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Gestern las ich einen interessanten Artikel über das diesjährige Primavera Sound Festival. In ihm wurde unter anderem die Einzigartigkeit des Festivals hervorgehoben und es wurde gelobt, wie bedächtig und sorgsam die Macher die musikalische Zusammenstellung des Festival Lineups von Jahr zu Jahr meistern.

Die Macher des Primavera schaffen einen Balanceakt, an dem viele andere Festivals scheitern: Den richtigen Mix zwischen etablierten Musikgrößen und aufstrebenden neuen Acts, die populär genug sind, um einen Hype auszulösen, aber immer noch unbekannt genug, um nicht als Mainstream zu gelten. Das Primavera ist längst kein Nischen-Festival mehr, es bedient aber trotzdem noch welche. Es richtet sich an ein anspruchsvolles Indie-Publikum, dessen Neugier über die üblichen Verdächtigen hinausgeht. (Quelle: Tagesspiegel)

Und es stimmt. Das Primavera ist kein klassisches Indienischen-Festival mehr. Mehr und mehr werden dem Elektro und R’n’B, dem Hiphop und der Weltmusik die Türen geöffnet. Das Primavera wird vielschichtiger. Und – meiner Meinung nach – besser!

In diesem Jahr trat das am bisher deutlichsten zu Tage: es spielten Aphex Twin neben Solange neben Arcade Fire neben den Swans neben Slayer. Dazu der brasilianische Künstler Seu Jorge und die fulminanten beiden Konzertabende der Magnetic Fields, die den Auditori-Konzertsaal Besuchern (mich eingeschlossen) mehr als 50 Songs bescherten. Mehr Vielschichtigkeit geht fast nicht.

Allerdings lese ich auch Kritik. Das Primavera Sound würde sich immer mehr dem Coachella anbiedern, gar versuchen, es nachzueifern. Es sei nicht nur mehr ein Musikfestival, sondern es werde mehr und mehr eine Eventveranstaltung für die vermeintlich Hippen und Coolen, die auch gerne einmal auf die Musik verzichten. Eine grundsätzliche Kritik, die bei der Größe und Mächtigkeit, die das Primavera mittlerweile erreicht hat, wohl irgendwann aufkommen muss. Und ja, auch ich bemerkte gerade am Freitag einen Hauch mehr Coachella als noch vor ein paar Jahren. Modefotografen vor der Ray Ban, Instagramsternchen oder solche, die es gerne wären, hier und da auf dem Gelände. Optisch und modisch gesehen machte das Primavera in diesem Jahr einen Schritt nach vorne. Und natürlich liefert da das Coachella das Vorbild. Welches andere Festival auch sonst?
So gesehen kann ich den Kritikern zustimmen. Und ich weiß, wovon ich schreibe. In diesem Jahr besuchte ich das Primavera zum achten Mal. Was aber nicht heißen soll, das früher alles besser war. Denn die Qualität des Musikprogramms, und darum geht es in letzter Konsequenz bei einem Musikfestival, war auch dieses Jahr wieder exzellent und auf gutem Niveau. Ich freute mich auf ein abwechslungsreiches Lineup, auf Solange, Angel Olsen, Thurston Moore, Grace Jones, Run the Jewels und Aphex Twin. Auch wenn ich letztere aus Gründen wie Müdigkeit und Reizüberflutung verpasste.

Bisher war ich noch nie beim Coachella, ich kenne also die dortigen Örtlichkeiten nicht. Wer sich aber beim Primavera über zu viel non-musikalisches ärgert, dem habe ich folgendes zu sagen: Das Schöne am Primavera ist, dass man die Nebengeräusche, wenn sie einem nicht passen, locker ausblenden kann. Es gibt so viel zu sehen, so viel zu hören, da kann man Dingen durchaus aus dem Weg gehen. Da wäre zum Beispiel das Tagesprogramm im Primavera al Raval und auf der kleinen daypro Bühne, wo tagsüber tolle Sachen liefen, oder das Kontrastprogramm auf der Pitchfork und der adidas Bühne im Parc del Forum; dort ist das Primavera nach wie vor so ‘wie früher‘ und musikalisch experimenteller. Wer sich dagegen nur vor den beiden großen Bühnen und am Rand des Festivals in den Foodcourts aufhält, der bekommt davon nichts mit. Umgekehrt ist es ebenso: wer kaum vor den beiden großen Bühnen rumhängt, verpasst nur die großen Namen, hat aber immer noch das ‘alte‘ Primavera und überdies genug gutes Programm. Und wer partout keine DJs und Fashionistas mag, geht eben nach drei Uhr nachts nicht an den Primavera Beach, sondern zurück in sein Hotel.
Ich machte etwas von allem. Da ich gespannt war auf Solange, Metronomy, The xx, Grace Jones und Arcade Fire konnte ich die großen Bühnen nicht meiden, da ich gerne alles Wichtige von den Magnetic Fields hören wollte, saß ich an zwei Tagen insgesamt 4 Stunden im Auditori, und da ich Indiemusik mag, besuchte ich natürlich die Ray-Ban, Pitchfork und adidas Bühne und nahm am Freitag und Sonntag auch das Primavera al Raval im Innenhof des CCCB im Stadtzentrum mit. Ach ja, und am Primavera Beach war ich auch kurz.

Mich stört die Entwicklung des Primavera nicht, solange ich meine Nischen finde. Festzustellen bleibt aber, dass das Primavera sich verändert und mit dem Festival-Zeitgeschehen geht. Da beißt die Maus keinen Faden ab.

(In den nächsten Tagen mehr zu meinem Primavera Sound 2017.)

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frank

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