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Ben Folds gehört zu meinen Lieblingskünstlern. Entdeckt habe ich ihn – wie das sooft bei zukünftigen Lieblingskünstlern ist – durch Zufall. Rockin’ the suburbs war der Aufhänger, der mich aufhorchen ließ.
Da auch das gleichnamige Album ein Knaller ist, tauchte ich tiefer in Ben Folds Musikwelten ein, entdeckte die frühen Sachen der Ben Folds Five und das Projekt The Bens (zusammen mit Ben Kweller und Ben Lee). Zwei Konzerte habe ich seitdem von ihm besucht. Beide waren speziell. Das erste war spannend, weil ich mir ein Rockkonzert mit dem Schwerpunktinstrument Klavier nur schwer vollstellen konnte. Das zweite, weil es eine der grandiosesten Shows war, die ich gesehen habe. Auch wegen Clem Snide im Vorprogramm.
Bei beiden Konzerten war die Kölner Live Music Hall Austragungsort, gestern fand Ben Folds Auswärtsspiel in der Bochumer Zeche statt. Die Zeche ist ein alteingesessener Club- und Konzertort im Ruhrgebiet mit langer Tradition. Eine gemütliche Einrichtung in überschaubarer Größe in einer der gemütlicheren Städte des Ruhrgebiets. Schön, mal wieder hier zu sein.
Die 122 Km nach Bochum waren dagegen eine einzige Tortur. Der Hitzemantel des Tages wollte kein Ende nehmen, das kühlende Gewitter war noch lange nicht in Sicht. Gegen 21 Uhr war es immer noch schweißwarm, und die Zeche gut gefüllt. Aber bei weitem nicht ausverkauft.Ben Folds 02072008
Sagenhafte 3 Stunden war ich unterwegs, ein, nein zwei Staus auf dem Kölner Ring hatten mich zeitlich zurückgeworfen. Zwischendurch zweifelte ich schon, pünktlich anzukommen. Aber dann lief es im zweiten Streckenabschnitt doch ganz gut.
Ben Folds hatte noch nicht begonnen, so verpasste ich nur den Auftakt von Corn Mo.
Vor einigen Jahren gab es eine Phase, da wurden von eifrigen Ben Folds Fans Petitionsschriften verfasst, um den guten Ben für ein paar Auftritte in Deutschland zu gewinnen. So rar machten er und sein Klavier sich auf unseren Bühnen. Derzeit tourt er „sogar“ ohne ein neues Album im Gepäck zu haben. (So spielt er am Samstag auch in den Bonner Rheinauen.) Das erscheint erst im September, wie wir im Laufe des Abends erfahren sollten. Zwei, drei neue Songs hatte er mit dabei. So bekamen wir einen ersten Vorgeschmack auf die neuen Werke. Meine Konzertnachbarin zur rechten hat sie eifrig mit ihrer Digicam getapet. Vielleicht stehen sie bald in YouTube. Für uns zum nachgucken, für die alle anderen zum vorgucken.Ben Folds 02072008
Die Songauswahl fiel diesmal rockiger aus als beim letzten Konzert. Weniger „Songs for Silverman“, mehr vom 2001 Album “Rockin’ the suburbs“. „Fred Jones Part 2“, „Annie waits“, „Still fighting it“ und „Gone“ gehörten ebenso zum Set wie das wunderbare „Rockin the suburbs“, das ich zum ersten Mal live hörte. Zum Ausgleich verzichten sie – bis auf eine Ausnahme – leider auf die eine oder andere Coverversion. Kein In between days (was am Klavier noch besser rüberkommt als im Original, wie für dieses Instrument gemacht), kein Tiny Dancer, kein „Video killed the Radio Star“, kein She don’t use jelly. Die Ausnahme war Dr Dre’s Bitches ain’t shit, welches mittlerweile zum „must play“ Standard bei Konzerten gehört. Bereits nach dem dritten Song wurden aus dem Saal erste „Bitches“ Rufe laut. Dieser Song muss einfach gespielt werden. Dieses Lied muss man einfach gehört haben! Im Neuinterpretieren und Zitieren ist Ben Folds ein wahres Genie. Er haucht den Stücken eine besondere Einzigartigkeit ein, die mitunter mit dem Original nichts gemein hat (She don’t use jelly) oder aber simpelst eins zu eins auf dem Klavier gespielt wird, dass es gar nicht peinlich klingen kann (In between days).Ben Folds 02072008
Nach einer Stunde verschwanden Schlagzeuger und Gittarist für einige Minuten von der Bühne, und Herr Folds läutete eine 15-minütige Klaviersequenz ein. Dabei geht die volle Konzentration auf den Song und auf die Texte. Die berichten aus der Wirklichkeit und entstehen meist nach skurrilen Alltagserlebnissen. Von einem Vater-Sohn Verhältnis oder von einem Bühnenunfall in Tokio. Mitunter können längere ruhige Abschnitte in einem Konzert anstrengend sein und sich in Müdigkeit ausdrücken, erst recht, wenn es kuschelig mollig klebrig warm ist. Doch davon keine Spur. Unruhe machte sich nicht breit. In der Zeche war es Mucksmäuschen still. Man hätte einen Kamerazoom hören können. Das Publikum saugte alles auf, was von der Bühne kam. Und da kam eine ganze Menge. Ben Folds ist, neben seinen unbestrittenen musikalischen Fähigkeiten, ein Entertainer vor dem Herrn. Er versteht es, die Leute zu unterhalten. Hier eine Geste, dort eine nette Geschichte oder eine ironische Bemerkung zwischen den Stücken eingestreut, ließen unser Grinsen breiter und breiter werden. Auch im Standardrepertoire ist die Zuschauermitmacheinlage bei „not the same“. Ich mag diese Spielchen nicht so und schaute lieber, was seine Mitmusiker in der Zeit so machen, in der Ben mal die eine Zuschauerhälfte singen lässt, mal die andere, dann umgekehrt, mal beide zusammen, dann im Kanon, dann im ruhig-laut Rhythmus und so weiter und so weiter.Ben Folds 02072008
Nun, dass war ganz amüsant. Der Schlagzeuger hockte apathisch auf seinem Schemel, schaute an den rechten Bühnenrand, wo zwischenzeitlich irgendjemand irgendwas einpackte, , und sein Gesichtsausdruck sagte: „nun gut, jetzt das“. Der Gitarrist kaute noch intensiver auf seinem Kaugummi als den übrigen Abend und blickte genauso apathisch auf den Boden. Sie wirkten gelangweilt. „Same precedure as last evening.“ Doch, obwohl alles schon hundertmal gemacht, Ben am Bühnenrand hatte Spaß. Er dirigierte lustig umher. Und das Fachpublikum wusste Bescheid. Kennt man diverse YouTube- Schnipsel oder aber die CD „Ben Folds live“ weiß man, was passieren wird. Sehr vorhersehbar, gehört aber wohl irgendwie dazu.
Als draußen das Gewitter aufzog und es zu regnen begann, war der Abend vorbei. Das erste gesetzlich erzwungene rauchfrei Konzert war ein gutes. Das Publikum war glücklich und ging mit einem lächeln. Auch der kleine Bochumer Komiker in Reihe drei wirkte zufrieden.

frank

"I can't go away with you on a rock climbing weekend - What if somethings on tv and its never shown again - Its just as well I'm not invited I'm afraid of heights - I lied about being the outdoor type."