Ort: E-Werk, Köln
Vorband:

Nach der Trennung im Jahr 2002 verkündete die australische Rockband Midnight Oil im vergangenen Jahr ihre Reunion! Seit Februar 2017 sind sie nun auf großer Welttournee. Ein absolutes Highlight: Nach 21 Jahren wird die Band rund um Sänger Peter Garrett auch wieder in Köln, Berlin und Frankfurt zu sehen sein.

So lautete die Ankündigung im Frühjahr dieses Jahres. Dass die Australier auf große Welttournee gehen, hatte ich bereits Ende letzten Jahres spannend und begeistert auf Facebook mitverfolgt. Dass sie also nun auch nach Köln kommen, versetzte mich in höchste Vorfreude. Und ließ mich schnell ein Ticket kaufen. Ich freute mich wie ein Schnitzel, als es der Drucker ausspuckte. Scheinbar im Stundentakt ausverkauften sich ihre Konzerte überall auf der Erde, nach jedem neuen Besuch von mir auf der Midnight Oil Webseite blinkten immer mehr mit sold out getaggte Konzerttermine in der riesenlangen Liste auf. Die Konzerte gingen weg wie geschnitten Brot, auch wenn immer und immer wieder neue Konzerttermine nachgeschoben wurden. Für Europa sind nur noch die beiden Ergänzungstermine in Paris und London im Vorverkauf. Darüber hinaus bekommt man Midnight Oil nur noch auf Festivals zu sehen.
Da hat sich im Laufe der letzten Jahre wohl ganz schön was an Spiellaune bei Peter Garrett,  Rob Hirst, Jim Moginie, Martin Rotsey und Bones Hillman angestaut. Es ist ein Höllenprogramm, welches die Band seit Jahresbeginn abspult und in den nächsten Monaten noch abspulen wird.

Rückblick 1985 plus.
Mitte der 1980er Jahre gab es eine ganz eigene Musikszene. Die war geprägt durch ein starkes politisches Engagement und Anstrengungen, die Welt im Kleinen, aber auch im Großen ein wenig besser machen zu wollen. U2 gehörten dazu, natürlich, oder New Model Army und die Levellers. Aber auch Midnight Oil, diese australische Band, die sich in ihren Songs sehr um Rechte für die Ureinwohner Australiens bemühte und allgemein die Sozialpolitik des Landes thematisierte und kritisierte. Midnight Oil waren zwischen ihrem 1987er Album Diesel and Dust und dem Nachfolger Blue sky mining (1990) eine der wichtigsten Bands der Welt.
1992 spielte die Band ein Konzert in der Essener Grugahalle. Meine Freunde und ich fanden Midnight Oil total super und daher beschlossen wir, gemeinsam nach Essen zu fahren, um die Band auf deren Blue sky mining Tour live zu sehen. Es sollte nach U2 ein Jahr zuvor in der Dortmunder Westfalenhalle das zweite Rockkonzert meines Lebens werden. Die Grugahalle war ausverkauft, wir hatten große Probleme, einen Parkplatz zu finden und ich kaufte mir ein Tour T-Shirt. Mehr Erinnerungen habe ich nicht an dieses Konzert. Aber es war sicherlich großartig und das Ganze ein Riesenausflug.
In den Jahren danach verschrieb ich mich dem Britpop und dem Alternative Rock. Midnight Oil hatten für mich, genauso wie U2, ihre Zeit gehabt. Erst in den letzten Jahren entdeckte ich die Australier ein bisschen wieder.
Mit Midnight Oil ging es folgendermaßen weiter: Sie machten in den 1990er Jahren noch vier Alben, bis 2002 Sänger Peter Garrett die Band verließ und Midnight Oil damit praktisch auflöste. 2009 spielten sie zwei Reunion Benefiz Konzerte, im letzten Jahr kündigten sie eine Welttournee an. So wie es eben geht und wie es aktuell viele alte Lieblingsbands machen.
Köln ist nun der erste Halt auf dem Kreisbogenabschnitt ‘Europa‘ ihrer Great Circle Tour. 1996 spielten sie hier zum letzten Mal. 21 Jahre später nun erneut.

Das E-Werk füllt sich langsam. Ausverkauft ist es natürlich schon lange. Auch draußen auf der Schanzenstraße ist es voll. Nebenan spielen 1975; wer wo hin geht, das ist nicht schwer auseinanderzuhalten. Es ist ein Generationenpublikum, hier wie da. Im Vorlauf trällert obskurer 1980er Jahre Rock und Sachen wie Olympias „Smoke signals“ aus den Boxen. Das Publikum ist in großer Vorfreude, ein paar Gesänge werden angestimmt, überall wird über die letzten Midnight Oil Konzerte in den 1990ern diskutiert. Fanpublikum und Fangespräche. Musikbegeisterte Ü40- und Ü50-jährige unter sich und in ihren Erinnerungen. Das ist schön und macht Spaß, die Ohren nach links und rechts zu richten.
Eine knappe Stunde warte ich. Keine Vorband. Okay. Dann beginnt das Konzert vielleicht früher. Gedanken, die mir so durch den Kopf gehen. Zur Filmmusik von Die Klapperschlappe oder Blade oder Blade Runner (auf alle Fälle nicht Crocodile Dundee) betreten Midnight Oil die Bühne. Ergänzt werden die fünf Musiker um den Perkussionist der Band Hunters & Collectors, der während des Konzertes im Hintergrund die nötige instrumentale Unterstützung an Keyboard, Trompete und Gitarre abliefert. Interessante Randnotiz: die Hunters & Collectors waren damals bei meinem zweiten Konzert ever Vorgruppe von Midnight Oil. Dadurch, dass Midnight Oil keine Vorband dabei haben, beginnt das Konzert nicht allzu spät. Es dauert aber mit zwei Stunden 10 Minuten etwas länger. Und leider ist das E-Werk nicht gut klimatisiert, so dass wir schon nach wenigen Minuten ölen wie die Sardinen. Es sei hier ja genauso heiß wie bei uns in Australien, wird Peter Garrett später noch sagen. Danke, hilft uns aber auch nicht weiter.
A pro pos. Peter Garrett ist ein Riese. Als der Roadie den Mikroständer aufstellt und das Mikrofon einsteckt, muss er sich dabei ein bisschen recken. Er montiert es auf – aus seiner Sicht – über Kopfhöhe.

„Sometimes“ und „Forgotten years“ sind die ersten alten, lange nicht gehörten Knaller im Programm. Gänsehaut bei 30 Grad, das erlebe ich auch nicht alle Tage. Ich ertappe beim Mitsingen, dabei habe ich das Lied 25 Jahre nicht mehr gehört.

Sometimes you’re beaten to the call
Sometimes you’re taken to the wall
But you don’t give in

Was ich vergessen habe: wie wild Peter Garrett auf der Bühne rumhampelt. Oder tanzt. Oder und tanzt. Ich kann das nicht beschreiben. Stakkatohaft bewegt er seine Arme, spreizt seine Finger, deutet hier hin und zeigt da hin, spielt, als wolle er pantomimisch seine Songtexte untermalen, eine imaginäre Schreibmaschine. Es ist irre. Immer macht er irgendwas. Ist der Mann wirklich dick in den 60er Lebensjahren? Unglaublich. Auch diesen ganzen politischen Kram hatte ich nicht mehr hundertprozentig im Sinn. Während des Konzertes fällt mir auch das wieder ein, als der ehemalige australische Minister für Umwelt, Kulturerbe und Kunst zweimal einen Zettel hervorkramt, um uns auf Deutsch über weltpolitische Dinge zu informieren. ‘To sin by silence when we should protest makes cowards out of men’ steht auf seinem T-Shirt. Es sind die ersten Zeilen von Ella Wheeler Wilcox Prosa Protest! Protest! aus dem Jahr 1908. Leider immer noch aktuell.

Die Setlist reicht vom 1981er Album Place Without a Postcard (“Brave faces”) und  dem 1984er Red Sails in the Sunset (“When the general talks”) über die Diesel and dust und Blue sky mining Sachen bis hin zu “My Country” (von Earth and Sun and Moon) und “Luritja way” vom 2002er und bisher letzten Midnight Oil Album Capricorna. Aus allen Phasen war also was dabei. Das ist wenig überraschend für mich, ich studierte die Setlisten der anderen Circle World Tour Konzerte bereits im Vorfeld etwas genauer und war daher informiert.
Besonders wichtig war mir der letzte Songblock. Schnell war klar, dass das Krachertripple „The dead heart“, „Beds are burning“ und „Blue sky mine” einen grandiosen Abschluss des Konzertes bilden würden. Seit meinen Recherchen über die Setlisten der Überseekonzerte hatte ich mich auf diesen Moment gefreut. Wow, wie wird das durch die Decke gehen! Leider kam „Beds are burning“ etwas schwach auf der Brust rüber. Das mag aber auch daran liegen, dass ich nach knapp 100 Minuten schon matschig in der Birne war und doch ein bisschen frische Luft benötigte. Definitiv und vollständig durch die Decke gingen „King of the mountain“ und „Dreamworld“ ganz zum Schluss.
Ich sah ein gutes Rockkonzert, das sehr viel Dampf hatte. Nur einmal kam ein bisschen Ruhe auf die Bühne. Es war der Zeitpunkt zur Hälfte des Konzertes, als der Schlagzeuger sein Podest verlässt und die am Bühnenrand bereitgestellte Trommel bespielte. Was folgte war quasi der ‘Akustik-Part‘ im Programm. ‘Akustik-Part‘ in Anführungsstrichen, weil es natürlich nicht schmusig akustisch zuging, sondern weil das Schlagzeug nicht so laut donnerte und die Bass und E-Gitarre durch eine akustische Gitarre und einen akustischen Bass ausgetauscht wurden. „Luritja way“, „Kosciusko“, „Arctic World“ und „Warakurna“, vier Songs lang drosselten Midnight Oil ihr Tempo.

Zwischendurch ging der Dank der Band immer wieder ans Publikum. Endlich sei man wieder in Europa, und nach über 20 Jahren auch wieder in Deutschland. Da freue man sich sehr, dass die Shows einen so großen Zuspruch erfahren. ‘Pfff‘, möchte ich denken, was glaubt ihr denn?! Natürlich haben viele lange auf diesen Augenblick gewartet. Schaut euch nur im Publikum um. Leuchtende Augen und glückliche Gesichter überall. Ihr seid für viele schon noch wichtig und bedeutsam!

Setlist:
01: Redneck wonderland
02: Brave faces
03: Sometimes
04: Say your prayers
05: Forgotten years
06: Put down that weapon
07: Shakers and movers
08: Golden age
09: Truganini
10: Sell my soul
11: Only the strong
12: My country
13: When the Generals talk
14: Luritja way
15: Kosciusko
16: Arctic world
17: Warakurna
18: The dead heart
19: Beds are burning
20: Blue sky mine
Zugabe:
21: River runs red
22: Now or never land
23: King of the mountain
Zugabe 2:
24: Dreamworld

Fotos:

Kontextkonzert:

Multimedia:

frank

Hallo, ich heiße Frank und blogge unter pretty-paracetamol seit 2006. Ich schreibe hier über meine Konzertbeobachtungen und über Musik, die mich umtreibt. Vieles davon kommt aus dem sogenannten Indiebereich, manchmal aber auch darüber hinaus.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Es war Mega 😍😍😍
    Treffend beschrieben👍👍👍

    1. Danke schön Markus!
      Ja, das war es. Ein würdiges Wiedersehen nach vielen Jahren.

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