Ort: Molotow, Hamburg
Vorband: Spinning Coin
‘Schade, dass hier Thurston Moore nicht spielt. Der Laden wäre perfekt.‘ Konzertgespräche vor Konzertbeginn. Ich stehe im Molotow in Hamburg und warte auf Real Estate. Thurston Moore, dessen Konzert erst hier angesetzt war, bevor es mit dem Spoon Auftritt am selben Tag  zu einer Doppelheadlinershow zusammengelegt wurde, sehe ich leider nicht. Spielt er in Hamburg, bin ich in Köln. Spielt er in Köln, bin ich woanders in Köln. Es ist viel los in diesem Sommer und ich beginne erst gar nicht aufzuzählen, was ich in den nächsten Tagen noch alles sehen möchte bzw. was ich in den letzten Tagen so alles verpasst habe.

Real Estate wollte ich auf gar keinen Fall verpassen. Die Band, die nicht so oft in Deutschland zu sehen ist, hat gerade ihr keine Ahnung fünftes Album veröffentlich. In mind heißt es, und die Single „Darling“ verzauberte mich vom ersten Hördurchlauf an. Real Estate kenne ich über Umwege. Vor einigen Jahren sah ich die Ducktails beim Primavera Festival. In das Konzert der Ducktails verliebte ich mich sehr schnell; es fand nachmittags statt, im Parc del Centre del Poblenou unter Olivenbäumen. Der perfekte Ort und der perfekte Moment für die perfekten Indiepopsongs der Amis ausd New Jersey. Die Ducktails, damaliges Seitenprojekt von Gitarrist Matt Mondanile, der aktuell nicht mehr zur Band Real Estate gehört, liegen thematisch nicht sehr weit weg von Real Estate. Die surferähnlichen, sanften Gitarren und der unaufgeregte Gesang ist etwas, was beide Bands eng miteinander verbindet. Als ich für mich diese Verknüpfung hergestellt hatte, war ich auch ein Jahr später von Real Estate sehr angetan, als sie beim Primavera auftraten. Und das, obwohl sie auf einer der großen Bühnen zur frühen Konzertzeit um 18 Uhr unter suboptimalen Bedingungen ran mussten.

Doch nochmal kurz zurück zu den Ducktails. Ihr letztes Album St. Catherine ist grandios, vielleicht sogar ein bisschen besser als die bisherigen Real Estate Sachen. In mind kenne ich noch nicht, vielleicht ändert das Album noch einmal die Reihenfolge auf meiner Beliebtheitsskala der beiden Bands.

Also Real Estate in Hamburg. Vor der Platte kommt das Livekonzert.
Ausverkauft meldete das Molotow am Nachmittag. Zu diesem Augenblick schmorrte ich gerade an der Außenalster bei über 30 Grad Celsius und freute mich schon wie Bolle darauf, in ein paar Stunden in einem kleinen Laden dicht an dicht mit ein paar 100 Leuten abzuhängen. Indoorkonzerte machen im Hochsommer nur bedingt Spaß. Die Sache mit der Klimaanlage hat sich noch nicht überall rumgesprochen. Aber dieses Jahr ist keine Fußball WM, EM oder Olympia, da können Konzertbooker auf Publikum hoffen und Konzerte anbieten. Und das tun sie en masse, wie ich derzeit das Gefühl habe.

Nachdem die Vorband  ihr gut einstündiges Set gespielt hatte, wurde es endgültig knallvoll im Molotow. Und warm! Spinning Coin machten ihre Sache gut, die Schotten erinnerten mich ein bisschen an Seachange und diese andere britische Band mit der Sängerin Katie Nachname-vergessen, die vorletztes Jahr als Livegitarristin bei Sleater-Kinney Konzerten mitmachte. Ich komme gerade nicht auf ihren Namen.

Real Estate hatten 13 Songs plus drei Zugaben auf ihrem Zettel notiert. Das las sich übersichtlich, ließ mich aber locker gut 90 Minuten wie ein Omelette in der Pfanne braten. Allen war es warm. So fand der Vorschlag des Real Estate Bassisten, seinem Nachbarn einfach ein bisschen frische Luft mit den Händen zuzuwehen, großen Anklang und sorgte für einiges an Gelächter. Man arrangierte sich also schnell mit den Bedingungen. Nützt ja nix, darüber zu klagen. „Darling“ kam als viertes, genau richtig zu einem Zeitpunkt, als die Band sich warmgespielt hatte. Von da ab war das Konzert großartig. Eh‘ erinnern mich Songs von Real Estate in ihrer leichten, sommerlichen und sonnigen Art lustigerweise an Josh Rouse „Winter in the Hamptons“. An diesem Abend war das besonders stark. Oft musste ich während „Green Aisles“, „Same sun“ oder „Beach comber“ an den Josh Rouse Song denken.
Das wunderbare „Saturday“, das nahezu unendlich gezogen wurde, bildete den Abschluss eines gemütlichen Auftrittes.

Ihr letztes Konzert, so Martin Courtney, sei auch im Molotow gewesen. Allerdings hätte man seinerzeit im Keller auf einer ebenerdigen Bühne gespielt. ‘Oh, wir sind also aufgestiegen‘, entgegnete ihm Bassist Alex Bleeker. ‘Nein, nein, es war wohl ein gänzlich anderer Laden‘, enttäuschte ihn der Sänger mit seiner Antwort. Das Publikum erklärte das Dilemma um das Molotow: Seinerzeit sei es noch die Straße runter auf der anderen Seite beheimatet, im Keller der ESSO-Hochhäuser. Allerdings musste es da raus, als diese abgerissen wurden. Aha.

Und dann wieder die Hitze. Vor der Zugabe verließ die Band erst gar nicht die Bühne. Es sei zu heiß für solche Spielchen. Recht hatten sie!

Der Merch bot In mind für 10 Euro. Nach dem Liveerlebnis kommt die Platte.

Setlist:
01: Time
02: Stained glass
03: Younger than yesterday
04: Darling
05: Past lives
06: Crime
07: Serve the song
08: Green aisles
09: White light
10: Same sun
11: Beach comber
12: Two arrows
13: Saturday
Zugabe:
14: Wonder years
15: Municipality
16: Talking backwards

Kontextkonzert:
Real Estate – Primavera Sound Festival Barcelona, 29.05.2014

frank

Hallo, ich heiße Frank und blogge unter pretty-paracetamol seit 2006. Ich schreibe hier über meine Konzertbeobachtungen und über Musik, die mich umtreibt. Vieles davon kommt aus dem sogenannten Indiebereich, manchmal aber auch darüber hinaus.

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