Ort: Yuca, Köln
Vorband:
Public Service Broadcasting gehören zu diesen Bands, die in zwei verschiedenen Welten Musik machen. Die eine Welt heißt England, oder besser Großbritannien, die andere Welt heißt ‘der Rest der Welt‘. In England spielen Public Service Broadcasting in großen Hallen, deren Namen mit o2, Eventim oder Apollo beginnt, im Rest der Welt in kleinen Klubs wie dem Hamburger Knust oder dem Kölner Yuca. Viel größer könnte der Unterschied nicht sein. Das Yuca meldete immerhin letzte Woche ein ausverkauft. Trotzdem: Public Service Broadcasting laufen bei uns stark unter dem Musikmedien-Radar. Den Kanon ‘wäre die Welt gerecht‘ stimme ich jedoch nicht an. Soll doch jeder, der Public Service Broadcasting nicht kennt, nicht hört und/oder nicht sehen möchte selbst damit klar kommen. Ich sage nur, er verpasst eine der spannendsten und schlauesten Bands der Welt.
Inform-Educate-Entertain, so heißt nicht nur eines ihrer Alben, sondern unter diesem Motto laufen auch die Konzerte der britischen Public Service Broadcasting. Die Bandmitglieder, namentlich J. Willgoose Esq., Wrigglesworth und JF Abraham, sind einige der besten Soundnerds unserer Zeit und haben sich die Aufgabe gestellt, mit ihrer Musik – und erst recht in ihren Konzerten – die Allgemeinbildung ihres Publikums aufzufrischen. Denn Public Service Broadcasting machen nicht nur Musik; also die machen sie zwar in der Hauptsache, aber ihre Alben sind thematische Konzeptalben, die sich schwerpunktmäßig mit einem historisch/geschichtlichen Thema auseinandersetzen. Ihre Platten sind sozusagen eine musikalische Informationsdarbietung.

Nachdem das letzte Album, The race for space ganz im Zeichen des Wettstreits zwischen den USA und der UdSSR um den ersten Mann im All (oder Kosmos) und auf dem Mond stand, handelt das aktuelle Album Every Valley über den Niedergang der walisischen Bergbauindustrie. Versehen mit akribisch zusammengestellten Tondokumenten schaffen sie es, auf Platte eine Art Radiodokumentary-Musical entstehen zu lassen. So schrädert die Gitarre im Spannungsbogen des Tondokumentes und das Schlagzeug tönt im Takt von Industriemaschinen. Das klingt platt und vielleicht sogar ein wenig einfallslos, aber Public Service Broadcasting sind Meister ihres Fachs, die ihre Indierock, Krautrock und Postrock Melodien so fein und behutsam den Tondokumenten anpassen, dass ich weder Plattheit noch Einfallslosigkeit darin erkennen kann. Bestes Beispiel ist „The other side“, ein mogwaiischer Gitarrensong, der die Funkstille zwischen Apollo und Houston so wunderbar integriert, dass es mir bei jedem Hören eine Gänsehaut hervorruft. Und obwohl ich den Ausgang der Geschichte kenne fiebere ich jedes Mal mit, ob der Funkkontakt wieder entsteht und die Gitarren wieder aus der Stille herauskrabbeln und den Song übernehmen.
Auf Konzerten werden dazu die entsprechenden Bildaufnahmen gepackt. Die The race for space Konzerte vor zwei Jahren strotzten vor Bildschnipsel aus NASA und BBC Archiven, die im Übrigen für jedermann frei zugänglich in den Weiten des Internets liegen. Konzerte als musikalisches Dokumentarytainment. Schlecht ist das nicht.
Ob der Abend im Ehrenfelder Yuca auf ähnliche Art und Weise den Niedergang der Bergbauindustrie dokumentieren wird, darauf war ich sehr gespannt.

Die ersten beiden Songs gehören dem aktuellen Album Every Valley. Auf der Videoleinwand, ach was Videoleinwand, es ist eine dieser Diaprojektorleinwände, wie wir sie auch zuhause hatten, laufen die Filmsequenzen. Steht man weiter hinter, wird man sie wohl eher nicht sehen. Leider hängen im Yuca nicht acht Bildschirme wie in den britischen 3000er Hallen. Ohne Blick auf die Leinwand geht einem nämlich sehr viel eines Public Service Broadcasting Konzertes verloren. Denn wie bereits gesagt: Bild und Ton gehören zusammen und bilden die Konzerteinheit.

„The Pit“ und „People will always need coal“ bedeutet in Bildern: ein dampfendes Wales mit vielen Schloten sowie Bergarbeiter, Geldausgabestelle, Arbeitervororte. Was nach Industrieromantik klingt, ist es aber nicht.

Auf das Thema der Kohle-Industrie ist J. Willgoose, Esq., Frontmann von Public Service Broadcasting, zufällig gestoßen, als er in den Archiven des British Film Institute nach neuen Themen recherchierte. Dabei hat er gemerkt, dass die Geschichte der walisischen Minenarbeiter stellvertretend für die vielen Gemeinden weltweit steht, die sich nach der industriellen Revolution rund um eine spezielle Industrie gebildet haben und denen diese Industrie nun wegfällt. Dabei interessieren Willgoose besonders die Auswirkungen, welche die Geschichte dieser Gebiete auf die heutige Gesellschaft haben. (Byte.fm)

Im Konzert bleiben Public Service Broadcasting allerdings nicht monothematisch. Das Rennen um die Vorherrschaft im All kommt schneller als gedacht: „Korolev“, ein Song über den gleichnamigen russischen Raketeningenieur und „E.V.A.“, das den Aufenthalt eines Raumfahrers außerhalb seines Raumschiffes beschreibt, folgen dem „Theme from PSB“ als vierter und fünfter Song.

‘Hello! Ja, ich spreche.‘ sagt ein sichtlich gut gelaunter J. Willgoose, Esq.. Er kann sich das Grinsen nicht verkneifen, denn alle wissen: das ist eine Anspielung auf die Besonderheit der Band, eigentlich nichts zu sagen, sondern Ansagen über verzerrte Computersamples einzuspielen. Doch schon in dem einen oder anderen Livevideo von der aktuellen Tour sah ich, dass sich der Chef J. Willgoose, Esq. nicht mehr an diese Vorgabe hält. Vielleicht liegt es auch daran, dass auf Every Valley ein paar Gastmusiker den Songs ihre Stimme leihen. James Dean Bradfield, wie könnte es besser passen, ist so ein Gastsänger.
Doch zurück zum Konzert.
‘Aber ich spreche nicht Deutsch. Mein deutsch ist nicht gut. Ich werde daher in Englisch reden: Herzlich Willkommen.‘ Erste Lacher auf seiner Seite. Englisch sprach J. Willgoose, Esq. fortan überhaupt nicht und in seinem deutsch entdeckte ich auch keinen Akzent.

Public Service Broadcasting spielten Songs von ihren beiden letzten Alben, einzig „Night Mail“ (vom ersten Album Inform-Educate-Entertain) durchbrach die Weltraum- und Bergbaugeschichten. Von den neuen Songs fiel mir „All out“ auf. ‘Das ist ein lauter Song‘, so die Ankündigung. Und ja, das  darf er auch sein, ist es doch ein Song über die Streiks und Unruhen in Südwales, als die ersten Minen geschlossen wurden. Bilddokumente und Tonsamples wie ‘We’re not gonna take any more‘ oder ‘I was brought up to respect police…I don’t respect them now‘ unterstreichen die Hektik der Polizeihundertschaften und die Gewaltbereitschaft der Demonstranten, genauso wie die unruhig und laut klingenden Gitarren. Und da ist es wieder, das passende Zusammenspiel zwischen Musik und audiovisuellem Kontext. Das beherrschen Public Service Broadcasting wie keine andere Band. J. Willgoose Esq., Wrigglesworth und JF Abraham arbeiten dabei enorm akribisch und punktgenau. Alles muss passen: Videosequenzen, Toneinspieler, die Geschwindigkeit der Musik. Gerät nur eine der drei Komponenten aus ihrem zeitlich vorbestimmten Rahmen, ist der Livesong hinüber. Das passierte aber nie, Optik und Ton/Musik waren jederzeit ein perfektes Gesamtkunstwerk.
Den Abschluss des Sets bilden „The other side” (schon wieder Gänsehaut) und „Go!”, bevor in der Zugabe zwei Giganten unterschiedlichster Art dargeboten werden: „Gagarin“ und „Everest“.

Hut ab vor dieser Aufführung. Der Kauf eines tea towels mit einer aufgedruckten Karte aller Bergbaugebiete Großbritanniens war danach Pflicht.

Kontextkonzerte:
Public Service Broadcasting – Köln, 18.03.2016 / Stadtgarten

frank

Hallo, ich heiße Frank und blogge unter pretty-paracetamol seit 2006. Ich schreibe hier über meine Konzertbeobachtungen und über Musik, die mich umtreibt. Vieles davon kommt aus dem sogenannten Indiebereich, manchmal aber auch darüber hinaus.

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