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Ort: Gebäude 9, Köln
Vorband: The Wee Li’l Band

Sebadoh - Köln, 10.08.2011

Da steh ich nun, etwas verloren, weil ich ohne Begleitung ins Gebäude 9 gekommen war, und etwas müde, weil Sebadoh nach knappen 2 Stunden erst nach Mitternacht ihr Konzert beendet haben.
Also ab nach Hause. Ich verließ zügig das Gelände und winkte im Vorbeigehen Lou Barlow und Jason Loewenstein zu, die beide an der Tür des Backstagebereiches standen und allen ein „Tschüss“, „Danke“ und „Bye“ zuriefen. Viel sympathischer konnte dieser Abend nicht zu Ende gehen.
„Sebadoh, das war doch bestimmt damals eine deiner Lieblingsbands?“ Komischerweise nein. Komisch deshalb, weil ich sonst all den ganzen Kram, den man, unter anderem, Indie nannte – Yo la Tengo, Dinosaur Jr., Guided by Voices, Mudhoney, Sugar, und wie sie alle heißen – wie wild inhalierte. Aber Sebadoh, die gingen an mir vorbei.
Erst Ende der 90er, also als Sebadoh eigentlich schon vorbei war, stieg ich in ihr Werk ein. „The Sebadoh“, ihr neuntes und letztes Album, steht zuhause im Schrank. Vergessen und verstaubt. Lustigerweise stand daneben „Sebadoh III“. Ich wusste gar nicht, dass ich das habe. „The freed pig“, was sie auch im Gebäude 9 spielten, ist das frühe Highlight dieses Albums. Laut Wikipedia verarbeitet hier Lou Barlow seinen quasi Rausschmiss und Abgang aus / von Dinosaur Jr. 1989.

„The Freed Pig“, the opening track on 1991’s Sebadoh III, documents Barlow’s frustration with Mascis and his poor treatment within the band.“

Doch kurz zurück zu „The Sebadoh“. Als ich das Album am Nachmittag noch mal durchhörte, war ich froh, ein Ticket für den Abend besorgt zu haben. Ein tolles Album, charmant rustikal und voller guter Songs. „It’s all you“, „Break free“, sind die großen Hits, und „Weird“ ist der wohl beste Foo Fighters Song, den Dave Grohl nie selbst geschrieben hat, was ich als Kompliment aufgefasst haben möchte.
„We are Sebadoh, we are from the 90s.“ sagt Lou Barlow zu Beginn des Abends mit einem Lachen. Er spielte wohl auf die vorab getätigten Ankündigungen des Sänger der The Wee Li’l Band an. Dieser wünschte uns gleich zwei Mal viel Spaß mit der 90er Band The Sebadoh.
The Wee Li’l Band bespielten das Vorprogramm, was ich aber aufgrund einer studiumsbedingten Chatkonferenz verpasste. Fand ich aber nicht weiter schlimm, denn die Kölner Band hatte ich schon das ein oder andere Mal im Vorprogramm anderer Bands gesehen.
Im Gegensatz zu Sebadoh, die sah ich noch nie. Lou Barlow schon. Mit der Folk Implosion vor längerer Zeit und erst vor zwei Jahren zusammen mit J. Mascis in Form von Dinosaur Jr.

A propos Folk Implosion. Noch so ein Spin-off. Und das erfolgreichere Projekt. Ihr Song „Natural one“ erreichte mittlere Berühmtheit, weil Folk Implosion hiermit auf dem Soundtrack zum Film „Kids“ mitmischten. Nicht das einzige Mal, The Folk Implosion sind auch auf den Soundtracks zu „A life less ordinary“ und „Adaption“ zu hören.

Und ich befürchte, ich habe Sebadoh und Folk Implosion immer durcheinander gebracht oder in einen Topf geworfen. Nun egal, Lou Barlow spielt hier wie da. Der Name Folk Implosion ist übrigens eine Anspielung an die John Spencers Blues Explosion. Einen Seitenhieb konnte sich Lou Barlow im Gebäude 9 nicht verkneifen.
Überhaupt war er sehr redselig. Einige der Themen, die besprochen werden mussten, waren die:

  • Lou Barlow war schon oft im G9 und er findet hier den Klang seiner Stimme so toll. Er erinnert ihn an die Stimme von Bill Callahan, worauf er kurz erklärte, wie Callahan Songs sich zusammensetzen
  • Sebadoh spielen in den 90ern im deutschen Fernsehen und fragen sich bis heute, warum sie dazu eingeladen wurden

Vielleicht war das aber auch alles Quatsch. Unterhaltsam waren die kleinen Geschichten jedoch allemal. Auch die über die Band Journey und Lou Barlows Lieblingslied. (Google sagt gerade, das mit dem Fernsehen war wohl kein Quatsch. Rockpalastarchiv: Heinz Rudolf Kunze & Verstärkung feat. Sebadoh und andere).

Musik gespielt wurde auch. Und das sehr angenehm und zurückhaltend. Sebadoh sind die klassische Indieschule: Schlagzeug, Gitarre, Bass. Keine wuchtigen Gesten, kein übertriebenes Gehabe. Einzig der Oberkörper schwingt und ab und an nickt der Kopf im Takt. Für Brillenträger eher nachteilig, und genau wie Markus Acher vor einer Woche musste auch Lou Barlow seine Brille irgendwann beiseitelegen. Sie rutscht nervig den Nasenrücken herunter, und da man als Gitarrist keine Hand frei hat, musste sie halt weg. Auch auf die Gefahr hin, die Dinge unschärfer zu sehen. So musste er die Setlist ganz dicht vor seine Augen halten, um den nächsten Songtitel ablesen zu können. Dieser Gegencheck war wichtig, zeigten die unterschiedlichen Vorstellungen der Musiker vom nächsten Song verwechselten doch Lou Barlow, Jason Loewenstein und Bob D’Amico in all ihrer Schlurfigkeit zwei, drei Mal die vorher besprochene Songreihenfolge.
Das DIN A4 Blatt musste arg vollgeschrieben sein. Da Sebadoh Songs eher kurz angebunden sind, kommen im Laufe eines zweistündigen Konzertes einige zusammen. Ich tippe auf 26 bis 30 Stücke**, die sie an diesem Abend spielten. Genau kann ich das leider nicht mehr nachhalten. „We have passed the curfew“ bemerkte Lou Barlow vor der letzten Zugabe. Ja, es war ein schöner Abend, ein toller Ausflug zurück in die beste Zeit des Indierocks.

Es gibt Konzerte, zu denen kann man blind gehen. Ohne Albumkenntnisse, ohne auf-dem-laufenden zu sein. Sebadoh Auftritte gehören, ähnlich wie Wedding Present, Yo la tengo, Sonic Youth oder Get well soon Abende, dazu. Und es ist egal, ob die Band gerade ein neues Album draußen hat, zum dritten Mal innerhalb eines dreiviertel Jahres in der Stadt spielt oder gerade Re-Releases mit einer Tour promotet*. Enttäuscht wird man nicht. Ein, zwei Songs und alles scheint wunderbar.
Sebadohs seichter „Indieschwoof“, der immer dann unterbrochen wurde, wenn Lou Barlow seinem Gitarristen den Gesang überließ und selber den Bass nahm, ist höchste Ehren wert. Ein authentisches Konzert. Unspektakulär, erdig, gut. Schlurfig, schrammelig, Lo-Fi.

„Just gimme Indierock“, rief mehrmals eine Stimme hinter mir. Nun, das spielten sie dann nicht, oder doch: knappe 2 Stunden lang.

*Im Fall von Sebadoh ist es letzteres. „Bakensale“ und „Harmacy“, ihre beiden Mitneunziger Alben werden wiederveröffentlicht. Die Gelegenheit könnte ich eigentlich nutzen.
** Gut getippt, die unten aufgeführte Setlist kam später per Mail (Vielen Dank, Marcel).

Multimedia:
Fotos: frank@flickr

Setlist:

01: On fire
02: Skull
03: Ocean
04: Rebound
05: Magnet´s coil
06: S. soup
07: Mind reader
08: Got it
09: Love to fight
10: Drag down
11: Dreams
12: Too pure
13: The freed pig
14: License to confuse
15. Sister
16: Drama mine
17: Nothing like you
18: Crystal gypsy
19: Careful
20: Bird in the hand
21: Beauty of the ride
22: Two years two days
23: Not a friend
24: Forced love
25: Sixteen
26: Give up
Zugabe:
27: Not too amused
28: Willing to wait (more a nirvana version)

frank

"I can't go away with you on a rock climbing weekend - What if somethings on tv and its never shown again - Its just as well I'm not invited I'm afraid of heights - I lied about being the outdoor type."