Ort: Parc del Fòrum, Barcelona
Bands: Dancefloor Meditations, Saint Etienne

Im Vorfeld des diesjährigen Primavera Sound wurde oft über die Bands und Künstlerauswahl des Festivals gesprochen. Mehr als in den Jahren zuvor wurde zu den Prime-Zeiten dem Hiphop, R’n’B und Dance der Platz auf den großen Bühnen freigehalten: Aphex Twin, Run the Jewels, Skepta, um mal die ganz großen Namen zu nennen. Einzig Arcade Fire hielten hier das Indiestatement des Festivals ein bisschen aufrecht.

‘Ich hasse multi-kulti‘, sagt beiläufig der libanesisch stammende Toni Hamady, als er durch die Straßen Neuköllns spaziert und links und rechts das Treiben der Hipsterläden betrachtet. Ali „Toni“ Hamady ist das Familienoberhaupt eines Clans, der im Milieu der organisierten Kriminalität seine Geschäfte macht. Studiert man seinen Charakter in der Serie 4 Blocks ein bisschen länger, wird jedoch klar, dass dieser Ausspruch nicht ernst gemeint sein kann. Toni Hamady ist der einzige Integrationsfreund seiner Familie und derjenige, der versucht, sich mit legalen Geschäften eine Existenz aufzubauen.

Diese Worte, warum auch immer, kamen mir in den Sinn, als ich am Mittwochnachmittag nochmals das Lineup des Primavera studierte und meinen Zeitplan für die nächsten Tage überdachte. ‘Ein ganz schönes musikalisches multi-kulti, das mich in den nächsten Tagen erwartet‘, dachte ich nicht beiläufig. Je tiefer ich in das Programm eintauchte, desto mehr tolle Sachen trafen meinen Blick. Ich geriet ins Schwärmen ob der vielen Möglichkeiten, Neues und Spannendes zu entdecken. Ein bisschen R’n’B von Solange, ein bisschen Weltmusik von Sinkane, Altes von Grace Jones und Neues von den Cymbals eat guitars. Das klang gut.

Der Mittwoch brachte jedoch von all dem noch nichts. Namentlich stand er im Zeichen schönster britischer Popmusik: Jarvis Cocker & Steve Mackey und Saint Etienne. Wem geht da nicht das Herz auf. Allerdings war der Cocker’sche Auftritt meine große Unbekannte. Dancefloor Meditations nennt sich das Projekt und so recht wusste ich nicht, was sich dahinter verbirgt. Und ich hatte auch vergessen, es zu googlen. Was würde mich erwarten? Ein DJ-ing? Irgendein experimenteller Kram? Oder doch ein ganz normaler Abend mit Jarvis Cocker Songs?
Um das Geheimnis zu lüften, galt die Anwesenheitspflicht. Die umzusetzen, war aber gar nicht so einfach. Das Event fand auf der sogenannten hidden stage statt, eine kleine Bühne im Bauch des Parc del Fòrum, im wahren Leben die Parktiefgarage des Geländes. Für diese Bühne bedarf es extra Tickets, die aufgrund der Begrenztheit des Platzangebotes vor der Bühne nach dem Motto one per person und first come, first serve nachmittags an einem Infostand ausgegeben wurden. In diesem Fall bedeutete nachmittags ab 17 Uhr. Da mein Flieger erst um 15 Uhr in Barcelona landen sollte, könnte das problematisch werden. Als weniger problematisch sah ich die zeitliche Überschneidung von einer halben Stunde mit dem Saint Etienne Auftritt über der hidden stage auf der Primavera Bühne an. Saint Etienne hatte ich schon öfter gesehen, und Überschneidungen sind ein Primavera Thema, mit dem man leben muss. Es galt, sich zu entscheiden, und die Entscheidung fiel hier zugunsten des Dancefloor Meditations Dings. Es versprach, dass spannendere Konzert zu werden.

Das mit den Einlasstickets zur hidden stage war dann überraschend einfach zu bewerkstelligen, und so stand ich ein paar Stunden später in der Tiefgarage und harrte der Dinge, die da gleich passieren mögen. Von 90 minütiger meditativer Stille bis hin zu einem normalen Cocker Konzert war alles drin. Dass der Abend dann ganz anders verlief, ich möchte sagen: typisch Jarvis Cocker.

Good evening. We are at the sea right now but I don’t want to talk about tuna, I want to talk about tunes.

Der ex-Pulp Sänger dozierte, so möchte ich es mal nennen, 90 Minuten über Entwicklungen in der modernen Tanzmusik. Mit Worten und mit Soundbeilagen, die er und sein Partner Steve Mackey mir immer mal wieder um die Ohren hauten. Quasi als musikalischer Beleg dafür, was Jarvis Cocker zu erzählen wusste. In den ersten vierzig Minuten des Vortrags waren das alle möglichen Bassvariationen, nach einer kurzen Pause dann Discoschnipsel aus den 1970er Jahren und anderen Jahrzehnten.
Die Vorlesung war thematisch zweigeteilt. Vor der Pause sprach Cocker über den Bass in der Musik und beantwortete dabei Fragen wie ‘seit wann gibt es denn Bass in der Musik‘, ‘wie klang er in den 1960er Jahren‘, ‘wie klang er in den 1980er Jahren‘ und ‘welchen Einfluss nahm er auf die Musik‘. Nach der Pause ging es dann um Disco und seine Geschichte. Dieser Part gipfelte in einem Tanz mitten im Publikum unter der extra installierten Discokugel. Jarvis Cocker in seinem Element. Oh ja, es war unterhaltsam und definitiv die richtige Entscheidung, sich das anzuschauen. Meditativ wurde die Dancefloor Meditations nur dann, wenn der Bass für Minuten alleine und in unterschiedlichen Sequenzen durch die Tiefgarage hämmerte. Natürlich könnte man das alles auf Wikipedia nachlesen, aber Jarvis Cocker in seiner Art war da der unterhaltsamere Lehrmeister.

Saint Etienne legten im Anschluss gewohnt souverän nach. Der Platz vor der Primavera Bühne war nicht ganz so voll wie erwartete, und so war es einfach, noch einen guten Platz vor der Bühne zu ergattern. Zwei Tage später sollte das neue Saint Etienne Album Home Counties erscheinen, so war das Set reichlich gespickt mit neuen Songs. Aber auch das wunderbare „Like a motorway“ und andere alte Klopfer aus den 1990er Jahren fehlten nicht im Set, das – kein Wunder bei dem riesigen Backkatalog und der Hitdichte der Band – sehr, sehr gut war. Denn wer Saint Etienne sieht, möchte natürlich auch „He’s on the phone“, „Sylvie“, „Who do you think you are“ und „You’re in a bad way“ hören. All das bekamen wir in perfekter Soundqualität. Ein Umstand, der bei meinen letzten Saint Etienne Konzertbesuchen nicht gegeben war. Da war der Bass (keine Ahnung in welcher bpm Zahl, ich hatte den Vorlesungsstoff schon wieder vergessen) zu wuchtig, die Gesangsstimmen von Sarah Cracknell und Debsey „Debs“ Wykes zu schwach ausgesteuert.

Primavera, du darfst beginnen!

Kontextkonzert:
Saint Etienne – Primavera Sound Festival Barcelona, 02.06.2012
Saint Etienne – Berlin Festival Tempelhof, 07.08.2009

frank

Hallo, ich heiße Frank und blogge unter pretty-paracetamol seit 2006. Ich schreibe hier über meine Konzertbeobachtungen und über Musik, die mich umtreibt. Vieles davon kommt aus dem sogenannten Indiebereich, manchmal aber auch darüber hinaus.

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