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Kristeen Young liest auf ihrer CD X quasi als Hidden Track zusammen mit Brian Molko die Credits aus ihrem Booklet vor. Als Grund geben die beiden an, dass der Hörer die Danksagungen im Booklet eh lieber überliest und gar nicht bis kaum wahrnimmt.
Warum erzähl‘ ich das, wenn dieser Bericht das gestrige Swell Konzert im Kölner MTC besprechen soll?
Nun, in den 90ern gab es eine Band, die auf ihrer vielleicht besten CD nicht nur die Credits, sondern gleich alle Songtexte vorlas. Richtig, diese Band nannte und nennt sich Swell.
Swell gründete sich 1990. Von den damaligen drei Urvätern Freel, Kirkpatrick und Signorelli ist heute noch Sänger und Gitarrist David Freel mit dabei. In den Jahren dazwischen gab es unterschiedlichste Line- Ups mit mehrfach wechselnden Musikern, und um die Jahrtausendwende waren Swell gar nur das Projekt des Sängers David Freel.
Wikipedia weiß zu berichten, dass Swells Durchbruch in den USA mit der Verpflichtung als Support für Mazzy Star gelang. Vorher war die Band viel in Europa unterwegs, tourte durch Spanien und Benelux und verdiente sich fern der Heimat erste Meriten.
Nach ihrem „Durchbruch“ in den Staaten wurde die Band aus San Fransisco anschließend in den Kontext der „the new folk“ Bands gehoben. Es war der Musiktrend eines Sommers und quasi ein seichter Grunge Gegenpol. 1993 kompilierte die Spex den dazugehörigen Sampler “Hit me with a flower… the new sounds of San Francisco” mit u. a. Penelope Houston, A subtle Plague, Sonya Hunter und anderen.
Im Unterschied zu den vorgenanten sind Swell Sounds dunkler, melancholischer. Die minimalistischen Strukturen, die sich in jedem Song wiederfinden, könnten Monotonie aufkommen lassen. Könnten, tun sie aber nicht. Die akustischen und elektrischen Gitarren scheinen sich jedesmal neu zu erfinden und schleichen um das rau und schroff gespielte Schlagzeug, und ab und an ertönt im Hintergrund ein Keyboard.
Der Swell Sound ist sehr markant und wird durch David Freels Stimme eindeutig identifizierbar.
Swell sind immer dabei auch ein bisschen Joy Division und Pavement.
Das Kölner Konzert ist mein dritter Swell Kontakt. Anfang der 90er sah ich sie als Vorband der Lemonheads in Essen, einige Zeit später dann noch einmal im Münsteraner Gleis 22 auf ihrer eigenen Tour. Mann, das ist schon lange her, und das rote Swell T-Shirt schon längst verschlissen und entsorgt.
Und das vermutete ich auch von Swell. Ein letztes Lebenszeichen habe ich vor gut 9 Jahren mit dem Album / EP „Feed“ aufgeschnappt, danach wurde es für mich doch sehr still um die Band. Tatsächlich hatte ich in der Zwischenzeit auch nichts vermisst, bis ich vor kurzem durch Zufall wieder auf David Freel gestoßen bin und mir in den letzten Tagen einige Sachen nach langer Zeit mal wieder angehört habe. Welch Großartiges doch darunter ist. Allein „41“ ist eine Albumbesprechung wert. Aber auch die neueren Perlen wie „Like poverty“ oder „Today“ sind unheimlich schön.
Live klingen Swell Songs noch eine Spur intensiver als auf Konserve. David Freels Stimme ist das Maß aller Dinge. Rauchig, kauzig, dunkel, so möchte ich sie beschreiben. Das Gesicht des Mannes sieht man kaum, der Backenbart und das Düvel Cappi verhindern einen freien Blick. Neben dem Gesang ist das Schlagzeug bestimmend. Es klingt kräftig und eindringlich. Am linken Bühnenrand vervollständigt ein Keyboarder / Gitarrist unbekannten Namens die Band.
Meine ersten Befürchtungen über ein reines One-man-Akustik-Set waren daher schnell ausgeräumt. Befürchtungen deshalb, weil ich reines Singer- Songwritertum nicht so mag, und weil ich Swell Musik eher im Bandgefüge mehrinstrumentalisch sehe als im Solovortrag.
Eine Enttäuschung gab es aber. Das Konzert dauerte nur knappe 75 Minuten. In Zeiten des stillschweigenden Einverständnisses auf gute 90 Minuten Konzertdauer war mir das zu wenig. Ich erspar mir die Diskussion um „Qualität kommt nicht von Quantität“ oder „für 15 Euro ist das doch okay“. Es war einfach viel zu wenig Zeit um all die guten Swell Songs unterzukriegen. Einige waren zwar dabei, „Song 7“ zum Beispiel, oder „What i always wanted“ oder „get high“, viele andere hätte ich aber noch genauso gerne gehört.
Lässt man diesen Aspekt aussen vor, war es eine gute Mischung zwischen den alten Sachen und Songs des neuen, aktuellen Albums South of the rain and snow.
Das ist in Deutschland noch gar nicht erhältlich. Eine Möglichkeit es dennoch zu kaufen bietet sich über die Swell Homepage und dem dortigen Merchandise Shop. Geht man diesen Weg, dann sind „South of the rain and snow“ und das ebenfalls online erhältliche „Lost Album“ gute Schnäppchen. Für je 8,88 $ sind beide Alben als 320 kbit mp3 Dateien downloadbar. Bezahlt wird über PayPal in Euro, Macht bei derzeitigem Wechselkurs gut 7 €.
Die zweite, allerdings zeitlich begrenzte, Möglichkeit ist die Merchandisekiste auf einem der nächsten Swell Konzerte. Diese wird relativ schnell nach den letzten Klängen des Konzertes (gestern „Kinda stone“) geöffnet; auf der Bühne stand sie ja schon. Was dann zum Vorschein kommt, CD’s, T-Shirts, Vinylscheiben, Tourposter, wird auf der ganzen Bühnenbreite ausgebreitet. Mikrofonständern wird ein zweites Leben als Kleiderbügelhalter eingehaucht. Das sieht dann ein bischen nach Flohmarkt aus. Einer der MTC Mitarbeiter brachte es noch 15 minütigem Treiben gut auf den Punkt: „Ist jetzt hier noch eine längere Verkaufsveranstaltung.“ Nein, viel länger dauerte es nicht mehr.
Viele der gut 60 anwesenden waren nicht mehr am Bühnenrand.

Setlist (mit einigen Fragezeichen):
01. ???
02. Trouble loves you
03. Tell us all
04. What I always wanted
05. Sunshine everyday
06. ???
07. South of the rain and snow
08. Saved by summer
09. Get high
10. Song Seven
Zugabe:
11. Bridgette, you love me
12. ???
13. Good, good, good
14. Kinda stone

frank

"I can't go away with you on a rock climbing weekend - What if somethings on tv and its never shown again - Its just as well I'm not invited I'm afraid of heights - I lied about being the outdoor type."