| Ein Blog über Musik und Konzertbesuche |

Ort: Blue Shell, Köln
Vorband: Trust Fund

Speedy Ortiz

Warum ich Speedy Ortiz so mag, ist schnell erklärt. Ich mag Pavement, ich mag Schrammel-Indie-Pop-Rock-LoFi. „Tiger tank“ ist mit Sicherheit das beste Pavement Stück, das die Amis nie geschrieben haben. Höre ich diesen Song, dann kommt mir keine andere Band als Spontangedanke in den Sinn. Und tausche ich dann gedanklich noch Sängerin Sadie Dupuis mit Stephen Malkmus Schräggesang, wird die Illusion perfekt. Neben allen Pavement Sachen ist „Tiger tank“ die Schrammel-US-Indie-Pop-Rock-Slacker Blaupause schlechthin. Ein Welthit!
„Pioneer spine“ steht dem nur wenig nach, womit ich die beiden Übersongs der Amerikaner (hier  gemeint Speedy Ortiz) genannt hätte. Beide stammen vom Debüt Major Arcana, ein Stück Indiegeschichte. Zumindest für mich. Major Arcana hat nur Hits, eine Schrammelei mit feinen Popmelodien über 34 Minuten. Oder zwei und ein bisschen joggende Stadtparkrunden. Je nach dem. Vor diesem Konzert habe ich Major Arcana (und auch die famose Sports EP) mal wieder intensiver gehört, ganz vergessen hatte ich die Songs nie: „Casper (1995)“, „No Below“, „Gary“, traumhaft.

Live setzen Speedy Ortiz dem ganzen noch einen drauf. Da spielen sie ihre Songs durchweg schneller, noch obskurer und noch verquerer. Dann halten oft nur Bass und Schlagzeug die Stücke zusammen, zerfasert der Gesang noch mehr als er es bei der Studioaufnahme schon tat und die Gitarren sind häufig so neben der Spur, dass mir mein Herz aufgeht. Songs live perfekt vorgetragen, in diesem meinem Lieblingsmusikgenre braucht das kein Mensch! Da muss es zwicken und an allen Ecken und Enden schief gehen. Speedy Ortiz können das genauso schön wie Pavement es konnten, und damit genug der Heldenverehrung.
Das aktuelle Album Foil Deer ist nun nicht mehr ganz so wild. Es klingt poppiger, die Songs scheinen melodiöser. Eine musikalische Weiterentwicklung ist erhörbar. Ich hatte das Album vorher noch nicht gehört, die poppige Ausrichtung der neuen Songs nahm ich aus Erzählungen von Freunden und Bekannten mit in den Abend. Die irrste Beschreibung der neuen Platte brachte dann ein Gespräch kurz vor Konzertbeginn. Die neuen Sachen klängen wie „betrunkene Belle and Sebastian Songs kombiniert mit Housemartins Meldodien“ und noch irgendwas, was ich vergessen habe. Oh je, zwar schöne, aber nicht unbedingt meine bevorzugten Referenznamen. Und hoffentlich hat der Speedy Ortiz Gitarrist, der neben uns auf einem Hocker saß, nicht allzu genau hingehört. Er wäre wahrscheinlich fluchtartig aus dem Blue Shell gerannt.
Nachdem ich Speedy Ortiz vor einem Jahr dreimal live gesehen hatte, war meine Lust auf ein weiteres Konzert noch nicht gestillt. Im Gegenteil, das Konzert war direkt nach der Terminansetzung als Pflichtveranstaltung gesetzt. Egal, welche Musik das neue Album auch bringen möge. Allein um „Tiger tank“ nochmals live zu hören, musste ich da hin. Und ich ging hin.
Selbstverständlich standen „Tiger tank“ und „Pioneer spine“ auf der Setlist. Wie kann auch eine Band ihre Welthits nicht spielen?! Das schaffen nur U2 auf ihrer aktuellen Tour, aber die haben auch 50 Welthits.

Bevor Speedy Ortiz mit neuem Bassisten für 50 Minuten die Bühne bespielten, hörte ich noch drei Songs der Vorband. Ich war etwas spät dran und überdies hatte die Bahn noch eine leichte Verspätung. Bis ich die Band hörte, war mir das auch relativ wurscht. Nach zwei Minuten des ersten der drei Songs ärgerte ich mich allerdings sehr über mein abendliches schlendern und trödeln. Trust Fund passten perfekt zu Speedy Ortiz, die Band aus Bristol schrammelte und DIY-te genauso toll, und fiel somit 1a in mein Beuteschema. Ein gut aufeinander abgestimmtes Konzertdoppel also, wenigstens für die, die zeitig vor Ort waren. Trust Fund, den Namen merken! No one’s coming for us heißt ihre Debüt, die Platte kaufen!
Speedy Ortiz taten sich schwer damit, in den Abend zu kommen. Erst war was mit einer Box, dann war das Gitarrenkabel von Sadie Dupuis kaputt und musste gewechselt werden. Auch hatten die Stücke anfänglich nicht den richtigen Drive, um mich vollends zu begeistern. Die Band spielte zwar schnell und schön, aber da ich innerlich die Messlatte für diesen Konzertabend sehr hoch gelegt hatte, war es fast unmöglich, mich nur mit Schönheit zu überzeugen. Nach einer Viertelstunde oder so nivellierten wir uns jedoch ein, und ab diesem Augenblick wurde es ein herausragender Abend.
Spontan würde ich sagen, Speedy Ortiz spielten hauptsächlich neue Songs. Alternativ wäre auch die Möglichkeit gegeben, dass sie ihre alten Stücke einfach umarrangiert haben und poppiger geworden sind. Nachdem ich die Setlist studiert habe, fällt mir die Antwort nicht leicht. Sieben neue Songs haben sie gespielt, fünf davon zu Beginn in der ersten Hälfte des Abends. Vielleicht war das der Grund, warum ich mich anfangs schwer tat beziehungsweise den Eindruck hatte, dass es nur gemächlich losging. Denn „The Graduates“, „Raising the Skate“, „Ginger“, „My Dead Girl“ und „Puffer“ kannte ich bis dato noch nicht, und ja, sie haben eben nicht den Zug wie „Screen gem“ oder „Pioneer spine“, um nicht schon wieder „Tiger tank“ nennen zu müssen.
Aber das neue Album sollte vorgestellt werden, Sinn und Zweck einer Albumtour, und mit genau der Hälfte an neuen Songs war die Setlist entsprechend. Alles gut daher. Hinten heraus wurde es dann wieder vertraut, inklusive Lieblingssong und Indie-Evergreen.
Ein wunderbarer Abend, an dem ich nur zwei Dinge krittelnd anzumerken habe. Das „Land of chocolate“, so wie der Schlagzeuger nannte, ist das hier nicht. Das liegt weiter südlich. Vielleicht hat die Band am Nachmittag das Schokoladenmuseum besucht und wurde dadurch irritiert. Und auch Sadie Dupuis Worte „we are the first time here“ stimmen nicht. Vor einem Jahr spielten sie schon mal in Köln, ich glaube, auch im Blue Shell. Aber egal, sehr egal.
Hach, was für eine tolle Band!

Setlist:
01: Taylor Swift
02: The Graduates
03: Raising the Skate
04: Plough
05: Ginger
06: My Dead Girl
07: Puffer
08: Dot X
09: Tiger Tank
10: Screen Gem
11: Pioneer Spine
12: Bigger Party
13: American Horror
14: Swell Content
15: Everything’s Bigger

Kontextkonzerte:
Speedy Ortiz – Berlin, 28.02.2014  /  Magnet Club
Speedy Ortiz – Barcelona Primavera Sound Festival, 30.05.2014
Speedy Ortiz – Barcelona Primavera Sound Festival, 31.05.2014

frank

"I can't go away with you on a rock climbing weekend - What if somethings on tv and its never shown again - Its just as well I'm not invited I'm afraid of heights - I lied about being the outdoor type."