| Ein Blog über Musik und Konzertbesuche |

Ort: Berghain, Berlin
Bands: Mary Ocher & your government, Schnipo Schranke, Neneh Cherry, Girl Band, Mourn

Mourn

Das Pop-Kultur Festival ist der Nachfolger der Berlin Music Week, die wiederum der Popkomm nachfolgte, die irgendwann in den 2000er Jahren von Köln nach Berlin umzog. Die Popkomm verbinde ich mit der guten Zeit des Musikfernsehens – obwohl sie mit Fernsehen nichts zu tun hat -, als Viva noch in Köln war und Viva2 (oder plus) mit Charlotte Roche und Eric Pfeil meine Vorabende versüßte. Die PopKomm ist also schon sehr lange Geschichte.
In Köln waren wir sehr oft auf Popkomm Konzerten. Als sie nach Berlin ging, gingen wir nicht mit, und das Konzertevent im Spätsommer verlor seinen Reiz. Die Popkomm verlor darüber hinaus auch an Bedeutung, das mit Berlin und ihr passte wohl nicht so richtig und auch die Nachfolgeveranstaltungen brachten leider nur wenig Sehenswertes. Doch als das Programm der Pop-Kultur im Spätfrühling veröffentlicht wurde, bekam ich feuchte Hände. Die Nerven, Messer, Mourn, Girl Band, Neneh Cherry, Schnipo Schranke; diese Bands allein reichten für zwei Abende! Das insgesamt noch viel mehr Künstler und Kulturschaffende bei der Pop-Kultur auftreten sollten, war da schon irrelevant für eine Ausflugsentscheidung. Der Ausflug war fix.
Nachdem wir uns gestern im Berghain rumgetrieben haben, waren am zweiten Tag auch die anderen Konzertorte an der Reihe. Das Gelände des Berghains umfasste neben der uns schon bekannten Panorama Bar und der Berghainbühne noch die Schlackehalle, die Halle am Berghain und die Kantine.

Los ging’s in der Schlackehalle und mit NeinQuarterly. Unter dem Pseudonym @NeinQuarterly twittert Eric Jarosinski allerlei Gedöns und Weltschmerz. In dieser Lesung stellte er sein Buch vor, musikalisch untermalt von Michaela Meise. So genossen wir eine vergnügliche Stunde Twitter- und Internetanekdoten mit rumänischen Volksliedern auf dem Akkordeon. Und da es in der Schlackehalle sehr beschaulich und gemütlich zuging, war dies ein wunderbarer Einstieg in den nachfolgenden wunderbaren Musikabend, der uns neben Schnipo Schranke und Neneh Cherry auch die Girl Band und Mourn bringen sollte. Oder wie es NeinQuarterly sagen würde: „Alles wird gut heute. Irgendwo. Vermutlich.“

Schnipo Schranke spielen in der Kantine des Berghain. Die Kantine ist ein Flachbau, und wie das mit Flachbauten so ist, die Luft zirkuliert mangels Deckenhöhe suboptimal. So ist es um 19 Uhr schon schweineheiss und die Luft in Scheiben schneidbar. Wir überlegen, ob wir spät wiederkommen sollen oder ob wir die letzten Klänge von Mary Ocher & your government hören und die Umbaupause ebenso hier verbringen sollen, um uns zu akklimatisieren. Wir entschieden uns für Mary Ocher und ihre zwei Schlagzeuger und gegen Frischluft. Wie stark schwitzt man eigentlich unter einer Mitra ähnlichen Mütze, Umhang und Armprotektoren? Beim Anblick von Mary Ocher stellt sich unwillkürlich diese Frage, die Frau steht stark kostümiert auf der Bühne und spielt Avantgarde-Pop. Mir ist es zu heiß, um mich auf die Musik zu konzentrieren, und so kann ich den Tracks und Songs leider nur sehr wenig Aufmerksamkeit schenken und bekomme kaum etwas mit.
„Album kaufe, ne!“ Daniela Reiz gibt einen letzten Hinweis. „Kriegen wir das auch umsonst?“ es entwickelt ein kurzer Dialog mit einem Fan aus dem Publikum. „Ey, wir brauchen die Asche, also kaufen.“ (Lautet die Antwort.) “Wir aber auch.“ (Der Fan bleibt hartnäckig.) „Ja, Pech.“

Damit ist alles gesagt. Schnipo Schranke sind sehr ehrlich. Und sie sind aktuell neben dem ganzen Austria-Pop der letzte heiße Scheiss in Sachen deutschsprachiger Musik. Ihre Texte sind so, wie Schnipo Schranke live auftreten: ehrlich, direkt.

Das ist die neue Schule, das ist Schnipo Schranke, ne kurze und ne kranke, zwei Peanuts ein Gedanke.

So eröffnen sie den Konzertabend, der für viele in der ausverkauften Kantine einer der Höhepunkte des Pop-Kulturfestivals zu sein scheint. Von der ersten Minute haben Schnipo Schranke die Sache fest im Griff und liefern ein herausragendes Konzert. Die Stimmung ist riesengroß, viele geben sich textsicher und singen mit. Dabei erscheint ihr Album Satt erst in den nächsten Tagen. (Wie „Feuchtgebiete“, nur als Popalbum, so tituliert die Zeit). Aber egal, das Internet und Musikzeitschriften haben die Band so hochgejubelt, dass Songs wie „Pisse“, „Schrank“ oder „Cluburlaub“ (was ein riesengroßer Knüller ist) allen bekannt sind.
Ob man was mit Schnipo Schranke anfangen kann oder nicht, ist abhängig von der Frage, ob man ihre Texte mag oder nicht. Die Musik ist unspektakulär und nicht besonders, ein Keyboard und ein Schlagzeug (in der Kantine waren es zwei Keyboards; ein Musiker unterstützte Daniela Reiz und Fritzi Ernst). Ich mag ihre Texte, auch wenn ich sie manchmal etwas zu albern und arg platt finde. Ergo mag ich Schnipo Schranke. Denn viel öfter als dumm altersmilde über ihre Texte zu schmunzeln muss ich über ihren Wortwitz und ihre Tragikomik lachen. So habe ich an diesem Abend bis tief in die Nacht Spaß an diesem einen Satz aus einem ihrer Songs: ‚ich würd‘ dich gerne treffen doch ich werf‘ immer daneben.‘ Großartig! Ein Wortwitz, der bei mir zwar erst nach 2 Sekunden zündete, dann aber den ganzen Abend lang im Kopf blieb.
Ihr Debütalbum werde ich mir kaufen und ich hoffe, dass die beiden nicht nur ein one-album wonder bleiben. Denn ja, lustig ist das alles schon, was Schnipo Schranke machen, aber auf Dauer nudelt sich sowas auch schnell ab. Mal sehen. Die Kantine kochte zumindest über, Schnipo Schranke sind sowas wie die Band der Stunde und werden hier nicht nur von meinem Nebenmann abgefeiert. Der hibbelt und tanzt umher, singt mit, verschüttet etwas Bier und hat Spaß. Und nervt alle umstehenden.
Zum Schluss kommt der Hit („Pisse“) und dann noch eine Zugabe. Die Berghain Kantine ist außer Rand und Band und wir freuen uns, in die Halle wechseln zu können, um bei Neneh Cherry wieder zu trocknen.

Rocket NumberNine donnern drum’n‘ bass Bretter in die riesengroße Halle. Wie hoch mag sie sein? 15 Meter? Mindestens. Die Halle am Berghain ist eine riesengroße Industriehalle, nicht in den Ausmaßen von Länge und Breite, aber in der Höhe. Die Bässe hallen um uns herum und umwickeln uns förmlich, ohne dabei aufdringlich in die Magengegend zu treten. Der Sound ist perfekt. Es scheint so, als komme er von überall. Es ist ein großartiges Erlebnis, hier Neneh Cherry und ihre beiden Begleitmusiker live zu sehen.
Es ist bereits die dritte gute Veranstaltung an diesem Tag. Die Halle ist voll, Neneh Cherry zieht hier und jetzt verdammt viele Leute an.
Die 51jährigeist guter Dinge. Ihr gefällt ihr Auftritt, ich sehe es ihr deutlich an. Im Frühjahr erschien ihr immer noch aktuelles Album Blank project, drum’n‘ bass und so.
Mir gefällt es sehr, daher freute ich mich auch auf ein zweites Konzert mit der ehemaligen Hip-Hop Queen der 1990er. Das erste vor ein paare Wochen im Kölner Stadtgarten empfand ich schon als phänomenal. Im Berghain war es noch eine Spur besser. Warum? Nun, zum einen wegen des wahnsinnig guten Sounds, zum anderen aber auch wegen der großen Spiellaune der Band, den ganzen Rahmenbedingungen und nicht zuletzt dem leicht ausgeweiteten Songrepertoire, was die alten Hits angeht. Im Frühjahr spielte Neneh Cherry „Buffalo Stance“ als Zugabe. Es war ihr einziger Ausflug in die musikalische Vergangenheit. „Buffalo Stance“ spielte sie an diesem Abend auch, aber zusätzlich noch „Manchild“ und „Woman“.
„Manchild“ hätte ich ohne Ankündigung fast nicht wiedererkannt, zu stark war das drum’n’bass Kostüm, das Rocket NumberNine ihm überstülpten. Aber die Textpassagen waren mir immer noch sehr präsent, im Nachhinein finde ich das sehr erschreckend.

Als nächsten waren Girl Band und Mourn, zwei Barcelona Bands. Die Iren hatten wir vor einem Jahr auf der Pitchfork-Bühne des Primavera entdeckt, Mourn in diesem Sommer.
In den Pausen surren die Ventilatoren. Doch sie helfen nicht. In der kleinen Kantine ist es noch feucht-heißer als zwei Stunden zuvor. Draußen hat es sich zwar leicht abgekühlt, aber schon bei den ersten Schritten in den Club stehe ich wie vor einer Wand. An entspanntes Musikhören ist da nicht richtig zu denken. Der Schweiß fließt in Strömen, unaufhaltsam und ohne Ende. Ich hasse das!
Die Girl Band hatte ich seit dem Primavera Auftritt nicht mehr so richtig verfolgt. Warum eigentlich nicht? Ihr Powerrock hat mich doch in Barcelona so begeistert? Vielleicht weil ihr Debütalbum immer noch nicht erschienen ist und ich so wenig Musik von der Girl Band zu hören bekam. Holding hand with Jamie erscheint erst in ein paar Wochen. Wie auch immer, an diesem Abend war es zu heiß, um nahezu unbekannter Musik andächtig zu lauschen. Vom Konzert bekam ich so nicht allzu viel mit, und ich fragte mich wieder nach dem Sinn von Clubkonzerten im Sommer. Das kann doch auch einer Band keinen Spaß machen.
Mourn kannte ich noch gut genug vom diesjährigen Primavera. Ich freute mich auf die Spanier und darauf, ihre Songs erneut live zu hören. „Your brain is made of candy“ und „Otitis“ sind Knallersongs. Das war mir bereits nach dem Barcelona Auftritt klar geworden. Mittlerweile halte ich insgesamt  das ganze Debütalbum Mourn für sehr gelungen. Kurz und knackig sind ihre Songs, aber immer poppig.
Aber auch den Spaniern ist es gegen Mittenacht noch warm, zu warm. Antonio Postius wirft vor dem letzten Song entnervt die Schlagzeugstöcke weg und tupft sich mit dem Handtuch unter dem Hemd den Schweiß weg. Obwohl Carla Pérez Vas, neben Jazz Rodríguez Bueno eine der beiden Sängerinnen der Band, bereits den letzten Song ankündigt, greift er noch demonstrativ zur Wasserflasche. Gott, diese Hitze.
Die Mädels vor ihm trinken Bier und ich frage mich, ob sie schon alt genug sind, das ohne Erziehungsberechtigten machen zu dürfen. Mourn sind verdammt jung, quasi eine katalonische U20 Auswahl. Die Bassistin Leia Rodríguez ist gerade mal 15 Jahre jung, die anderen nicht älter als 20. Informationen von ihrer Webseite.
Mourn sind der letzte spanische Musikhyp. In USA tourten sie den Sommer über, spielten beim Pitchfork in Chicago und jetzt zur Pop-Kultur ihr erstes Deutschlandkonzert. Live gefallen mir am besten die beiden Instrumentalstücke sowie der neue Song „Gertrudis (get through this)“. Denn ja, nach dem Debütalbum haben sie bereits neue Songs aufgenommen. Und die versprechen weiter, was Mourn vorgab. Allerschönsten Alternative!

Kontextkonzerte:
Neneh Cherry – Köln, 03.07.2007 / Stadtgarten
Mourn – Primavera Sound Festival 2015, 30.05.2015
Girl Band – Primavera Sound Festival 2014, 30.05.2015

Fotos:

frank

"I can't go away with you on a rock climbing weekend - What if somethings on tv and its never shown again - Its just as well I'm not invited I'm afraid of heights - I lied about being the outdoor type."