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Ort: C-Mine, Genk
Bands: Mick Flannery, This is the kit, Mercury Rev

C-Mine. In großen Lettern empfängt mich der Kreisverkehr kurz nach der Autobahnabfahrt. C-Mine, so heißt das Kulturzentrum in Genk, das sich in dem alten Steinkohlebergwerk am Stadtrand der belgischen Industriestadt eingenistet hat. Das Steinkohlebergwerk im limburgischen Abbaugebiet ist eines der ältesten des Landes. Oder besser gesagt, war eines der ältesten des Landes, denn Ende der 1980er Jahre wurde es geschlossen. Seit diesem Jahrtausend ist dort die sogenannte C-Mine ansässig, ein kreativer Ort mit Veranstaltungssälen, Kongresszentrum, Kino und einer Hochschule. Bis vor kurzem hatte ich noch nie etwas über diesen Ort C-Mine gehört, Genk kannte ich auch nur vom Fußball und der Euroleague. Dabei ist die belgische Stadt nur einen größeren Steinwurf entfernt. Eine Schande, dort noch nie zuvor gewesen zu sein.

Auch das Little Waves Festival war mir bis vor kurzem kein Begriff. Aber Dank des Internet und der sozialen Netzwerke änderte sich das. Immer auf der Suche nach neuen Konzertsälen und besonderen Orten stolperte ich über das Little Waves Festival. So weit, so gut. Das Festival bestach auf dem ersten Blick nicht durch Auffälligkeiten, This is the kit, Mercury Rev, Holly Miranda waren Namen, die ganz oben im Lineup standen. Aufgestockt wurde die Eintagesveranstaltung durch mehrere belgische Bands und relativ unbekannte Künstler wie den Iren Mick Flannery oder die US Folker Blitzen Trapper. Immer noch: so weit, so gut.

Samstage sind Selbstmord; müssen sie aber nicht sein. Denn neben Verwandtenbesuche kann man auch Festivals besuchen. Erst Recht, wenn man a) auf eine Besonderheit im Festival aufmerksam gemacht wird und b) man ein Ticket für schlappe 15 Euro abstauben kann. Die Besonderheit des diesjährigen Little Waves war der Auftritt von Mercury Rev. Angekündigt war, dass die Band nicht nur ihr Hit Album Deserter’s Songs spielen würde, sondern wie sie es spielen würde: nämlich semiakustisch.

Celebrating Deserter’s Songs 20th Anniversary, Special One Time Only Intimate Acoustic Performances

Oder wie es die Little Waves Webseite formulierte:

Mercury Rev viert de twintigste verjaardag van hun album ‚Deserter’s Songs’met een wel zéér speciaal akoestisch en intiem concert tijdens Little Waves. In trio bezetting brengen Jonathan, Grasshopper en Jesse de fabuleuze songs uit hun doorbraakalbum, met ultieme hit ‚Goddes On A Highway‘.

Aha, „Holes“ also ohne Bombast und Pathos. Das las sich interessant.

Und da ich wie gesagt noch nie in Genk oder in der C-Mine war, Anlass genug, den Samstag sinnvoll zu nutzen und einen kleinen Ausflug zu starten. Neben Mercury Rev sollten This is the kit und Holly Miranda mein kleines, aber feines Besuchsprogramm gestalten. Dass sich dann der Auftritt von Holly Miranda und Mercury Rev zeitlich überschnitten, war zwar ärgerlich, aber nicht sonderlich dramatisch. Dann bleibt es eben bei einer der beiden Bands, oder ich switche zwischendurch den Konzertsaal.

Nach einem Willkommenskaffee eröffnete jedoch erstmal der irische Singersongwriter Mick Flannery den Abend. Er spielte, wie später auch This is the kit und Mercury Rev im Theatersaal der C-Mine, einem mittelgroßen, bestuhlten Saal mit wunderbarer Akustik. Die anderen Konzerte des Little Waves fanden im Forum, in einem weiteren Konzertsaal und in der ehemaligen Turbinenhalle statt. Das klingt jetzt wuchtig, war in Wirklichkeit aber enorm überschaubar und nahezu familiär.

Mick Flannery ist einer dieser typischen Singersongwriter. Natürlich lebt der Ire jetzt in Berlin, natürlich trägt er einen gepflegten Bart. Musikalisch bleibt leider nicht allzu viel hängen, zu willkürlich klangen für mich seine Songs über die Liebe und das Leben.

This is the kit setzten ein erstes Ausrufezeichen. Wow, im Bandgewand klangen die Songs der englischen Band um Kate Stables und Rozi Plain um einiges schmissiger als noch Wochen zuvor mit dem stargaze Ensemble. Das Banjo kam seltener zum Einsatz, die E-Gitarren dagegen häufiger. Sowas gefällt mir natürlich und während ihres einstündigen Konzertes fragte ich mich das ein ums andere Mal, warum ich die Band nicht schon viel eher auf dem Schirm hatte. Aber das lässt sich ja ändern, vielleicht kaufe ich mir ihr aktuelles Album Moonshine Freeze in Kürze.

Als ich Mercury Rev das letzte Mal gesehen habe, bin ich fast eingeschlafen. Es war vor Jahren beim Primavera Sound Festival im Auditori, dem gut bestuhlten und angenehm klimatisierten Konzertsaal am Rand des Parc del Forums. Mercury Rev spielten damals zum 20. Geburtstag von Deserter’s Songs das Album, mit all dem Schmalz und Bombast und Queen-esken Anleihen, die man von der Platte her kennt. Das empfand ich als ermüdend und, gelinde gesagt, langweilig.
In Genk brauchte die Band, die sich nur noch aus den alten Kempen Sean „Grasshopper“ Mackowiak und Sänger Jonathan Donahue zusammensetzt, nur ein Klavier und Flöte (gespielt vom Midlake Mann Jesse Chandler), sowie zwei Gitarren. In spärlicher Instrumentalisierung lautete ja das Konzept. Die Songs wurden die nur von der Gitarre und dem Klavier getragen, es bildetet sich so ein schöner, ruhiger Sound, der dadurch allerdings sehr wenig mit den Songs der Platte gemein hat.

Mir machte das viel Spaß, auch weil Jonathan Donahue zu nahezu jedem Song eine kleine Geschichte parat hatte. Mit Glitzer im Barthaar und Kajal unter den Augen entführte uns der Sänger in die Welt von Mercury Rev zur Zeit der Aufnahmen zu Deserter’s Songs. Wie ist der Song entstanden, was passierte zu dieser Zeit mit der Band Mercury Rev. Ich erfuhr viele Dinge, die ich nicht wusste. Dass Mercury Rev sehr enge Verflechtungen zu den Flaming Lips hatten, zum Beispiel. Und ja, gerade in dieser Konstellation hörte man die Ähnlichkeiten bei dem einen oder anderen Song deutlich heraus. Auf Platte ist mir das nie aufgefallen. Da erinnern mich Mercury Rev eher an psychodelisch irre Queen.

Die drei spielten aber nicht stumpf das Album. Sie pickten sich vielmehr einzelne Albumsongs heraus und reicherten sie mit feinen Coverversionen an. „Love yer barin“ von den Flaming Lips passte inhaltlich gut, „Sea of teeth“ von Sparklehorse musikalisch. Dafür vezichteten sie auf „The happy end“, „I collect coins“und „Pick up if you are there“. Es war ein spannendes und unterhaltsames Konzert, das ich mit jeder Minute intensive wahrnahm. Wie schön doch die Stimme von Jonathan Donahue krächzt, wie fröhlich doch dieser Mensch zu sein scheint, der nach jedem Song seine Mitmusiker angrinst wie ein Honigkuchenpferd. Oh ja, dieser Auftritt hatte Charme, war musikalisch top und definitiv die Fahrt nach Genk wert. An ein switchen des Saals, um kurz bei Holly Miranda vorbeizuschauen war ganz und gar nicht zu denken! Dafür war das Konzert von Mercury Rev zu schön.

Tonite it’s a little different because we’re doing tonite we really haven’t done before. We did it once, a few years back when we played in Gent and we got the idea to do this we are doing tonite.
It’s very sparse and very minimal. And in a way it is a chance to tell the story of Deserter’s Songs when it came out and it is a chance for us tonite to play some of the songs the way that they were written. We didn’t have a giant orchestra upstairs in my house, we had to play very quiet, because we didn’t wanna wake the people below. All the songs are actually written very quiet, acoustic guitar and a lot of clarinettes and tonite we portrait the songs in the original spirit.

(Jonathan Donahue)

Setlist Mercury Rev:
01: The funny bird
02: Tonite it shows
03: Peaceful night
04: Hudson Line
05: Love yer brain
06: Strange boat
07: Chasing a bee
08: Endlessly
09: Baby Britain
10: Delta sun bottleneck stomp
11: Sea of teeth
12: Holes
13: Opus 40
14: When you wish upon a star
15: The dark is rising
Zugabe:
16: Goddess on a Hiway

Kontextkonzerte:
Mercury Rev – Primavera Sound Barcelona, 28.05.2011

Multimedia:

Fotos:

frank

"I can't go away with you on a rock climbing weekend - What if somethings on tv and its never shown again - Its just as well I'm not invited I'm afraid of heights - I lied about being the outdoor type."