Pixies – Köln, 24.11.2016


Ort: Palladium, Köln
Vorband: FEWS

PixiesUnd alle so: hahaha hahaha hahaha. („Tame“). Es ist immer gut, wenn Black Francis ins Mikrofon schreit. Keiner kann das so gut wie er.
Das Angebot kam überraschend und kurzfristig. Hast du Lust zu den Pixies zu gehen? So lautete tags zuvor die Anfrage. Ab und an schreibe ich Konzertberichte für ein Onlinemagazin, der ursprünglich angesetzte Schreiber schien kurzfristig ausgefallen zu sein. Ich zögerte nicht, obwohl ich diese Art von ‘Auftragsarbeiten‘ nur sehr ungern und nicht zu oft machen möchte. Der Zwang, ein paar Worte abliefern zu müssen, ist mir nicht geheuer. Aber in diesem Fall stimmte ich zu. Die Pixies sind ja nie verkehrt, und stolperte ich nicht erst letzte Woche über ein altes Festivalticket, das mich erstaunen ließ: Ich sah die Pixies doch schon 1990, und nicht erst ein Jahr später in Gießen zum ersten Mal. Ich hatte völlig verdrängt, dass die Pixies auch auf dem Schüttorfer Open Air auftraten. Von damals habe ich irgendwie nur New Model Army und David Bowie in Erinnerung. Nicht aber die Pixies. 1990 also. Wow! Das muss kurz nach Doolittle gewesen sein. Das Konzert passte also irgendwie in den Moment und ein bisschen Zeit, den Artikel zu schreiben, sollte sich doch finden lassen.

Bekanntermaßen sind die Pixies eine Indieinstitution. Doolittle ist eine der wichtigsten Platten des Indierock. Daran gibt es keine Zweifel! Es ist auch der Höhepunkt der Pixies, der im Nachfolger Bossanova noch gehalten werden konnte. Tromp le Monde hatte noch einen veritablen Hit („Planet of sound“), an die Höhen von „Dig for fire“ oder „Debaser“ konnte es jedoch nicht anknüpfen. In den Jahren danach dümpelte die Band so vor sich hin. Black Francis, der sich nun Frank Black nannte machte Solo-Sachen, Kim Deal stieg aus der Band aus.
Seit ein paar Jahren touren die Pixies regelmäßiger. Mit Kim Deal. Stieg sie erst zur quasi Reunion 2004 wieder ein, verließ sie vor 3 Jahren erneut die Band. Der Bass ist seitdem der schwierige Arbeitsplatz bei den Pixies. Kim Deal wurde für einen Sommer durch eine andere Kim (Shattuck) ersetzt, die aktuelle Kim heißt Paz Lenchantin und spielt seit den Aufnahmen zum neuen Album Head carrier den Bass.

Neben Sonic Youth waren die Pixies die zweite mir wichtige Rockgruppe der Endachtzigerjahre, bei denen eine Frau mit Namen Kim den Bass spielte. Dort Kim Gordon, hier Kim Deal. Beide Bands beeinflussten maßgeblich meinen wachsenden  Musikappetit. Aber nicht nur das: Beide Bands hatten großen Einfluss auf die Entwicklung der Rockmusik in den Folgejahren. Ohne sie kein Alternative, kein Grunge, keine Strokes, kein Indiemainstreamrock. „Debaser“ oder „Where is my mind“ waren mit die ersten Indiehits, die es ins Radioprogramm schafften. Es waren Songs, die jahrelang in der Indiedisco die Tanzfläche füllten und die 2016 die mir immer noch ein breites Grinsen ins Gesicht zaubern.  Ach damals, ach wie ist das schön heute, sich zu erinnern.

Und nur wegen der alten Zeiten geht man auch noch 2016 zu einem Pixies Konzert. Wer etwas anderes sagt, der lügt! Da ist es eher nett zu wissen, dass vor zwei Jahren sehr überraschend die Indie Cindy EP mit neuen Songs erschien, und in diesem Jahr sogar ein neues Album. Head carrier. Ob die Welt das braucht, ich möchte es anzweifeln. Was die Welt jedoch gerne mitnimmt, sind Pixies Livekonzerte. 1990 wie 2016.
Ich woge hin und her. Bei den alten Lieblingsliedern feiere ich innere Jubelschreie, bei den neuen Stücken harre ich eher emotionslos aus. Und ich bin nicht der einzige, der dem aktuellen Album eher gleichgültig gegenübersteht. Um mich herum beobachte ich ähnliches verhalten. Die  Ü40 Generation – die eindeutig in der Mehrheit ist – geht nicht zu einem Pixies Konzert, um Songs von einem neuen Album zu hören. Sie will die alten Hits noch einmal erleben. Das ist Fakt!
Blöd nur, dass Black Francis und Kumpane an diesem Abend gefühlt komplett das neue Album spielen. Dafür fehlen ein paar Reißer im Set: kein „Velouria“, kein „Monkey gone to heaven“, kein „Here comes your man“, kein „La la love you“. Gut, die Pixies haben 100 Welthits, da fällt das nicht so stark ins Gewicht. Es gibt ja noch „Wave of Mutilation“, „Hey“, „Caribou“, „Planet of Sound“, „Debaser“, „Tame“, etceterapepe. Aber trotzdem. Ein Best-of Konzert ist das hier nicht.

Pünktlich kommen die Pixies auf die Bühne. Black Francis, David Lovering, Joey Santiago und Paz Lenchantin nehmen sich Zeit, bevor die ersten Töne von „Where is my mind“ aus der verstärkten Akustikgitarre klingen. Aufreizend lässig unterhalten sich zuvor noch Gitarrist Joey Santiago und Black Francis. Wollen sie nicht starten oder fehlt noch etwas? Ich erkenne es nicht, doch ich glaube, sie haben Spaß daran, dass Publikum noch ein bisschen zappeln zu lassen. Und es zappelt. Voller Vorfreude und mit großer Aufregung fiebert es dem Konzert entgegen.  Wie eine Erleuchtung erscheinen die ersten Textzeilen, die jeder, aber auch jeder kennt:

With your feet in the air and your head on the ground
Try this trick and spin it, yeah

Wäre das Konzert danach vorbei, viele wären glücklich. Aber es folgen noch zwei Stunden mit weiteren Lieblingsliedern und neuen Songs. Mit vielen ahhs und einigen ohhs. Dabei wirkt die Masse an neuen Songs zwischendurch leider oft wie ein kleiner Stimmungskiller.
Zum ersten Mal beobachte ich die Reserviertheit nach den Eröffnungskrachern „Where is my mind“ und „Gauge away“.  Im Set passiert das immer wieder mal. Ich frage mich, ob die neuen Songs wirklich so schwach sind, oder ob sie nur im direkten Vergleich mit den großen Hits schwach wirken? Denn eigentlich und würde ich sie in einem anderen Kontext hören, sind sie doch auch ganz nett. Also einige. „Tenement Song“ ist richtig übel. „Classic Masher“ ein Popsong. Beide Songs spielen sie nacheinander weg und es ist das dickste Stimmungsloch des Konzertes.
Sie machen das zwei, dreimal an diesem Abend.  Dann spielen sie mehrere neue Songs hintereinander weg. Mal singt Paz , mal nuschelt Black Francis irgendwas, was nach ‘rumshakalaka‘ klingt („Um Chagga Lagga“), mal covern sie sich in den Gitarrenparts selbst („All i think about now“).

Aber nach einer solchen Phase erklingt auf einmal ein leises „Hey“, und meine Pixieskonzertwelt ist wieder zurechtgerückt. Und so überwiegen die ahhs  und ich merke, was meine liebsten Pixies Songs sind: „Hey“, „Wave of Mutilation“, „Tame“. Wer vermisst da „Debaser“? Den vermiesen sie an diesem Abend. Irgendwas mit der Gitarre ‘Stop, stop it. I’ve lost my guitar‘ kommentiert Black Francis den Abbruch. Und ich ergänze: auch deine Brille hast du verloren. Die hat er in diesem Augenblick nämlich das einzige Mal nicht auf seiner Nase sitzen.
Aber warum setzen sie nicht noch einmal neu an, oder warum spielen sie „Debaser“ nicht wenigstens später noch einmal? Das Publikum lechzt doch danach.
‘Stop, stop it. I’ve lost my guitar‘. Das sind überdies die einzigen Worte, die ich von Black Francis abseits der Songs höre. Ansonsten spricht er nur mit seinen bandfreunden und den Soundmenschen. Letzteres lustigerwiese über ein zweites Mikrofon, das neben dem Schlagzeug aufgestellt ist. Es scheint sowas wie das Anweisungsmikrofon zu sein. Habe ich so auch noch nie gesehen.

Nach 90 Minuten ist das Konzert regulär vorbei. Die Pixies haben eine lange Latte an Songs gespielt, gesagt hat Frank Black darüber hinaus nichts. „Into the light“ mit viel Bühnennebel bildet ein etwas komisches Konzertende. Einen richtigen Zugabenblock wollen die Pixies heute Abend nicht spielen. Sie gehen nach mehreren Verneigungen einfach von der Bühne.

FEWS. Die Vorband. Ich bekomme noch ein paar Songs mit, sie klingen für mich wie DIIV auf Speed. Vielleicht nicht so verkehrt.

Kontextkonzert:
Pixies – Brüssel, 02.10.2013 / AB
Pixies – Frankfurt, 11.10.2009 / Jahrhunderthalle

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frank

Hallo, ich heiße Frank und blogge unter pretty-paracetamol seit 2006. Ich schreibe hier über meine Konzertbeobachtungen und über Musik, die mich umtreibt. Vieles davon kommt aus dem sogenannten Indiebereich, manchmal aber auch darüber hinaus.

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2 Kommentare

  • Mona
    27. November 2016 at 20:41

    Hier stellt sich mir die Frage, wie oft oder wie lange hat sich die Schreiberin (und auch andere Fans) mit dem neuen Album vor dem Konzert beschäftigt? Klar, dass einem bekannte Songs eher mitreißen, wie unbekannte! Zudem wurde die Tour nach dem neuen Album benannt, dann sollen doch bitte diese Songs auch gespielt werden dürfen.
    Es war meiner Meinung nach ein grandioses Konzert und ja, die Fans auf der Welt haben auf Head Carrier gewartet.

    • frank
      frank
      6. Dezember 2016 at 18:19

      Genau einen Durchlauf lang, um deine Frage zu beantworten. Ein Hördurchgang reicht zum 100%en anfixen, wenn die Songs ausserordentlich top sind. Das sind sie aber leider auf Head carrier nicht, auch nach dem zweiten und dritten Durchlauf höre und entdecke ich für mich keine Knüller. Entsprechend unangefixt war ich dann auch im Konzert.
      Ich gebe dir recht, dass auf einer Albumtour selbstverständlich auch Songs des Albums gespielt werden sollten. Allerdings habe ich die Pixies schon mal stärker erlebt. Schön war es aber trotzdem, nur ich empfand es nicht als grandios.
      PS: Als Fan hat man die Pflicht, auf neues Material zu warten und zu hoffen. 🙂

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