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Ort: Nieuwe Nor, Heerlen
Vorband:

Tags zuvor googelte ich ein paar TaxiWars Videos. Ich wollte mir vorab einen Eindruck davon verschaffen, wie die belgische Band live auftritt. Manchmal bin ich so neugierig, möchte mich nicht überraschen lassen und spiekste ein bisschen im Internet umher. Die Links führten mich zu einem Livevideo des älteren Songs „Death ride through wet snow“. Während das Video so lief, fiel mein Blick in die Kommentarzeilen unterhalb des Videos.

so sad that Tom became that arrogant guy 🙁

why?

He did not became arrogant, he’s just from Antwerp, they’re all like that over there 😮

Normalerweise lese ich diese nicht, mich interessieren hauptsächlich die Videos, nicht der Senf der anderen Leute. Hier aber wurde ich aufmerksam, weil die Arroganz von Tom Barman, die ich in dem Video überhaupt nicht sehen konnte, angesprochen wurde. Der Einwurf machte auch als Kommentar unter diesem Video wenig Sinn. Ist Jazz nun eine arrogante Musikrichtung? Hält der Kommentator Barman für generell arrogant, weil er jetzt schlauen Jazz macht? Der Interpretationsspielraum dieses Kommentars scheint groß, ich verfolgte das nicht weiter. Jedoch lernte ich dazu: Der Antwerpener an sich gilt als etwas hochnäsig. Die Antwerpener sind also die Hamburger Belgiens.

Wer Tom Barman bisher nur mit dEUS oder – was mir schwerfällt zu glauben – überhaupt nicht verortet hat, dem kann ich auf die Sprünge helfen: TaxiWars ist sowas wie die neue Spielwiese des belgischen Musikerschwergewichtes, der als Sänger und Schreiber seine Band dEUS in den 1990er Jahren in den europäischen Indiehimmel hiev und dort die letzten Jahrzehnte ausharrte. Das letzte siebte und bisher letzte dEUS Album erschien 2012, seitdem spielte die Band zwar hier und da ein paar Konzerte, liegt aber nach dem Ausstieg von Mauro Pawlowski erst einmal auf Eis. Zeit also, andere Sachen zu machen. Tom Barman macht seitdem in Jazz. Zusammen mit dem Saxophonisten Robin Verheyen, Bassist Nicolas Thys und Schlagzeuger Antoine Pierre gründete er TaxiWars. Zwei Alben, TaxiWars und ganz neu Fever, sind erhältlich.

Seit 2015 tourt die Band sehr regelmäßig durch Belgien und die Niederlande. In den letzten beiden Jahren wollte ich sie schon gesehen haben, aus Gründen wie ausverkauft und/oder zu schlechtes Winterwetter wurde daraus nichts. Als dann im Herbst ein Konzert im kleinen Nieuwe Nor in Heerlen angekündigt wurde, schnappte ich direkt zu. Dieses Mal wollte ich unbedingt hin, Wind und Wetter egal. Wer das Nieuwe Nor kennt, der weiß, dass es ein kleiner und sehr gemütlicher Klub ist, den ich überdies wirklich gerne besuche. Generell fahre ich gerne nach Heerlen zum Konzerte gucken, nicht nur das Nieuwe Nor ist toll, auch der Theatersaal bietet ein gutes Ambiente.
An diesem Abend war das Nieuwe Nor nicht ganz voll. Die Reihen waren angenehm gefüllt, als ich mir einen Platz suchte. Es war kurz vor neun Uhr, gleich sollten TaxiWars die Bühne betreten. Zum Intro „Chill out and back row“ betrat die Band die kleine Bühne. Das wusste ich nur, weil der Track schon ewig aus den Boxern nudelte und ich ihn anfangs shazamte. Ein Zufallstreffer also.

Der Sound von TaxiWars wird allgemeinhin als punkiger Hardcore-Jazz beschrieben. Auf den beiden Platten kommt das nicht so ganz rüber wie ich finde, live allerdings sehr wohl. Tom Barman kann natürlich nicht aus seiner Haut. Vieles an seinem Bühnenauftritt lässt mich an dEUS denken. Das hin und her, die Position hinter dem Mikrofon beim Singen. Wenn TaxiWars dann noch Songs wie „Bridges“ spielen, die nicht unbedingt in die klassische Rubrik Jazz fallen (falls es denn sowas gibt), dann ist die dEUS Vision vor dem geistigen Auge komplett. Tom Barman springt in die Luft, reißt das Mikrofon mit sich, lässt die Abgeklärtheit des Jazz komplett hinter sich. In diesen Momenten fühlt sich das Konzert wie ein Indie Rockkonzert an. Musikalisch gibt es auch einige dEUS Anleihen: Die Hibbeligkeit in der Musik, der Gesang und tatsächlich auch der songinterne Spannungsbogen. Da klingt „Egyptian night“ plötzlich wie „Bad timing“ mit Saxophon und Kontrabass. Ein irrer Gedanke, darüber bin ich mir bewusst. Tom Barman singt auch nicht den klassischen Jazz, er singt, nun ja, so wie er bei dEUS singt. Der Stimmenverfremdungsapparat an seinem Mikrofon ist oft im Einsatz und je nach Programmierung klingt seine Stimme dann eben auch mal so wie sie bei „Hotel Lounge“ klingt.

Den ollen dEUS Kram mal außen vor gelassen, ist das Konzert enorm abwechslungsreich. Es gibt diese schönen, vom Saxophon dominierten Songs („Who that“), es gibt aber auch diese lauten rumpligen Sachen, die mich eben nicht direkt an Jazz denken lassen. Wie soll ich es sagen, der Jazzgehalt variiert bei TaxiWars von Stück zu Stück.

Aber TaxiWars sind nicht nur Tom Barman. Es wäre frevelhaft, die anderen drei Musiker nicht zu beachten. Den Schlagzeuger kann ich leider nur schlecht beobachten, Antoine Pierre sitzt aus meiner Position gesehen ungünstig hinter einer der Bühnenboxen und entzieht sich bis auf seine Beine vollständig meinem Blickfeld. Lustig sieht es aus, wenn der Saxophonist Robin Verheyen während seiner Soli in die Luft geht: Leicht hüpft er im Takt der Musik. Er hüpft anfängt, zu hüpfen. Er ist der tonanagebende Musiker des Quartetts, das Saxophon bestimmt die Songs von TaxiWars. Tom Barman stimmlich zur Seite steht mitunter Bassist Nicolas Thys. Der Duettgesang der beiden kommt den gemäßigteren Stücken sehr entgegen.

Musikalisch ist das Konzert ist so unterschiedlich wie seine Musiker. Da ist der Derwisch Tom Barman, dem der akkurat arbeitende Nicolas Thys gegenübersteht und ihn mit seinem Kontrabassspiel im Takt hält. Die Songs pendeln zwischen Saxophon/Klavier Jazz und Indierock mit Saxophon. Eine klare Stilrichtung kann ich nicht ausmachen. Aber das ist genau die Stärke von TaxiWars. Dieser Rumpeljazz gefällt mir sehr. Und live ist das alles noch viel spektakulärer als auf Platte.

Bei irgendeinem meiner letzten Konzertbesuche hörte ich folgenden Ausspruch: ‘Gott sei Dank bin ich hierhin gefahren.‘
Dito.

Setlist:
01: Drop shot
02: TaxiWars
03: Soul repair
04: Good Lord
05: Egyptian Nights
06: Bridges
07: They’ll tell you’ve changed
08: Iberian moon
09: Who that
10: Honey, it’s the blues
11: Irritated love
12: Sharp practice
13: Death ride throw wet snow
Zugabe:
14: Fever

Multimedia:

Kontextkonzerte:
dEUS – Antwerpen, 10.02.2017
dEUS – Ostende, 12.12.2015
dEUS – PIAS Nites Festival Brüssel, 15.03.2014
dEUS – Köln, 28.11.2011  Live Music Hall
dEUS – Köln, 11.10.2008  Live Music Hall
dEUS – Melt! Festival, 18.07.2008
dEUS – Köln, 14.04.2008  Kulturkirche Nippes

frank

"I can't go away with you on a rock climbing weekend - What if somethings on tv and its never shown again - Its just as well I'm not invited I'm afraid of heights - I lied about being the outdoor type."