| Ein Blog über Musik und Konzertbesuche |

Ort: C-Halle, Berlin
Vorband: Quasi

Denn sie wissen nicht, was sie spielen! So oder so ähnlich muss es sich für Mark Ibold, Scott Kannberg, Bob Nastanovich und Steve West angefühlt haben. Pavement, sie sind die Alten geblieben. Knappe zwei Stunden zwischen Wahnsinn und spielerischer Gleichgültigkeit (im positiven Sinn). Es war eine wahre Wonne, den fünf Jungs zuzuschauen. Jungs, ach was, Kinder! Kleine Kinder, die die Bühne zu ihrem Spielplatz erklärten. Losgelassen von zuhause, mit Genehmigung ihrer Familien oder Freundinnen vollziehen Pavement gerade ihre Reuniontour. Und es ist genauso wie diese Männerausflüge, bei denen Männer halt allerlei Unsinn machen, bei dem sie daheim nur komische, zweiflerische Blicke einheimsen würden. Act your age, das ist nicht ihr Ding. Allen voran Stephen Malkmus. Ausgelassen wie vor 10, 12 Jahren hechtet er über die Bühne, lässt seine Gitarre um den Hals kreisen, tanzt einen Leuchtdiodenständer im Gitarrensolowahn um, und tritt nach dem dritten Song seinem Schlagzeuger die Trommel kaputt. Zack, landete die Hacke in der Bespannung. Jetzt konnte Steve West sehen, wie er den Rest des Abends überstand.
Egal! Es war ihnen egal!
Genau wie die Setlist. Zwei DIN A4 Zettel als bloßer Anhalt, nicht als strickte Spielreihenvorgabe gedacht. Ja, so sieht das bei Pavement aus! Bravo! Niemand stört sich an der Unperfektheit, Songs werden dreimal gestartet, Einsätze werden charmant improvisiert und mehr als einmal spielt Stephen Malkmus einfach drauf los, und seine vier Kollegen können gucken, wie sie damit zurechtkommen. Meistens schaffen sie es irgendwie, mit ihrem Frontmann Schritt zu halten. Oft lachen sie dabei und spielen auch einfach irgendwas. Das irgendwas geht dann über in die guten alten Pavement Klassiker, und schwuppdiwupp sind sie mittendrin, in ihren Hits: „Cut your hair, „Range life“, „Rattled by the rush“, ausgelassen haben sie keinen. Bis auf „Carrot rope“, das kam nicht und das spielen sie auch nicht mehr. Die Begründung habe ich nicht so ganz verstanden, Stephen Malkmus hat sie einfach weggenuschelt.
„Our sweet child o‘ mine“ kündigt er „Spit on the stranger“ an, und ist kurz davor, in den Guns’n’Roses Klassiker abzudriften. Man sieht ihm die Lust dazu förmlich an. „Autsch, i ‘ve got hurt“, das kleine Pflaster an der Hand stammt von seiner Begegnung mit der Leuchtdiode während „Gold soundz“. Er reißt es sich vom Handgelenk. „But it’s not so bad. It’s not like Michael ….“ Haha! (Fast so lustig wie der Abklatschreim, der sich jedoch nicht reimt, den die vier Erstklässlerinnen auf meiner Rückfahrt in der S-Bahn Richtung Köln lauthals spielten: la-la-la-Michael-Jack-son. Kurz danach übrigens begrüßten uns die Höhner aus den Bahnlautsprechern. „Musik verbindet die Welt, die KVB Köln!“ Oder so ähnlich.)
Ach, was habe ich euch vermisst! Im Laufe des Abends wird mir dies immer deutlicher. Und wieso habt ihr euch eigentlich nicht verändert. Seid ihr nicht älter geworden? Als ob ihr 10 Jahre lang in einem Frischhaltebeutel eingeschweißt gewesen seid. Immer noch die gleichen Frisuren, immer noch das gleiche Slackeroutfit mit Jeans, Hemd und T-Shirt.

„Gold Stereo“, „Song for Ikea“, Stephen Malkmus gibt alles, gestikuliert, fuchtelt, zieht Grimassen. Er ist in seinem Element. Die, die vorne links stehen, haben Glück. Sie sehen alles ganz genau. Und es ist sehr unterhaltsam, dem Pavement Frontmann bei der Arbeit zuzuschauen. Zu „Fight this Generation“ hüpfen alle wie wild über die Bühne.
Die ausgelegte Setlist gilt da schon lange nicht mehr. Eigentlich galt sie noch nie, denn der Abend startete mit „Box elder“, und nicht wie laut Setlistplan mit „Shady lane“. Pavement spielen von Beginn an, was ihnen gerade so einfällt. Was Stephen Malkmus so einfällt, wenn er scheinbar gedankenverloren sekundenlang auf seiner Gitarre rumplinkert („Grounded“) und sich dann für den nächsten Song entscheidet.
„Don’t worry / We’re in no hurry“, an diesem Abend verging die Zeit jedoch viel zu schnell.

Es war ein toller Abend, der eindeutig Lust auf mehr Pavement macht. Ich freue mich sehr auf die weiteren Konzerte. Das wird toll!

Als Vorband haben sie sich für diesen Abend „Quasi“ ausgesucht. Der Name sagte mir nichts. Hätte er aber durchaus tun können, denn wie mich meine Konzertnachbarin informierte, sind Quasi die Band der ehemaligen Sleater-Kinney Schlagzeugerin Janet Weiss und ihres Ex-Ehemanns Sam Coomes. Janet Weiss spielte übrigens auch schon in Stephen Malkmus Band The Jicks Schlagzeug. Quasi, ergänzt durch Bassistin Joanna Bolme, sind ein interessantes Trio. Ich glaube es lohnt, dranzubleiben.
So war es ein rundum gelungener Abend, und nicht nur Jochen Distelmeyer dürfte zufrieden nach Hause gegangen sein. Oder ins Hotel, oder zurück auf die Autobahn. Denn an den Nummernschildern der vor der C-Halle in Berlin parkenden Fahrzeugen erkannte man, dass heute Abend sehr viele Besucher von ganz weit weg angereist waren. Sie werden ihre Anreise nicht bereut haben. Ich übrigens auch nicht!
Oder wie die Spex heute schreibt und passender kann man es nicht formulieren: Wer zuvor schon strahlte, begann nun zu glühen.

Setlist (die Papiervariante):
01: Box elder
02: Song for Ikea
03: Shady lane
04: The Hexx
05: Frontwards
06. Cut your hair
07: Father to a sister of thought
08: Unfair
09: We dance
10: Gold soundz
11: Two states
12: Grounded
13: Rattled by the rush
14: Stereo
15: Kennel D
16: In the mouth a desert
17: Spit on a stranger
18: Elevate me later
19: Stop breathing
20: Conduit
21: Fin
22: Summer Babe
Zugabe I:
23: Silence Kit
24: Fight this generation
25: Shoot the singer
Zugabe II:
26: Linden
27: Here
Zugabe III:
28: Range life

Multimedia:
Fotos: frank@flickr

Kontextkonzerte:

frank

"I can't go away with you on a rock climbing weekend - What if somethings on tv and its never shown again - Its just as well I'm not invited I'm afraid of heights - I lied about being the outdoor type."