Swell – 41


Swell - 41Bands geraten manchmal in Vergessenheit. Swell aus San Franscisco gehören zu diesen Bands.
Jahrelang habe ich ihre Musik, seinerzeit Neo-Folk genannt, nicht mehr gehört, bis sie beim Grandaddy Konzert in Amsterdam in der Umbaupause vom Band liefen. Das ist zwar schon einige Monate her, trotzdem kam mir diese Geschuichte heute irgendwie in den Sinn und zerrte mich dazu, 41 aus dem CD Regal zu holen. Nachwievor ist 41, das dritte Album der Band eingespielt in der damaligen Besetzung David Freel (Gesang, Gitarre), Sean Kirkpatrick (Drums) und Monte Vallier (Bass), eines meiner Lieblinge. Das ist 2017 nicht anders als es 1994 der Fall war.
Wie und unter welchen Umständen ich Swell entdeckt habe, ich weiß es nicht mehr. Erinnern kann ich mich noch vage an ein Konzert im Gleis 22 und an einen Support vor den Lemonheads in Essen. Mehr ist nicht, mehr war nicht, und so verkümmerten die Swell Songs Jahr um Jahr im Regal und wurden vergessen, bis ich vor drei Wochen die alten CDs wieder hervorgekramt habe, sie entstaubte und in den CD- Abspieler gelegt habe.
Und da war es wieder, 41, dieses Album, das mich seinerzeit erst irritierte und dann begeistert hat. Irritiert wegen der vielen Zwischentöne (Straßenlärm, Telefonklingeln, Schlüsselgeklimper) und dem 15 Minuten Gequatsche am Ende. Begeistert wegen Song wie „Song seven“, „Is this important?“, „Forget about Jesus“.
Das Album beginnt unmusikalisch. Man hört, wie jemand auf dem Gehweg nach einem Schlüssel kramt, die Stahltür aufschließt, in ein Gebäude geht, Treppenstufen aus Holz hinaufsteigt und sich einem Raum nähert, aus dem eine Akustikgitarre tönt. Dieses eindringliche Gitarrenspiel, quasi in einer Endlosschleife vorgetragen, ist der brillante Übergang zum ersten Song des Albums: „Is this important?“ Nach wenigen Momenten setzt David Freels Stimme ein. Tief, traurig, dunkel und ähnlich markant dominant wie Mark Lanegan’s Organ. Sekunden später das scheppernde Swell-Schlagzeug. Es klingt trashing und lässt die Stücke sehr abgehalftert und kaputt erscheinen. Swell sind nicht weich und rund wie eine Vorabendserie. Sie sind die harte Wirklichkeit, Swell Musik symbolisiert das wahre Leben.
„Song Seven“ und „Kinda stoned“, die Lieder Nr.2 und 3, schließen sich nahtlos an. Mittlerweile wird das Swell-Schema deutlich. Ein ruhiger Beginn mit der Akustikgitarre, dann setzen nacheinander Gesang, Schlagzeug und E-Gitarre ein. Der Song hat nun seine volle Ausbreitung erhalten. Zum Finale hin verschwinden alle Instrumente wieder und die Akustikgitarre lässt das Stück auslaufen.
Bevor „Don’t give“ startet, hört man ein Telefon klingeln, dass anschließend im aufkommenden Gitarrenspiel untergeht. Wie oft hat mich dieses Geräusch in Richtung Flur horchen lassen. Mehrmals bin ich diesem Sample auf den Leim gegangen. „Ahh, wer ruft denn gerade jetzt an?! Ach ne, ist ja auf der CD..“. „Don’t give“ wurde – vielleicht auch deshalb – nie mein Lieblingslied. Das waren „Song Seven“, Smile my friend” und „Forget about Jesus“. Die besten Stücke, die Swell je gemacht haben.
Das Album endet, wie es begann. Im non-Musik Track „Down the stairs out the door“ hört man, wie jemand den Musikraum verlässt, die Treppen hinuntergeht, die Schlüssel hervorholt, die Haustür des Hauses 41 Turk Street aufsperrt, sie hinter sich zuzieht und auf der Straße verschwindet. Ein runder, sinniger Abschluss.
„Lyrics“, heißt der letzte Track von „41“. Und richtig, es ist kein Musikstück. Hier werden einfach von einer in der U-Bahn sitzenden Person alle Songtexte vorgelesen. Das Internet mutmaßt, diese Person sei David Freels Zahnarzt.

Kontextkonzert:
Swell – Köln, 03.11.2008 / MTC
Grandaddy – Amsterdam, 25.08.2016 / Heineken Arena

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frank

Hallo, ich heiße Frank und blogge unter pretty-paracetamol seit 2006. Ich schreibe hier über meine Konzertbeobachtungen und über Musik, die mich umtreibt. Vieles davon kommt aus dem sogenannten Indiebereich, manchmal aber auch darüber hinaus.

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