Loyle Carner – Köln, 02.03.2017


Ort: Club Bahnhof Ehrenfeld, Köln
Vorband:

In England füllt er sechsmal so große Hallen, sehe ich auf YouTube. Ich rede von Loyle Carner und klicke mich durch ein paar seiner Livevideos. Vor ein paar Minuten hatte ich mich dazu entschlossen, sein Konzert im Club Bahnhof Ehrenfeld morgen zu besuchen. Die Stimmung in den Livevideos ist gut, es wird viel mitgerappt.
Loyle Carner ist der Mann der Stunde im britischen Hiphop. Die Lobeshymnen sind riesengross, die Kritiken überschwenglich. Vorgestern stolperte ich zufällig über den Namen Loyle Carner, gestern dann noch einmal etwas stärker, so dass ich mich entschied, mir sein Konzert anzuschauen. Manchmal steh‘ ich auf Hiphop.

Loyle Carner ist ein Jungspund, stammt aus London und macht Hiphop. Sein Hiphop orientiert sich aber nicht an dem seiner britischen Kollegen Ghostpoet oder Mike Skinner, die mit ihrer Musik eine britische Ebene in dieses ureigene US-amerikanische Genre einfügen und so wunderbar traurig schöne Songs schreiben. Loyle Carners Hiphop ist grooviger, hat mehr Jazz und R’n’B und klingt eingängiger. Starbucks-Hiphop. Und so wie die Kaffeehauskette ihren Ursprung in den USA hat, orientieren sich seine Flows (so sagt man doch, oder) an denen des amerikanischen Hiphop der 1990er Jahre, an Guru, De la Soul oder A Tribe called Quest. So höre ich das zumindest heraus. Aber ich kenne Hiphop nur in Grundzügen, daher können meine Spontanassoziationen völlig falsch sein. Doch wenn wie bei „Ain’t nothing change“ das Saxophon einsetzt oder in dem ein oder anderen Song eine knisternde Schallplatte gesampelt wird, denke ich unwillkürlich und spontan an Guru’s Jazzmatazz. Groovy, groovy, jazzy funky. Oh ja, ich war sehr angetan von seinem ersten Album Yesterday’s gone, das ich gestern komplett durchhörte, von den sehr schön anzuschauenden Videos und überhaupt.
Das Album klingt verdammt entspannt und ruhig. Und genau das meine ich mit dem Begriff Starbucks-Hiphop. Er ist nicht ketzerisch gedacht oder negativ assoziiert. Ich mag Starbucks, das Konzept, die Kuchen, den überteuerten Kaffee. Früher, also Anfang der 2000er Jahre habe ich oft dort rumgesessen und gelesen. Und Loyle Carner rappt auf seinem Album so zahm und zurückhaltend, dass man dazu besser rumsitzen als rumhüpfen kann. Und wegen meiner auch Kaffee trinken und Zeitung lesen. Oh ja, das kann man dazu sehr gut.

Über die Texte hinter der Musik vermag ich nichts zu sagen; ich habe beim durchhören der Platte nicht so genau hingehört. In Albumreviews lese ich, dass er viel über seine Familie und seine Kindheit und Teenagerzeit erzählt. Ob die jedoch gut oder schlecht war, ich weiß es nicht. Ich konzentrierte mich auf die Musik, und die gefiel und gefällt mir.

Über den Tag hat sich der Club Bahnhof Ehrenfeld ausverkauft. Seine Berlin Show tags zuvor war das schon länger, wie ich beim Ticketkauf bemerkte.
Der CBE ist voll, die Luft roch nach einer Mischung aus Bier und Trockeneisnebel. Im Saal erklingen die letzten Töne des Vorprogramms, bevor eine Handvoll szenetypischer Sounds vom Plattenteller gespielt werden. Das Set ist Teil der Show, es schließt sich nahtlos an das Vorprogramm an und überbrückt die Zeit. Umbaupause kann ich diesen Zeitraum nicht nennen, denn es wird nichts umgebaut oder aufgebaut. Wo keine Band, da müssen auch keine Instrumente hergerichtet, gecheckt und justiert werden.
Die Bühnendeko steht bereits, und sie sieht heimelig aus. Rechts unter dem erhöhten DJ Pult stehen zwei halbhohe, nußfarbene Billy Regale – gefüllt mit Platten und Büchern -, links ein roter Lederohrensessel. Dazwischen aufgestellt sind ein paar Schirmlampen, die sanftes Licht streuen. Im Hintergrund ist in Schwarzweiß ein Familienbild auf die Bühnenleinwand projiziert. Nicht protzig groß, aber die Loyle Carner Familie ist gut zu erkennen.
Loyle Carner betritt diese Szenerie und es kommt mir so vor, als gehöre er in seinem weißen T-Shirt wie selbstverständlich hier hinein. Das Konzept der Show geht somit wunderbar auf. Das diffuse Licht der Schirmlampen, der spärliche Einsatz der Bühnenscheinwerfer sorgen für eine heimelige, warme Atmosphäre. Der Ohrensessel lädt zum Verweilen ein, genutzt wird er jedoch nur am Ende des Konzertes, als ein kurzer Film mit Loyle Carners Mutter über den Bühnenhintergrund flimmert. „Sun of Jean“ wird in diese Sequenz hineingesampelt.
Dabei ist auch das gesamte Konzert zum im-Ohrensessel lümmeln. Es ist ein Hiphop Konzert ohne lautstarke hey’s und ho’s und mit wenig Armeinsatz. Aggressive Beats gibt es nicht, Harmonie ist Trumpf. Es ist ein Konzert mit vielen sanften, kopfnickenden Tönen und weichen R’n’B -esken Beats. Die familiäre Wohnzimmeratmosphäre des Albums wird live stilvoll übernommen.

Noch ein Cover von A Tribe Called Quest, was perfekt passt, dann schließt der Abend lautstark mit den beiden Hits „NO CD“ und „Ain’t nothing change“. Es ist das erste Mal, dass lautstärkere Stimmung während der Songs aufkommt. Der massive Applaus verteilte sich bis dahin nur auf die Songpausen, in denen regelmäßig unglaublicher Jubel über Loyle Carner und Rebel Kleff (der Mann am DJ Pult) hereinbrach. Nicht nur in den Livevideos, auch im CBE war die Stimmung euphorisch.

Nach einer guten Stunde ist das Konzert zu Ende. Es war ein schönes Konzert. Gemütlich schlendere ich aus dem CBE in Richtung Bahnhof. Es ist noch früh, ein ein-Alben Konzert dauert ja nicht allzu lange.

Kontextkonzert:

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