| Ein Blog über Musik und Konzertbesuche |

Ort: Gloria, Köln
Vorband:

-M-

„Ohne Quatsch, als der linke Tuppes einsetzte, hatten sie mich. Nach, äh, 30 Sekunden?!“ Genau, ein würdiges Abschlußstatement um kurz nach Mitternacht. Ich könnte ergänzen „und sie ließen uns die nächsten zweieinhalb Stunden nicht mehr los.“
Was wir an diesem Abend im Gloria zu sehen bekamen, lässt sich nur schwer in Worte fassen. Reizüberflutung war es nicht, es war eher wie ein großer lustiger Kinderkarten, bei dem in jeder Sekunde etwas anderes passieren musste. Pinke Akustikgitarre, eine strahlende Dreiecksbrille, ein tanzender Spinnenmann, eine Wahnsinns-„Mojo“ Choreographie, tanzendes Publikum und singende Kinder auf der Bühne, Voodoo Schlagzeuger sowie ein auf der Theke des Gloria und im Publikum stehend Gitarre spielender –M-. Hab ich was vergessen? Bestimmt.
Getoppt hat all das aber die Gitarre des Tuppes links. Der Bassist hat sich da was zusammengebastelt, was es so vielleicht kein zweites Mal auf der Welt gibt. Am Gitarrenhals ein kleines Touchdisplay, unten rechts eine 4 mal 4 plus x Tastatur mit denen er sämtliche Beats und Samples aufrief, und oben am Gitarrenrumpf eine kleine Keyboardtastatur. Wie viel Sekundenkleber war für dieses Gitarrenmonster wohl vonnöten?
Ach ja, es war ein Konzert des französischen Musikers –M- a.k.a. Matthieu Chedid, der gestern im Rahmen eines Le Pop Konzertes im Kölner Gloria auftrat. Matthieu Chedid gehört aber nicht zur Garde der „normalen“ Nouvelle Scene Française Musiker. Seine Musik ist zwar durchaus von chansonhaften Klängen und Anleihen durchsetzt, aber sie ist viel experimenteller und gitarrenlastig-rockiger als die der anderen mir bekannten Franzosen wie B.B., Dominique A. oder wie sie alle heißen.
-M- bedient sich tief in der 70 er und 80er Jahre Gitarrenkiste, man hört und erkennt viel Queen, AcDc, zzTop und Jimi Hendrix. Live lebt er seine Gitarrenparts aufs größte aus und mimt en Hendrix. Wir vermuten, mit einer gehörigen Portion Selbstironie.

Noch eine Abenderkenntnis: „Er macht ja all das, was ich musikalisch überhaupt nicht mag.“
Stimmt auch. Aber wie er es macht! Mehrmals schauten wir uns während des Konzertes ungläubig an. Hat er das jetzt getan? War das jetzt ein Michale Jackson Part? Es war so unterhaltsam, dass es gar nicht auffiel, wenn „Another one bites the dust“ oder „I will survive“ derbe intelligent verwurschtelt wurden.
Seine Songs sind jedoch von allem etwas: Rock, Electro, Pop, Soul, Weltmusik und französischem Chanson. Was anfängt wie ein Schlager, kann durchaus in Jimi Hendrix Gitarren enden. „Je dis aime“, ein Wahnsinnssong, beginnt wie ein typisch französischer Schlager, im Gloria endete er mit einem –M- auf der Theke stehend und gestenreich Gitarre spielend. „Ocean“ steigert sich ebenso von der Harmlosigkeit einer wdr2 Melodie in ein 80er Jahre Fiesheitenpanoptikum. Live werden die aber so listig umgesetzt, dass es uns schon wieder großen Spaß machte, zuzuhören. Queen hin oder her.
Einzig die fünf in der ersten Zugabe gespielten Akustiksachen wurden konsequent ohne Glamour fabriziert. (Obwohl, die pinkfarbene Akustikgitarre des Gitarristen war sehr glamourös).
2012 erschien –M-‚s sechstes Album Il. Bis auf den Kastagnettensong „Baïa“ (ganz schlimm) enthält es nur Hits. Das war mein erster Höreindruck am Samstag, als sich Gerüchte über den Besuch dieses Konzertes verdichteten. „Mojo“ ist auch auf Îl. Den Song, und das fiel mir erst gestern Abend ein und auf, hätte ich aus einer Fernsehwerbung kennen können. Ich weiß nicht aus welcher, aber als sichere Bank vermuteten wir eine Renault Autowerbung. French as french can. „Baïa“ war auch im Gloria das schlimmste Stück des Abends. Es war der vorletzte Song, danach kam in einer Dancefassung unter Vollplayback zum zweiten Mal „Mojo“. Hihi, ein sehr lustiges Ende, eine wunderschöne Persiflage. Alle drei Musiker, Spiderman und ein weiterer Bandhelfer standen am Bühnenrand und machten „Saturday night fever“ -eske Tanzbewegungen.
Zum ersten Mal hörten wir „Mojo“ zum Ende des ersten Konzertparts. Nach knappen zwei Handvoll Songs (das Konzert begann mit „Elle“) wurde auf dem Bühnenlaufsteg in er Mitte ein Keyboard aufgebaut, an dem –M- fünf Songs ohne Bandbegleitung spielte. Da klang es zum ersten Mal nach Chanson und nach Le Pop. Anschliessend folgte Kindergeburtstag Teil 2. Mit einer strahlenden Dreiecksbrille betrat –M- die völlig dunkle Bühne. „Gimmick“, gibt es einen passenderen Titel hierfür. Dass ich in diesem Song Prince raushöre, wundert mich nicht wirklich. Da wundert es mich schon eher, dass mich das nicht störte. Prince mag ich nämlich nicht.
Zu jeder Zeit merkte man allen Songs an, dass sie von einem Musiker geschrieben wurden, der auch Filmmusik macht. Einige Stücke haben diese spezielle Dramatik, andere ironisieren ohne zu übertreiben. Aber, und das ist wichtig: zu keiner Zeit wirkte das Konzert peinlich oder übertrieben lustig. Ähnlich wie bei einem Flaming Lips Konzert stimmte die Balance zwischen Spaß und Musik.
Nach zweieinhalb Stunden ohne eine einzige Länge geht der Abend zu Ende. Alle Schmerzen des Tages scheinen fast vergessen, nicht nur wir sind immer noch tief beeindruckt von –M-, als wir draußen vor dem Gloria stehen und den Abend Revue passieren lassen. Wie groß ist er eigentlich in Frankreich? Allem Anschein nach groß genug, um sehr viele französisch sprechende Menschen ins Gloria zu locken. Das war auch gut, denn direkt ab „Elle“ zeigten sie sich textsicher und machten das Konzert zu einem stimmungsvollen Spektakel.
Matthieu Chedid nahm das natürlich war und entschied sich vom ersten Song an wie selbstverständlich für französisch als Bühnen- und Publikumsansprache. Ein kleiner Wermuttropfen also doch: ich verstand kein Wort seiner Geschichten.

PS: Das mit der Filmmusikgeschichte hört man nicht nur bei –M-, auch Benjamin Biolay, Yann Tiersen haben das in ihrer Songschreibe.

Setlist:
1. Elle
2. Le Film
3. Le Baptême
4. Onde sensuelle
5. L’Île Intense
6. Océan
7. À tes souhaits
8. Nostalgic du cool
9. Mojo
10. Ma mélodie
11. Qui de nous deux
12. La bonne étoile
13. La Seine
14. La vie tue

15. Gimmick
16. Le complexe du corn flakes
17. Ma grosse bombe
18. Oualé
19. Laisse aller
20. Je dis Aime
21. Amssétou
22. Mama Sam
23. Machistador
Zugabe:
24. Le Radeau
25. Le roi des ombres
26. La Maison de Saraï
27. En tête à tête
28. Faites-moi souffrir
Zugabe II
29. Baia
30. Mojo

Multimedia:
flickr

frank

"I can't go away with you on a rock climbing weekend - What if somethings on tv and its never shown again - Its just as well I'm not invited I'm afraid of heights - I lied about being the outdoor type."