Ort: Palladium, Köln
Vorband: The Electric Soft Parade

Noel Gallagher spielte gestern Abend im – nach wenigen Sekunden – ausverkauften Palladium und ich war dort. Was auf den ersten Blick toll klingt, war es in dem Moment des Ticketkaufs auch. Pünktlich zum Vorverkaufsstart saß ich am Rechner und legte mein Ticket in den Warenkorb. Ein Anflug von tiefer Oasis Nostalgie zwang mich förmlich dazu, schnellstmöglich ein Ticket für das Konzert zu kaufen. Noel Gallaghers Soloalbum war zu diesem Augenblick noch gar nicht veröffentlicht, aber das schien mir eine Nebensächlichkeit. Kennst du einen Gallagher Song, kennst du alle. Groß anders werden seine Solosachen nicht sein. Und überhaupt: Ein Gallagher kommt in die Stadt, das ist ein Pflichttermin. Genauso wie es Wochen zuvor ein Pflichttermin war, Bruder Liam und Beady Eye auf der anderen Straßenseite bei der Arbeit zuzusehen.
Einige Wochen später, also gestern Abend, war ich nicht mehr so ganz überzeugt, ob dieses Konzert das richtige an diesem Abend ist. Zeitgleich spielte Thurston Moore in einem Kölner Kino und lange überlegte ich, ob ich nicht dort besser aufgehoben sei. Aber ich hatte nun mal dieses Ticket und für das „Week-end Festival“, in dessen Rahmen das Moore Konzert fiel, gab es überdies in den letzten Tagen keine Karten mehr zu kaufen.
Also blieb es bei Noel in echt auf der Bühne und bei Thurston Moore als Konserve auf der Autofahrt zum Palladium. (Nebenbei bemerkt: das neue Thurston Moore Album „Demolished thoughts“ ist der Hammer!).
Wir hatten uns zeitig verabredet, war es doch zu befürchten, dass der Andrang bei Gallaghers erstem Deutschlandkonzert hoch sein wird. Als ich um kurz vor sieben am Palladium ankam, war vor dem alten Industriegebäude allerdings wenig los. Nicht die obligatorische Einlassschlange, kaum Kartenverkäufer oder Leergutsammler. Es schien, als seien deren Dropse gelutscht. Zu dieser Uhrzeit spielte drinnen bereits die Musik. Der Innenraum war eine Stunde vor Konzertbeginn bereits gut gefüllt, die ersten Reihen „dicht“. Da schien sich eine riesige Erwartungshaltung aufzubauen, die ich allerdings immer noch nicht teilen wollte.
Vor dem Beady Eye Konzert im Frühjahr des Jahres verspürte ich so etwas wie Oasis Nostalgie, obwohl es die in Form von Oasis- Songs nicht gab, an diesem Abend – das war kein Geheimnis – wird es Oasis Songs geben, meine Vorfreude lag jedoch nahezu bei null.
Ein Vergleich drängte sich mir auf, als ich auf den Beginn des Konzertes wartete und meinen Blick durch das Palladium schweifen ließ. Amy Macdonald. Das mag jetzt albern klingen, aber das kommende Noel Gallagher Konzert erinnerte mich schon jetzt an ein Amy Macdonald Konzert in der Düsseldorfer Philipshalle. Obwohl meine Macdonald Zeit zu diesem Augenblick schon einige Monate vergangen war, fuhr ich mit. Warum auch nicht, es kostete nur Zeit und unterhaltsam wird es allemal. Dass es das schlussendlich nicht wurde, lag an vielen Dingen. Und just diese Dinge, die mir damals durch den Kopf gingen, beschäftigten mich auch an diesem Abend.

Als Herr Gallagher dann um 20:59 Uhr auf die Bühne kam (ich hatte besten Blick auf die Bühnenuhr), und mit zwei Oasis Songs den Abend eröffnete, wurde mir sehr schnell klar, dass sich mein blödes Vorgefühl bestätigen wird. Wenn ich Oasis Songs höre, erst recht live, dann müssen sich die Musiker zwangsläufig mit dem Original messen, auch wenn die Cover-Akteure teils zum Original gehörten. Und Gallagher’s High flying birds kamen mir vor wie eine Oasis- Sparvariante.
Wer bei den Klängen von „(It’s good) to be free” oder “Mucky fingers” nicht unwillkürlich an Oasis denkt und unwillkürlich anfängt, Vergleiche zu ziehen, dem mag nichts auffallen. Ich bildete mir jedoch ein, dass die Songs zwar schön durcharrangiert präsentiert werden, aber viel zu glatt und weichgespülter als im Original klingen. Aber das ist okay, im Sinne einer Neuausrichtung akzeptabel und passend. Aber hier sehe ich eine Amy Macdonald Parallele. Die Schottin hat zwar kein musikalischen Vorleben, aber sie hat sich in ihren Alben genauso von mir wegentwickelt, wie es Noel Gallagher mit seinen aktuellen Sachen scheinbar gerade macht.
Aber das ist ja alles Geschmackssache.

Was dagegen deutlicher aufwiegt ist, dass Noel allein nicht der Eyecatcher ist, der Oasis als Band immer war. Da fehlt einfach was. Noel Gallagher steht da, wie er immer da steht, nur das seine Position diesmal nicht links auf der Bühne, sondern mittig angeordnet ist. Links von ihm spielt der „High flying birds“ Gitarrist, rechts der Bassist, Keyboarder und Schlagzeuger stehen bzw. sitzen im Hintergrund. Es ist die klassische Britpopband Bühnenanordnung von Oasis, Weller und Co. Und man mag von Liam Gallagher halten was man will, aber als Rampensau ist er eine Nummer für sich und weit vor allen anderen. Und genau dieser Counterpart fehlt den braven „High flying birds“ und Noel Gallagher. Bühnenpräsenztechnisch aber auch musikalisch.
Ganz stark spürte ich das beim „Wonderwall“ und „Supersonic“. Beide Songs funktionieren in meinen Ohren ohne Liam Gallagher’s Gesang nicht. Gerade „Supersonic“ fehlt das hingerotzte, gleichgültig-arrogante Stimmmerkmal von Noels kleinerem Bruder. Da die „High flying birds“ beide Cover auch weniger druckvoll spielten als es im Original der Fall ist, verstärkte sich bei mir noch der Eindruck, dass es das nicht sein kann.
Ein erster „Höhepunkt“ sollte mit diesem Doppel gemeistert sein. Die nächsten zwei, drei Songs passierte wenig. Immer noch perfekt abgemischt und arrangiert spielte Noel Gallagher Songs seines Soloalbums. Es schienen mir auf den ersten Höreindruck die schwächeren zu sein. „AKA… What a life!”, “Soldier boys and Jesus freaks” und „Broken arrow“ plätscherten so durch. Es sind typische Gallaghers Songs, eine seichte Gitarre, etwas Britbeat, wenn ich ganz gemein wär‘ würde ich sagen: alles zweitverwertete “Don’t look back in anger” Variationen. Es folgten noch zwei Oasis Songs ( u. a. „Half the world away“) und so langsam näherte sich das Konzert dem Ende.

Zur Zugabe ging’s nochmal hoch her: „Little by little“ und die Mutter aller Gallagher Songs “Don’t look back in anger” brachte lauthalsiges Mitsingen und mitklatschen bis in die letzten Reihen. Es war ein imposantes Bild, dem Spektakel von hier hinten zuzuschauen. Gerade „Don’t look back in anger“ übt live eine immer noch immense Faszination auf die Menschen aus, die man dem Song nach über 15 Jahren gar nicht zutrauen würde. Sein Ableger „Little by little“, vom fünften Oasis Album „Heathen Chemistry“, steht dem mittlerweile in nichts nach. Tolle Songs, die mich zum Ende des Abends versöhnlich stimmten. Wenn Noel schon seine alten Sachen spielt, dann doch wenigstens die, bei denen er schon immer den Gesangpart übernommen hat.
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich bereits zurückgezogen, einen Absacker gekauft und es mir im hinteren Bereich gemütlich gemacht. Was sollte jetzt auch noch passieren? Die Abfolge der Zugabe war mir bekannt, sie änderte sich in den vergangenen Konzerten kaum und die Begeisterung bei “Don’t look back in anger” vorhersehbar. Außerdem kam es mir passender vor, die letzten Songs von hier zu hören. Mein Enthusiasmus war ja schon länger verflogen, sein Konzert kam mir überbewertet vor.
Wer Oasis live gesehen hat wird vielleicht verstehen.

Bevor Gallagher und Band auf die Bühne kamen, spielten dort The Electric Soft Parade. Ehrlich gesagt wusste ich gar nicht mehr, dass es die Band aus Brighton noch gibt. Mitte der 00er standen sie mal hoch im Kurs, ihr Album „No need to be downhearted“ war für mich seinerzeit das intelligenteste Stück britische Popmusik. Dann verschwanden sie aus meinem Dunstkreis.
Im Sommer dieses Jahres erschien „A Quick One“, eine EP mit zwei Coverversionen und zwei neuen Songs.
An diesem Abend bestritten die Electric Soft Parade das Vorprogramm und sie machten das, was eine Vorband bei Konzerten dieser Art gefälligst zu machen hat: nett sein, und den Gesamtbetrieb in keinerlei Hinsicht stören. Das taten die Jungs aus Brighton dann auch vorbildlich. Sie störten nicht, spielten in einer guten halben Stunde eine gute Handvoll ihrer Songs und gut. Leider vermisste ich „No need to be downhearted (Part 1)“ und einige andere mir bekannte und tolle Lieder des 2007er Albums. So verpuffte ihr Auftritt etwas in der Umtriebigkeit des Palladiums, in der Erwartung des großen Hauptacts und vielleicht auch wegen meiner schon langsam aufkeimenden, negativen Gesamthaltung dem Abend gegenüber.

Setlist:
01: (It’s good) to be free
02: Mucky fingers
03: Everybody’s on the run
04: Dream on
05: If I had a gun
06: The good rebel
07: The death of you and me
08: Freaky teeth
09: Wonderwall
10: Supersonic
11: (I wanna live in a dream in my) record machine
12: AKA… What a life!
13: Talk tonight
14: Soldier boys and Jesus freaks
15: AKA… Broken arrow
16: Half the world away
17: (Stranded on) the wrong beach
Zugabe:
18: Little by little
19: The importance of being idle
20: Don’t look back in anger

Multimedia:
flickr

Kontextkonzerte:
Beady Eye – Köln, 14.03.2011
Amy Macdonald – Düsseldorf, 15.11.2010
Oasis – Zürich, 01.03.2009
Oasis – Düsseldorf, 04.02.2009
Paul Weller – Köln, 18.05.2010
Paul Weller – Köln, 06.10.2008
Paul Weller – Washington DC, 13.09.2008
Paul Weller – Köln, 18.09.2007

frank

Hallo, ich heiße Frank und blogge unter pretty-paracetamol seit 2006. Ich schreibe hier über meine Konzertbeobachtungen und über Musik, die mich umtreibt. Vieles davon kommt aus dem sogenannten Indiebereich, manchmal aber auch darüber hinaus.

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Sehr schöner Bericht, dem ich größtenteils zustimmen würde. Grade Wonderwall fand ich sehr überflüssig und insgesamt war es mir zu viel Oasis. Supersonic dagegen fand ich in der Version sehr gut.

    Dass man übrigens mehr über Oasis-Songs spricht als über die Stücke von seinem Soloalbum spricht Bände. Das haben Beady Eye cleverer angestellt.

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