| Ein Blog über Musik und Konzertbesuche |

Ort: Stadtgarten, Köln
Vorband: Big Deal

Public Service Broadcasting

Ich bin sehr angetan. Von Public Service Braodcasting. Von Big Deal. Von diesem Konzertabend.
Erwarte nichts, dann bekommst du viel. Von Zeit zu Zeit ist dieses Motto nicht das schlechteste. Von Public Service Broadcasting hörte und sah ich vor diesem Konzert nur gutes, konnte das aber nicht so recht einordnen und mir gerade die Mitschnitte der Livevideos nicht über eine Konzertlänge vorstellen. Von Big Deal hörte ich seit meinem letzten Konzertbesuch kaum noch etwas, wusste somit gar nicht, was und wie sie dieses ‘was‘ so machen. Ich wusste also nicht, was mich erwartet, und weitere Gedanken wollte ich darüber auch nicht verschwenden. Ich würde es ja sehen.
Ich freute mich schon seit langem auf diesen Konzertabend. Seitdem ich Public Service Broadcasting letztes Konzert in Köln aus zeitlichen Gründen verpasst hatte, wollte ich mir die Band von Gitarrist John Willgoose Esq. und Drummer Wrigglesworth unbedingt anschauen. Als ich dann in der letzten Woche vom Support Big Deal erfuhr, war meine Freude noch grösser. Ein perfektes Konzertdoppel! Das perfekt beziehe ich jedoch nicht auf das gut musikalisch zueinander passen der beiden Bands, sondern einzig darauf, dass ich die Musik mag und enorm spannend finde: den Indiepop von Big Deal und den, ja wie nenne ich das, audiovisuellen Elektro-Gitarren-Pop von Public Service Broadcasting.
Es ist sehr leer, als ich um kurz vor acht den Stadtgarten betrete. (Später sollte es dann gut gefüllt sein.) Vielleicht 20 Leute befinden sich im Saal und warten auf die Vorband. Mensch, warum sind denn nicht mehr Musikbegeisterte hier! Big Deal sind doch eine gute Band, eine, die auf ihrem Debüt Lights out fast nur Hits hat. „Talk“, „Cool as Kurt“, „Homework“, „Distant neighbourhood“. Alles Kracher, die Kasey Underwood und Alice Costelloe als Duo ohne Schlagzeug und Bass einspielten. Boy-Girl-Folksongs las ich in einer Musikzeitschrift und ja, das passte zu den verträumt verhuschten Melodien der Londoner. Wenn ich jetzt über den Auftritt der Band schreibe, die mittlerweile (?) zu viert ist, kann ich das nicht ohne die Geschichte zu meinem letzten Big Deal Konzertes zu erzählen. Vor vier Jahren sah ich sie im Keller des Stadtgartens, im Studio 672. In knapp 40 Minuten verzauberten sie mich mit ihren Gitarren und ließen mich dahinschmelzen. Die eigentliche Geschichte ist aber die der damaligen Vorband. Die nannte und nennt sich Alt-J, nach einer Tastenkombination für Apple Computer, und war seinerzeit völlig unbekannt. Mittlerweile ist das ja anders. Alt-J spielen aktuell vor 10000en von Menschen, Big Deal leider nicht. So unterschiedlich können Karrieren verlaufen. Damals hielt ich nur lapidar fest:

Alt-J, die Band, begeistert mich nicht durch ihre blöde Flash Animation auf ihrer Homepage („Warning: The 5th option (from the left) contains strobe lighting and could cause seizures.”), aber sie beeindruckte mich gestern Abend als Vorband. Antlers und James Blake, wer wie ich diese beiden Bands/Künstler mag, wird sich auch mit Alt-J anfreunden. Facebook lehrt mich, das die Band, bestehend aus vier Jungs, aus Leeds kommt. Ein Album scheinen sie bisher noch nicht veröffentlich zu haben, im Netz finde ich eine Handvoll Demos.

Nach Lights out veröffentlichten Big Deal mit June Gloom ein weiteres Album, das dritte wird im Sommer dieses Jahres erscheinen. June Gloom kenne ich nicht, daher waren für mich alle Songs, die Big Deal in der guten Alben Stunde Konzert spielten, unbekannt. Denn die Hits von Lights out hörte ich nicht. Ihr Debütalbum ließ die_der Gitarrist_in komplett aus der Setlist.
Auf der Bühne sind sie zu viert, Schlagzeugerin Mel Rigby und Bassist Huw Webb lassen Big Deal vom Duo zur Band werden. Musikalisch haben sie sich dadurch von verhuscht verträumten Melodien zu mehr Rock und Grunge gemausert. Nachteilig ist das nicht. Big Deal erinnern mich in dieser Konstellation mehr an die Pixies als an Shoegaze. Das überrascht mich, macht aber ihre Songs dadurch schmissiger, tanzbarer. Und lauter.Big Deal

‘Do you like to hear a song about ice-skating in the Netherlands?‘ fragt der Computer. Es ist die Ansage zu “Elfstendentocht, Part 2“. Die Kommunikation zwischen Band und Publikum läuft über das Mac Book. Weder John Willgoose Esq. noch sein Partner Wrigglesworth sagen während des gesamten Konzertes kein Wort. Wie auch, sie haben noch nicht einmal Mikrofone. Kommunizieren wollen sie aber trotzdem. ‘Hello Stadtgarten‘ und andere vorbereitete Aussagen lässt John Willgoose per Tastendruck auf uns los. ‘Can you speak?‘ fragt daraufhin jemand aus dem Publikum. Der Computer sagt: ‘nein‘. Es ist herrlich komisch und krotesk zugleich. ‘Excuse me‘ klingt es, wenn die Gitarre nachgestimmt werden muss oder ein Video nicht zeitgerecht startet. Public Service Broadcasting machen irre Spaß und ziehen ihre Performance aus Video und Audio konsequent durch. Hier und jetzt haben nur die Musik und die Bilder etwas zu sagen. Und beide sind gut aufeinander abgestimmt.
Die Bilder stammen aus alten Filmarchiven wie dem „British Film Institute“ (BFI) mit seinen Wochenschau- und Dokumentarfilmen oder dem British Postal Museum and Archive (BPMA). Und so flackern schwarzweiß Filmsequenzen über die große niederländische Eiszeit (zu „Elfstendentocht, Part 2“), eine Mount Everest Besteigung („Everest“) oder zum Hauptthema des Abends über den Wettlauf ums All in den 1960er Jahren von der Leinwand.
The race for space heisst der Titel ihres aktuellen Albums, im Konzert bildet es den Schwerpunkt. „Sputnik“, „Gagarin“, „The other side“, „Go!“, „E.V.A.“ und die B-Seite „Korolev”. Dazu Ausschnitte einer Rede von John F. Kennedy und Nachrichtenstimmen. Visuell unterlegt durch alte Zeitungsnachrichten a la ‘The reds won‘. Denn statt Gesang und eigenen Texten verwendet die Band ausschließlich gesampelte Sprachsequenzen. Das ist ein bisschen wie Dokumentarfilm gucken, untermalt mit ganz viel Gitarre, Schlagzeug und Elektrosounds. Musikalisch erinnert mich das an Kraftwerk, an British Sea Power. In der Kombination mit den Video- und Tonsequenzen ist das, was Public Service Broadcasting machen, jedoch einzigartig. Und überhaupt nicht kühl und distanziert. Sie schaffen es, die Bilder musikalisch mit den richtigen Musikemotionen zu unterlegen. Ich spüre förmlich den kalten Wind bei „Everest“ oder die Ungewissheit der Astronauten, wenn sie sich mit ihrer Raumkapsel für kurze Augenblicke in den Mondschatten verabschieden und jeglicher Kontakt zur Bodenstation der NASA unterbrochen ist.Public Service Broadcasting

„The Other Side“ heißt der Track, in dem Public Service Broadcasting diese Ungewissheit im Schatten des Mondes großartig umsetzen. Die anfangs beschwingt tuckernde Sequenzermusik schrumpft zu einem nautischen, unheilschwangeren Wabern zusammen. Darüber liegen die verrauschten, ins Leere laufenden Funksprüche der Bodenstation. Die Reduktion auf ein Minimum macht die Anspannung greifbar – bis endlich mit dem Gitarren-Crescendo die Astronauten wieder hörbar sind.

So sagt das Internet. Die Tracks sind wohl und perfekt auf die Bilder abgestimmt. Hier stimmt einfach alles. Und langweilig ist es zu keiner Sekunde. Weder für mich, noch scheinbar für die Band. Ich stehe direkt vor John Willgoose Esq. und kann es sehr oft sehen, wie er sich ein Lachen verkneifen muss. Oh ja, er hat Spaß, er freut sich, wenn die Einspielungen klappen oder wenn er die richtige Tonsequenz auf einen Zuruf aus dem Publikum abspielen kann. ‘Nein‘, tönt es sehr oft, oder ‘Danke‘. Und jedes Mal denke ich, die Computerstimme klingt doch verdammt nach Paul Hardcastle und „Nineteen“.
Konzentriert und akribisch arbeitet Willgoose sich durch die Tracks. In Cordhose, braunem Sakko und Fliege mimt er den Nerd, der sich durch all das Film- und Tonmaterial gequält hat, um daraus die einzelnen Songs zu stricken. Schlagzeuger Wrigglesworth steht im nur wenig nach, sie wirken ein wenig wie die musikalischen Hofstadter und Wolowitz der Big Bang Theory.

Live werden die beiden durch JF Abrahms unterstützt. Dieser spielt vornehmlich Bass; es ist ein schöner, leicht New Order-esker Bass, aber auch andere Instrumente. ‘JF Abrahms on Flugelhorn, which is similar to a trumpet but it is not the same as a trumpet.’ lehrt die Computerstimme.
Herausragend aus dem Set und enthusiastisch gefeiert und betanzt werden “Spitfire” und „Go!“. Mir gefallen auch „Sputnik“ und die beiden Zugaben „Gagarin“ und „Everest“. Public Service Broadcasting haben eine kleine feste Fangemeinde, die die Band nach jedem Song frenetisch bejubelt. Viele hier scheinen die Band nicht zum ersten Mal zu sehen. Ich schon, aber ich möchte sie unbedingt wiedersehen. Zu schön, unterhaltsam und amüsant war das Konzert. So etwas bedarf dringend einer Wiederholung.

Zum Ende des Konzertes verabschiedet uns ein letztes Videostandbild.

Thanks for being with us this evening. We hope that in some small way we have been able to add to your pleasure, comfort and relaxation.

So steht es da sekundenlang. Oh ja, ihr habt mir die vergangenen 90 Minuten sehr viel Spaß bereitet. Ich fühlte mich wohl bei euch.
Eine sympathische Band, ein sympathisches und ein sehr, sehr gutes Konzert! Ich bin nicht nur angetan, ich bin begeistert!

Setlist:
01: Sputnik
02: Theme from PSB
03: Signal 30
04: Night Mail
05: Korolev
06: E.V.A.
07: ROYGBIV
08: Elfstendentocht, Part 2
09: If War should come
10: Spitfire
11: The other side
12: Go!
Zugabe:
13: Gagarin
14: Everest

Kontextkonzert:
Big Deal – Köln, 04.03.2012  // Studio 627

frank

"I can't go away with you on a rock climbing weekend - What if somethings on tv and its never shown again - Its just as well I'm not invited I'm afraid of heights - I lied about being the outdoor type."