Ort: Feriendorf Weissenhäuser Strand, Ostsee
Bands: The Notwist, Portugal.the man, Lanterns on the lake, Wilco

Wenn gut ausgestattete Mittelklassewagen die Parkplätze und Zufahrtswege des Ostseeferienparadieses Weissenhäuser Strand besiedeln, wenn situierte Männer in schwarzen Outdoorjacken den Strand bewandern, wenn auf den Balkonen der unzähligen Appartements Becks- Bierkästen, Weinflaschen und Gläser stehen, wenn sich morgens um halb zwölf eine unendliche Schlange um die Bäckerei des EDEKA Marktes rekelt und wenn mitten auf dem Platz ein ca. 1000 Zirkuszelt aufgebaut ist, dann muss etwas Besonderes sein. Erst recht, wenn es Anfang November ist und wenn sich all das in einem rustikal, vor 70er Jahre Charme sprühenden Ferienpark (neudeutsch Center-Park) abspielt.
Und wie die letzten zwei Jahre so auch in diesem: Der Rolling Stone hatte zu seinem herbstlichen Festival geladen („das Indoor-Komfort-Festival“) und die Zielgruppe ist vor Ort.
Sorgsam und passend ausgewählt spielen die Bands in den vier Konzertsälen: Elbow und Wilco, die täglichen Headliner, The Notwist, Death Cab for cutie, Cake, Archive und Nada Surf, sowie die Howling Bells, Lanterns on the lake, Thees Uhlmann, An Horse und Portugal.the man waren vor Ort, um die mir wichtig erscheinenden zu nennen.
Darüber hinaus natürlich noch weiter, insgesamt an die 20 Bands, aber alles kann ich und alles will ich nicht sehen.
Am ersten Abend mussten wir schon Death Cab for cutie sausen lassen, Portugal.the man versprachen (und hielten) die bessere Unterhaltung.
Da wirkte der zweite Abend schon unkritischer: Thees Uhlmann ist geschenkt, sodass wir uns auf Archive, Cake, Nada Surf und Elbow konzentrieren können und vielleicht noch ein paar Minuten Howling Bells erhaschen, falls wir in den Minigolfschuppen (eine der Konzertlocations) später noch reinkommen. Oder anstelle die Texaner von Explosions in the sky belauschen. Es wird eine Spontanentscheidung.
Begonnen hat unser Weekender mit The Notwist. Zu den Weilheimern muss ich nicht mehr viel erzählen, es war so wie immer: toll! Obwohl sie in diesem Sommer ohne neues Album durch die Gegend touren, neue Songs also nicht zu erwarten sind, sind The Notwist ein Pflichtbesuch. Zu süchtig machend ist ihr Indie-Elektropop, zu berauschend ihre Konzerte. So ist es wenig überraschend, dass bereits zu dieser frühen Uhrzeit von 17 Uhr das Festzelt sehr gut gefühlt ist. Nach einer guten Stunde wechselten wir in den Baltic Saal, über den Konstantin Gropper im letzten Jahr sagte, er erinnere ihn an einen Senioren-Kreuzfahrtschiff-Veranstaltungssaal. Teppichboden, niedrige Decke, Holzvertäfelung, wenn das das Pensionärsleben ist, wird es schön.
Portugal.the man waren laut. Sehr laut. Zeitweise war nur noch Gedröhne. Aber das irritierte mich nicht. Die Musik der Alaskaner („Weekender- Programmheft“) kann das vertragen. Je lauter desto besser. Ihr Set war ein gutes, eine gesunde Mischung aus Songs des neuen Albums „In the mountain in the cloud“ und Altem. Hippie-Rock, David Bowie und Progrock Anleihen, eine muntere Sammlung guter alter 70er und 90er Rockamositäten.
Lanterns on the lake hieß unsere nächste Station. Das Withues der Ort. Eine bestuhlte Räumlichkeit die zu anderen Zeiten und im wahren Leben wahrscheinlich als Kneipe und somit letztem Zufluchtsort gestresster Urlaubsmänner herhalten muss. Lanterns on the lake habe ich mir vor dem Weekender schön gehört. Die Briten verpasste ich noch am Mittwoch in Köln, Hazel Wilde, die Sängerin der sechsköpfigen Band machte mich mit ihrem Gesang aber so neugierig auf ihre Livemusik, dass wir sie nicht verpassen wollten. Eine gute Wahl, denn ihr Konzert und ihre Liveumsetzung der auf CD eher ruhigen Songs, waren schön. Zum Ende hin brachen diese förmlich auseinander und die sechsköpfige Band versank förmlich in tumultartigen Dreampop. Das hatte was von Seachange.
Wilco waren mein Überraschungspart im Weekender.
Wilco – klar, schon mal gehört. „Dawned“ war doch in dieser TV Serie. Ansonsten ging die Band in den letzten 10 Jahren an mir vorbei.
Sie sind groß in den USA, aber das hat ja nicht viel zu sagen. Und so lief der Besuch bei Wilco erst mal unter dem Punkt Pflichttermin, als gute Gelegenheit sein musikalisches Allgemeinwissen aufzupeppen. Und das Wilcos Konzert tatsächlich mehr als das war, lag nicht an uns. Nein, Wilco waren toll, es hat Spaß gemacht, ihnen zuzuhören. Bisher kannte ich nur ein, zwei Singles und das letzte Album „The whole love“. Das höre ich aber seit Wochen andauernd. Dass es Wilcos Bandbreite jedoch nur bedingt widerspiegelt, durften wir an diesem Abend erfahren. Die musikalische Vielfalt dieser Band ist enorm und rangiert zwischen County, Schrammel-Rockgetöse und Elektro. Die Basis scheint immer uramerikanisches: Rock, Country oder Americana. Aber diese Basis wird konsequent gestört oder sogar zerstört, wenn im Folk Song plötzlich Schlagzeuggetöse und Gitarrenfeedbacks alles übertönen, während der Frontmann ungerührt weiter singt. Am Ende bleibt der Eindruck, dass Wilco ein sehr gespaltenes Verhältnis zu ihren Wurzeln haben, das vielleicht sogar als destruktiv beschrieben werden kann, was wiederum nicht nur unterhaltsam, sondern in dieser Form auch ziemlich beeindruckend sein kann.
So gut der Abend mit The Notwist begann, so gut endete er mit Jeff Tweedy, Mikael Jorgensen, Nels Cline, Pat Sansone, Glenn Kotche und John Stirratt. Ein guter Tag 1 des Weekenders!

Setlist Wilco:
01: One Sunday morning
02: Poor places
03: Art of almost
04: I might
05: I am trying to break your heart
06: One wing
07: Bull black nova
08: Impossible Germany
09: Born alone
10: Hummingbird
11: Via Chicago
12: Whole love
13: Handshake drugs
14: War on war
15: Dawned on me
16: A shot in the arm

Multimedia:
flickr

Kontextkonzerte:
Rolling Stone Weekender – Ostsee, 12.11.2010
Rolling Stone Weekender – Ostsee, 13.11.2010
Portugal.The Man – Köln, 10.09.2007
Portugal.The Man – Köln, 25.09.2008
The Notwist – Dortmund, 30.07.2011
The Notwist & Andromeda Mega Express – Köln, 14.08.2009
The Notwist – Köln, 14.04.2009
The Notwist – Melt!, 19.07.2008

frank

Hallo, ich heiße Frank und blogge unter pretty-paracetamol seit 2006. Ich schreibe hier über meine Konzertbeobachtungen und über Musik, die mich umtreibt. Vieles davon kommt aus dem sogenannten Indiebereich, manchmal aber auch darüber hinaus.

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