Ort: Ancienne Belgique, Brüssel
Vorband:

New Order - Brüssel 2011

Der Abend begann mit Walter Benjamin. Zwei Zitate des Philosophen eröffneten einen der beiden Kurzfilme, die um halb neun herum über die Bühnenleinwand flackerten. (Eigentlich begann der Abend um acht Uhr mit einem DJ Vortrag, aber dazu weiter unten ein Satz mehr). Libanon oder Beirut hieß der erste Kurzfilm, der zweite Film war ein quasi Video zum Notwist Song „Gone, Gone, Gone“. Es waren Filme des Regisseurs Michael Shamberg, für den dieser Abend und der darauffolgende in Paris veranstaltet wurden. Shamberg, der eng mit der Band New Order verbunden ist, mehrere Videos und Livedokus mit und von ihnen aufnahm, ist schwer erkrankt und die Band veranstaltet für ihn zwei Benefizkonzerte.

„Das Einzigartige an der Arbeit mit New Order war, dass ich vollkommen frei entscheiden konnte, was ich machen wollte. Im Gegensatz zu Vertretern von Plattenfirmen etwa musste ich nie um die Gunst des Regisseurs buhlen. Ich konnte den Regisseur selbst wählen und musste nie etwas schriftlich abliefern und absegnen lassen. Viele der Regisseure, für die ich mich entschied, waren Künstler und Filmemacher, die mit Musikvideos bis dahin nichts am Hut hatten. Viele von ihnen kannten noch nicht einmal die Band oder deren Musik. Bei „True Faith“, dem erfolgreichsten Video, führte Philippe Decouflé Regie, ein Choreograph aus Paris, dem der Song noch nicht einmal gefiel! Die Produktion jedes einzelnen Videos war einzigartig. Zugegeben, einige waren erfolgreicher als andere, aber die meisten bedeuten immer noch etwas ganz Besonderes für mich. Ich konnte mit vielen meiner Helden und Idole arbeiten – ich meine nicht nur die Künstler und Regisseure, sondern auch Kameraleute wie Lachman, Henri Alekan, Roger Deakins und John Mathieson, oder Schauspieler wie Jane Horrocks und Bill Paxton, oder den Cutter Tony Lawson… – eine Liste, die ich endlos weiterführen könnte.“ (M. Shamberg, 2005)

Soweit die (Vor)Geschichte zu diesem innerhalb weniger Stunden ausverkauften Konzert im Brüsseler Ancienne Belgique.
New Order wurden somit für mich zu einem mehr als hervorragenden Ersatz für das tags zuvor ausgefallene Soul Asylum Konzert an gleicher Stelle.* Dieses Konzert war mein eigentlicher Hauptgrund, an diesem Wochenende nach Brüssel zu fahren. Und da ein Konzert pro Städtereise nicht lohnt, wollte ich am Montagabend noch Yuck nachschieben. Ein schönes Doppelpack für ein verlängertes Wochenende, so schien es mir.
Doch dann kamen mir New Order dazwischen, und die Pläne wurden ein erstes Mal über den Haufen geworfen. Okay, Yuck sind gestrichen, aber, oh wie toll, was für eine Altherrenveranstaltung wird denn diese Brüsselfahrt! Dass vor einigen Tagen dann das Soul Asylum Konzert abgesagt wurde (terminliche Schwierigkeiten, wie es dann so gerne heißt) war zwar ärgerlich, aber doch auch verschmerzbar. Es wäre zwar toll gewesen, Dave Pirner nach Jahren erneut live zu sehen, allerdings habe ich Soul Asylum bestimmt 15 Jahre nicht mehr gehört. Also, abgehakt unter: wäre nett gewesen.
Und so blieben von zwei Konzertabenden einer übrig, der, und das ist mir heute auf der Zugfahrt noch mal so richtig klar geworden, sehr nachhaltig für mich sein wird. Ich war gestern schon nach dem Konzert sehr angetan von den 90 Minuten und sehr davon überrascht, wie gut ich Songs wie „True faith“ oder „Bizarre love triangle“ noch leise mitsingen kann. New Order scheinen mir wichtig zu sein, so etwas wird einem erst in solchen Momenten bewusst.
Sie spielten fast in Ursprungsbesetzung: Stephen Morris, Gillian Gilbert, die nach 10 Jahren wieder zum Team gehörte sowie Bernard Sumner, erweitert um Phil Cunningham und Tom Chapman. Es fehlte, klar, Peter Hook. Gut, ich kann das verschmerzen, viele andere sagen jedoch: New order ohne Hook seien nicht New Order. Mir hat sein Bassspiel an diesem Abend zumindest nicht gefehlt.
Als ich sie das letzte Mal live sah, so vor 9-10 Jahren (?) im Palladium (gehörte da Peter Hook noch zur Band, ich weiß es nicht mehr), war es ein schreckliches Erlebnis. Daher erwartete ich von diesem Abend kein Konzert des Jahres. Seinerzeit in Köln war die Band ziemlich abgewrackt, der Sound unterirdisch schlecht und Bernard Sumners Gesang noch schlechter als erwartet. Es war ein großes New Order live Disaster.
An diesen Abend musste ich unwillkürlich denken, als die ersten „Crystal“ Gesangspassagen einsetzen. Schlecht ausgepegelt, wenig kraftvoll. Na das kann ja was werden, dachte ich und fühlte meinen Vorahnungen bestätigt. Das es dann aber was wurde lag an zwei wichtigen Unterschieden: Niemand auf der Bühne war betrunken und im Laufe der nächsten 2-3 Songs regulierte sich der Sound in nahezu perfekte Sphären. Phasenweise klang sogar Bernard Sumners Stimme richtig gut. Und was auch deutlich erkennbar war: die Band hatte Bock auf die beiden Konzerte. Aber alles andere wäre ja auch irgendwie komisch. Sie hatten sich die Abende ja selbst eingebrockt.
In 90 Minuten (der Zeitplan im AB wurde genau eingehalten – überdies ist es eine schöne Vorgabe der dortigen Veranstalter, die Konzerte zeitlich immer um 22.30 Uhr enden zu lassen, dass jeder Besucher noch ohne Hektik und ohne was zu verpassen seine ÖPNV Verbindungen nutzen kann. Überdies ist es nachts auf dem Ansbach Boulevard auch nicht sonderlich toll.) Es wurde eine gute Collage aus Altem und Neuem, aus Ibiza- Disco und Indiepop, aus Hits und Überhits.
„Crystal“ (vom 2001er Get ready) und „Krafty“ (vom letzten Album Waiting for the Sirens‘ call) sowie „Regret“ bildeten die neuere Generation, alles andere war 1980+. Und alles zusammen ergab ein tolles, 14 Stücke Best-of Konzert mit vielen wichtigen Songs. Ganz wichtig und gut: „Bizarre love triangle“. Zuvor legte Bernard Sumner die Gitarre ab. Im Block mit „True Faith“ und „1963“ war das das Herzstück des Konzertes. Ich halte fest: New Order haben nix verlernt.
Im Zugabeblock spielen sie unvermeidlich: Blue Monday. Gefühlte 20 Minuten dröhnt mir dieses „tititititi, how does ist feel…“ entgegen. Beim 50sten Synthieloop denke ich: Mit diesem Song kann man auch einen Konzertsaal an die Wand spielen. Es hat sich einfach todgenudelt, dieses Blue Monday. Egal ob 88er, 94er oder Originalversion. Zuviel war zu viel. Nein, ich kann es nicht mehr hören, auch wenn es noch so ein toller Song ist.
„Blue Monday“ wäre eigentlich ein idealer Abschlusssong gewesen, der den Bogen zum Vorprogramm- DJ Set in feinster britischer Dancekultur elegant gespannt hätte. Ibiza meets Disco. Paul Gascoigne und Glenn Hoddle hätte es gefallen.
Aber wer New Order sagt denkt immer auch an Joy Division. Und so spielten sie dann noch „love will tear us apart“. Na gut.

*auch auf der Loreley, als ich sie das erste Mal live sah, war es vorher anders geplant. Seinerzeit sprangen New Order als Ersatz für die kurzfristig verhinderten Red Hot Chili Peppers ein.

Setlist:
01: Crystal
02: Regret
03: Ceremony
04: Age Of Consent
05: Love Vigilantes
06: Krafty
06: 1963
07: Bizarre Love Triangle
08: True Faith
09: 5-8-6
10: The Perfect Kiss
11: Temptation
Zugabe:
12: Blue Monday
13: Love Will Tear Us Apart

Kontextkonzerte:

frank

Hallo, ich heiße Frank und blogge unter pretty-paracetamol seit 2006. Ich schreibe hier über meine Konzertbeobachtungen und über Musik, die mich umtreibt. Vieles davon kommt aus dem sogenannten Indiebereich, manchmal aber auch darüber hinaus.

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