Sting – Esch-Alzette, 01.04.2017


Ort: Rockhal, Esch-Alzette
Vorband: Joe Sumner, The last Bandoleros
Dieser Konzertbesuch ist kein Aprilscherz. Auch wenn man diesen Eindruck bekommen könnte, wenn man, als unbeteiligter Beobachter, meine Konzertlisten Jahr für Jahr durchscrollt. Ein – ich möchte es mal so nennen – ausgewiesenes Erwachsenen-Popkonzert liegt nicht unbedingt in meinem musikalischen Lieblingsspektrum. Aber wer akribischer meine Listen durchscrollt, wird auch diese hier gesehen haben: Madonna, Jay-Z, Christina Stürmer, Herbstrock.
‚Eigentlich müsste man sich einmal im Jahr ein Quatschkonzert anschauen.‘ Vor einigen Jahren, als wir uns oft auf Konzerten trafen, die Umbaupausen und Autofahrten lang waren, da kamen wir ins rumspinnen. Quatschkonzert, so nannten wir es, weil ein solches mögliches Konzert so weit von unserem eigentlichen Musikgeschmack entfernt ist, dass wir normalerweise nie auf die Idee kämen, es zu besuchen. So richtig haben dann auch diese Spinnerei nicht in die Tat umgesetzt. Bestimmt, weil uns das Geld schlussendlich dafür zu schade war. Doch diese Spinnerei brachte mich auf Gedanken. Könnte es nicht durchaus interessant sein, Konzerte von, ich sage mal, Christina Stürmer, Herbstrock oder Jay-Z zu besuchen. Aber nicht unter dem Titel ‘Quatschkonzert‘, sondern aus aufrichtiger und ehrlicher Neugierde. Geld ausgeben wollte ich natürlich immer noch nicht oder nur sehr ungern. Was also tun? Nun, Auftragsarbeiten mache ich nur sehr ungerne, dieses ‚Gästelistenplatz für Konzertbericht‘ liegt mir nicht so. Aber hier machte ich eine Ausnahme. Denn wie gesagt, ich war neugierig, wollte aber nachwievor kein Geld ausgeben. Und so nahm ich Anfragen zu den Konzerten von Christina Stürmer und Herbstrock an und schreib im Gegenzug einen Konzertbericht. Bei Jay-Z oder Madonna war das Eigeninteresse groß genug, selbst Geld für ein Ticket in die Hand zu nehmen. Das waren nie Quatschkonzerte im ursprünglich erdachten Sinn. Und auf diese Art kam es in den letzten Jahren irgendwie zustande, dass ich nahezu jedes Jahr ein Konzert abseits meiner bevorzugten Musikvorliebe besuchte. Was mich zu diesem Sting Konzert bringt.
Seit einer Woche gab es wieder ein paar Restkarten für das seit langem ausverkaufte Konzert in der Luxemburger Rockhal. Sting, mhh, der ist doch noch weiter weg als Madonna oder Jay-Z. Nachdem sich mein erstes Kopfschütteln über diesen Konzertbesuchsvorschlag gelegt hatte, beschlich mich eine bestimmte Neugierde. Warum eigentlich nicht, in der Indiedisco tanze ich schließlich sehr gerne zu „So lonely“ oder „Roxanne“. Aber wer tat das nicht.

Also Sting. Am 1. April und das ist kein Aprilscherz.
Nachmittags dominieren Familien und Studenten das Belval. Hier, nahe der französischen Grenze abseits von Luxemburg-Stadt, liegt das ehemalige Fabrikgelände, das nach und nach zu einem Wohn-, Arbeit- und Freizeitareal umgestaltet wird. Im Einkaufszentrum neben der Rockhal findet ein Gaming Wettbewerb statt, die Universität Luxemburg, die in Esch-Alzette angesiedelt hat, scheint einen Infotag durchzuführen. Vieles ist noch im Bau, aber ein Grundbetrieb scheint bereits zu laufen. Hinter jeder Ecke lauert eine neue, andere Entdeckung. Es macht Spaß, sich in diesem Viertel, das so abseits liegt und in sich geschlossen wirkt, die Füße zu vertreten.
Am späten Nachmittag machen sich die erste Konzertvorboten bemerkbar. Mobile Grillstationen werden auf dem Platz vor der Rockhal positioniert, ein Wagen mit Weinverkostung steht dort schon ein paar Minuten länger. Kann ich hier Wein vom Sting’schen Weingut kosten? Sicherlich, aber ich möchte das nicht. Genauso wenig möchte ich eines der Fleischbrötchen, die eifrigen Absatz finden. Es ist schon ordentlich was los, eine Stunde vor Einlass. Die meisten der hier Wartenden haben sicherlich letztes Wochenende angegrillt und so nimmt man die zweite Grillwurst des Jahres dankend entgegen. Ich nehme mir noch Zeit für einen Kaffee in einem der vielen kleinen Läden im Belval. Endvierzig, Anfang Fünfzigjährige sind eindeutig in der Mehrheit; Menschen, die in den 1980er Jahren die letzten Atemzüge von The Police mitgemacht haben und später den Solosachen Stings als logische Fortsetzung gelauscht haben. „So lonely“, „Message in a bottle“, „Roxanne“, oder „Walking on a moon“ und „Englishmen in New York“, wer kennt diese Welthits nicht. Ich kenne sie natürlich auch und ich war gespannt, wie sie im hier und jetzt auf mich wirken. Dennoch war ich nach vier Songs des Konzertes überrascht über mich selbst. Die großen Hits waren da noch nicht am Start, aber verblüffend stellte ich fest, dass ich a) bisher 75% der Songs kenne und b) mich tatsächlich an Textfragmente erinnern kann. Ich muss damals ein sehr aufmerksamer wdr2 Passivhörer gewesen sein. Dieses „Spirits in a material world“ war mir erstaunlich präsent. Beängstigend.

Bevor Sting mit seinem Konzert begann, war er schon zweimal auf der Bühne. Ganz zu Beginn spielte er mit einem gewissen Joe Sumner den ersten Song des Abends. Wie der Vater so der Sohn. Musikalisch liegen zwischen den beiden keine Welten, wie ich nachher in den drei, vier weiteren Solosachen von Joe Sumner feststellen kann. Oder muss. Es ist für mich ein eher langweiliges Poprock Gemisch. Das wird nicht besser, als der Sohnemann nahtlos an die zweite Vorband des Abends, The last Bandoleros, übergibt. Was kann ich von einer Band, die sich The last Bandoleros nennt, erwarten? Südstaatenrock mit mexikanischen Einfluss. Bingo! Dieser TexMex war mir fast unerträglich. Und er wild über die Bühne hüpfende Akkordeonspieler war dabei noch nicht einmal das schlimmste. Das waren diese Mariachiklänge, kombiniert mit Bluesrock und schmalzigen Songtexten. Da die The last Bandoleros – genauso wie Joe Sumner – auch den Hintergrundgesang beim Sting Konzert abgaben, tauchte der Quetschkomodenspieler auch hier und da nochmal auf, und ich fragte mich mehr als einmal, ob sein Akkordeon überhaupt angeschlossen war.
Joe Sumner sang später im Duett mit Papa Sting noch „Ashes to ashes“, was mich spontan fragen ließ: wieso? Und: warum? Nicht unbedingt ein Höhepunkt des Abends. Der Bowie Song war neben „Ain’t no sunshine“, das in ein aus „Roxanne“ und andere Sting Songs zusammengebasteltes Medley integriert wurde, das zweite Cover im Konzert. Medleys sind auch eine schlimme Sache, erst recht, wenn sie einen so tollen Song wie „Roxanne“ ruinieren. So machten sie aus „Roxanne“ einen 10 Minuten Song, der zum Abschluss des Konzertes viele nochmals ihre Handys zücken lässt. Und gefilmt wurde viel. Mehr als bei anderen Konzerten, die ich besuche. Eine interessante Randnotiz, dachte ich doch, dass gerade Ü50-jährige eine andere Konzertherangehensweise haben. Haben sie aber scheinbar nicht.

Okay, „Roxanne“ haben sie also auch verdaddelt, dachte ich, nachdem ich schon zuvor bei „So lonely“ und „Englishman in New York“ diesen Eindruck gewinnen musste. Ersteres war mir arg zu seicht vorgetragen und bei „Englishman in New York“ fehlte mir diese jazzig-urbane Coolness, die ich von diesem Song kenne und die ich so sehr an ihm mag.

Das Konzert ist hundertprozentig weichgespült. Guter Sound, bestes Licht, aber auch wenig Emotionen. Der Gitarrist der Sting Band scheint am wenigsten Bock zu haben. Er sieht aus wie Bob Geldof und es sieht aus, als hätte er an diesem Abend wenig Lust auf Musik spielen. Mit gelangweiltem Blick verrichtet er seine Arbeit. Irgendwann wirft er sein Plektron in die erste Reihe, doch es landet vor dem Gitter. In der Folge entsteht ein merkwürdig aussehendes Gespräch zwischen dem Gitarristen, dem Sicherheitsmann und einem erste Reihe Zuschauer. Dem Gitarristen schien es wichtig zu sein, dass sein Plektron an den Mann kommt. Doch den Sicherheitsmann und den Zuschauer schien das Plektron nicht sonderlich zu interessieren. Sie kümmerten sich kaum darum, es auf dem Boden zu suchen, auch wenn der Gitarrist sehr oft und sehr dringend mit seiner Hand auf den Boden wies. Eine skurrile Situation. Das Konzert wirkt auf mich blutleer. Andererseits, die ausverkaufte Rockhal johlt und jubelt ohne Ende; es muss also an mir liegen und nicht an dem Konzert, dass ich keine Emotionen verspüre. Tja, scheinbar berühren mich die alten Songs nicht mehr so sehr, wie sie das mal taten. Oder aber ich bin irritiert und abgeschreckt ob der ganzen Performance, die in meinen Augen nicht das ganze Potential aus diesen so wunderbaren Songs wie „So lonely“ oder „Message in a bottle“ herausholt.

Nach guten 90 Minuten ist das Konzert vorbei. Vor der Tür gibt’s Tourposter für 5 Euro, Grillfleisch ist ausverkauft. Ein irgendwie interessanter Abend ist vorüber.

frank

Hallo, ich heiße Frank und blogge unter pretty-paracetamol seit 2006. Ich schreibe hier über meine Konzertbeobachtungen und über Musik, die mich umtreibt. Vieles davon kommt aus dem sogenannten Indiebereich, manchmal aber auch darüber hinaus.

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