Ort: Gloria, Köln
Vorband: Caroline Keating

Marianne Dissard

Marianne Dissard, a French chanteuse in Tucson, Arizona, USA.
So steht es auf ihrer Facebook Seite.
Ich habe die junge Frau schon einmal live gesehen, vor einigen Jahren im Stadtgarten im Rahmen einer Le Pop Veranstaltung, und merke jedoch, dass ich sie in den letzten Tagen mit Françoiz Breut verwechsele. Ich hatte dieses Bild im Kopf, und als ich jetzt zur abendlichen Vorbereitung kurz über ihre Facebook- und Heimseite klicke, erkenne ich meinen Irrtum.
Mein geistiges Bild war Françoiz Breut fixiert. Marianne Dissard, die seinerzeit im Vorprogramm auftrat, war ja die mit den Cowboystiefeln und der Zusammenarbeit mit Calexico und Giant Sand. Mit ersteren sang sie diverse Songs zusammen, über letztere drehte sie den Dokumentarfilm „Drunken Bees“.
Desert Chanson nannte die Fachpresse den Stil ihres Debütalbum „L’Entredeux“. Das ist gute zwei Jahre her und ehrlich gesagt, kann ich mich nicht mehr genau daran erinnern, ob diese Bezeichnung die Dinge auf den Punkt bringt oder nicht.
Dieser Tage, genau am 25.02., erscheint über Le Pop mit L’Abandon ihr zweites reguläres Album. „Paris one takes“, das im letzten Jahr erschien, ist ein Livealbum, ein in-between Album, wie es Marianne Dissard selbst bezeichnet.
Neben Marianne Dissard sehe ich im Gloria eine weitere Sängerin. Caroline Keating bestreitet das Vorprogramm, und das macht den Abend noch charmanter und reizvoller.
Caroline Keating wurde mir wärmstens empfohlen. Die junge Kanadierin aus Montréal ist nicht das erste Mal in Deutschland und hinterließ vor einigen Jahren eine Spur der Begeisterung.
Es gibt also genug Gründe, an diesem Abend das Gloria aufzusuchen.
Dachte ich, aber mit dieser Denke war ich einer von wenigen. Von ganz wenigen.

Keine 100 Leute versammelten sich im Gloria. Und wer das Gloria kennt weiß, wie leer es dann dort aussieht.
100 Personen sind dennoch ein Zahlenansatz, mit dem ich für diese Veranstaltung geplant hätte. Da das Einzugsgebiet Ruhrgebiet bereits mit einem Essener Konzert unter der Woche versehen wurde, war die Wahl für das Gloria sehr optimistisch angedacht.
Klar, die Le Pop Fangemeinde in Köln ist wahrscheinlich größer als anderswo in Deutschland, aber Marianne Dissard gehört nicht gerade zu ihren typischen Vertretern wie Françoiz Breut oder Dominique A.. Selbst zu Coralie Clement, deren Musik mainstreamiger ist, kommen kaum mehr als 200 Zuhörer.
Der Rahmen war also eher trostlos als hoffnungsvoll, als Caroline Keating als zweites die Bühne betrat.
Zuvor spielten die Begleitmusiker aus der Marianne Dissard Band Brian Lopez und Gabriel Sullivan einige folkloristische Songs aus dem Süden der USA. Da war ein wenig Mariachi, viel spanisch und in zu wenigen Momenten Desert-Folk angesagt. Ihr Bemühen um Stimmung war vorbildhaft und tatsächlich gelang es den beiden, ein wenig von der zu diesem Zeitpunkt noch größeren Saalleere zu verspielen.

„Ach, die ist ja toll!“ gemeint war Caroline Keating, gesagt hat das ein Jay-K nicht unähnlich aussehender junger Mann in Hörweite. Bis zu diesem Zeitpunkt, es waren ungefähr Song drei des Sets gespielt, hatte er sich eher intensiv mit seinem Kumpel unterhalten als der Musik gelauscht. Aber ab Lied vier wurde auch er für drei Songs von der anmutigen Caroline Keating verzaubert.
Eine beispielhafte Szene, die zeigt, wie groß die Songs der Kanadierin sind. Sie und Sebastian Chao, der sie zwischenzeitlich auf der Violine begleitete, schafften es, die Aufmerksamkeit aller auf sich zu ziehen und trotz Wartehallenatmosphäre eine wohlige Nähe aufzubauen, die – wenn ich die Reaktionen nach ihrem Set richtig deute – alle begeistert hat.
An Köln habe sie gute Erinnerungen, erzählte Caroline. Sie habe hier vor einigen Jahren in einem Wohnzimmer gespielt, was eigentlich gar kein Wohnzimmer sei. Es sei eines ihrer schönsten Konzerte gewesen und sie hätte ganz vielen Leuten von diesem tollen Abend erzählt.
Und so saß sie da an ihrem Keyboard, spielte Songs ihres Debütalbums (das man vor Ort kaufen konnte) und erinnerte mit ihrer Stimme an Kate Nash und mit ihren Songs an Regina Spector. Das liest sich einfältig und wenig originell, aber die Wirklichkeit sieht natürlich anders aus. Songs wie „Lusty dusty“ oder das wunderbare „Ghost“ sind alles andere als billige Plagiate. Und ein Song wie „Montreal“ ist unschlagbar.
Ohne große Hektik und Gezimper gibt sich Caroline Keating, macht Witze über ihren Begleiter, wenn er seine Violine nicht direkt anstöpseln kann und stellt ihr Weinglas mit der begründung auf das Keyboard, dass es besser zur Atmosphäre passen würde und irgendwie professioneller nach ernsthaftem Singersongwritertum aussehe. (Direkt nach diesen Worten nimmt es Sebastian Chao in die Hand, stellt es auf den Boden und beide lachen).
Ach ja, es ist tatsächlich so: Kanada hat nicht nur die traurigste Stadt der Welt, sondern auch die sympathischsten Musiker.

„Oh nein“, der Schreck klang förmlich mit, als nach einer kurzen Abbaupause Brian Lopez und Gabriel Sullivan erneut die Bühne erklommen.
Die junge Frau wusste scheinbar nicht, dass die beiden zur Band von Marianne Dissard gehören und nicht zu einem erneuten Soloset auf die Bühne kamen.
Marianne Dissard trug einen roten, flamencoähnlichen Rock und eine gleichfarbige Blume im Haar. Ihr Outfit schrie nach Spanien (oder Karneval) und ich war mir kurzzeitig nicht mehr ganz so sicher, ob es eine gute Idee ist, den weiteren Abend im Gloria zu verbringen.
Sind die Songs ihres neuen Albums etwa stärker spanisch-mexikanisch angehaucht als vermutet? Ist Tucson so mexikanisch wie es uns Brian Lopez und Gabriel Sullivan 90 Minuten zuvor gezeigt haben?
Tucson ist Dissards Motto. Nicht nur, dass die Französin seit über 15 Jahren in Arizona lebt, nein, sie zeigt es auch allen: in großen weißen Buchstaben steht es auf ihrem schwarzen T-Shirt.
Ihre Homepage tituliert sie als „Tucson chanteuse“ und sehr schnell ist klar, dass hier zwar jemand auf Französisch singt, das Ganze aber ansonsten wenig zu tun hat mit dem übrigen, aktuellen Neochanson.
Marianne Dissard verbindet Americana-Folk, mexikanische Klänge mit der Nouvelle Scène Française und schafft so eine interessante Mischung zweier Welten. Mal trifft die Sinti-Gitarre auf die bei französischen Popmusikern so beliebte Violine, mal hört man einen Calexicosong in französischer Sprache. All das ist zeitweise nicht ganz unanstrengend, aber lustig. Das Set wird durch die unterschiedlichen Stileinflüsse abwechslungsreich und gar nicht fürchterlich.
Zwischen den Songs sucht die Sängerin immer wieder das Publikum (könnte man zwar wörtlich nehmen, ist aber so nicht gemeint). Leider verstehe ich von ihren Ansagen und Fragen kein einziges Wort, die Basisabstimmung zu Beginn hatte ergeben, dass die heutige Konzertsprache das Französische sein soll. Und das verstehe und spreche ich überhaupt nicht. Schade, denn ich glaube, es gab einige unterhaltsame Anmerkungen.
Schade auch, dass ich den Eindruck nicht los wurde, dass die Band den spärlichen Zuschauerzuspruch nicht komplett wegstecken kann. Ich glaube, Enttäuschung in den Gesichtern zu erkennen. Was ich absolut nachvollziehen kann. Da reist man um die halbe Welt und dann will einen kaum einer sehen.
Die fünf nehmen es sportlich, kämpfen. Ab und an schafft es die Tusconbande (neben Marianne Dissard noch Brian Lopez, Gabriel Sullivan Olivier Samouillan und Sergio Mendoza die Stimmung ansteigen zu lassen. Dies sind allerdings nur kurze Momente, die rasch wieder verpuffen. Den Abend über bleibt es irgendwie eine betrübte Veranstaltung.
Am Ende des Tages lese ich folgende Notizen in Mariannes Dissards Tourblog:

02/10/11 -Köln, Germany
Gloria! What a fun show! How happy to see my friends here… Uwe, Rolf, Oliver and his new crew at Le Pop Musik! Old friends, people who have seen me play one, two, four or five times.

Sehr schön, die Musiker hatten allen Spaß. Das freut mich. Ich war mit dem Abend nicht so ganz glücklich.

Multimedia:
Fotos: frank@flickr

Kontextkonzerte:
Mathieu Boogaerts – Köln, 06.11.2010
Benjamin Biolay – Esch-Alzette, 22.05.2010
Coralie Clement – Köln, 24.04.2009
Marianne Dissard, Francoiz Breut – Köln, 15.03.2009

frank

Hallo, ich heiße Frank und blogge unter pretty-paracetamol seit 2006. Ich schreibe hier über meine Konzertbeobachtungen und über Musik, die mich umtreibt. Vieles davon kommt aus dem sogenannten Indiebereich, manchmal aber auch darüber hinaus.

Dieser Beitrag hat 5 Kommentare

  1. Nach deinen wie immer kurzweilig erzählten Konzertimpressionen habe ich große Lust die mir unbekannte Caroline Keating zu hören und recht wenig Interesse an der mir nur namentlich bekannten Marianne Dissard. Französischer Gesang und Americana, das weckt eher Abneigung denn Neugier…

  2. Marianne Dissard lohnt sich aber trotzdem. Auch wenn ihr altes Album besser ist als ihr Neues, was vor allem daran liegt, dass es geschlossener ist.

    1. Da geb ich dir vollkommen recht. Das erste Album gefällt mir auch besser und da lohnt Marianne Dissard sehr!

  3. Obwohl mich ja Fugu und The One And Only von den Socken haut… Fugu textlich, The One And Only musikalisch.

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