist eigentlich der Barbereich im hinteren Teil des Konzertsaales abgebaut? Ich war lange nicht mehr hier…

Nach zwanzig Minuten warten kamen The Kills auf die Bühne. Dort blieben sie gute 90 Minuten. Während dieser Zeit spielt Alison Mosshart manchmal Gitarre, einmal Keyboard, einmal haut sie auf die Trommeln. Und wenn sie das nicht tut, läuft sie im Kreis herum wie eine nervöse, aufgescheuchte Raubkatze im Käfig. Alison Mosshart sieht verdammt gut aus bei allem, was sie macht. Das steht fernab jeglicher Diskussion. Auch Jamie Hince sieht gut aus. The Kills sehen gut aus. Fast schon zu gut und zu durchgestylt erscheint mir das Konzert und die Band, so dass ich schnell diesen Gedanke fasse: das hier ist Indierock für Glamour und GQ Leser*innen. So platt das klingt, ich fürchte, ein bisschen was ist dran. Klar, die Gitarre klingt rau und ruppig, das Konzert ist ohrenbetäubend laut, aber es fehlt nie an dem Hauch Eleganz und style, dass ich mir die Band bzw. die Musik der Kills in einem anderen Ambiente vorstellen könnte. Das mag mir an diesem Abend nicht gelingen. Ist aber nicht weiter schlimm.

Vom ersten Ton an ist die Band auf Betriebstemperatur, wie man so sagt. Das E-Werk braucht ein wenig, um temperaturmässig folgen zu können. Die ersten Songs bleibt es verhältnismäßig ruhig im gut gefüllten Saal. Erst nachdem Alison Mosshart zum ersten Mal die Gitarre umlegte, wurde es um mich herum euphorischer. Das war nach dem dritten Song. Aber so richtig schien die Intensität der Bühne nicht rüber springen zu wollen.  Überforderung? Bewunderung? Lähmendes Staunen? Ich hatte The Kills zuvor noch nicht live gesehen und war mächtig beeindruckt, mit wie viel Adrenalin die beiden Bandleader das Konzert angingen. Qualitativ vergleichen könnte ich die Konzertintensität höchstens mit dem Auftritt von Wolf Alice Anfang des Jahres, als ich mich von der Bühnenpräsenz einer Band ähnlich überrannt fühlte.

Da die Begleitmusiker am Schlagzeug und am Synthesizer im Hintergrund wirken und kaum in Erscheinung traten gehört die breite und leere Bühne allein den beiden Bandmitgliedern. Und sie wissen sie zu nutzen. Hin und her und her und hin. Alison Mosshart und Jamie Hince waren viel unterwegs.

Nachdem ich anfänglich schlichtweg begeistert ob der Bühnenshow war, beschlich mich aber im Laufe des Konzertes immer mehr der Eindruck, dass die beiden nicht ihren besten Tag erwischt haben. Ich hatte im Vorfeld irgendwo gelesen, dass The Kills es auf der Bühne schaffen, eine knisternde Stimmung einem Konzertflirt gleich aufzubauen, der wie eine riesige Spannungsblase über dem Konzert schwebe und nie platzen würde. Das spürte ich leider nicht, für mich wirkten ihre Posen an diesem Abend eingespielt und zu gezwungen ihre Annäherungen, wenn sich zum Beispiel Alison Mosshart auf den Monitorboxen rekelt und sich Jamie Hince breitbeinig über sie stellt.

Mal singt Alison alleine, mal singen die Kills im Duett. Die Songs brettern stur auf mich herein. Ab und an werden die sowieso recht kurzen Stücke um Gitarrensoli ausgeweitet. Manchmal belassen es The Kills aber bei den krachigen 3 Minütern und die Gitarrenriffs reißen zum Ende abrupt ab. Dann geht es Schlag auf Schlag. Ein Stück jagt das nächste, ein Gitarrenriff, immer toll gespielt von Jamie Hince, das andere. Was mir auffällt: die Stimmen sind mit viel Hall unterlegt. Sicher ist das notwendig, da sie sonst bei den lauten Schlagzeug- und Gitarrenparts komplett untergehen würden. Zeitweise sind sie nahe dran, das ein oder andere Stück gegen Ende des Konzertes ist ordentlich nach oben ausgepegelt und verdammt laut.

Der Wiedererkennungswert der Kills Musik ist enorm hoch. The Kills Stücke verlaufen eigentlich immer nach dem gleichen Muster. Die Gitarre klingt immer gleich. Oh, diese Blues-Indie-Garagen-Rock-Gitarre! Sie ist herrlich, sie ist laut, führt aber schlussendlich für mich zu der Erkenntnis: Kennste einen The Kills Song, kennste eigentlich alle. Nur einmal wird dieses Muster durchbrochen. Zur ersten Zugabe kommt Alison Mosshart alleine zurück, spielt auf der akustischen Gitarre „The love“ und erntet dafür einen anerkennenden Schulterklopfer ihres Bandkollegen.

Was nach Langeweile klingt, ist jedoch keine. Die erste Konzertstunde vergeht rasend schnell und  ist irrsinnig abwechslungsreich.  Kate Moss Ex-Mann ist ein herausragender Gitarrist, Alison Mosshart eine perfekte Frontfrau mit einer super Stimme. Es macht Spaß, den beiden zuzuschauen.
Als Fazit des Abends passt diese Aussage recht gut, die ich tagsüber in einer Plattenkritik zu Ash & Ice gelesen hatte:

Die Kills sind immer noch eine gute Band. Und sie sollen Milliarden Alben verkaufen. Verdient hätten sie es ja. Die Muse aber, die den beiden wenige Jahre lang heftige Zungenküsse verabreicht hat, dürfte mittlerweile anderswo hausen.

Kontextkonzert:

Fotos:

frank

"I can't go away with you on a rock climbing weekend - What if somethings on tv and its never shown again - Its just as well I'm not invited I'm afraid of heights - I lied about being the outdoor type."