| Ein Blog über Musik und Konzertbesuche |

Was war das denn?! Hätte Merrill Beth Nisker das Tempo und all das Drumherum durchgehalten, wäre es das Konzert des Jahres geworden. So wurde es ein amüsanter und interessanter Abend, der leider im Laufe der Zeit immer mehr von seiner anfänglichen Besonderheit und Aufgeregtheit verlor.

Die SPEX ist eine tolle Zeitung, früher habe ich sie auch öfter durchgeblättert. Für die ewig langen Satzkonstruktionen eines Herrn Diederichsen oder einer Frau Grether fühlte ich mich aber immer zu ungebildet. Gespür für neue Musik war (und ist?) dem Blatt im Übermaß gegeben, daher war die SPEX Anfang der 90er die Musikzeitung schlechthin. Warum ich das erwähne? Nun, der SPEX hatte ich den Peaches Abend zu verdanken. Gestern Nachmittag fix einen Tweet retweetet, und Schwups, die Tickets für das Kölner Konzert waren mein. Was macht man nicht alles für ein bisschen Konzertvergnügen! Da bin ich nicht wählerisch!

„Das wird bestimmt lustig“, darauf konnten wir uns im Vorfeld einigen. Wir sind zwar weder Peaches Experten noch Electroclash Fanatiker, aber was wir über die Wahl- Berlinerin kannten oder uns angegoogelt und geyoutubet haben, versprach einiges.
Lady Gaga und Beth dito sind wenig gegen die Performancekünstlerin Peaches. Ihre aktuellen Bühnenwerkzeuge sind Mikro, Gitarre und ein grüner Leuchtstab, weniger die provokanten Devotionalien wie Riesenpenis oder Peitschen der früheren Shows.
Ihre Bühnenoutfits bleiben jedoch skurril. In Köln wechselte sie von Fantasyfabelwesen über weißer Lederjacke im Corey Hart Stil und Glitzercapes hin zu einem David Bowie Ziggy Stardust Gedächtnisanzug. Glam Frisur und Make-up inbegriffen. Glamourtrash und Electroclash.
Zum Blade Runner Intro betraten Peaches und ihre dreiköpfige Band Sweet Machine die Bühne. Die schwarzen Umhänge und rabenähnlichen Masken passten gut zum Düstersynthie- Soundtrack. Ein vielversprechender Anfang.
Nahtlos ging das Intro in „Mud“ über. Mit „Talk to me“ dann der erste Hit. Wie gesagt, Peaches ist mir nicht so geläufig, aber „Talk to me“ kenne sogar ich. 2 gesichtslose Tänzer mit Riesenperücken bewegen sich auf der Bühne. Das Konzert hatte jetzt volle Fahrt und es kam das, was ich von diesem Abend erhofft und erwartet habe: Show, Show, Show.
Die ersten Stagediveausflüge hatte Merrill bereits hinter sich, als sie die verschärfte Variante erprobt. „Packt mal die Kameras weg und hebt die Arme. Ich möchte auf euren Händen laufen.“ Der Versuch gelingt sehr ordentlich, Trittbrettstagediver aus dem Publikum werden jedoch nicht geduldet und kurzerhand heruntergekickt. Als Soundtrack läuft „Billionaire“ und anschließend „Serpentine“.
So kann es weitergehen! Doch nach diesem Publikumsausflug verlagerte das Geschehen voll und ganz auf die Bühne.
Ihre dreiköpfige Begleitband an, eine blonde Frau an der Gitarre und zwei Männer an Schlagzeug und Keyboard, hat lediglich dafür zu sorgen, dass alles in musikalischen Bahnen bleibt. Aber eigentlich ist das auch egal, Peaches ist Performerin, weniger Musikerin oder gar begnadete Sängerin. Sie will unterhalten, als Kunstfigur, nicht als Musikerin.
Ein zweiter Dresswechsel, dem weitere folgen werden, der Kollege an den Synthies schnallt sich zwischendurch mal Plastikbrüste um, mehr passiert erst mal nicht.
Und hier wird es problematisch. Zuviel Kunstkonzept, zu wenig musikalische Aufhorchmomente. Peaches rappt, rockt, singt, ihr Themenspektrum ist groß und abwechslungsreich, die Songs gehen aber komplett an mir vorbei. Ich merke, dass meine Konzentration schwindet. Ich kann mit all dem nicht sonderlich viel anfangen. Mit zunehmender Konzertdauer wird die Show für mich anstrengend und langatmig. Vielleicht ist Peaches nur meine Welt für 45 Minuten. Nachher sage ich Dinge wie: „Auf Konzertlänge ist dies nicht mein Fall“.
„Fuck the pain away“ beendet das reguläre Set. Der Song aus Peaches Debütalbum „Teaches of Peaches“ ist knappe 10 Jahre alt. Man hört es ihm nicht an. Ein Klassiker des Genres, der die Abhängigkeiten verdeutlicht: Peaches ist das Role Model der Ditos und Gagas dieser Welt. Nicht das dies vergessen wird.
Der Zugabeblock bringt weiteren Schwung ins Bürgerhaus. Metal, trashiger Post-Punk-Hairmetal. Drei verdammte Stücke lang. Das geht also auch!
Der definitive Abschluss ist dann wieder Electroclash: „Set it off“ beendet das Konzert.
The show must go on. Bald.

Multimedia:
Fotos: frank@flickr

Kontextkonzerte:
Gossip – Köln, 26.08.2008

frank

"I can't go away with you on a rock climbing weekend - What if somethings on tv and its never shown again - Its just as well I'm not invited I'm afraid of heights - I lied about being the outdoor type."