Sonic Youth – Düsseldorf, 24.04.2009

Sonic Youth sind eine meiner Lieblingsbands. Ihre Konzerte waren absolute Höhepunkte.
1996 auf der wdr Osterrocknacht sind wir Freunde geworden. Sonic Youth, damals mit ihrem Album „Washing machine“ auf Tour, spielten nach den Rappern von Cypress Hill (wer kennt noch das rauchverhangene „Insane in the brain“?) und vor den Smashing Pumpinks. Ich kannte die New Yorker Band, hätte mich damals aber nicht als großen Fan bezeichnet. Bis „Diamond Sea“ kam. Es war einer dieser magischen Konzertmomente. Gänsehaut nach 10 Minuten, totale Sprachlosigkeit nach 17 Minuten. Nach dem „Diamond Sea“ Gewitter ging nichts mehr. Eine Wahnsinnsvorstellung. Ich war schwer beeindruckt. Wie konnte eine Band mit drei Gitarren sowas auf die Beine stellen? Ich war hin und weg, und zum ersten Mal vom Noisesound gepackt.
Die Smashing Pumpkins waren danach nicht mehr wichtig, ich nahm ihr Konzert gar nicht mehr wahr. Der Sonic Youth Eindruck war so stark, dass alles um mich herum verblasste.
Seitdem habe ich versucht, sie wenn immer es möglich war, live zu sehen. Ein magischer Moment dieser Stärke war seither nicht mehr dabei, trotzdem stellte sich regelmäßig ein Gänsehautgefühl ein. Hat man sich erst mal auf die Gitarrenfeeds und Kims seicht säuselnde Stimme eingelassen, ist der Sonic Youth Zauber nicht wegzuleugnen. Keine andere Band schafft es, diese Atmosphäre aus Experimentierkunst, Krack und Melodien gleichzeitig so auf die Bühne zu bringen. Dabei wirkt es nur vermeintlich chaotisch, die Rückkehr zur Grundmelodie ist selbst nach vielminütigem Gitarrengeschrammel immer eingeplant.
Am Freitag waren sie im Rahmen der Kunstausstellung „Sensationell Fix“ in Düsseldorf. Das ist die andere Seite von Kim Gordon, Thurston Moore, Lee Ranaldo und Steve Shelley. Das gesteigerte Interesse an zeitgenössischer Kunst. Sei es nun ein Gerhard Richter Bild als Albumcover ( Daydream nation) oder eine Ausstellung mit verschiedenen Künstlern und unterschiedlichsten Exponaten. „Sensationell Fix“ ist in der Düsseldorfer Kunsthalle zu sehen und läuft noch bis zum 10. Mai diesen Jahres.
Wir sind alle älter geworden. Kim Gordon, Thurston Moore und Lee Ranaldo sind gut in den Fünfzigern, Steve Shelley und Mark Ibold immerhin in den Vierzigern. Der ehemalige Pavement Bassist Mark Ibold war zum ersten Mal bei der „Rather Ripped“ Tour vor zwei Jahren mit Sonic Youth in Deutschland zu sehen, er scheint nun zum festen Live- Establishment der Band zu gehören.
Das Publikum passte sich seinen Helden alterstechnisch an, erreichte sie aber nicht ganz. Auf Mitte bis Ende Dreißig würde ich das Durchschnittsalter der gut 1000 anwesenden Leute schätzen. Damit war das 3001 ausverkauft. Das 3001 ist im wahren Leben eine 1a Schicki-micki Disco mit Red Bull Aktionsabenden, Cocktailladys und Menschen in fliederfarbenden Polohemden. Nun ja, heute war das Publikum ein anderes, und es kam von überall her. Aus Belgien, Belfast, Hamburg und Euskirchen kamen sie nach Düsseldorf, und ich denke niemand von ihnen wird die Anreise zu einem der eher seltenen Sonic Youth Konzerte bereut haben.

Sonic Youth starteten mit zwei neuen Stücken in den Abend. So dauerte es einige Minuten, bis zum ersten mal vertraute Klänge zu hören waren. „Pling, Pling, Pling.“ Als Thurston Moore die ersten drei Töne an der Gitarre zupfte, wusste jeder was kam. „Bull in the heather“, einer der besseren von Kim Gordon gesungenen Songs, ließ die Reserviertheit erstmals weichen. „Tom Violence“, ein alter „Evol“ Klassiker aus den 80ern folgte. Ein gern genommener Livetrack, schön schwer und rauchverhangen. Anschliessend, in einer „special düsseldorf version“, das von Lee Ranaldo gesungene „Hey Joni“. Bisher also ein guter Querschnitt durch das Sonic Youth’sche Gesamtwerk.
Es war eine tolle Setlist, die mit drei weiteren neuen Songs aufgemotzt wurde. „Antenna“, „Sacred Trickster“ („a 2:10 out-of-the gate hardcore matinee track with Kim singing salutes to French painter Yves Klein and Western Massachusetts noise artist Noise Nomads“; hier kostenlos downloadbar) und „What we know“ sind typische Sonic Youth Songs im Murray Street oder Rather Ripped Kontext. Vielleicht ein bisschen rockiger. Vielleicht ist das aber auch nur dem Liveeindruck zuzuordnen. Wir werden es sehen, das neue Album „The Eternal“ erscheint im Sommer.
Nach guten 85 Minuten endete wie ein Sonic Youth Konzert enden muss. Gitarrenfeedbacks bis zum Abwinken. 17 Minuten „Expressway to Yr. Skull“ beendeten den Abend.
„Mehr Rock als vor 2 Jahren.“, simst das Mädel vor mir. Sie hatte recht, Sonic Youth hatten einen rockigen Auftritt. Pech für den Empfänger der SMS, er hatte was verpasst.

Setlist:
01: No way (neu)
02: Calming the snake (neu)
03: Bull in the heather
04: Tom Violence
05: Hey Joni
06: The sprawl
07: Cross the breeze
08: Antenna (neu)
09: Sacred Trickster (neu)
10: What we know (neu)
11: Jams run
12: Pink Steam
Zugabe I:
13: Schizophrenia
14: 100 %
Zugabe II:
15: Shaking hell
16: Expressway to Yr. Skull

——
Multimedia:
Fotos: frank@ipernity
Archiv: Sonic Youth – Köln, 26.06.2007

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4 Responses

  1. civ31 sagt:

    Hi!
    Wir waren extra aus Berlin da und waren begeistert! Ich hätte nicht gedacht SY mal in so einem intimen Rahmen zu sehen. Mein 6. SY Konzert, Kumpel´s 3. und sowas von vieel Platz im Publikum, entspannte Leute etc. Dazu absolut toller sound- die Reise hat sich gelohnt. (In Berlin waren die gig´s echt nerviger- große Halle(n) doppelt so viele Indie-Nerds, die rumcoolen, auf „ihre“ 50qcm Platz bestehen und diesen mit geschwollener Brust und breiten Schultern verteidigen)

    Danke für die tolle Kritik- ist bis dato die EINZIGE im Netz zu diesem Abend, dachte dass die lokale Presse mal im Kulturteil Notiz davon nimmt- aber wie so typisch für die Band, wird sie gepflegt ignoriert.. Woher hast Du die Info über die neuen tracks? Das da neues Material gespielt wurde haben wir auch registriert, jedoch gingen die bei der Fülle an Klassikern unter, fand ich.

    Ganz doof aufgestoßen ist uns dann nur sie SONIC YOUTH AFTER SHOW Party- wollte wer ne schnelle Mark machen mit dem Namen.. Unfreundlicher Türsteher (vor ner Kneipe?) der sofort die gute Laune und uns verprellte- Party veranstalten geht anders! Saßen dann bis 4 vor der Kunsthalle rum- da lief dubstep glaub ich.. (shackleton live?!) anyway. Ein toller Tag in komplett anderen Kulturkreis- wir haben uns häufig ganz schön gewundert..

    Bin gespannt ob´s zu „The Eternal“ auch ne tour gibt, wage es ja kaum zu hoffen so oft sie nun schon in den letzten 5 Jahren in D gespielt haben (3x!).

    Gruß aus Berlin!
    G

    • frank sagt:

      Jups, der Rahmen in Düsseldorf war sehr okay. Man merkte, dass das Publikum durchschnittlich älter war. Da wird man ruhiger und lässt sich und dem anderen etwas mehr Platz.

      …ich hab die Setlist 😉

  2. e. sagt:

    klasse tracklist. die neuen songs sollte man als neugieriger sonic youth fan allerdings kennen. das album ist seit vielen tagen hörbar. schöner bericht und am ende war ich ordentlich neidisch. für münchen habe ich das rechtzeitige karten reservieren nämlich vertrödelt.

  1. 20. Juni 2013

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